Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Ludwig Taschenberg >

Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
Schließen

Navigation:

Der Apfelblütenstecher.

( Anthonomus pomorum)
siehe Bildunterschrift

a. Larve. c. Käfer. b. Puppe. (Alle vergrößert.)

»Der Brenner ist in meinen Apfelbäumen«, pflegt in manchen Gegenden der Baumzüchter zu sagen, welcher die Feinde seiner Pflanzung kennen gelernt hat und am brandigen Aussehen der jungen Knospen zu seinem Leidwesen den Krebsschaden in ihrem Herzen vermuthet. Die genauere Untersuchung einiger von diesen überzeugt ihn leicht von der Richtigkeit seiner Ansicht. Mitten in der verdorrten Knospe haust eine bleiche Made (Fig. a), deren durchsichtige Haut auf dem Rücken kammartige Falten bildet, im Uebrigen aber glatt anliegt. Sie ist lang und schmal, vor der Mitte am breitesten und verdient, eben weil sie keine Beine hat, mit Recht den Namen einer Made. Hinter dem kleinen, schwarzen Kopfe stehen ein schmaler, dunkler Bogen, das theilweise haarbedeckte Nackenschild, und einzelne kurze Haare. In der eben angegebenen Weise erscheint das Thier in seinem erwachsenen Alter, bei dessen Herannahen es auch erst als Feind des Apfelbaumes äußerlich bemerkbar wird. Bald nachher, in der zweiten Hälfte des Mai, findet man statt seiner ungemein bewegliche, blaßgelbe Püppchen (Fig. b) mit dunklen Augen und Büscheln kurzer Borsten längs des Rückens in denselben »verbrannten« Knospen. Jetzt wäre die höchste Zeit, um für das kommende Jahr vor ähnlichen oder noch ärgern Verwüstungen gesichert zu sein, alle kranken Knospen aufzusuchen und sorgfältig zu sammeln, eine freilich mühsame und zeitraubende Arbeit, welcher sich allenfalls der Gartenfreund an seinem einen oder den zweien als Spalierobst oder Zwerge gezogenen Apfelbäumchen unterziehen kann, schwerlich aber der Landmann in seinem großen Obstgarten. Da wir nicht zu den Baumzüchtern gehören und jenen »Brenner«, allgemeiner auch Apfelblütenstecher, Apfelschäler genannt, noch nicht kennen, wollen wir ein paar Hände voll von den kranken Knospen in eine Schachtel werfen und abwarten, was sie uns schließlich bringen werden. Unsere Wißbegierde wird bald befriedigt, denn schon nach einigen Tagen finden wir einzelne kleine Käferchen in der Schachtel und bei genauerer Untersuchung im Scheitel der betreffenden Knospen ein Loch, aus welchem sie hervorgekommen sind. Das kleine Wesen verdient es wohl, nach allen Richtungen hin genauer gekannt zu werden. Die Käferkundigen nennen es einen Rüsselkäfer. Damit ist freilich noch wenig gesagt; denn in Europa leben in runder Summe 2000 verschiedene Käfer, welche denselben Namen führen, hergenommen von der den meisten derselben eigenen Bildung des Kopfes. Dieser ist nämlich in einen längern oder kürzern Schnabel, Rüssel, verlängert, an dessen äußerster Spitze die Freßzangen und die übrigen Kauwerkszeuge sitzen. Außerdem tragen sämmtliche Beine nur vier Fußglieder, und die Nahrung aller besteht sowohl im vollkommenen als im Larvenzustand nur aus Pflanzenstoffen, weshalb manche von ihnen infolge ihrer Verwüstungen böse beleumundet sind. Was nun unsern Apfelblütenstecher anlangt, so ist unter Anleitung der obigen Figur (c) an seiner Person folgendes zu berücksichtigen. Der kaum gebogene, schwarze Rüssel erlangt reichlich die Länge von Kopf und Bruststück zusammengenommen. Am Ende seines vorderen Drittels trägt er die dünnen, in ihrer Mitte unter einem rechten Winkel geknickten Fühler. Das erste Glied derselben, in allen solchen Fällen der Schaft genannt, ist hier beinahe so lang, wie alle folgenden (die Geißel) zusammengenommen. Die etwas keulenförmige Geißel besteht aus sieben, theilweise sehr feinen, nach ihren Spitzen hin verdickten Gliedern und übertrifft an Umfang den Schaft. Bei guter Vergrößerung bemerkt man von letzterem aufwärts am Rüssel eine feine Längsfurche, welche dazu bestimmt ist, den Schaft aufzunehmen. Insofern auch die Geißel dicht an den Schaft angelegt werden kann, wie der am senkrecht stehenden Peitschenstiele daran herunterhängende Riemen, so sind die Fühler in ihrer Ruhelage kaum vom Rüssel zu unterscheiden. Diesen nun kann der Käfer wieder unter sich klappen, jedoch in keine Rinne legen, wie manche andere Rüßler. In solcher Lage erwartet er alle Gefahren und streckt noch zum Ueberflusse die langen, dicken Schenkel seiner Vorderbeine vor, welche sehr nahe neben einander stehen, an Länge die andern Paare übertreffen und an ihrer Innenseite außerdem noch mit einem kräftigen Zahne bewehrt sind. Die etwas sichelartig gebogenen Schienen derselben werden bei dieser Stellung natürlich eingeschlagen, und so glaubt man eher ein unbelebtes Rindenspänchen als einen lebendigen und lebenslustigen Käfer vor sich zu haben. Das Halsschild ist breiter als lang und erweitert sich allmählich nach hinten. Noch breiter, mit stumpfen Schulterecken überstehend, sind die gewölbten, punktirt gestreiften Flügeldecken, welche etwa die halbe Länge des ganzen Körpers bilden, gegen ihr Ende am breitesten werden und sich dann gemeinschaftlich zuspitzen. Die Farbe des ganzen Käfers ist braunroth, die Stelle mitten zwischen der Wurzel beider Flügeldecken ( Schildchen in allen Fällen genannt) erhebt sich etwas und zeichnet sich durch weiße Färbung aus. Beide Flügeldecken ziert noch auf ihrem letzten Drittel eine nach vorn offene, hellere, beiderseits dunkler eingefaßte und mit einigen weißen Pünktchen besetzte Winkelzeichnung Es giebt noch eine Reihe von Arten derselben Käfergattung, welche zum Theil Schwierigkeiten in der Unterscheidung bieten; die Merkmale entlehnt man hauptsächlich von der Färbung, die bei einigen gleichmäßig ist, bei andern, wie hier, Binden, aber wieder anders verlaufende, aufweist, und von der stellenweise dichteren oder schwächeren Behaarung und Punktirung des Körpers. So habe ich hier eine Art schon im Juni, vorherrschend aus Blattknospen eines Birnbaums erzogen; Sie führt eine gerade graue Binde über beide Flügeldecken, welche jedoch die beiderseitigen Ränder jeder Decke nicht vollkommen erreicht; es ist der Anthonomus pyri Schönh., den Redtenbacher A. cinctus genannt hat und von seinem A. spilotus unterscheidet. Der A. pyri Kollars steht dem A. pomorum so nahe, daß er wohl nicht als verschiedene Art betrachtet werden darf. Eine weitere graulich gelbe, an einer Zackenbinde leicht kenntliche Art, A. druparum, lebt vom Kerne innerhalb des Steinkerns der Sauerkirschen, ohne jedoch das Reifen der Früchte zu beeinträchtigen.. Aus der gegebenen Beschreibung geht hervor, daß die Farbe nicht geeignet ist, an dem Käfer zum Verräther zu werden, und da er überdies die Gewohnheit hat, wenn man sich ihm nähert, die oben bezeichnete Stellung anzunehmen und sich herabfallen zu lassen, so ist sein Auffinden bei der unansehnlichen Größe ungemein schwierig. Aber gerade jene Gewohnheit, welche noch manchen andern Insekten eigen ist, giebt ein Mittel an die Hand, welches erfolgreicher und bequemer zu seinem Einsammeln angewandt werden kann als das oben angeführte. Es läßt sich annehmen, daß in der ersten Hälfte des Juni alle Käfer ausgekrochen seien und sich der Nahrung halber auf den Bäumen aufhalten, wo sie die jungen Blätter beschaben oder durchlöchern, ohne weiteren Schaden anzurichten. Wenn man nun an trüben Tagen – wenn die Sonne scheint, fliegen sie lebhaft umher und bleiben unerreichbar – die von ihnen bewohnten Bäume erschüttert, besser durch einen Fußtritt, oder durch Anprällen, als durch Schütteln, so werden sie sich fallen lassen. Um die unten liegenden leicht zu finden und sammeln zu können, darf man nur vor der Verfolgung eine Plane oder überhaupt ein Helles Tuch unterbreiten und die zu Falle gebrachten von demselben ablesen.

Das ist alles recht schön und leuchtet nur ein, aber wie soll ich mit der Zeitrechnung zu Stande kommen, könnte der aufmerksame Leser fragen. Im Juni schwärmen die Käfer umher und im Mai des nächsten Jahres sitzen ihre Larven in den Knospen der Apfelblüten und zerstören sie, wann und wie kommen sie da hinein?

Die Lebensverhältnisse unsers Rüßlers gestalten sich anders, als bei manchen andern seiner sechsbeinigen Brüder. Er erfreut sich als Larve und Puppe eines kurzen Daseins, desto mehr Zeit ward ihm vergönnt, in seinem vollkommenen Zustande das Leben zu genießen, der ganze Sommer, Herbst und freudenleere Winter. So lange die Witterung es ihm erlaubt, macht er Gebrauch von seinem Geschenk. Mancher erlitt während dessen Schiffbruch, erhängte sich in einem Spinnengewebe, ward andern Thieren zur Beute oder kam sonstwie um. Diejenigen aber unter ihnen, welche die Vorsehung dazu bestimmt hat, ihre Art fortzupflanzen, suchen unter Laub, Steinen, besonders aber hinter Rindenschuppen und zwischen den Ritzen derselben sichern Schutz vor dem herannahenden Winter und erstarren, bis die ersten milden Frühlingstage sie auferwecken zu neuem Leben, zu neuer Lust. Schon anfangs April kann ihr Auferstehungsfest fallen. Wenige Tage nach ihrem Erscheinen beginnt das Weibchen mit dem Geschäfte des Eierlegens an den sich eben rührenden Blütenknospen der Apfelbäume, verschmäht unter Umständen aber auch die der Birnen nicht. Wenn man sagt, es bohre in die Knospe, so ist das ein ebenso ungenauer Ausdruck, wie wenn man seine Thätigkeit ein Stechen, und das Thier davon den Apfelblüten stecher nennt. In Wirklichkeit besteht sie im Nagen, das Thier zwickt mit seinen kleinen Zangen in die Knospe, verzehrt das Losgebissene und dringt so allmählich vor, als wenn es mit dem Rüssel hineinbohre oder steche. Dergleichen Löcher arbeitet der Käfer in eine Knospe oft mehrere, welche zum Theil noch im späten Alter des weiter entwickelten Triebes sichtbar bleiben, bis er eins so anlegt, wie es seinen besonderen Zwecken angemessen erscheint. Hat er aber einer Blüte mitten in das Herz getroffen, schmeckt er die zarten Staubgefäße, die noch schlummernd hier ihrer weitern Entwickelung entgegenharren, so hat er gefunden, was er suchte, nämlich die Wiege für sein künftiges Geschlecht. Behutsam zieht er den Rüssel wieder hervor, legt ein Ei, ein weiches, schmutzig weißes Körnchen, auf die Oeffnung und schiebt dasselbe mit eben jenem Werkzeuge, mit dem er den Zugang nach innen erschloß, mitten zwischen die Staubgefäße hinein. Eine Blüte erhält nur ein Ei. Bisweilen wird von dem ganzen, im Schooße der Knospe geborgenen Blütenbüschel nur eine damit beschenkt, in andern Fällen trifft man in mehreren junge Brut an. Mit dem letzten auf so sinnige Weise untergebrachten Eie ist der Zweck des Lebens erfüllt und dieses zu Ende. Die sorgsame Mutter hat alles für das Gedeihen ihrer Nachkommen gethan, was in ihren Kräften stand, darum wählte sie auch lieber die sich langsamer entwickelnden Aepfel- als die Birnenknospen, deren Wachsthum im allgemeinen schneller vorschreitet. Nur für den Fall, wo sie einmal etwas zu tief in die Blüte ging und den Fruchtknoten traf, wird die Sache bedenklich. Eine so weit verletzte Knospe hat geringere Lebensdauer, sie fällt früher vom Baume ab, als die Entwickelung des Käfers vollendet ist, und derselbe geht als Larve zu Grunde, welche, weil noch nicht reif zur Puppe, weiterer Nahrung bedarf. Bisweilen indeß setzt die Natur selbst der Vermehrung dieser Thiers Schranken. Durch besondere Witterungsverhältnisse begünstigt, entwickeln sich die Knospen außergewöhnlich schnell; die Larve ist nicht im Stande durch Vernichtung der innern Theile Schritt zu halten, so daß die Knospe noch soviel Kraft behält, ihre Blätter zu entfalten. Zwar bringt sie keine Frucht, dazu war sie schon zu weit zerstört, aber sie öffnet sich, versagt dem ihr anvertrauten Pfleglinge den nöthigen Schutz gegen Sonnenstrahlen oder Nässe, und er muß verkommen. Gewöhnlich kriechen die Maden nach fünf bis acht Tagen aus dem Eie und zehren an den innern Theilen der Blüte, so daß diese ihre Blätter nicht entfalten kann. Diese verdorren allmählich von oben, während von unten her immer noch einiger Trieb zum Wachsthume und zur Erzeugung der nöthigen Nahrung vorhanden. Indem sich auf diese Weise ein schützendes Obdach für den Zerstörer bildet, entsteht das schon von ferne zu bemerkende krankhafte Aussehen des Baumes. In Zeit von vier Wochen ist die Larve vollkommen erwachsen und nach achttägiger Puppenruhe das Insekt vorhanden.

Die Gärtner kennen ein drittes bisher noch nicht erwähntes Mittel und halten es für das durchgreifendste, um diesem für manche Gegenden durchaus nicht zu unterschätzenden Feinde des Kernobstes zu begegnen. Der geschützten Lage wegen überwintert der Käfer an den untersten Verstecken des Stammes, vorzugsweise unter der Erddecke an dessen Fuße, so daß er unter allen Umständen nach seinem Erwachen aus dem Winterschlafe und behufs der Brutpflege seinen Weg von unten nach oben nehmen muß. Dies aber bewirkt er erfahrungsmäßig immer zu Fuße, also am Stamme entlang, niemals im Fluge. Bei seinem Aufmarsche fängt man ihn einfach ab, macht ihn dingfest und zwar mittels des später beim kleinen Frostspanner näher zu besprechenden Theerringes oder Schutzgürtels, welcher entweder aus der Herbstzeit her für jenen weit gefährlicheren Kunden noch vorhanden ist und jetzt, sobald sich die Knospen regen, von neuem kleberig gemacht, oder eigens für den Apfelblütenstecher erst hergerichtet wird. Die Wirksamkeit dieses Mittels ist mir aus eigenen Erfahrungen hinreichend bekannt geworden.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.