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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Der Werkholz-Nagekäfer, Bretterbohrer, eine der sogenannten »Todtenuhren«.

( Anobium stratium)
siehe Bildunterschrift

Larve. Käfer (vergrößert).

An einzelnen Gerätschaften und unentbehrlichen Gegenständen unserer Wohnzimmer, wie etwa einer altehrwürdigen Kommode, oder dem Sorgenstuhle in der Nähe des Ofens, auf welchem schon vor beinahe einem Jahrhundert der Urahne sein Mittagsschläfchen gehalten haben mochte, vielleicht auch an einem Tische, den wir noch nicht gar lange zuvor billig in einem Möbelmagazine angekauft hatten, entdecken wir zu unserm großen Verdrusse mitunter kreisrunde Löcher von der Größe eines Stecknadelkopfes und wissen nur zu gut, daß der »Wurm« im Holze steckt. Kleine Häuflein gelblichen Mehles verdecken jene auch wohl anfangs auf wagerechten Flächen, aber auch sie verrathen den noch thätigen Feind im Innern; ja ein Schrapen und gleichmäßiges Bohren zeigt seine Gegenwart sogar unseren Ohren an, wenn die abendliche Stille dieselben für das leiseste Geräusch empfänglich gemacht hat. Der »Wurm« sucht nicht das Tageslicht, von ihm rühren auch die äußerlich wahrnehmbaren Löcher nicht her, er arbeitet vielmehr nur Gänge im Innern, jene sind die »Fluglöcher«, aus denen der Käfer zum Vorscheine kommt, der jenen Minirern seinen Ursprung verdankt und sogleich vorgeführt werden soll.

In dem Klassenzimmer eines an Balken reichen Schulgebäudes hatte ich früher Gelegenheit, diese Thiere zu beobachten, welche während des ganzen Frühjahrs und Sommers an dem unangestrichenen Holzwerke der Fenster zahlreich umherkrochen und in den Geweben der ebenfalls reich vertretenen Spinnen todt umherhingen. Der Kopf ragt nur wenig aus dem buckeligen, kapuzenartigen Halsschilde hervor und trägt elfgliedrige Fühler, deren erstes Glied größer und dicker als die übrigen, die drei letzten lang und etwas breitgedrückt sind. Das Halsschild hat an den Seiten und hinten schwach aufgeworfene Ränder, die am Hinterwinkel unter einer aufgebogenen, stumpfen Ecke zusammenstoßen, und vor dieser hintern Leiste eine tiefe Grube, welche in ihrer Mitte wie durch einen brückenartigen Längskiel unterbrochen ist; man könnte also auch sagen, daß sich vor dem Hinterrande jederseits eine tiefe Grube finde. Die Flügeldecken sind punktirt gestreift, d. h. sie haben Längsfurchen und in diesen grobe, gleichmäßig von einander entfernte Punkteindrücke. Die schwachen, sonst nicht weiter ausgezeichneten Beine führen alle fünf Fußglieder und das letzte derselben die gewöhnlichen beiden Krallen. Der ziemlich drehrunde Körper des Käfers ist hellbraun, mit feinen gelben Härchen bedeckt, so daß er unter einem gewissen Sehwinkel seidenartig erglänzt. Er kriecht nicht allzuschnell an jeglichem Holzwerke umher, fliegt auch, besonders im Sonnenscheine, davon und stellt sich, wie der Speck- und Pelzkäfer (S. 39), gern todt. Die zahlreichen Arten der Weichkäfer sind zum Theil schwierig zu unterscheiden: die einen haben blaue oder blaugrüne, andere schwarze, noch andere blaßgelbe Flügeldecken. Die Färbung des Halsschildes, der Beine und der Fühler, wie noch manche feinere Unterschiede müssen zu Hilfe genommen werden. Die Bildung der Fußklauen unterscheidet sie wieder von andern, ihnen sonst sehr ähnlichen Käfern, die der Mundtheile, die häufig zu Rathe gezogen werden müssen, von noch andern. Die Ansicht, daß eine der gelben Arten, die man häufig an Roggenähren hängen sieht, wo sie mitunter die Blütentheile verzehrt, zu der Bildung des Mutterkornes Veranlassung gebe, ist längst in das Reich der Fabeln verwiesen worden. Man begegnet ihm auch im Freien, an dürrem Holze altersschwacher Bäume weicherer Art, am Balkenwerke der Häuser, an allerlei Gerätschaften, die vielleicht längere Zeit ungebraucht gelegen haben. Außer an Nadelholz, das er allem andern vorzieht, hält er sich an die weichen Laubholzarten wie Pappeln, Linden, Birken, Ellern, auch an Kirsch- und Nußbaumholz; im noch grünen der stehenden Bäume lebt er nie.

Im Juni zeigen sich die Bretterbohrer am häufigsten und nicht selten paarweise. Der kleinere Käfer in solchem Pärchen ist immer das Männchen. Um diese Zeit kann man an Stellen, wo sie vereinzelter vorkommen, unter besonders begünstigenden Umständen Zeuge eines höchst eigentümlichen Gebahrens aller Arten der Gattung Anobium sein. Von der in Rede stehenden dürfte es wegen der Kleinheit weniger möglich werden, als von einigen andern größeren, welche wieder zu anderer Zeit erscheinen, namentlich von dem bunten » Klopfkäfer« ( A. tessellatum). Als ich am 15. und 16. April (1872) in den Nachmittagsstunden an meinem Arbeitstische saß, vernahm ich zu meiner Linken ein regelmäßiges und lautes Klopfen. Da es am ersten Tage nicht lange anhielt, forschte ich demselben nicht weiter nach, am zweiten wiederholte es sich öfter, und bei näherer Untersuchung fand sich oben an der Wand zwischen den Fenstern ein Käfer der genannten Art, welcher mit dem Halsschilde gegen den über ihn wegreichenden Rand der etwas gelösten Tapete tacktmäßig anschlug und hierdurch den lauten Ton hervorgebracht hatte. Vorderbeine und Fühler angezogen, ruht der Käfer hauptsächlich auf den Mittelbeinen und schnellt seinen Körper in gleichen Zwischenräumen auf und nieder, so daß Stirne und Vorderrand des Halsschildes an einen festen Gegenstand, wie hier an die lose Tapete, in andern Fällen an Holz anschlägt. Was mag dieses sonderbare Spiel zu bedeuten haben? Herr Becker hat, durch die Umstände begünstigt, nach mehrjährigen Beobachtungen das Räthsel gelöst. Nachdem derselbe in zwei voraufgegangenen Jahren sich seine Ansicht bereits gebildet hatte, erzog er am ersten April aus altem Holze ein Männlein und ein Weiblein und brachte jedes einzeln in ein wohl verschlossenes, leeres Streichholzbüchschen. »Am 8. April«, berichtet er, »hörte ich den einen Käfer gegen Abend klopfen, worauf der andere bald antwortete. Das Männchen war zu meinem Leidwesen in der Nacht gestorben, das Weibchen machte mir aber um so größere Freude; denn als ich mit einer Stricknadel durch Stoßen auf den Tisch dessen Klopfen nachzuahmen suchte, antwortete es mir mit demselben Zeichen und zwar an späteren, warmen Tagen zu jeder Zeit und mit einer solchen Heftigkeit, daß sich leicht deren Ursache – Liebessehnsucht – verrieth. Am 2. Mai antwortete mir der Käfer zum letzten Male; bis zum 15. Mai lebte derselbe noch, ohne in sechs Wochen mir bekannte Nahrung zu sich genommen zu haben.« Unzweifelhaft ist demnach dieses Klopfen ein Mittel, durch welches sich beim vereinzelten Vorkommen der Käfer die Geschlechter zusammenfinden. Wegen der bedeutenderen Kleinheit des Werkholz-Nagekäfers und wegen seines massenhafteren Auftretens wird man von ihm das Klopfen so leicht nicht zu hören bekommen. Vollkommene Ruhe muß außerdem herrschen. Da diese in der Nachtzeit am vollkommensten ist und da derjenige, welcher am Bette eines schwer Kranken wacht, das leiseste Geräusch in seiner Umgebung vernehmen muß, so ist auch von manchem schon, der keine Ahnung von dem Urheber hatte, jenes Ticken vernommen und wegen seiner Unkenntniß in abergläubischer Furcht mit dem Kranken in Verbindung gebracht worden, denn die »Todtenuhr« Die eine Art der »Todtenuhren«, Anodium vertinax, heißt auch der » Trotzkopf, von seinem halsstarrigen Wesen, welches er in so hohem Grade an den Tag legt, daß ihm schwerlich ein anderes Insekt darin gleich kommt. Wenn er nämlich Beine, Fühler und Kopf an- und eingezogen hat und wie todt daliegt, so ist man nicht im Stande, ihn dahin zu bringen, irgend welches Lebenszeichen von sich zu geben. Weder Feuer noch Wasser, noch eine andere Art von Folter vermag etwas bei ihm auszurichten. Man kann ihn zerschneiden, zerreißen, einem schwachen Feuer ganz allmählich nähern, lieber läßt er sich langsam schmoren und verbrennen, ehe er ein Glied rührt und an Flucht denkt: eine Unempfindlichkeit, über welche man staunen muß, da sie alle Grenzen des natürlichen Triebes der Selbsterhaltung zu übersteigen scheint. Läßt man ihn aber still liegen, ohne ihn zu quälen, so kommt er nach geraumer Zeit wieder zu sich, versucht es, sich wieder zu bewegen und fortzulaufen, jedoch sehr langsam, als wenn er aus einer Art von Starrkrampf erwacht wäre.schlägt. Der Kranke ist gestorben und die Sache hat ihre Richtigkeit: wo die Todtenuhr tickt, da wird bald jemand sterben. So führt die Unkenntniß sehr natürlicher Dinge zum Glauben an Uebernatürliches und zum – Aberglauben!

Im Juni also ist für unsere Art die Paarungszeit. Das Weibchen kriecht dann zurück in eines der Bohrlöcher oder in einen Ritz des alten Holzes da, wo eine neue Ansiedelung erfolgt, und legt seine Eier ab, worauf es stirbt. Die Larven schlüpfen nach wenigen Wochen aus und ernähren sich von dem Holze, dessen Oberfläche sie schonen, das Innere dagegen nach und nach durch ihre Gänge durchwühlen, die mit dem staubartigen »Wurmmehle« angefüllt sind. Bei ihrer Arbeit bringen sie den im Eingange erwähnten schrapenden Laut hervor. Die Larve, welche unsere Abbildung in natürlicher Größe und vergrößert vorführt, hat, wie die Vergleichung lehrt, in ihrer Form und sonstigen fleischigen Beschaffenheit die meiste Aehnlichkeit mit der des Haselnußrüßlers, des schwarzen Kornwurms, überhaupt aller Rüsselkäfer und des Buchdruckers, nur dürfen die sechs kurzen Brustfüße nicht übersehen werden, die den beiden ersteren gänzlich fehlen und bei der letzten durch etwas borstige Wärzchen ersetzt sind. Die weißliche Farbe hat sie mit allen vom Lichte abgeschlossenen Insektenlarven gemein. Wenn sie erwachsen ist, was in kaum Jahresfrist der Fall sein dürfte, so nagt sie sich eine weitere Höhlung und wird hier zu einer Puppe, die, wie überall, die Formen des künftigen Käfers erkennen läßt. Dieser, wenn er die Puppenhäute abgestreift hat, bleibt in seiner Wiege liegen, so lange er noch weich ist, setzt dann das Handwerk der Larve fort, bis ihn endlich der Trieb der Fortpflanzung seines Geschlechts aus seinem Verstecke hervorlockt.

Da diese Thierchen den allergrößten Theil ihres Gesammtlebens auf abgestorbenes Holz angewiesen sind, so können sie hier mit der Zeit etwas leisten, besonders an Orten, wo sie nicht gestört werden und ihrer Vermehrung kein Einhalt gethan wird, wie z. B. in Kirchen, unbewohnten Schlössern u. dgl., wo sie an Bildsäulen, werthvollen Schnitzereien u. s. w. erheblichen Schaden anrichten. Man hat deshalb auf verschiedene Mittel gesonnen, sich vor ihren Zerstörungen zu sichern. Der beste Schutz des Werkholzes besteht in baldigem Entrinden, luftigem Aufsetzen und trockener Aufbewahrung. Dasjenige, welches man nicht in trockenem Zustande glaubt erhalten zu können, muß man schnell aufarbeiten. Gegenstände, wie die eben genannten, können vor ihrer Aufstellung einige Male durch Anstrich von Quecksilbersublimat oder Arseniklösung vergiftet werden, andere Dinge werden durch Trockenhalten und den häufigen Gebrauch hinreichenden Schutz finden. Das Holz, welches einmal angegangen ist, läßt sich in den wenigsten Fällen von dem weiteren Verderben retten, da die innenwohnende Brut nur durch Hitze getödtet werden kann; selten nur wird es aber möglich sein, die Gegenstände derselben auszusetzen, weil entweder ihre Größe geeignete Vorkehrungen unmöglich macht, oder ihre sonstige Beschaffenheit das Erhitzen verbietet. Wem ein Käfer begegnet, der lasse ihn nicht mit dem Leben davon!

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