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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 106
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Wurzellaus der Rebe, Reblaus.

Einige hervorragendere Erscheinungen aus der so reichen Literatur über die Phylloxera vastarix: David Dr. Georg, die Wurzellaus des Weinstocks etc. Wiesbaden 1875 – Dr. A. Blankenhorn u. Dr. L. Moritz, desgl. Heidelberg 1875 – Dr. D. Wittmack, die Reblaus. Berlin 1875 – Le Philloxera ailé et sa descendance par M. P. Boiteau. Libourne 1876 – Le Philloxera dans le canton de Genève etc. par V. Fatio et Demole_Ador. Genéve 1876.

( Phylloxéra vastatrix)
siehe Bildunterschrift

a. An einem Wurzelstück überwinternde Läuse. b. Eine saugende Wurzellaus von der Seite. c. Dieselbe von der Unteransicht, neben ihr zur Rechten der Schnabel besonders dargestellt. d. Geflügelte Wurzellaus. e. Faserwurzeln mit den durch das Saugen entstandenen Knoten (nur a und e in natürlicher Größe, alle andern Figuren stark vergrößert).

Sonderbare Dinge sind von den Blattläusen zur Sprache gebracht worden, aber noch wunderbarer und mehr verwickelt gestalten sich die Verhältnisse, wenn der engere Begriff der »Blattläuse« aufgegeben und zu dem weiteren der »Pflanzenläuse« übergegangen wird. Die Gallenläuse, wie beispielsweise die wolltragende Pappel-Gallenlaus, ( Pemphigus bursarius) welche sich in den gedrehten Knoten an den Blattstielen der Italienischen Pappel und der Schwarzpappel entwickeln, die gemeine Tannenlaus ( Chermes abietis), welche an den jungen Trieben der Rothtanne die ananas-ähnlichen Zäpfchen erzeugt u. a. sind nicht nur hinsichtlich ihrer Oekonomie, sondern auch im Fortgange ihrer Vermehrung von den Aphisarten verschieden, wie schon Degeer erkannt hatte. Bei vielen von ihnen treten die Geschlechtsthiere im Frühjahre auf, geflügelte und ungeflügelte Ammen kommen nicht, wie dort, mit einander, sondern nach einander vor und die ganze Lebensgeschichte ist eine Folge von mindestens dreierlei verschiedenen Formen. Doch können wir uns hier nicht weiter in einen Gegenstand vertiefen, der uns noch manches Räthsel aufgiebt, sondern wollen uns auf eine Art beschränken, welche ungestört im Verborgenen fortwirkt, nachdem sie bereits den Preis gewisser französischer Weine vertheuert und Frankreich schwere Geldopfer auferlegt hat, eine Laus, welche das Deutsche Reich schon mit Tausenden von Mark an Diäten und Reisekosten besteuert hat, ohne ihren verheerenden Einzug in dasselbe gehalten zu haben, die Furcht und Schrecken einflößende, im Munde aller Welt lebende – Reblaus.

Es mochte im Jahre 1864 sein, als man besonders in den Weinbergen des südöstlichen Frankreichs einer Erscheinung allgemeinere Aufmerksamkeit zugewendet hatte, die bis dahin vereinzelter aufgetreten war, sich aber immer weiter verbreitete und zu bangen Besorgnissen für den gedeihlichen Fortgang des ausgedehnten Weinbaues in dem genannten Lande Veranlassung gab. Die Erscheinung besteht darin, daß, von einem Punkte ausgehend, sich aber in immer größer werdende Kreise ausdehnend, die Blätter der Weinstöcke früher gelb werden als bei gesunden Pflanzen, daß sie sich von den Rändern her einrollen, daß die Trauben kleiner bleiben und nicht ordentlich reif werden. Im nächsten Frühjahre entwickeln sich die Triebe solcher Stöcke viel mangelhafter und das Grau- und Dürrwerden der Blätter leitet allmählich das völlige Absterben der ganzen Pflanze ein. Bei näherer Untersuchung des getödteten Stockes ergiebt sich eine weit vorgeschrittene Fäulniß an den Wurzeln, namentlich sind alle seinen Saugwurzeln verschwunden. Dies der Befund der Erscheinung, deren Ursache zunächst räthselhaft blieb, bis man Rebstöcke untersuchte, welche eben erst zu kränkeln begannen. An solchen fanden sich die ernährenden Saugwurzeln in einer Weise verunstaltet, wie es unsere Fig. e vergegenwärtigt. Unregelmäßige, runde, wurstförmige Knötchen zeigen sich an einzelnen Stellen und an einem jeden derselben besonders in der Kniebiegung, die sie gern bilden, eine gelbe Laus oder eine kleine Gesellschaft solcher, die hier saugen. Durch ihr Saugen erzeugen sie diese krankhaften Anschwellungen und zerstören dadurch die Wurzeln; denn bald gehen jene in Verwesung über, längst schon sind dann die Läuse abgezogen, um an gesunden Stellen ihr Zerstörungswerk fortzusetzen. Der Weinstock hat nun zwar das Bestreben, durch Neubildung von Wurzeln den erlittenen Schaden wieder auszubessern, und namentlich sind es die amerikanischen Sorten mit ihrem viel reicheren Wurzelwerke im Vergleiche zu unsern heimischen, welche länger Widerstand leisten können, allein bei dem massenhaften Auftreten des Feindes, der sich gleich unsern oberirdischen Blattläusen ungemein rasch und stark vermehrt, hört zuletzt jede Widerstandsfähigkeit auf. So ist es denn gekommen, daß in der kurzen Zeit von etwa 12 Jahren mehr Flächenraum an Weinbergen in Frankreich zerstört worden ist als der Weinbau in ganz Deutschland in Anspruch nimmt. Einige Zahlen mögen die Größe und die schnelle Verbreitung des Uebels klarer darlegen als viele Worte. Im Departement Vaucluse gab es im Jahre 1871 von 31,028 Hecktaren Weinland deren nur noch 5000 gesunder Weinberge, die im März 1872 auf 2500 zusammengeschmolzen waren. Die Durchschnittsernte der Gemeinde Graveson hatte zwischen 1865 und 1867 noch einen Ertrag von 10 000 Hektoliter geliefert, derselbe betrug im Jahre 1868 noch 5500 Hektoliter, 1869 nur noch 2200 und im folgenden Jahre hatte er gänzlich aufgehört. Das Departement le Gard schätzte seinen jährlichen Ernteertrag vor der Verseuchung auf 1,400,000 bis 2,400,000 Hektoliter Wein, 1876 war dieser aus 241 000 Hektoliter herabgesunken. Daß dergleichen Erfahrungen, welche sich im ganzen Südosten von Frankreich wiederholten, die größte Aufregung im Lande und in allen Weinbau treibenden Gebieten Europas überhaupt hervorrufen mußten, liegt auf der Hand. Nachdem die verständigeren Leute die Einsicht gewonnen hatten, daß die Reblaus die Ursache der Krankheit und ihr Auftreten nicht die Folge der durch die Bodenverhältnisse, unzweckmäßige Behandlungsweise u. dgl. herabgekommen und entarteten Weinpflanzen sei, forschte man nach, woher der Feind gekommen und wie er seine Lebensökonomie einrichte; denn ohne Beantwortung dieser Vorfragen durfte man nicht erwarten, erfolgreich gegen ihn einschreiten zu können.

Weinbergsbesitzer und Männer der Wissenschaft wetteiferten mit einander und jeder bemühte sich zur Aufklärung in der so hochwichtigen, über Wohl und Wehe zahlreicher Gemeinden entscheidenden Angelegenheit sein Scherflein beizusteuern. Männer wie Planchon, Signoret, Lichtenstein, Balbiani, Laliman, Faucon, Cornu, Boiteau, Fatio u. a. haben sich nach der einen oder der andern Seite hin große Verdienste erworben; es würde jedoch zu weit führen, wenn wir der Reihe nach die Verdienste der einzelnen aufzählen und Schritt für Schritt die Erweiterung der gewonnenen Erkenntnisse aus einander setzen wollten, vielmehr müssen wir uns mit den wichtigsten Ergebnissen begnügen, die zur Zeit noch zu keinem nach allen Seiten hin befriedigenden Abschlusse gelangt sind.

Das Auftreten der Reblaus an vereinzelten Stellen, welche weit entfernt von eigentlichen Krankheitsherden liegen, wie in den Bergen der Weinbauschule Klosterneuburg bei Wien, in den Parkanlagen zu Annaberg bei Bonn und in einem Weinberge bei Pregny unweit Genf forderte zu weiteren Nachforschungen auf, welche ergeben haben, daß man in englischen Treibhäusern dieselbe Erscheinung schon seit länger beobachtet hatte und daß der neue Rebenfeind aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt sein müsse: eine Vermuthung, welche nach fortgesetzten Erfahrungen zur Gewißheit geworden ist, soweit man in derartigen Angelegenheiten überhaupt von Gewißheit sprechen darf. Es ist sodann im Laufe der Zeit herausgebracht worden, daß man seit dem Jahre 1853 in Nordamerika nähere Bekanntschaft mit demselben Ungeziefer gemacht habe, welches von Asa Fitch den Namen Pemphigus vitifolii erhalten hat. Schimer gründete den Gattungsnamen Dactylosphaera auf dieselbe Laus. Nachdem sie 1863 in englischen Gewächshäusern aufgefunden worden war, belegte sie der Altvater in der Kerfkunde, Westwood, mit dem Namen Peritymbia vitisana, weil er sie für neu und unbeschrieben hielt. Planchon endlich taufte sie 1868 zum vierten Male und legte ihr den Namen Phylloxera vastatrix bei. Gegen die Regel, welche die Männer der Wissenschaft aufgestellt haben, daß nämlich der älteste Name eines gleichzeitig zur Genüge beschriebenen Kerfes der allein berechtigte sei, müssen wir in diesem Ausnahmsfalle wohl den jüngsten Namen gelten lassen, weil er sein Bürgerrecht so schnell im Volke erlangt hat.

Die erschreckenden Nachrichten über die reißende Schnelligkeit, mit welcher sich die Reblauskrankheit über Frankreichs gesegnete Weingelände ausbreitete, drangen natürlich über den Rhein, erfüllten die deutschen Weinbauer mit bangen Besorgnissen und veranlaßten eine Anzahl Vertreter der deutschen Nation im Reichstage ein Gesetz »Maßregeln gegen die Reblauskrankheit betreffend« einzubringen. In der vierzigsten Sitzung am 9. Januar 1875 wurde die Vorlage zum ersten und zweiten Male, in der sechsundfünfzigsten am 29. Januar zum dritten Male berathen und angenommen. Das unter dem 6. März veröffentlichte Gesetz lautet:

§ 1. Der Reichskanzler ist ermächtigt: 1. Ermittelungen innerhalb des Weinbaugebietes der einzelnen Bundesstaaten über das Auftreten der Reblaus ( Phylloxera vastatrix) anzustellen. 2. Untersuchungen über Mittel zur Vertilgung des Insekts anzuordnen. – § 2. Die von dem Reichskanzler mit diesen Ermittelungen und Untersuchungen vertrauten Organe sind befugt, auch ohne Einwilligung des Verfügungsberechtigten den Zugang zu jedem mit Weinreben bepflanzten Grundstücke in Anspruch zu nehmen, die Entwurzelung einer den Zweck entsprechenden Anzahl von Rebstöcken zu bewirken und die entwurzelten Rebstöcke, sofern sie mit der Reblaus behaftet sind, an Ort und Stelle zu vernichten. – § 3. Die durch die Ausführung dieses Gesetzes erwachsenden Schäden werden aus Reichsmitteln bestritten.

Infolge dieses Gesetzes tagte vom 22. bis 26. April in Berlin eine Commission, welche über die Ausführung desselben ihr Gutachten abzugeben hatte und nach welchem für die verschiedenen Gegenden »ständige Kommissarien« und »Sachverständige« bestellt worden sind. Zu letzteren gehört für die Provinzen Sachsen, Schlesien und Brandenburg der Schreiber dieses. Durch die Thätigkeit der näher bezeichneten Persönlichkeiten und durch die außerordentliche Wachsamkeit des Reichskanzler-Amts ist bisher (Oktober 1877) ermittelt worden, daß der deutsche Weinbau zur Zeit noch nicht unter jenem gefährlichen Feinde gelitten hat, daß aber die Reblaus in verschiedenen Handelsgärtnereien und vereinzelt an Reben, welche aus ein und der andern dieser Gärtnereien bezogen worden waren, vorhanden ist, jedoch noch nicht in der Ausdehnung, um an dem verseuchten Stocke irgend welches Krankheitszeichen oberirdisch sichtbar zu machen. Die Rebschulen von J. Booth in Klein-Flottbreck bei Hamburg, von Peter Smith in Bergedorf, von Hange und Schmidt und K. Platz und Sohn in Erfurt, von Baumann in Bollweiler (Ober-Elsaß), nach neuesten Zeitungsnachrichten auch die von Louis Simon Frères in Plantières bei Metz sind als Reblausherde erkannt und zum Theil ausgerottet, zum Theil durch polizeiliche Verbote lahm gelegt worden. Abgesehen von vereinzelten kranken Reben bei Cannstadt, Coburg, Arlesberg u. a. ist bisher die Reblaus in einem Weinberge bei Stuttgart in solcher Ausdehnung aufgetreten, daß der größte Theil desselben hat ausgerottet und der Boden desinficirt werden müssen. Hoffen wir von der Zukunft das Beste!

Nach dieser geschichtlichen Mittheilung wird es endlich Zeit, den bösen Feind in seiner äußern Erscheinung und nach seiner Entwickelungsweise näher kennen zu lernen. In Hinsicht auf letztere bin ich den Mittheilungen Lichtenstein's in Montpellier gefolgt, die ich in ihren Hauptzügen mit dem Bemerken wiedergeben werde, daß die höchst zusammengesetzte Vermehrungsart nicht allerwärts nach jenen Erfahrungen erfolgt und unter noch nicht zu erklärenden Umständen nicht zu erfolgen braucht. Während des Winters finden sich die Wurzelläuse in kleinen Gruppen an etwas älteren Wurzeln (s. Fig. a). Sie haben eine bräunlichgelbe Färbung und machen sich, besonders durch das gesellige Beisammensein als gelbe Fleckchen, schon dem unbewaffneten Auge bemerkbar. Sobald sich im Frühjahre der Boden erwärmt hat, erwachen sie aus ihrer Erstarrung, häuten sich einmal, wonach ihr Kleid eine straffere Haltung und eine reiner gelbe Farbe angenommen, suchen die jüngeren Wurzeln auf, an denen sie, wie wir wissen, saugend Anschwellungen erzeugen und befinden sich im erwachsenen Zustande. Eine solche Reblaus (Fig. b und c) erreicht oder übertrifft ein wenig die Größe (0,75 mm) und steht in ihrer Körperform der vorher erwähnten Tannenlaus ziemlich nahe. Die dreigliedrigen Fühler bestehen aus 2 kurzen, dicken Grundgliedern und einem bedeutend längern und quergeringelten Endgliede, welches in eine löffelförmige Spitze ausläuft und einige Borsten trägt. Die beiden zusammengesetzten Augen sind deutlich, noch bemerkbarer der lange Schnabel an der Unterseite des Kopfes, welcher ? der Körperlänge erreicht und als eigentliches Pumpenwerk 3 Borsten in sich schließt. Wegen der Feistigkeit lassen sich die Abschnitte des Körpers schwer unterscheiden. Die drei nach dem Kopfe folgenden Ringe tragen je ein Paar dreigliedriger, kurzer Beine, deren Spitze mit mehreren eigenthümlichen kurzen, in kleinen Knöpfchen endenden Haaren besetzt sind. Der sich allmählich stumpf zuspitzende Hinterleib beträgt kaum den dritten Theil der ganzen Körperlänge. Ueber den Rücken der Laus laufen einige Reihen runder, schwacher Erhabenheiten, die vor den einzelnen Häutungen bemerkbarer als nach denselben sind. Die so eben beschriebenen, an den Wurzeln lebenden Läuse entsprechen in Hinsicht auf ihre Vermehrung den sogenannten Ammen der Blattläuse, mit dem alleinigen Unterschiede, daß sie elliptische Eier legen und nicht lebendig gebären. Nach durchschnittlich acht Tagen schlüpft eine Larve aus jedem Eie, die sich dreimal häutet und dann gleichfalls Eier legt. In dieser Weise geht es den ganzen Sommer hindurch fort, so daß je nach 12 bis 20 Tagen von Beginn des Eies an eine reife Amme an Stelle dieses getreten ist. Die Durchschnittszahl der von jeder Amme gelegten Eier beträgt 30, und hiernach kann sich jeder leicht berechnen, wie viel Millionen Wurzelläuse von einer Amme im Laufe eines Sommers abstammen können, wenn die Witterung anhaltend warm ist, die Nahrung anhaltend zufließt.

Zu einer bestimmten Zeit, welche für die verschiedenen Gegenden von den mittleren Wärmeverhältnissen abzuhängen scheint und in Frankreich zwischen Mitte Juni bis Mitte September fällt, treten neben den bisherigen Läusen solche mit etwas kleinerem Kopfe, wenig längerem dritten Fühlergliede, deutlicheren Rückenwarzen und – Flügelstumpfen auf, aus denen nach der letzten Häutung vollkommene Flügel entstehen, dieselben liegen nicht dachförmig, sondern wagerecht über dem Rücken und überragen ihn weit nach hinten. Die verhältnißmäßig kräftigen Adern verlaufen wie bei den oberirdischen Blattläusen als Schrägäste von der Randader aus und zwar zwei solcher im Vorderflügel, deren zweiter sich einfach gabelt, während der Hinterflügel sich mit einer astlosen Randader begnügt. Diese geflügelten Läuse (Fig. d) sind gleichfalls Ammen, brauchen zu ihrer Entwickelung etwas mehr Zeit als die flügellosen und sind beweglicher als diese; denn sie verlassen kurz vor der letzten Häutung die Wurzeln, kriechen aus der Erde hervor und an den oberirdischen Theilen des Rebstockes in die Höhe. Ohne Zweifel werden sie durch die Luft auch weiter getragen und sind gewiß dazu bestimmt, neue Kolonien zu gründen an von ihren Geburtsstätten entfernteren Orten. Sie sind anfangs gänzlich übersehen und noch nicht überall da beobachtet worden, wo sich an den Wurzeln ungeflügelte Läuse vorfinden. Diese geflügelte Laus ist aber nicht blos zur Weiterverbreitung ihrer Art, sondern auch zur Anbahnung einer geschlechtlichen Fortpflanzung angethan. Sie legt nämlich gleichfalls, unbefruchtet wie ihre flügellosen Schwestern, Eier, aber nur zwei bis vier von verschiedener Größe, und zwar am liebsten in die Rippengabeln an der Unterseite eines Blattes, auch an eine Knospe und ausnahmsweise an das Holz. Diese Eier weichen von den bisher erwähnten etwas ab: die größeren 0,32 und 0,15 mm in ihren beiden Hauptrichtungen messend, liefern nach 6-10 Tagen ungeflügelte Weibchen, die kleineren 0,28 und 0,12 mm Durchmesser, ungeflügelte weit seltenere Männchen. Hr. Lichtenstein bezeichnet jene Gebilde als »Puppen«, aus welchem Grunde, wird sich gleich zeigen, und nennt die Phylloxeriden – man kennt nämlich außer den an Reben lebenden noch verschiedene andere Arten, z. B. auch eine an den Blättern unserer Eichen weit verbreitete – »puppenbringende Gleichflügler« ( Homoptera pupifera).

Die Geschlechtsthiere werden vom August bis in den Oktober angetroffen, haben entwickelte Augen, gedrungene, gleichmäßig stumpf zugespitzte, also nicht schräg zugeschärfte Fühler, keinen Schnabel und auf der gelben Grundfarbe des Körpers einige röthliche Stellen. Wegen des Mangels der Mundtheile können sie sich nicht ernähren, also auch nicht wachsen, sondern kommen in voller Ausbildung aus den »Puppen«. Das Männchen wird von den verschiedenen Schriftstellern kurz abgefertigt, weil es noch wenig untersucht sein mag; man berichtet nur von ihm, daß es bald absterbe, nachdem es sich mit einem oder zwei Weibchen gepaart habe. Das Weibchen, bei 0,38 mm. Länge, deren ungefähr 0,15 breit, birgt in seinem Innern ein einziges, das sogenannte Winterei. Dasselbe wird an das oberirdische Holz und zwar an solche Stellen abgelegt, wo durch Ablösung der alten Rinde von der jungen Hohlräume entstanden sind. Die ausgewählten Stellen setzen mithin ein gewisses Alter des Holzes voraus, und Boiteau, dem wir diese Beobachtung verdanken, hat an älterem als an zehn- bis zwölfjährigem keine Wintereier aufgefunden. Man findet mehrere beisammen, so daß sich die Weibchen in jenen Gallerien anzusammeln scheinen, um ihr Ei zu legen, selbst dann, wenn sie nicht befruchtet sind. Die unbefruchteten Eier sehen gelb aus, schrumpfen aber später zusammen, während das befruchtete Ei die Farbe der Rinde hat, an welcher es klebt und daher schwer zu erkennen ist; walzig in seiner Form, rundet es sich an den Enden ab und mißt 0,21 bis 0,27 mm. in dem längsten Durchmesser, 0,10 bis 0,13 in dem kürzeren. Zwischen der zweiten Hälfte des April und der ersten des Mai entsteht an dem einen Ende ein halbkreisförmiger Riß, aus welchem eine ungeflügelte Stammmutter hervorkriecht. Sie unterscheidet sich in ihren Körperumrissen nicht von einer Wurzelbewohnerin, trägt aber die gleichmäßig zugespitzten Fühler einer geflügelten Laus. Sie ist in ihrer Jugend sehr beweglich, begiebt sich auf eine Knospe, gelangt mit deren Entwickelung auf ein zartes Blatt, in welches sie ihren Rüssel einbohrt und hierdurch eine Galle erzeugt, von der wir gleich weiter berichten werden. In dieser erlangt sie nach mehreren Häutungen ihre volle Größe von 1 bis ? mm., eine mehr bräunliche oder grünliche Färbung, legt Eier, aus denen junge Brut entsteht, welche nie ihre Größe erreicht, wieder Eier legt und durch das Saugen ihrerseits die Zahl der Gallen vermehrt. Nachdem in dieser Weise durch mehrere Bruten hindurch die Vermehrung der Läuse und, gleichen Schritt damit haltend, der Gallen vor sich gegangen ist, suchen erstere die Erde auf, um den Erdgebornen frische Kräfte, »reines Blut« zuzuführen und den Kreislauf zu vollenden. Nach der letzten Häutung nehmen die Fühlerspitzen die Form der Wurzelbewohner an, von denen sich die Gallenbewohner nun in nichts mehr unterscheiden.

Besagte Gallen erscheinen an der Unterseite der Blätter als blasige Hervorragungen, die auf ihrer unregelmäßigen, runzeligen Oberfläche mit weichen Wärzchen und durchsichtigen Härchen besetzt sind. Auf der Oberseite des Blattes hat eine jede dieser Gallen eine gleichfalls mit Härchen besetzte Oeffnung. Man hat schon 140 bis 150 Gallen an einem Blatte gezählt. Merkwürdigerweise waren diese Gallen bis Mitte Juli 1869 in Frankreich unbekannt gewesen, zu welcher Zeit Planchon die ersten bei Sorgues im Vaucluse, und Laliman vierzehn Tage später solche im Bordalais auffanden, während man sie in England schon seit 1863 und in Nordamerika seit 1854 gekannt hatte.

Hr. Lichtenstein findet in der Entwicklungsgeschichte der Reblaus, wie sie soeben erzählt worden, ein Abbild von der Entwickelung einer Blütenpflanze und stellt folgende Vergleiche auf: Winterei: das Samenkorn – Stammmutter: der Stengel – Knospeneier derselben (so werden die jungfräulich gelegten Eier in den Gallen genannt): die Blattknospen – Läuse aus diesen: die Zweige – Knospeneier dieser und später die unterirdischen Larven mit Flügelansätzen: die Blumenknospen – Puppenträger (die oberirdischen, geflügelten Läuse): die Blumen – Weibchen: der Fruchtknoten – Männchen: die Staubfäden – Winterei: das Samenkorn.

Einige Punkte in diesem wunderbaren Kreislaufe, in erster Linie die Gallenbildungen, bedürfen noch einer nähern Beleuchtung. In Nordamerika sind die Gallen an den Blättern sehr allgemein verbreitet und ihre Erzeuger früher bekannt gewesen, als die Läuse an den Wurzeln. Umgekehrt tritt in Frankreich die Gallenbildung sehr vereinzelt auf, während die Wurzelbewohner die Verheerungen angerichtet haben. Aus dieser Erscheinung ließ sich annehmen, und weitere Versuche haben die Annahme bestätigt, daß die Blätter unserer europäischen Reben sich zu der Bildung vollkommener Gallen weniger eignen, als die meisten amerikanischen Sorten. Diese Verhältnisse, sowie die an verschiedenen Orten abweichenden Erscheinungen in der Entwickelung der Reblaus haben den Dr. Fatio auf den Gedanken gebracht, daß die starken Anschwellungen an den feinen Wurzeln der Gallenbildung an den Blättern entsprechen möchten, oder mit andern Worten, daß diejenigen Läuse, welche in dem einen Falle Blattgallen hervorbrächten, im anderen, wo die Rebe nicht zu deren Bildung neigt, sofort in die Erde gingen; und an den Wurzeln die wurstförmigen Anschwellungen (»Nodositäten«) erzeugten, die ja immer als untrügliche Merkmale der Krankheit angesehen worden sind.

Fatio begründet seine Ansicht einmal mit der überraschenden Aehnlichkeit der Stammmutter in einer Galle und der großen, grünen unterirdischen Laus, welche sich, bei Genf wenigstens, häufig an den starken Knoten der Wurzeln, sehr selten an den unveränderten Wurzeln selbst findet und zwar nicht früher als die Anschwellungen sich bilden, aber auch später nicht mehr, wenn die Kolonie durch weitere Brut vermehrt worden ist. Sie legt ohne Unterbrechung zahlreiche Eier an jene Anschwellung, die sie durch ihr Saugen erzeugt hat, und seiner Beobachtung nach immer mehr Eier als die gewöhnlichen Wurzelläuse. Die Ausrottung sämmtlicher Weinstöcke bei Pregny gestatteten ihm nicht, seine Untersuchung nach dieser Richtung hin weiter fortzusetzen. Ferner ist beobachtet worden, daß die gallenerzeugende und knotenbildende Form in gleicher Weise, jene an den Blättern, diese an den Wurzelknötchen, zwei bis drei unter sich vollkommen übereinstimmende Bruten erzeugt, bevor sie in die rein wurzelbewohnende Form mit der schräg zugeschärften Fühlerspitze übergeht. Endlich haben auch im südlichen Frankreich, wo Blattgallen vorkommen, einige Beobachtungen dargethan, daß die dem Wintereie entstammenden Läuse gleich vom Frühjahre an nach gewissen Zahlenverhältnissen in den Boden eingedrungen sind. Die Natur der Rebe, die Bodenbeschaffenheit, die Witterungsverhältnisse, die Behandlungsweise der Stöcke, dies alles sind Dinge, welche die beiden anscheinend verschiedenen, im Grunde jedoch nach demselben Ziele führenden Entwickelungsweisen beeinflussen mögen. Fortgesetzte sorgfältige Untersuchungen werden hoffentlich mit der Zeit größere Sicherheit für eine richtige Beurtheilung dieser interessanten Thatsachen geben, als bis jetzt bei der Neuheit der Dinge möglich ist.

Fatio stellt noch einen zweiten Satz auf, dahin gehend, daß sich der Kreislauf der Verwandlung unter gewissen Bedingungen (so bei Genf) nur unter der Erde, ohne Vermittelung der geflügelten Form scheine vollenden zu können. Er stützt sich hierbei auf folgende Thatsachen: 1. Bei Pregny haust die Reblaus ungefähr seit sieben Jahren, zuerst in Gewächshäusern an eingeführten Reben, dann seit etwa fünf Jahren in benachbarten Bergen, und trotzdem ist ihr Ausbreitungsgebiet ein sehr beschränktes geblieben. Dasselbe dürfte für die Handelsgärtnereien im Oberelsaß, bei Hamburg, bei Erfurt gelten, wie Berichterstatter beiläufig hinzufügt. 2. Obgleich sich bei Pregny vom Beginn des August an sehr viele Larven mit Flügelstumpfen an den Wurzelanschwellungen finden, so gehören doch geflügelte Rebläuse zu den seltenen Erscheinungen in dem Canton Genf. 3. Es scheint also, daß nach gewissen Verhältnissen die Larven unter der Erde bleiben, weil sie ihre Verwandlung nicht haben zu Ende führen können. Fatio beruft sich u. a. hier auch auf eine von Gerstäcker bei Klosterneuburg gemachte Beobachtung, nach welcher sich im November (1874) an einer Wurzel junge Läuse ringsum um zwei Larven mit Flügelstumpfen gefunden hatten, und auf die Ansicht des genannten Forschers, daß jene die Nachkommen dieser sein dürften. 4. Balbiani hat im Herbste (1874) an den Wurzeln weibliche Läuse beobachtet, die schwerlich dazu bestimmt gewesen sind, an das oberirdische Holz ihr Winterei abzulegen. 5. Die vorher besprochene legende Laus an den Wurzelknoten, welche der gallenerzeugenden, aus dem Winterei entsprossenen so ähnlich ist, scheint bisher im südlichen Frankreich, wo die geflügelten Läuse sehr häufig sind, nur vereinzelt beobachtet worden zu sein, während sich die Verhältnisse im Canton Genf umkehren; dort sind die geflügelten selten und die Knotenerzeuger häufig. 6. Fatio hatte in einem vollkommen abgeschlossenen, ein kleines Gewächshaus nachahmenden Versuchsgefäße im August eine Rebe eingepflanzt, deren Wurzeln mit zahlreichen Larven geflügelter Läuse besetzt waren. Die Innenwände des Gefäßes waren mit Vogelleim bestrichen, um ein Entweichen von innen nach außen neben dem guten Verschlusse unmöglich zu machen. Vor dem Herbste waren sieben geflügelte Läuse aus der Erde gekrochen und an den Innenwänden kleben geblieben. Bei einer Untersuchung des unterirdischen Theiles am 6. Mai des folgendes Jahres (1876) fand sich an einer stärkeren Wurzel, deren Rinde in keinerlei Weise gelöst war, nahe der Erdoberfläche ein – Winterei. Dasselbe war dem Ausschlüpfen nahe und ließ den Embryo im Innern erkennen, zerbrach aber leider bei dem Versuche, es von der Rinde zu trennen. Nehmen wir schließlich noch die früher erwähnte Beobachtung von Küber hinzu, nach der sich Rosenblattläuse, ohne geschlechtliche Fortpflanzung im Herbste, Jahre hintereinander vermehrten, so gewinnt die oben von Fatio ausgesprochene Ansicht sehr an Wahrscheinlichkeit, würde wenigstens nicht vereinzelt dastehen in der so zusammengesetzten Entwickelungsweise der Pflanzenläuse,

Mit der Klarlegung der Lebensweise gingen selbstverständlich die ausgedehntesten Versuche Hand in Hand, geeignete Mittel zu finden, um den Feind erfolgreich zu bekämpfen. Trotz der allseitigsten Bemühungen und des großen Interesses, welches die französische Regierung dadurch an der Sache bethätigte, daß sie den hohen Preis, welchen sie für die Entdeckung eines durchgreifenden Mittels ausgesetzt, später auf 300,000 Franken erhöhte, ist derselbe noch nicht zur Auszahlung gelangt. Ein Mittel, welches leider in den wenigsten Fällen Anwendung finden kann, hat sich bewährt, es besteht darin, daß man die Wurzeln der verseuchten Reben einen Monat lang unter Wasser setzt. Ein zweites Mittel, zu dem man u. a. bei Pegny seine Zuflucht genommen hat, besteht in der Vernichtung der verseuchten Rebstöcke mittels Feuer und Desinfection des Bodens, der eine Reihe von Jahren zum Wiederanbau von Reben nicht verwendet wird. Zu dieser Radicalkur kann man sich aus verschiedenen Gründen nicht entschließen, sondern es kommt darauf an, ein Mittel ausfindig zu machen, welches den Rebfeind tödtet, den Stock dagegen schont, womöglich kräftiget. Es ist hier nicht der Ort, alle Versuche aufzuführen, die wenigstens auf einige Zeit von guten Erfolgen begleitet gewesen sind, und bei denen xanthogensaures Kali oder Schwefelkohlenstoff eine Hauptrolle spielen, aber einer von mir selbst gemachten Erfahrung möchte ich zum Schlusse noch mit wenigen Worten gedenken. Eine verwittwete Frau Sottorf in Hamburg besitzt ein Geheimmittel, welches sie an den von der Rinde etwas entblößten Wurzelhals der verseuchten Rebstöcke gießt. Die von ihr im Frühjahre (1877) behandelten kranken Reben in der Handelsgärtnerei von Haage und Schmidt in Erfurt erwiesen sich bei der letzten Revision (Anfangs August 1877) frei von Wurzelläusen, während eine zwei Schritte von ihnen entfernte Reihe, welche mit einem der von Frankreich her angepriesenen Mittel behandelt worden war, nach wie vor mit denselben behaftet gefunden wurde. Der eigenen, mündlichen Angabe zufolge hat die Frau im Laufe dieses Sommers gleich günstige Erfolge in Frankreich durch ihr Geheimmittel erzielt.

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