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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Würdigung der Insektenkunde.

»In jedem andern Buche, welches über die Insekten handelt, mag es nun eine allgemeine Naturgeschichte derselben umfassen, oder irgend welche Abtheilung vollständig und ausführlich kennen lehren, würde die Erklärung der einzelnen Körpertheile in ihren verschiedenen Formen und die Ausdrücke für dieselben mit allem Rechte an der Spitze stehen, den Wegweiser und Dolmetscher abgeben, welcher den Fremdling führt und ihm eine unbekannte Sprache in die ihm geläufige übersetzt. Eine derartige Einleitung erwarte man hier nicht, da sie dem Zwecke der folgenden »Naturbilder« nicht entsprechen würde, wenn auch durch sie manches im weiteren Verlaufe mit etwas weniger Worten hätte abgethan werden können. Vielmehr sei es vergönnt, hier kurz den Werth der Beschäftigung mit den Insekten (als Wissenschaft Entomologie genannt) hervorzuheben und die Vorurtheile gegen dieselbe zu bekämpfen.

Daß sich die Entomologie bei uns Deutschen wie unter andern gebildeten Völkern, ganz besonders beiden Franzosen, Engländern und Schweden Freunde genug erworben, beweisen die vielen Namen derer, welche sich durch daraus bezügliche Schriften unter den in die Wissenschaft mehr Eingeweihten ein ewiges Denkmal errichtet haben. Wir finden unter ihnen Männer, die am naturwissenschaftlichen Himmel überhaupt als Sterne erster Größe erglänzen, andere, welche sich die Erforschung der Insektenwelt zur Hauptaufgabe gestellt haben, im engern Zusammenhange mit ihrem Lebensberufe, oder, und hauptsächlich, um ihre Freistunden auf angenehme und nützliche Weise auszufüllen. Bei weitem größer ist die Zahl der ungenannten und durch Schriften nicht bekannten Freunde der Insektenkunde und der Sammler von Kerfen. Kaum ein Stand im bürgerlichen Leben ist hiervon ausgeschlossen. Gelehrte jeder Facultät, die exclusive juristische nicht ausgenommen, Lehrer, Kaufleute, Männer des Krieges, Rentiers, Barone und Grafen neben dem schlichten Handwerksmanne sammeln Insekten, ohne darum gerade Ansprüche auf den Namen eines Entomologen zu erheben, und schwerlich möchte es eine nur mittelgroße Stadt in unsern Gauen geben, die nicht wenigstens eine Schmetterlings- oder Käfersammlung aufzuweisen hätte. Nur der Bauernstand hat sich bisher fern davon gehalten, mit welchem Unrechte, werden wir später sehen: aber auch er theilt mit den andern das Anstaunen und die Bewunderung nicht geahnter Farbenpracht und Formenverschiedenheiten, wenn man ihm nur wenige Kästen einer wohlgeordneten Insektensammlung vorführt. Das Interesse für diese Thiere ist also allseitig vorhanden, und daß es eigentlich der menschlichen Natur eingepflanzt, beweisen uns die Kinder, welche alle, ohne Ausnahme, von dem zartesten Alter an, dem Kriechenden und Fliegenden, mit oder ohne den Schmuck bunter Farben, ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. Wir Erziehenden haben es ganz in unsern Händen, in wie weit wir dieses Interesse entwickeln, ob wir es in Rohheit ausarten lassen, oder in Abneigung und alberne Scheu vor diesem und jenem Wesen umwandeln wollen, ob wir das Kind im Schöpfer der kleinen Ameise und der häßlichen Raupe seinen eignen erkennen lassen und ihm dadurch Liebe und Mitleid gegen das geringste Wesen neben sich einpflanzen, oder zugeben wollen, daß es das hilflose Thierchen als Spielzeug betrachte und zu seinem Vergnügen, nach seiner Laune behandle, in der Meinung, es sei nur dafür geschaffen.

Bei alle dem ist die Zahl derer, welche sich verständig mit den Insekten beschäftigen, eine sehr geringe, die der Verächter dieser Wesen bei weitem im Uebergewichte. Woher mag das kommen? Der Gründe sind mancherlei. Zunächst nimmt die Entomologie im menschlichen Wissen nur eine untergeordnete Stelle ein, sie bildet kein sogenanntes Brodstudium. Wer also etwas lernt, um in der Welt fortzukommen, sich seinen Lebensunterhalt mit dem Gelernten erwerben muß und somit das Schicksal der allermeisten Sterblichen theilt, der darf der Entomologie freilich nur in seinen Erholungsstunden huldigen. Somit wäre sie für die meisten Menschen unter die »Liebhabereien« zu verweisen. Für die Beschäftigung mit den Insekten gehen mithin zunächst alle diejenigen verloren, welche überhaupt keine Liebhabereien treiben: eine gewisse Klasse von Leuten, welche für nichts anderes Sinn und Zeit haben, als für die Berufsgeschäfte, und zweitens die sehr große Schaar aller derer, welche hinter dem Spieltische, auf der Bierbank oder bei derartigen Modebeschäftigungen Zerstreuung und Erholung nicht nur suchen, sondern auch finden. Ihnen können wir nur recht baldige Uebersättigung wünschen und eine Schwenkung in das Lager der Liebhabereimenschen, vielleicht daß dann auch das Fähnlein der Entomologie einen kleinen Zuwachs erhielte. Es würde zu weit führen, die einzelnen Liebhabereien nur aufzuzählen, geschweige denn sie nach ihrem inneren und äußern Werthe zu charakterisiren, diese Arbeit muß dem denkenden Leser überlassen bleiben. Wir halten uns nur an die eine, die wir allen andern vorziehen, die Entomologie. Als beliebte Nebenbeschäftigung theilt sie die allgemeinen Nach- und Vortheile mit allen übrigen. Unter jenen weisen wir nur auf zwei Punkte hin, die man allen in der Regel zum Vorwurfe zu machen pflegt: den Zeit- und Geldaufwand. Der für die Entomologie Begeisterte wird mehr Zeit darauf verwenden, als ihm von Rechts wegen übrig bleibt, und mehr Geld hineinstecken, als so vergängliche Waare wie eine Insektensammlung vernünftigerweise werth ist. Beide Klippen wird ein verständiger Mann vorsichtig zu umschiffen wissen, zumal die letztere, den Geldpunkt anlangend, nur in gewissen Fällen vorhanden ist. Keiner Sammlung, sie heiße wie sie wolle, wird mehr Stoff, welchen man sich ohne alle Kosten aus seiner nächsten Umgebung zusammentragen kann, geboten, wie einer Insektensammlung. Käfer befinden sich überall in größter Auswahl, man muß sie nur zu suchen, zu fangen verstehen Und braucht man denn eine Sammlung anzulegen, wenn man Entomologie treiben will? Förderlich wird sie den Bestrebungen allemal sein und das Vergnügen erhöhen, aber nicht unumgänglich nothwendig. Ja das Jagen nach dem Besitze gewisser seltener Thiere, nach Vollständigkeit in einzelnen Formen, mit dem gar häufig große Opferbereitschaft verbunden sein muß, leitet zu einem Abwege, auf welchen gar mancher geräth, der schließlich nur Sammler, aber nichts weniger als Kenner der aufgehäuften Vorräthe ist. Auch die Wissenschaft kann einseitig werden und in eine möglichst natürliche Anordnung der Insekten ihre höchste Aufgabe setzen, das Leben, die Entwicklungsgeschichte der einzelnen darüber vernachlässigend. Es ist nicht zu läugnen und wurde schon oben angedeutet, das Vergnügen, welches man beim Anblicke schöner Schmetterlinge, glänzender Käfer und der sonstigen zierlichen, oft höchst sonderbaren Insektenformen, wes Namens sie auch sein mögen, empfindet, besonders dann, wenn sie sauber präparirt und wohlgeordnet dastecken, ist ein eben so großes wie allgemeines. Dem Freunde der Natur ist es also nicht zu verargen, wenn er seinen Verhältnissen entsprechend dergleichen Schätze zusammenzubringen sucht, sie selbst erbeutet, kennen zu lernen sich bemüht und dann in einer wissenschaftlichen Weise geordnet aufstellt. Wohlverstanden: das Kennenlernen muß die Hauptsache bleiben, nicht das bloße Haben; letzteres ist knabenhaft und bringt, wenn es sich unter Erwachsenen öfter findet, bei verständigen Leuten die Entomologie in Verruf, läßt sie als eitle Spielerei erscheinen, wozu die mancherlei damit verbundenen rein mechanischen, dabei auch wohl zeitraubenden Hantirungen weiteren Vorschub leisten möchten. Also nicht das Anlegen von Sammlungen betrachten wir für den Entomologen aus Liebhaberei als die Hauptsache, sondern das Beobachten, die Erforschung der Entwickelung, des Lebens, der Gewohnheiten der Insekten, und wenn er sie nicht weiter als in seinem Garten, in seinem Zimmer sucht. In dieser Beschäftigung, die freilich nicht ohne Beschwerden und Geduldsproben ist, wird er hohen Genuß, reiche Belehrung finden und in dieser seinen Lohn für jene. Wir kommen daher nochmals auf diesen Gegenstand zurück. Wer nur in diesem Sinne Entomolog ist, braucht auch sein Gewissen nicht zu beschweren und erspart sich die Scrupel, welche dieser und jener sich wohl machen dürfte, wenn er arme, unschuldige Geschöpfe »im Dienste der Wissenschaft« tödten sollte, um sie in der Sammlung zu haben. Ob derselbe Weichherzige wohl auch Gewissensbisse bekommt, wenn er sich durch Morden das mancherlei lästige Geziefer von seiner eigenen Person fernhält? Wir bezweifeln.

Haben wir der Nachtheile gedacht, welche die Entomologie mit allen andern Liebhabereien theilt, so müssen wir wenigstens auch des einen, allgemeinen Vortheils gedenken, den sie wie alle andern gewährt. Wer mit Vorliebe eine Nebenbeschäftigung treibt, wendet ihr seine freie Zeit zu und behält somit keine übrig zu all den unnützen und verderblichen Vergnügungen solcher Leute, welche von keiner Liebhaberei in Anspruch genommen werden; es gilt dies ganz besonders auch von der heranwachsenden Jugend. Die Beschäftigung mit den Insekten ruft hinaus in die herrliche, freie Gottesnatur, läßt nicht nur keine Zeit zum Unfugtreiben, sondern verwendet die ihrige zur Stärkung des Körpers, der Sinneswerkzeuge und kräftigt jenen zum Berufsgeschäfte, welches gewöhnlich der Stube anheimfällt. Unleugbar kein geringer Vortheil!

Bisher war von der Entomologie die Rede in ihrem Verhältnisse zu den meisten Menschen, bei denen sie sich Eingang verschafft hat und als Liebhaberei betrieben wird. Fassen wir sie jetzt als Wissenschaft ins Auge und untersuchen, was sie durch den Gegenstand uns bietet, den sie behandelt. Sollte dieser wirklich eine so untergeordnete Rolle spielen? Ich sage: nein! Die nachfolgenden Bilder geben verschiedene Belege für meine Behauptung. Die Insekten sind zwar ihrer Körpermasse nach kleine, unbedeutende Thiere, wenn gewisse aber, was nicht selten geschieht, massenhaft auftreten, so ändert sich ihr Charakter, sie gewinnen Bedeutung, greifen zum Theil gewaltig ein in den menschlichen Haushalt. Man denke nur daran, daß es Insekten sind, welche uns die Seide liefern, daß wir den Honig und das Wachs Insekten zu verdanken haben, daß das heilsame spanische Fliegenpflaster aus einem Insekt bereitet wird, daß strichweise Mißernten häufig von Insekten herrühren. Der Forstmann kann und darf sie seiner Berufsthätigkeit nach unter gewissen Umständen nicht außer Acht lassen, der Gärtner muß Bekanntschaft mit ihnen anknüpfen, wenn er seine mühevollen Arbeiten theilweise nicht umsonst gethan haben will. Darum handelt der Landmann aber auch gegen seinen Vortheil, wenn er sich nicht mehr um sie kümmert, wenn er die sich ihm so leicht bietenden Gelegenheiten, ihr Thun und Treiben zu studiren, so ungenutzt vorübergehen läßt, so wenig Interesse für die Insektenwelt überhaupt an den Tag legt. Er werde erst mehr rationeller Landwirth und dann wird er auch den Insekten eine regere Theilnahme schenken, ihre oft wunderbare Lebensweise besser beobachten müssen! Einige Beispiele mögen das Gesagte schlagend beweisen: Im Jahre 1788 entstanden Unruhen in England aus Furcht, es möchte die berüchtigte Hessenfliege mit Weizenladungen aus Nordamerika eingeführt werden. Der geheime Rath hielt Tag und Nacht Sitzungen, um zu ermitteln, welche Vorkehrungen man wohl treffen müsse, um einem Uebel vorzubeugen, das mehr zu fürchten sei, als die Pest. Nach allen Richtungen wurden Boten ausgesandt zu den Mauthbeamten und nach den verschiedenen Häfen, um die ankommenden Ladungen zu untersuchen. Depeschen schickte man den Gesandten in Frankreich, Oesterreich, Preußen und Amerika, um Aufklärung von ihnen zu erlangen, deren Mangel man schmerzlich fühlte. Diese Sache wurde für so wichtig gehalten, daß die Rathsverhandlungen nebst den aus allen Gegenden einlaufenden Nachrichten zweihundert Octavblätter anfüllten. Durch den allseitig unterrichteten Naturforscher Jos. Banks gelang es dem Rathe endlich, eine Art von Urtheil über die Sachlage zu erhalten, doch waren die Ermittelungen und Aufschlüsse sehr unvollkommen, und man mußte noch Thatsachen sammeln, die nur aus Amerika zu erlangen waren. Diese wurden so schnell als möglich herbeigeschafft und bestanden aus zahlreichen Briefen von Landwirthen, Auszügen aus Magazinen, Berichten des britischen Ministers daselbst und dergl. Man hätte vermuthen sollen, daß durch diese Darstellungen, meistens von Landwirthen ausgehend, welche ihrer Ernte durch das Insekt verlustig geworden, dasselbe in allen Zuständen beobachtet zu haben vorgaben, der Gegenstand ins Klare gebracht worden wäre. Das war indeß so wenig der Fall, daß sogar viele von den Berichterstattern nicht im Stande waren anzugeben, ob der Kerf eine Motte, Mücke oder Wanze sei. Obwohl aus den Zeugnissen mehrerer hervorging, daß man es hier mit einem zweiflügligen Insekt zu thun habe, so konnte sich kein Naturforscher eine genügende Vorstellung davon machen und noch viel weniger vernünftige Schlüsse auf dessen Fortpflanzung und sonstige Lebensökonomie ziehen. Trotz seines reichen Materials war es dem berühmten Banks also nicht möglich, befriedigende Aufschlüsse zu geben; erst 1818 wurde mehr Licht über die Angelegenheit verbreitet. Wir sehen zugleich aus diesem Beispiele, wie wenig es selbst dem gebildeten Laien möglich ist, bei seinem dermaligen Stande entomologischer Kenntnisse ein zuverlässiges Urtheil über seine in solchen Angelegenheiten gemachten Erfahrungen und Beobachtungen abzugeben. Auch Löw klagt in neuerer Zeit hierüber in seiner Broschüre: »Die neue Kornmade und die Mittel, welche gegen sie anzuwenden sind.«

Züllichau 1859.

Der Landmann würde sich in vielen Fällen Zeit und Mühe sparen, wenn er vertrauter wäre mit den Wesen, welche ihm jene Mühwaltungen auferlegen, falls er nicht will, daß sie ihm über den Kopf wachsen. Würden die Nester der schädlichen Raupen zu rechter Zeit, d. h. bis spätestens Ende Februar nicht nur von den Obstbäumen, sondern auch von den Hecken und Gartenzäunen entfernt, sorgfältig gesammelt und verbrannt oder in eine Grube eingestampft, aber nicht, wie man dies auch sehen kann, nachlässig unter den Bäumen nur zertreten: so gäbe es späterhin keinen merklichen Raupenfraß an ihnen. Suchte man im Spätherbste und Winter die an Wänden und Baumstämmen leicht aufzufindenden Puppen des Kohlweißlings zusammen und vernichtete sie, so blieben im Spätsommer die Kraut- und Kohlstauden der Felder unversehrter und der Bauer hätte weniger umsonst gearbeitet. Zerstörte man an denselben Stellen, wo eben genannte Puppen sitzen, die in schwammige Klümpchen gehüllten Eier des Dickkopfes: so erschienen später die nicht vertilgbaren, borstigen Raupen, gefräßig auf allen möglichen Bäumen und Sträuchern hausend, viel einzelner und gefahrloser. So aber kümmert man sich nicht in Zeiten um seine Feinde, weil man ihre Natur nicht kennt, und führt den Krieg gegen sie, wenn er zu spät und nutzlos ist. In andern Fällen verfolgt man die nützlichen Insekten, weil man sie irrtümlicherweise für die schädlichen hält. Sollte es nicht noch Leute genug geben, welche die Püppchen der kleinen Schlupfwespen, die oft eine ganze, durch sie vernichtete Raupe bedecken, für deren Eier ausgeben und der Meinung sind, ein verdienstliches Werk zu verrichten, wenn sie dieselben zerdrücken? Es ist dagewesen, daß ein Gutsbesitzer, welcher auf seiner Wiese vertrocknete Stellen und an denselben zahlreiche Krähen bemerkte, im Wahne, diese seien die Verwüster, allerlei Fahnen und Verscheuchungsmittel anbrachte. Hätte er nur eine Ahnung von der Lebensweise jener und anderer, dem Feldbaue schädlicher Thiere gehabt, so würde er leicht begriffen haben, daß er seinen Freunden übel lohnt, wenn er sie verjagt; denn sie suchten ihm die Engerlinge weg, die die Wurzeln seiner Wiesengräser zernagten. Die angeführten Beispiele mögen genügen, einzelne finden sich später bei den betreffenden Thieren. Wenn somit dargethan ist, daß die richtige Kenntniß der Insekten und ihrer Lebensweise manchem Uebel vorzubeugen im Stande ist, das ohne jene uns mittel- oder unmittelbar betrifft: so haben wir auf der andern Seite der Entomologie auch manche Berichtigung unserer Urtheile und Aufklärung über Erscheinungen zu verdanken, welche zu argem Aberglauben Anlaß gegeben haben. Ich erinnere nur an den Blutregen und den Unsinn vom Heerwurme, die beide an ihrem Orte später ihre Würdigung finden werden, und übergehe eine Menge Beispiele von albernem Volksglauben, der sich auf ähnliche Dinge bezieht und in einzelnen Gegenden vor Zeiten noch allgemeiner geherrscht haben mag, als heut zu Tage, wo man mehr und mehr beginnt, selbst zu prüfen und selbst zu sehen, ehe man gedankenlos anderer abgeschmackte Reden nachschwatzt und ihnen Glauben schenkt.

Die gegebenen Andeutungen werden genügen, um jeden denkenden Menschen davon zu überzeugen, daß das Studium der Insekten, weit entfernt davon, eine leere Spielerei zu sein, der Menschheit vielmehr wichtige Dienste leistet und vom praktischen Gesichtspunkte aus vielen andern Zweigen der Naturwissenschaften nichts nachgibt. Ehe mir aber unsere Betrachtung schließen, müssen wir noch ein Vorurtheil gegen die Entomologie bekämpfen und zeigen, daß sie gerade das Gegentheil von dem bewirke, was man ihr andichten möchte. Bekanntlich sind von einer gewissen Seite her die Naturwissenschaften in den Bann gethan, man hat sie verdächtigt als eine Quelle des Irr- oder gar Unglaubens. Zugegeben, daß die Lehrer und Vertreter derselben von ihrem wissenschaftlichen Standpunkte aus durch Forschungen zu Ergebnissen gelangt sind, welche mit dem Kirchenglauben nicht vereinbar, ja zum Theil in geradem Wiederspruche stehen, ist denn darum die Wissenschaft selbst zu verurtheilen? Dieselben Herren, welche hier verdammen, würden wahrscheinlich auch über die Rechtswissenschaft den Stab brechen, wenn sie einen Proceß verlieren, den sie ihrer Ansicht nach gewinnen mußten, oder über die Wissenschaft der Medicin, wenn sie in einer Krankheit von ihrem Hausarzte nicht geheilt würden. Doch wir wollten zeigen, wie gerade die Entomologie reich an Stoff sei für sittliche und religiöse Belehrung.

Wenn es wahr ist, was noch kein Theolog geleugnet hat, daß wir den Weltenschöpfer aus seinen Werken erkennen, wenn fest steht, daß selbst der rohe Mensch durch die Pracht des gestirnten Himmels zur Anerkennung einer höheren Macht hingeführt wird, welche jene Myriaden von Welten hervorgebracht und ihnen Gesetze, Wege und Bahnen vorgezeichnet hat: sollten dann nicht die uns näher stehenden Geschöpfe unseres Erdkörpers geeignet sein, hinzuweisen auf ihn, den schaffenden Vater und Erhalter der Welten mit allen denen Eigenschaften, welche wir mit diesem Begriffe verbinden? Sollten nicht vor allen die kleinen und unscheinbaren Kerfe, eben weil sie so nichtig und nichtssagend im Vergleiche zum Weltall erscheinen, im Stande sein, die Größe und Unendlichkeit, die Güte und Weisheit des göttlichen Wesens dem Sterblichen immer und immer wieder zu predigen?

Wenn wir noch von ferne stehen und aus dieser Ferne schauen einzelne Gebilde mit ihren wunderbaren Formen, herrlichen Farben, welche bei derselben Art in tausend und abermals tausend Einzelwesen dieselben sind, wenn wir die feinen Gewebe erblicken, die nur dem bewaffneten Auge zugänglichen Theilchen in einer nicht geahnten Ordnung und Regelmäßigkeit, welche aller menschlichen Kunst Hohn sprechen: dann erfaßt Staunen und stumme Verehrung unsere ahnende Brust. Treten wir aber näher heran, suchen jene kleinen Wesen genauer kennen zu lernen, belauschen sie in ihrem Thun und Treiben, fassen vor allem das an ihnen ins Auge, was der Mensch, eben weil er nicht klar darüber, mit dem unklaren Begriffe »Instinkt« bezeichnet, so fängt es allmählich an, vor unsern Blicken zu dämmern. Die Ameise erscheint uns nicht mehr als ein blos zwickendes, oft lästiges und zudringliches Ungeziefer, wir lernen sie als Glied eines wohlgeordneten, im Frieden, wie im Kriege gleich starken Staates kennen, entschließen uns zwar nicht, ihr Verstand zuzuschreiben, treffen sie aber bei Beschäftigungen an, welche unserem Verstande Räthsel aufgeben und uns zuletzt doch bekennen lassen: hier äußert sich eine höhere Intelligenz, deren Weisheit unerforschlich ist. Wir halten die Todtengräber, Roß-, Aas-, Stutzkäfer und wie sie sonst noch heißen mögen, nicht blos für gleichgiltige, übelriechende kleine Wesen, welche ebenso gut nicht da zu sein brauchten; wenn wir sie in ihrem Treiben beobachten und wahrnehmen, wie sie ein Aas, z. B. ein Reh, in Zeit von drei Tagen bis auf die Knochen und einige darum stiebende Haare spurlos verschwinden lassen, erkennen wir an, daß sie von einem Allweisen dazu gesetzt sind, die Luft zu schützen vor Verunreinigung durch verwesende Thierleichen. Die Mücken sind uns oft recht lästig und wir wähnen wohl manchmal, sie seien nur geschaffen, uns und unsere Hausthiere zu quälen. Wenn wir aber bedenken, wie viele andere Geschöpfe sich von ihnen ernähren und wie ihre das Wasser bewohnenden Larven für dieses ein ähnliches Reinigungsgeschäft übernehmen müssen, wie jene Käfer für die Luft: so sehen wir sie mit andern Augen an und können ihr Vorhandensein keinem blinden Zufalle, keiner sogenannten »Naturnothwendigkeit«, sondern nur einem allweisen Weltenlenker zuschreiben. Wenn in einem Jahre eine gefräßige Raupenart in bedenklichen Mengen vorhanden ist und empfindliche Verwüstungen anrichtet, wenn wir mit all unserer Weisheit nichts gegen sie vermögen: sehen wir mit einem Male Myriaden von größern und winzig kleinen Schlupfwespen und Fliegen sie umschwärmen. Diese wurden nicht von ihnen erzeugt, auch vorher nicht bemerkt, sie sind aber da, um ein örtlich gestörtes Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie stechen die Raupen an, so daß diese, statt im nächsten Jahre nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge vertausendfacht aufzutreten, kaum bemerkbar werden. Erkennen wir hier nicht eine weise Einrichtung? Wozu noch mehr Beispiele, da sie die folgenden Bilder liefern.

Vor unsern Blicken, wurde oben gesagt, fängt es an zu dämmern, wir fangen an, jedes einzelne, auch das unscheinbarste Wesen anzusehen als Glied einer ins Unendliche verschlungenen Kette, als nothwendig für das wohlgeordnete Naturganze, wenn es uns auch bis jetzt in noch sehr vielen Fällen schwer wird, diese Nothwendigkeit nachzuweisen; wir fangen an zu der Einsicht zu gelangen, daß wir kein einziges Geschöpf darnach beurtheilen dürfen, ob und wie weit es uns nützt oder schadet; lernen mehr und mehr fühlen, daß unsere Herrschaft über die Schöpfung nicht darin bestehe, mit den uns unterworfenen Wesen nach Belieben zu schalten und zu walten, sondern in unserer Berufung, sie und ihre Stellung zum Naturganzen begreifen, würdigen zu lernen. Das wird die hohe Aufgabe eines Theiles der Naturwissenschaften sein; mit ihren Fortschritten wird der Dämmerschein sich mehr und mehr in helleres Licht verwandeln, wenn auch der volle Glanz nie durchbricht. Ja, wir müssen mit dem würdigen Rector von Barham, William Kirby, bekennen: »Die Kerfe sind wahrlich ein Buch, in welchem der Leser unmöglich vermeiden kann, nach den Ursachen solcher Wirkungen zu fragen, und deren ewige Macht und Güte anzuerkennen, welche hier so wundervoll ausgelegt und so unwiderstehlich bewiesen sind. Und wer immer diese Werke mit leiblichen Augen betrachtet, muß in der That blind sein, wenn er nicht kann, und verkehrt, wenn er nicht will mit den Augen der Seele all die Glorie des allmächtigen Werkmeisters erkennen und sich geneigt fühlen, mit allen Mächten der Natur zu preisen und zu verherrlichen

Ihn zuerst, Ihn zuletzt, Ihn mitten und Ihn ohne Ende

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