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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der gemeine Maiwurm (Oelkäfer).

( Meloë proscarabaeus)
siehe Bildunterschrift

a. erste, b. zweite Larve, c. Scheinpuppe, d. Puppe, e. vollkommenes Insekt.

Der geneigte Leser möge in Folgendem auf drei Erscheinungen aufmerksam gemacht sein, deren eine oder andere ihm möglicherweise schon aufgefallen ist. Alle drei, obgleich sie keinen Zusammenhang verrathen, sind bei nähere Betrachtung durch einige, bisher nur von wenigen Forschern wahrgenommene Mittelglieder verbunden und lassen einen tiefen Blick thun in die wunderbaren Lebensverhältnisse der kleinen, so vielfach mißachteten Insektenwelt.

Wer im Frühjahre an einem Acker, Brachfelde, Holzrande oder über eine lichte Grasstelle im frischen, grün werdenden Walde dahinwandelte, – und wer sollte das nicht schon gethan haben und in jedem jungen Mai, den er erlebt, immer wieder von neuem thun und so oft wiederholen, als es seine Zeit nur erlaubt? – der hat gewiß auch schon auf oder neben seinem Fußpfade an einem Grashälmchen ein blaues, schwarzes oder grünes Thier bemerkt, welches durch den plumpen Bau und die schwerfällige, höchst eigenthümliche Figur seiner insektischen Persönlichkeit unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken muß. Im Jahre 1859 begegnete es mir in beiden Geschlechtern schon am 11. März, 1877 ein Weibchen am 10. April und in der Regel findet man es bei der Lieblingsbeschäftigung der meisten Kerfe, beim – Fraße, zu welchem Veilchenblätter, Löwenzahn, Gras und alle andern Kräuter den Stoff liefern, die ein Gemeingut für Tausende aus dem Insektenvolke zu sein scheinen. Ungeschickt hält es mit seinen sechs Beinen den Stengel umklammert, und man möchte annehmen, es würde ihm sauer, den dicken Körper oben zu erhalten; dabei bringt es nicht selten mit dem einen Vorderfuße das Blatt, an welchem es zehrt, seinen fortwährend geschäftigen Kinnbacken und den bogenförmig gekrümmten Freßspitzen näher, damit es den schwerfälligen Leib unverändert in seiner Lage belassen könne. Jetzt ruht es aus, um sich zu – putzen. Mit den Vorderbeinen streicht es gemächlich an den Fühlern herunter, welche wie verkrüppelt aussehen, wischt sich den Mund und beginnt seine Arbeit von neuem. Wir wollen ihm jetzt einmal unsere Nähe bemerklich machen, indem wir es mit dem Finger oder einem Hälmchen beunruhigen. Sogleich zieht es seine Beine und die Fühler ein, gleitet auch wohl herunter, wenn es dabei das Gleichgewicht verliert. Es hat die Neckerei übel vermerkt; denn aus allen Gelenken, besonders an den Seiten des Leibes dringt sofort ein gelber, ölartiger Saft von ekelhaftem Geruche und für empfindliche Haut sogar blasenziehend, Das Oel der Maiwürmer ist als Heilmittel gegen die verschiedenartigsten Krankheiten der Menschen und Thiere angepriesen und auch gebraucht worden; ganz besonders soll es ein vortreffliches Mittel gegen den Biß toller Hunde sein. Worüber u. a. nachzulesen: Schäffer, Abbildung und Beschreibung des Maiwurmkäfers als eines zuverlässigen Hilfsmittels wider den tollen Hundbiß. Regensb. 1778. Kritische Beleuchtung der Beobachtung über Hundswuth in »Hufeland Journ. März 1828.« Die Hundswuth oder Wasserscheu von Lutheritz. Meißen 1825. heraus; daher auch der Name »Oelkäfer«. Wir wollen nun unsere Käfer zuerst etwas näher ins Auge fassen und zwar eine Art davon, um bestimmt im Ausdrucke sein zu können, beispielsweise den gemeinen Maiwurm. Außer dem gemeinen Maiwurme giebt es noch viele andere, ihm mehr oder weniger ähnliche und oft schwer unterscheidbare Arten, deren ein und die andere zum Theil nicht minder selten ist. In ihrer Lebensweise und Entwickelung dürfte keine wesentliche Verschiedenheit sein. Eine dunkelblaue, ihm sehr ähnliche, oft mit ihm verwechselte Art ( M. violaceus) kommt mit ihm wohl am häufigsten und auf gleichen! Ausbreitungsgebiete vor, und eine grüne ( M. variegatus oder majalis) mit gröberer Sculptur erscheint in Deutschland kaum weniger selten; andere deutsche Arten unterscheiden sich von ihm weniger in Farbe als in den Größenverhältnissen ihrer Körpertheile und der Sculptur der Oberfläche.

Der ganze Körper ist bläulich schwarz und schimmert violett. Der breite, oben gerundete, nach vorn etwas verschmälerte Kopf steht vollkommen frei vor dem Halsschilde und senkrecht nach unten gerichtet. Vor den verhältnißmäßig kleinen, schief gestellten Augen, in demselben Abstande von einander, wie die obern Ränder dieser, sind die eilfgliedrigen Fühler eingelenkt. Diese erscheinen wie eine Perlenschnur, beim Männchen aber vom sechsten Gliede an wie gebrochen, indem dieses und das folgende breitgedrückt sind und gegen die hervorgehenden eine andere Richtung annehmen. Das Halsschild, schmäler als der Kopf und länger als breit, verengt sich etwas an beiden Enden und hat vollkommen stumpfe, nicht kantige Ränder. Seine Oberfläche ist, wie die des Kopfes, mit tiefen, groben Punkteindrücken versehen, welche stellenweise zusammenfließen. Die Flügeldecken sind kurz, schließen sich mit ihrer winkelig umgeschlagenen Seitenhälfte eng an den Körper an, entfernen sich aber mit ihren an der Wurzel sich etwas deckenden Innenrändern so, daß zwischen ihnen der Hinterleib sichtbar bleibt, welcher nur in einzelnen Fällen bei recht verhungert und verkümmert aussehenden kleinen Männchen vollkommen verhüllt wird. Die Decken sind mäßig runzelig, wie gewellt auf ihrer Oberfläche und liegen unmittelbar dem Rücken auf, indem die Flügel fehlen. Von den mittelmäßig langen Beinen kommen dem hintersten Paare nur vier Fußglieder zu, während die vier vorderen deren fünf haben. In ihrer Größe ändert diese Maiwurmart von 11 bis reichlich 43 mm Länge und fast 6 bis 11 mm Breite ab, so daß man glauben könnte, verschiedene Arten vor sich zu haben. Dies wäre das Bild des gemeinen Oelkäfers, welcher sich mit den mancherlei Brüdern seiner Gattung noch bis zu Anfang des Juni vereinzelt antreffen läßt.

Die ersten Frühlingsblumen, Boten einer bessern Zeit, als die war, welche so eben noch drückend wie ein Alp auf uns lag, finden in der Regel allgemeinere Beachtung, als die nachfolgenden, sie sind auch demjenigen lieb und werth, welchen die Reize der spätern Kinder Flora's weniger anlocken. Manchem, der sie mit besonderem Interesse, also auch genauer ansah, die weißen und die gelben Anemonen, die saftreichen, immer dürstenden Dotterblumen mit ihren glänzenden Blättern, die mancherlei Ranunkeln, kurz alle, welche die Volkssprache (bei uns wenigstens) unter den Namen »Butterblumen, Kuhblumen« zusammenfaßt, konnte unmöglich entgehen, wie bei einzelnen die Staubfäden schwarz, statt gelb, die Stempel schwarz, statt grünlich gefärbt waren. Bei näherer Betrachtung löst sich das Räthsel; der schwarze Knäuel mitten in der Krone wickelt sich auf, und nun wimmelt sie von einer Menge kleiner, eidechsenartiger Thierchen. Wir schütteln sie wohl herunter, wenn wir durch ein Sträußchen von »Frühlingsblumen« unsern Lieben daheim eine Freude bereiten wollen, ohne des »Ungeziefers« sonst weiter zu achten. Jetzt aber müssen wir ihm einige Aufmerksamkeit schenken; denn wir bedürfen seiner. Fig. a stellt eins dieser kleinen Wesen vergrößert dar. Die borstigen Haare am ganzen Körper, davon vier sehr lange an der Schwanzspitze, fallen uns sogleich in die Augen, ferner sechs Beine, welche sich seitlich ausspreizen und dreiklauig sind, wie uns diejenigen versichern, welche dergleichen Dinge mit geübtem Auge betrachten. Der ziemlich platte Körper besteht außer dem ungefähr halbkreisförmigen Kopfe mit kurzen, in eine Borste endenden Fühlern und zwei Augen, aus zwölf Gliedern, deren drei vorderste breiter als die folgenden sind und je ein Fußpaar tragen; die Oberseite aller ist dicht aber äußerst fein punktirt, deshalb matt. Statt schwarzer trifft man auch orangegelbe, sonst ganz gleich gebildete Thierchen an. Ich bekam solche (31. Mai 1875) zur Berichterstattung zugeschickt; sie hatten sich massenhaft auf Rasen und Teppichbeeten eines Gartens in Cönnern gezeigt, und man fürchtete ihre Schädlichkeit.

Zum Dritten und Letzten findet der Insektensammler, wenn er nicht blos bei Käfern und Schmetterlingen stehen bleibt, sondern u. a. auch Bienen, Hummeln und Fliegen fängt, an vielen Arten derselben, besonders den ersteren, kleine Schmarotzer in Eidechsenform, wohl auch »schwarze Bienenlaus« genannt, (nicht zu verwechseln mit der wirklichen »Bienenlaus«, Braula coeca, der Entomologen), welche darauf geschäftigt hin und herlaufen oder noch lieber in dem Haarpelze derselben festsitzen. Hat man getödtete Bienen in einer Schachtel heimgetragen, so findet man diese Thierchen auch vielfach ängstlich in dieser umherlaufen; denn eine todte Biene verlassen sie. Eine Beschreibung derselben ist überflüssig, da es genau dieselben sind, welche wir oben schon beschrieben und in Fig. a abgebildet haben, und wer's nicht glauben will, kann sich leicht davon mit eigenen Augen überzeugen. Er suche sich im Frühjahre eine jener obengenannten Blumen, welche von den Thieren bewohnt sind, fange eine Biene, oder, fürchtet er deren Stich, eine Fliege, die etwas dichter behaart sein muß, und halte sie an den Knäuel, welchen jene bilden, sofort spazieren sie in großer Menge an die Fliegen und setzen sich fest.

Wie jene kleinen Eidechsen in den Blumen sitzen, abwarten bis ein Honig suchendes Insekt auf denselben erscheint, dieses besteigen und nun bewohnen, wäre uns einleuchtend, finden wir doch der Schmarotzer mancherlei auf den verschiedensten Thieren, auch auf den Insekten. Weiter unten werden wir indeß erfahren, daß sie genau genommen nicht zu dieser Klasse der Quälgeister gehören, sondern ganz andere Dinge im Schilde führen, als sich von den Wesen selbst zu ernähren, auf denen wir sie antreffen. Was aber der Maiwurm mit alle dem zu schaffen habe, will uns zur Zeit noch nicht recht einleuchten. Gemach! Wir werden sogleich den Zusammenhang erkennen.

Die Maiwürmer erscheinen, wie wir schon sahen, früh im Jahre, und bei guter Zeit geht das Weibchen an das Geschäft des Eierlegens. Mit seinen Vorderbeinen beginnt es in nicht zu lockerem Boden ein Loch zu graben, während die übrigen Beine und der Hinterleib zum Wegschaffen der losen Erde benutzt werden. Bei der Arbeit dreht es sich öfter, so daß das Loch eine ziemlich kreisförmige Gestalt bekommt. Ist es einen Zoll tief vorgedrungen, so sind die Vorarbeiten beendigt, es kommt hervorgekrochen und setzt sich nun mit dem von Eiern strotzenden Hinterleibe auf den Boden der Grube, indem es sich mit den Vorderbeinen auf dem Rande derselben festhält. Unter verschiedenen Kraftanstrengungen legt es einen Haufen walzenförmiger, dottergelber Eier und beginnt schon gegen Ende dieser Arbeit mit kleinen Unterbrechungen, welche dem Sammeln frischer Kräfte gelten, so viel Erde wieder herunter zu schaffen, als es mit seinen Vorderbeinen eben erreichen kann. Der halb und halb mit verschüttete Hinterleib wird zuletzt hervorgezogen, und durch weiteres Auffüllen der Erde jede Spur davon möglichst vertilgt, daß ihr hier ein Schatz anvertraut ward. Hierauf läuft es – nach seiner Weise – schnell davon und stärkt sich durch eine gehörige Mahlzeit. Noch ist die Mutter nicht zu sterben bereit, ihr Vorrath an Eiern ist noch nicht erschöpft, an zwei bis drei andern Stellen wiederholt sie die eben beschriebene Arbeit und vertraut so der Erde die Keime einer ungeheuer zahlreichen Brut an. Ueber viertausend Eier werden von ihr abgelegt. Welchen Schutz hierdurch die Vorsehung ihrer Art angedeihen läßt, werden wir später sehen. Nach drei Wochen, bei nicht ganz ungünstiger Witterung (von den letzten Eiern vielleicht erst im nächsten Frühjahr), kommen die jungen Larven aus und stellen sich als jene eidechsenähnlichen Thierchen in den Frühlingsblumen oder in dem Haarkleide der verschiedenen Bienen- und Fliegenarten vor, wo wir sie kennen gelernt haben. Das unterliegt keinem Zweifel; denn man hat Weibchen in der Gefangenschaft die Eier ablegen lassen und die daraus entstandenen Larven genau untersucht. In dem einen Falle waren sie in einem lose mit einem Glasscherben überdeckten Blumentopfe, der am Fenster des Zimmers stand, ausgekrochen. Gar bald liefen sie zu Hunderten auf der Fensterbrüstung umher, gruppirten sich in größeren oder kleineren Haufen und verhielten sich dann ziemlich ruhig. Auch währte es nicht lange, so schleppten sich Stubenfliegen an derselben Stelle mühsam einher oder lagen unbeweglich auf dem Rücken. Bei näherer Untersuchung fanden sie sich über und über mit Meloëlarven bedeckt. Die Bienenväter, welche im Frühlinge genöthigt sind, einige ihrer Stöcke zu füttern, treffen sie während des April oder Mai bisweilen mit gespreizten Beinen auf dem Honige an oder hier und da todt umher liegend; dort fressen sie nicht, wie man geglaubt hat, sondern sind schon todt oder ringen, wenn sie noch Bewegungen zeigen, mit dem Tode; denn directe Versuche haben gelehrt, daß der Honig ihre Kost vorerst nicht sei. Auch noch im Juni und Juli trifft man sie an Hummeln und wilden Bienen an, merkwürdigerweise aber immer nur in derselben Größe des der obigen Fig. a beigegebenen Striches. Mögen diese auch erst später ihren Eiern entschlüpft sein, so hat ihre Kleinheit doch einen andern Grund. Sie wachsen nämlich, so lange sie ihre Eidechsenform haben, nicht, weil sie keine Nahrung zu sich nehmen.

Bis hierher reichen die Beobachtungen, welche sich unsern Blicken nicht verbergen und darum leicht von jedem angestellt werden können, der sich für dergleichen Sachen interessirt und gelernt hat, das zu sehen, was sich vor seinen Augen zuträgt. Zwischen der kleinen Bienenlaus und der großen Meloë liegt aber noch sehr viel dazwischen, und bisher war es, meines Wissens nach, nur zwei Forschern in ihrem unermüdlichen Streben vergönnt und auch diesen nur bruchstückweise, den weitern Zusammenhang auszufinden: dem Engländer Newport und später dem Franzosen Fabre. Die Bahn ist durch diese Männer gebrochen, sie haben uns in den Stand gesetzt, einen staunenden Blick zu werfen in das wunderbare Walten der Natur, welche hier einen ganz außergewöhnlichen Weg einschlägt, um ihre Zwecke zu erreichen, und gewiß wird es nicht an Männern fehlen, welche jenen nacheifern und die etwa noch dunklen Punkte in der merkwürdigen Lebensgeschichte dieser und einiger ihnen verwandten Thiere vollständig aufklären. Wir lassen hier in der Kürze folgen, was jene Männer, besonders der letztere, dessen Erfahrungen vollständiger sind, über diesen Gegenstand berichten.

Die kleine Larve, welche wir bereits kennen, hält sich nur deshalb auf den Bienen auf, um sich von ihnen in ihre Nester tragen zu lassen und dort ihre weitere Entwicklung nach den mannigfachsten Verwandlungen zu vollenden. Diese Behauptung scheint im Widerspruche zu stehen mit einer früheren Bemerkung, im Widerspruche mit andern Beobachtungen, nach denen sie sich an Stubenfliegen setzten, oder auf solchen Insekten angetroffen worden sind, welche entschieden keinen Honig eintragen. Was das erstere anlangt, so wird der Widerspruch schwinden, sobald wir den weiteren Verlauf der Entwickelung erst kennen, zu der sie allerdings des Honigs bedürfen, aber erst dann, wenn sie eine andere Gestalt angenommen haben. In Rücksicht auf den zweiten Umstand muß erinnert werden, daß aus einem begangenen Irrthume eine Menge von Larven zu Grunde gehen mögen und nicht zu ihrer Entwickelung gelangen, darum aber die ungewöhnlich große Zahl von Eiern, welche jedes Weibchen legt, um das Aussterben der Art zu verhindern. So würden wir die Sache vom Standpunkt der Meloë auffassen. Stellen wir uns auf den höheren, welcher das Naturganze berücksichtigt, und bedenken, daß es noch viele andere Insekten gleicher Fruchtbarkeit giebt, und daß der Schöpfer derselben in seiner Allweisheit für das gehörige Gleichgewicht sorgt, so würden wir wie folgt urtheilen: »Unsere Larven dürften bei ihrer Lebensweise weniger als andere ebenfalls fruchtbare Insekten Gefahr laufen, andern Thieren zur Beute zu werden, darum setzte die weise Vorsehung ihrer übermäßigen Vermehrung auf andere Weise eine Grenze: sie pflanzte ihnen den Trieb ein, fliegende und zugleich haarige Insekten zu besteigen, nicht aber die Unterscheidungsgabe, immer diejenigen herauszufinden, welche ihrem weitern Gedeihen auch unbedingt ersprießlich sind.« Diese scheinen ganz besonders die Hummeln und hummelähnliche Bienen zu sein aus der Gattung Anthophora, Osmia, Eucera. und manche andere, deren Namen zu nennen hier überflüssig wäre.

In dem Augenblicke nun, wo eins dieser Bienenweibchen sein Ei auf den Honigbrei der gefüllten Zelle gleiten läßt, schlüpft die Maiwurmlarve auf dasselbe herab. Sorglos schließt die Mutter die reichlich ausgestattete Wohnung ihres, wie sie meint, nun geborgenen, künftigen Sprößlings. Da drinnen gehen aber ganz andere, von der fürsorglichen Mutter nicht berechnete Dinge vor. Der schlaue Eindringling beißt jetzt das Ei entzwei, schlürft dessen Inhalt mit Behagen, denn er kennt den Genuß der Speise noch nicht, und schwimmt dann noch einige Zeit auf der leeren Eischale umher – so hat ihn Fabre in einer geöffneten Zelle angetroffen. Jetzt aber hat das Thierchen als »Bienenlaus« seine Rolle ausgespielt, nach der Mahlzeit wird ihm allmählich das erste Kleid zu eng, es reißt, und aus der Hülle kommt ein ganz anderes Wesen hervor, eine zweite Larve, welche der eines Maikäfers ähnelt, äußerlich keine Spur des früheren Zustandes mehr an sich trägt und nun durch den Genuß des aufgespeicherten Honigs gedeiht, welcher ihrer frühern Leibesverfassung nicht zusagte. Diese zweite Larve stellt Fig. b erwachsen dar; sie ist vollkommen weich, während die erste eine hornige Bedeckung trug, theilt mit allen ähnlichen Larven die bleiche Farbe und hat mit ihnen den hornigen Kopf und die ebenso gebildeten Beine gemein. In vier bis fünf Wochen scheint diese zweite Larve den Honigvorrath aufzuzehren und zu ihrer vollkommenen Entwickelung zu gelangen; dann berstet die Haut, und eine Puppe, welche Fabre » Pseudo-Chrysalide« nennt, blickt daraus hervor, ohne sich ihrer ganz zu entledigen. Fig. c stellt dieselbe dar, welche etwa um ? kleiner ist als die Larve, aus der sie entstand. Sie ist vollkommen bewegungslos, besitzt eine mehr hornige Oberfläche, keine Beine, sondern statt derselben warzenartige Erhöhungen und statt des Kopfes mit ausgebildeten Freßzangen nur eine kugelige Wulst. Die Pseudo-Chrysalide häutet sich abermals, und aus ihr entwickelt sich eine dritte Larvenform. Fabre hat dieselbe zwar nicht selbst aufgefunden, aber wohl ihre Haut, und weil er dieselbe bei einem andern Käfer ( Sitaris humeralis), dessen Entwickelungsgang mit dem der Meloë fast vollkommen übereinstimmt, beobachtet hat, so schließt er auf ihr Vorhandensein und aus dem der letzten Puppe (Nymphe) anhängenden Balge auf eine Form derselben, welche der zweiten Larve ziemlich gleich kommt. Sie steckt ebenso zur Hälfte im Balge der Pseudo-Chrysalide, wie diese in der Haut der zweiten Larve. Die dritte Larve endlich wird zu einer Puppe (Fig. d), in welcher wir, wie bei jeder andern Käferpuppe, die Formen des vollkommnen Kerfs deutlich erkennen.

Diese so höchst wunderbare Entwickelungsweise, abweichend von fast allen andern bekannten, erinnert unwillkürlich an den Generationswechsel der Band- und anderer Eingeweidewürmer und drängt dem Denkenden allerlei Fragen auf. Wir müssen uns hier jeder weitern Erörterung enthalten und bei der Mittheilung der einfachen Thatsachen stehen bleiben, können höchstens noch den Wunsch daran anknüpfen, daß recht viele unsrer geehrten Leser Lust und Gelegenheit haben möchten, diesen Gegenstand selbst einer weitern Prüfung zu unterwerfen. Folgende Thatsache möge hier noch erwähnt werden, welche ein schlesischer Pastor (Leupold) in der »Gesellschaft zur Beförderung vaterländ. Kultur in Breslau« vorgetragen hat, und welche wir dem »Magazin der Entomologie von Germar u. Zinken IV. S. 403« entnehmen: Am 15. Mai 1818 kam die Freigärtnerin S. Schirm von Bankwitz am Zobtenberge, 38 Jahre alt, Hilfe suchend zu mir und erzählte, sie fühle sich seit der Heuernte 1816 höchst unwohl, während sie sich vorher der besten Gesundheit erfreut habe. Ihr sonst reger Appetit sei gänzlich verschwunden, und wenn sie etwas genösse, besonders Kartoffeln und Erbsen, so müsse sie dasselbe immer wieder wegbrechen, oder bekäme ein anhaltendes Würgen, wobei ihr viel gelbgefärbtes Wasser aus dem Munde laufe. Dabei empfinde sie oft eine sehr schmerzliche, nach oben steigende Bewegung in der Herzgrube, und ein steter Drang, den Urin zu lassen, verursache ihr viel Beschwerde und einen brennenden Schmerz. Ihre Lippen und Ränder unter den Augen waren blau, ihr Gesicht blaß und ihr ganzes Ansehen zeugte von großer Schwäche. Auf mein Befragen erfuhr ich, sie habe sich zuerst nach einem Trunk Wasser aus einem Sauerbrunnen während der Heuernte übel befunden. Ich gab ihr eine Auflösung von Tartarus stibiatus. Tags darauf kam Patientin zu mir und erzählte, sie habe nach der vierten Gabe des Vomitivs, in Gefahr zu ersticken, und unter schmerzlichem Kratzen im Halse einen großen schwarzblauen Wurm weggebrochen, den sie, von dem ihn umgebenden Schleime gereinigt, mir mitgebracht hatte und welchen ich als ein ziemlich großes Exemplar der Meloë proscarabaeus erkannte. Nach ungefähr acht Tagen, während welcher Zeit die Frau sich bedeutend wohler befand und stärkende Mittel genommen hatte, gingen ihr Kopf, Halsschild und Beine von einem zweiten Exemplare dieses Käfers ab. Seitdem hat sie sich stets wohl befunden. – Daß die Frau keine Larve des Maiwurms verschluckt haben konnte, wie der Berichterstatter wähnt, geht aus der Entwicklungsgeschichte dieser Thiere hervor; daß ein erwachsener Maiwurm etwa zwei Jahre in ihr gelebt haben sollte, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Wenn hier kein Irrthum obwaltet, bleibt mir die Begebenheit unerklärlich.

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