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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Mehlkäfer.

( Tenebrio molitor)
siehe Bildunterschrift

Larve. Käfer (vergrößert). Puppe.

Gerade diejenigen Kerfe, mit denen wir irgend wie in Berührung kommen, sei es nun, daß sie Mitbewohner unserer Behausungen sind, sei es, daß sie im Garten, auf dem Felde den Besitz uns streitig machen und zu fortwährendem Kampfe herausfordern, verdienen in erster Linie von uns gekannt zu werden. Mit vornehmem Wesen über sie, die Unscheinbaren, hinwegzublicken, wäre unklug nach zwei Seiten hin. Die genaue Kenntniß von ihrer Lebensweise, ihren Gewohnheiten giebt uns Mittel an die Hand, wie wir uns ihrer erwehren können, und erspart uns das beschämende Gefühl, etwas nicht zu wissen, was wir als naheliegend wohl wissen könnten und sollten. Darum wurde schon einiges von dem »Ungeziefer« hier gewürdigt, von welchem unsere Wohnungen eine reiche Auswahl liefern, und manches wird fernerhin zur Sprache gebracht werden. Wenn auch nicht »Ungeziefer« in dem landläufigen Sinne, so kann doch der jetzt in Rede stehende Kerf unter Umständen mindestens unangenehm und lästig werden.

In den Mühlen, Mehlhandlungen, Bäckerhäusern kennt man allgemein den Mehlwurm, ein glänzend gelbes, hartes wurmförmiges Wesen, welches bei genauerer Betrachtung zwölf Ringe zeigt, einen augenlosen Kopf mit kurzen, viergliedrigen Fühlern, dessen Mundtheile nach unten gerichtet sind, sechs Beine mit ebenso vielen Gliedern, zwei feine, hornige Schwanzspitzchen oben und einen warzigen Nachschieber unter jenen. Faßt man es zwischen zwei Fingern, so windet es sich schlangenartig und entgleitet denselben leicht, wie ein Aal. Die Liebhaber von Nachtigallen und anderen Stubenvögeln kennen die Mehlwürmer auch, züchten sie in einem Topfe, wo alte Lumpen, verschimmeltes Brod, Kleie und dergleichen Abfälle eingelegt und jenen zur Nahrung gereicht werden, wenn man sich unabhängig machen will von den Bäckerlehrlingen, welche sonst diese Waare, ein Leckerbissen für alle Insektenfresser unter den Vögeln, zu liefern pflegen. Ich fand sie einst in Menge und von verschiedener Größe in einem etwas Erde haltenden Kasten, welcher zur Zucht von Schmetterlingsraupen eingerichtet war, und den ich mir von einem, ein Bäckerhaus bewohnenden Freunde geliehen hatte. Die Puppen und die ihnen etwa entschlüpften Schmetterlinge waren vom Besitzer rein vergessen worden, und die Mehlwürmer hatten sich derselben bemächtigt. Ein Anderer, welcher sie als Futter für Vögel erzog und gleichzeitig Liebhaber von Vogel- und Säugethierskeletten kleinerer Arten war, überließ den Mehlwürmern und ihren Käfern das Zubereiten derselben. Die knöchernen Ueberbleibsel der Mäuse, Maulwürfe, Sperlinge u. a. sahen zwar von den noch anhängenden und angetrockneten Sehnenenden etwas roh aus, waren aber vom Fleische vollständig gesäubert und bedurften nur einer unbedeutenden Nachhilfe, um den Regeln der Kunst zu entsprechen. Der Umstand endlich, daß man die Mehlwürmer sehr häufig auf Taubenschlägen antrifft, beweist zusammen mit den übrigen Angaben, daß sie nicht sehr wählerisch sind, weder in Kost, noch in Aufenthaltsort, wenn letzterer nur trocken ist, sei es Boden, Scheuer, Mehlkasten, Taubenschlag oder ein ausgedienter Kochtopf, und wenn jene nicht mangelt. Läßt man sie dagegen in einer Schachtel darben, so fressen sie an den Leichen ihrer Genossen oder benagen die Wände ihres Gefängnisses, um zu entweichen. Kleie und Mehl sind ohne Zweifel ihr Lieblingsfutter, nie aber trifft man sie inmitten ihrer Leckerbissen, sondern immer nur auf oder unter dem Boden der betreffenden Behälter oder in den Mühlen an solchen Stellen, wo der sich ansammelnde Mehlstaub jahrelang einen unbeachteten Winkel findet. Ehe sie erwachsen sind, häuten sie sich viermal, und man könnte eine solche Larvenhaut für ein abgestorbenes Thier halten, weil sie wegen ihrer Härte die natürliche Gestalt unverändert beibehält.

Ungefähr im Juli erfolgt die Verpuppung an dem gewohnten Aufenthaltsorte der Larven, gern in einem Winkel, zwischen Brettern, die wohl auch zur Bequemlichkeit an den Rändern etwas abgenagt werden. Abweichend von der Larve ist die Puppe zart und weich, von Farbe weiß, mit deutlichen Gliedmaßen und zwei hornigen, braunen Schwanzspitzen versehen. Jedes Glied erweitert sich seitwärts in einen dünnen, viereckigen Vorsprung mit braun gezähntem Rande. Nach einigen Wochen erscheint der Käfer, anfangs gelb, allmählich dunkelbraun, am Bauche heller, mehr röthlich gefärbt. Er ist ziemlich flach und mit Ausnahme des schmäleren Kopfes in seinem ganzen Verlaufe gleich breit, so daß besonders die Seiten der hinten gerundeten, oben längsstreifigen und schwach querrunzeligen Flügeldecken zwei gerade, unter sich gleichlaufende Linien darstellen. Der platte, vorn gerundete Kopf steht gerade vor und trägt an seinen Seitenrändern, etwas vor den Augen, die elfgliedrigen, perlschnurförmigen, nach ihren Spitzen schwach verdickten Fühler. Das viereckige Halsschild, ringsum am Rande geleistet, ist an den Seiten schwach ausgebaucht und hat vorn stumpfe, hinten rechtwinklige Ecken. Die vier Vorderbeine führen je fünf Fußglieder, das hinterste Paar dagegen deren nur vier. Der sonst versteckt lebende Käfer wird in der Dunkelheit lebhafter, läuft suchend umher und fliegt gern nach dem Lichte. Mir ist es mehr als einmal begegnet, daß er, vom Lampenscheine angelockt, zum offenen Fenster hereinflog und zu beiderseitiger Ueberraschung auf dem Schreibtische urplötzlich lustwandelte. Daher kommt es auch, daß er öfter des Morgens in Räumlichkeiten angetroffen wird, wo er wie seine Larve sich bisher noch nicht hatte blicken lassen. Einer Eigenthümlichkeit sei noch gedacht, die er mit dem Speckkäfer, der Gattung Dermestes überhaupt, dem Pelzkäfer und verschiedenen Mistkäfern theilt, und die der Käfersammler dann kennen lernt, wenn er noch einen weichen, im Weingeiste getödteten Käfer auf eine Nadel spießen will. Die von der Feuchtigkeit durchdrungenen Körpertheile hängen so lose zusammen, daß der Druck der Nadelspitze auf die Widerstand leistende rechte Flügeldecke ausreicht, um das Halsschild an einem Hautcylinder von den Flügeldecken weit abzurücken, die Hinterleibsspitze und den Kopf lang heraustreten und die Flügeldecken selbst sich gegeneinander verschieben zu lassen. Wenn dann die Nadel glücklich durch den Körper gegangen ist, so hat dieser eine verschrobene, ausgedehnte und mithin nicht natürliche Form. Man muß dergleichen Käfer darum vollkommen austrocknen lassen, bevor man sie auf eine Nadel behufs der Aufstellung in der Sammlung bringt, vor dem Durchstechen sie aber nur soweit auf feuchtem Sande einweichen, daß die Beine etwas geschmeidig und weniger zerbrechlich werden.

Man nimmt an, daß die Entwickelungszeit vom Eie bis zum vollkommenen Kerfe ein Jahr dauere, jedenfalls kürzen reichliche Nahrung und günstige Witterung dieselbe nicht unerheblich ab. Uebrigens hat es seine großen Schwierigkeiten, die Mehlkäfer da los zu werden, wo sie sich einmal eingenistet haben. Durch Aussieben des Mehls entfernt man die Larven aus demselben; die Behälter desselben müssen ausgeklopft und ausgebrüht werden, und längere Zeit unbenutzt stehen, wenn man die Eier vertilgen will. Um die Mehlkästen von Haus aus vor diesen unangenehmen Eindringlingen zu schützen, wird vorgeschlagen, sie mit feinem Drahte zu überziehen, damit kein Käfer zum Ablegen seiner Eier hineindringen kann, da er in demselben sich nie von selbst erzeugt, wie wohl diejenigen geglaubt haben, welche ihrer Meinung nach alle Vorsichtsmaßregeln, aber erfolglos zur Verhinderung seines Eindringens von außen her angewendet hatten. Sorgfältiger Verschluß der Kästen und große Reinlichkeit in ihrer Umgebung ist beinahe noch nothwendiger und entschieden einfacher als jene Vorkehrung.

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