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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 105
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Blattläuse, Neffen der Gattung Aphis, statt aller die Rosen-Blattlaus.

( Aphis rosae)

Schon zu wiederholten Malen ward im Vorbeigehen der Blattläuse gedacht, jener theils flügellosen, theils mit vier äußerst zarten, in Regenbogenfarben spielenden Flügelchen ausgerüsteten kleinen Wesen, welche in gedrängten Schaaren Hier den jungen Trieben des Hollunders ( Sambucus) eine schwarze Farbe verleihen, dort ganze Sträucher wie mit Mehl überstreut erscheinen lassen, wieder wo anders, selbst grün, nur dann bemerkbar werden, wenn einzelne mit ihren schlanken Beinchen bedächtig umhertasten, alle mit den Hinterleibern auf- und abwippen, oder wenn Ameisen in auffälliger Menge hin und her wandeln. Der Blumenliebhaber sieht sie nicht gern auf seinen Zöglingen und zerdrückt sie oder bestreut jene mit ächtem persischen Insektenpulver, nachdem er gefunden hat, daß alle anderen sonst noch empfohlenen Gegenmittel nicht haben anschlagen wollen. Der Baumfreund duldet sie auch nicht auf seinen Lieblingen; denn durch Zusammenziehen und Besudeln der Blätter, deren sie manchmal nicht ein einziges auf einem Kirschbaume verschonen, entstellen sie diesen nicht nur, sondern bringen ihm durch ihr Saugen auch wesentliche Nachtheile bei.

Dem aufmerksamen Beobachter kann es nicht entgangen sein, daß diese Thierchen, abgesehen von den verschiedenartigsten Pflanzen, welche sie bewohnen, auch in ihren äußern Erscheinungen und ihren Verhältnissen zu der Nährpflanze Unterschiede darbieten, und daß es viele Arten geben müsse, wenn auch anzunehmen, daß ein und dieselbe sich nicht immer eine ganz bestimmte Pflanze auswähle, sondern, wie gewisse Schmetterlingsraupen, verschiedenen zuspreche. Um einer solchen Vielgestaltigkeit gegenüber einen festen Hintergrund zu gewinnen, wollen wir an der allgemein verbreiteten und nirgends seltenen Rosenblattlaus ( Aphis rosae) das kennen lernen, was dem Wesen nach von allen andern Arten der Gattung gilt und was ihnen, den sonst verfolgungswürdigen Geschöpfen unser volles Interesse in hohem Maße erworben hat.

Sobald im Frühjahre die Rosen, mögen sie wild in einer Hecke wachsen, oder in Gärten angepflanzt sein, sich zu belauben beginnen, kann man an den jungen Trieben oder an einem der zarten, noch nicht entfalteten Blätter diese oder jene grüne Blattlaus entdecken, die ihren schnabelartigen Rüssel tief in den vollsaftigen Pflanzentheil versenkt hat und mit Behagen saugt. Wenn wir auch die Schluckbewegungen nicht wahrnehmen, so schließen wir doch aus ihrer Ruhe, welche sie behauptet, aus der Furchtlosigkeit, die sie unserer nächsten Annäherung entgegensetzt, daß sie vollkommen in ihrer Beschäftigung aufgeht, und daß außer dem angestochenen Rosentriebe keine Außenwelt für sie vorhanden ist. Betrachten wir das zarte Wesen zunächst etwas genauer.

Der höchstens 3 mm. lange Körper ist grün, kann jedoch auch einen röthlichen Anflug annehmen. Der Kopf erscheint infolge der stark vorquellenden, rothen Augen breiter als der nächste Ring und trägt auf bräunlichen Stirnknöpfchen die Fühler, welche den ganzen Körper an Länge übertreffen und sich behaglich hin und herbewegen. Dieselben bestehen aus sieben Gliedern, von denen die beiden ersten sehr kurz sind, das dritte am längsten, das vierte und fünfte unter sich fast gleich, das sechste halb so lang und alle stabförmig sind, während das wieder längere letzte eine feine Borste bildet. Von Farbe sind die Fühler dunkelbraun, nur, die Spitzenhälfte des dritten und die Wurzel des vierten Gliedes sind Heller. Die bräunliche Stirn ist tief rinnenförmig ausgehöhlt und der am untern mehr hinteren Kopftheile entspringende Schnabel dreigliedrig, gelb gefärbt und schwarz bespitzt. Da die Bildung der Mundtheile nicht von der der Wanzen abweicht, so wissen wir, daß der sogenannte Schnabel nur die äußere Scheide darstellt, und daß die saugenden Mundtheile, hier aus drei Borsten bestehend, innerhalb dieses Futterales verborgen sind und aus und ab bewegt werden können.

Der Mittelleib, aus drei Ringen zusammengesetzt, geht allmählich in den mehr gestreckten, aber feisten und oben glatten Hinterleib über und trägt die dünnen, schlanken Beinchen, welche an der Schenkel- und Schienenspitze, wie an den zweigliedrigen Füßen bräunlich, an der Wurzel der Schenkel weißgelblich gefärbt sind.

Die zahlreichen Aphisarten besitzen in dem neungliedrigen Hinterleibe, dessen Ringe sich allerdings in den wenigsten Fällen deutlich von einander absetzen, eine Eigentümlichkeit, welche sie auf den ersten Blick als Gattungsgenossen erkennen lassen. Auf dem Rücken des sechsten nämlich steht jederseits ein vorherrschend stabartiger Anhang empor, je nach der Art verschieden an Länge und Gestalt. Man hat diese beiden Anhängsel Saftröhren (Honigtrompeten) genannt, weil sie eine süßliche Flüssigkeit ausscheiden können, und gemeint, daß sie einem höheren Zwecke, vielleicht der Athmung dienen dürften, ohne jedoch Gewißheit darüber erlangt zu haben. Bei der Rosenblattlaus sind die Saftröhren verhältnißmäßig lang, dünn und etwas aufgebogen, von Farbe schwarz, und auch die Stelle, aus der sie entspringen, wird durch einen schwarzen Ring markirt. Eine weitere Eigentümlichkeit des Hinterleibes besteht in seiner Endigungsweise, indem er sich in eine mehr weniger ausgeprägte, von den Umrissen sich absetzende Spitze, das sogenannte Schwänzchen, auszieht. Hier ist es gelbbraun gefärbt, säbelartig schwach aufgebogen und von halber Länge der Saftröhren. Bei ein und derselben Blattlausart giebt das Schwänzchen dem geübten Auge, ein Unterscheidungsmerkmal für die sich noch häutenden Larven und der ausgebildeten flügellosen Laus, indem es bei dieser immer entschiedener entwickelt erscheint als dort.

Wer seinen Rosenstock längere Zeit hindurch und alltäglich auf die eben beschriebenen Thierchen genau untersucht, wird sich aber die schnelle Zunahme derselben an Zahl wundern und Größenunterschiede zwischen den einzelnen wahrnehmen. Er hat sie vielleicht heut zwischen den Fingern zerdrückt und findet morgen an gleicher Stelle wieder eben so viele vor. Wo kommt es nur her, dieses Ungeziefer? hört man gar häufig fragen. Kannst Du ihm mehr an Zeit opfern, als ein flüchtiger Druck mit Deinen Fingerspitzen erheischt, und willst Du selbst sehen, was am Ende des siebenzehnten Jahrhunderts der berühmte Holländer van Leeuwenhoek Arcana naturae detecta ope microscopium. Delphis Batavorum 1695 Epistola 90 u. 104. zuerst beobachtet hat, so laß es leben und passe auf! Während die Blattlaus vorn mit dem Schnabel saugt, drängt sich hinten aus dem Leibesende etwas, wie ein grünes Körnchen, hervor, aber an beiden Seiten desselben – zappelt ja ein Bein – ein zweites Paar, gespreizt und tastend, wird sichtbar. Alle vier fassen Fuß hinter der Blattlaus. Jetzt kommt ein drittes Paar und gleich dahinter ein Kopf mir zwei Fühlern hervor. Das Etwas ist eine – Blattlaus, genau von der Beschaffenheit ihrer Mutter, nur kleiner als diese. Der junge Ankömmling bohrt nun seinen Schnabel dem Rosentriebe ein wo er Platz findet und saugt. Dann wird ihm das Kleid zu eng, er streift dasselbe ab und saugt und häutet sich abermals; so geht es fort, bis er viermal die Haut abgeworfen hat und in zehn bis vierzehn Tagen vollkommen der Mutter nicht nur im äußern Ansehen gleicht, sondern auch in deren Thaten: denn er bringt nun auch lebendige Junge zur Welt. Daher in kürzester Zeit die Menge auf jenem Rosentriebe!

Wo soll bei so großer Fruchtbarkeit der sechsbeinigen Sauger der Rosenstock noch allen Saft hernehmen, um jene zu ernähren? Was soll aus ihm selbst werden? Zum Schutze des Ungeziefers und um die von ihm befallenen Pflanzen nicht gänzlich zu Grunde zu richten, ist ein weises Auskunftsmittel getroffen, ist die Möglichkeit gegeben, daß ein Theil der Nachkömmlinge auswandern und sich an andern Rasenstücken oder an Skabiosen oder Kardendisteln ( Dipsacus) – an beiden Pflanzengattungen kommt unsere Art nämlich auch vor – ansiedeln kann.

Im Laufe der Zeit kann man bedeutendere Unterschiede zwischen den Blattläusen wahrnehmen als die bisher nur beobachteten Größenunterschiede. Es finden sich unter ihnen solche, deren Mittelleib voller, gerundeter erscheint als bei den andern, der wohl auch der Träger zweier Zipfelchen an jeder Seite ist, welche gleich zwei zarten Stäbchen dem Körper angedrückt sind. Diese Zipfelchen stellen, wie sich alsbald ergiebt, Flügelstumpfe dar; denn nachdem sich die Larve zum letzten Male gehäutet hat, wird sie zu einer zart beschwingten Blattlaus. Dieselbe ist kaum kleiner als die Ungeflügelten, gleichfalls grün, oder ausnahmsweise roth angehaucht, nur die Beine zeigen einen etwas dunkleren Ton, und außer den Saftröhren sind hier auch die Brust, die drei Felder auf dem Rücken des Mittelleibes, welche durch zwei Längsfurchen entstehen, auch wohl das Schildchen und immer eine Fleckenreihe an jeder Seite des Hinterleibes schwarz. Der Vorderflügel, bedeutend größer als der Hinterflügel, wird von vier Schrägadern durchzogen, deren dritte (von der Wurzel, wie immer, gezählt) sich zweimal gabelt. Wie bei allen Blattläusen entspringen diese Schrägadern aus einer kräftigen, unter dem Vorderrande des Flügels entlang ziehenden, nach der Spitze hin in einem Flügelmale aufhörenden »Unterrandader«. Im Hinterflügel entspringen dieser bis zur Spitze fortgesetzten, kein Mal bildenden Unterrandader nur zwei Schrägäste.

Geflügelte Läuse von der eben näher beschriebenen Beschaffenheit spazieren jetzt zwischen den flügellosen umher und man könnte denken, es seien deren Männchen. Daß dies nicht der Fall, sondern daß auch sie lebendig gebären und zwar zunächst ungeflügelte Läuse, entging schon dem oben genannten Holländer nicht. Sie sind es eben, welche anderwärts neue Kolonien gründen, und die neuen Ansiedelungen mehren sich genau in derselben Weise, die wir bereits kennen gelernt haben: jede Blattlaus bringt so und so viele lebendige Junge zur Welt, die ihrerseits nach spätestens vierzehn Tagen ein Gleiches thun, und so geht es den ganzen Sommer hindurch fort. Dies wußten Leeuwenhoek und Réaumur, der langjährige und durch seine Arbeiten allbekannte Präsident der Pariser Akademie, aber beide meinten, es müßten hierbei, wenn auch auf eine bisher geheimnißvolle Weise, Männchen thätig sein, bis der junge Genfer Naturphilosoph Bonnet Traité d'Insectologie, ou observations sur qulques espèces de Vers d'eau douce et sur les Pucerons. Paris 1745. (1740) durch sehr einfache Versuche nachwies, daß von Beeinflussung eines Männchens bei all diesen Vorgängen keine Rede sein könne. Er sperrte nämlich gleich nach der Geburt eine junge Blattlaus ab und fand, daß dieselbe am 12. Tage ihr erstes Junges gebar und bei ihrem Tode 95 Nachkommen hinterließ, die alle, so viel ihrer in derselben Weise auferzogen worden waren, sich in gleicher Lage wie die Stammmutter befanden. Innerhalb einer Zeit von zwei und einem halben Monate erzielte Bonnet neun Bruten weiblicher und »jungfräulich« gebärender Blattläuse.

Derselbe Forscher entdeckte aber auch, daß die Blattläuse noch eine zweite, der allen übrigen Insekten entsprechende Art der Vermehrung haben. Gegen den Herbst hin nämlich, während die Geburten immer sparsamer ausfallen, treten ungeflügelte Weibchen und sehr vereinzelte geflügelte Männchen, von Ansehen der andern Geflügelten, nur kleiner und schlanker, auf, welche, wie alle vorhergehenden, lebendig zur Welt gekommen sind, die sich paaren. Hierauf legen die Weibchen anfangs grüne, späterhin schwärzlich werdende Eier und – sterben. Daß diese Eier legenden Weibchen, welche in ihrer äußern Erscheinung ihren Müttern vollkommen ähnlich sind, nie lebende Junge geboren haben, wohl aber von lebendig gebärenden Müttern entsprossen sind, wurde zuerst von Degeer beobachtet, und diese vor mehr denn hundert Jahren gemachte Entdeckung, im Vereine mit den bereits bekannten Thatsachen, veranlaßte ihn zu dem Ausspruche: »Die Blattläuse sind Insekten, welche im Stande sind, das ganze vermeinte Generationssystem zu verrücken und diejenigen zu verwirren, welche sich bemühen, das Geheimniß der Natur zu erforschen!«

Die bei vielen niedern Thieren beobachtete Fortpflanzungsweise, nach welcher verschiedene Zwischenformen auftreten, ehe die geschlechtliche Vermehrung eintritt, hatte Steenstrup Om Fortplanting og Upvikling gjennem vexlen de Generatonsrakker etc. Kjoebenhaven 1842. in seinem berühmt geworden Werke unter dem Namen des »Generationswechsels« in die Wissenschaft eingeführt, schrieb dieselbe auch den Blattläusen zu und bezeichnete im Gegensatze zu den Geschlechtsthieren die lebendig gebärenden Läuse als »Ammen.«

Nachdem wir an unserer Rosenblattlaus den Generationswechsel kennen gelernt haben, werden wir voraussetzen, daß die zuerst im Frühjahre erscheinenden Thiere aus Eiern entsprossen seien. Es wird diese Annahme in den weitaus meisten Fällen zutreffen, braucht es indessen nicht immer, wie die sorgfältigsten Versuche und Beobachtungen des Pastors Küber Germar's Magazin der Entomologie 1815 S. 14 u. f., der sich diesem interessanten Gegenstande mit Vorliebe zugewendet hatte, darthun.

Küber fand in der letzten Hälfte des April (1803), nachdem bis dahin die Witterung noch ziemlich rauh gewesen war und noch häufige Nachtfröste eintraten, zwei Rosen-Blattläuse von gleicher Größe. Eine davon setzte er in seine Stube, in welcher noch geheizt wurde, an ein Rosenstöckchen; die andere ließ er im Freien, überzog aber den von ihr bewohnten Zweig mit dichtem Flor, damit sie nicht entweichen oder von einem Feinde beschädigt werden könne. Länger als acht Tage erhielt sie sich trotz stürmischer Witterung unverletzt, gebar aber kein Junges, und nur dann erst, als die Luft wärmer wurde, kam ein Junges nach dem andern zur Welt, deren Anzahl sich immer vergrößerte. Die in das Zimmer genommene Amme gebar noch an demselben Abende (25. April) ein Junges, die Nacht ein zweites, früh 11 Uhr des folgenden Tages ein drittes und nach einer Minute ein viertes. Darauf erfolgte ein Stillstand bis zum 27. April, da aber erschienen zwischen 7 und 11 Uhr drei Junge, von 11 bis 4 Uhr trat wieder Stillstand ein, von 4 bis 5 erblickten wieder zwei und zwischen 5 und 8 Uhr abermals zwei Junge das Licht der Welt. Den 28. April gebar sie drei, an dem 29., einem besonders heiteren Tage, sechs Junge. Diese höchst interessante Doppelbeobachtung führt uns nicht nur den wesentlichen Einfluß der Wärme auf die Beschleunigung der Entwickelung, sondern auch die große Fruchtbarkeit der Blattläuse recht lebhaft vor die Augen.

Im Herbste (1803), als plötzlich Kälte mit starken Frösten eingetreten war, wurde ein Rosenstöckchen, an dem reife Blattläuse beiderlei Geschlechts, jedoch erstarrt, hingen, in eine nicht eben warme Schlafkammer gestellt. Die Thiere verharrten in ihrem Starrkrampfs bis Anfangs Januar. Zu dieser Zeit schlug die Kälte auch in die besagte Schlafkammer, und damit sie dem Rosenstocke keinen Schaden zufüge, wurde derselbe an das Fenster der Wohnstube, dem Ofen gegenüber, gestellt. Nach kurzer Zeit lebten die Blattläuse auf, fingen an, sich zu bewegen, Saft zu saugen und sich zu paaren. Die Weibchen legten ihre ovalen, gelbgrünen Eier, welche nach und nach eine schwärzliche Farbe annahmen, einzeln, und zwar größtentheils an das Stämmchen und die Aeste, wenige nur an die Blätter, stets entfernt von ihrem Weideplatze. Nach vier Wochen war das Brutgeschäft beendigt und keines der Thierchen mehr am Leben.

Daß Mutter Natur die regelrechte Vermehrung durch Eier auf die rauhe Jahreszeit berechnet zu haben scheint, geht daraus hervor, daß es dem Pastor Küber gelungen ist, bei sorgsamer Pflege, reicher Zufuhr von Nahrung und Regelung der Wärmeverhältnisse eine Kolonie der in Rede stehenden Art und der Nelken-Blattlaus ( A. dianthi) vier Jahre lang durch mehr als fünfzig Bruten hindurch am Leben zu erhalten, ohne daß Eier gelegt worden wären. Die Ammen gebaren den Winter hindurch, wenn auch nicht in der Menge wie im Frühjahre und Sommer. Die wenigsten wurden zwischen November und Februar geboren, und die Witterung draußen im Freien übte einen wesentlichen Einfluß aus, wie dies auch jeder Schmetterlingszüchter an dem Auskriechen seiner Puppen beobachten kann. Wenn es sehr kalt war und die Fenster im geheizten Zimmer Eisblumen aufwiesen, erblickte kein oder nur ein vereinzeltes Junges das Licht der Welt; an heiteren Wintertagen, wenn sie nicht zu kalt waren, erfolgten zahlreichere Geburten als an trüben. Im angenehmen Monat Januar (1804) vermehrte sich die Kolonie so ansehnlich, daß sie vermindert werden mußte, um nicht die Nahrungsquelle versiegen zu lassen; weniger nöthig wurde dies im nachfolgenden kältern Februar, wo nur selten Junge zum Vorscheine kamen; im März dagegen erfolgte die Vermehrung an den schönen Tagen wieder lebhafter und nahm mit der Annäherung des Frühjahres immer mehr zu. Aehnliche Beobachtungen würde der aufmerksame Beobachter in einem Warmhause gleichfalls anstellen können, wenn anders man das Ungeziefer dort nach Belieben schalten lassen wollte.

Zum Heile der befallenen Pflanzen fehlt es den sich so ungewöhnlich stark vermehrenden Blattläusen nicht an zahlreichen Feinden, welche ihre Schaaren gewaltig lichten. Wir haben deren verschiedene bereits kennen gelernt: Die Larven der Marienkäferchen und diese selbst, die Maden vieler Schwebfliegen, die sogenannten Blattlauslöwen, welche sich als Florfliegen entpuppen. Zwischen den harmlos werdenden Heerden sieht man oft eigentümlich glänzende, am Hinterleibe stark aufgetriebene Blattläuse, die mit weit ausgespreizten Beinen dasitzen, und kein Leben mehr verrathen. Sie dienen den Larven winziger Zehrwespchen ( Aphidius), die der Blattlaus ihre Eier, jeder nur eins, einverleibt hatten, als schützende Puppenhülle. Andere werden von einer kleinen rothen Milbe, dem Accarus coccineus Schrank's geplagt, von den Baumwanzen aufgesucht oder von Wespen verschlungen, der zahlreichen Vögel unter den Insektenfressern gar nicht zu gedenken.

Wir können nicht von unsern kleinen Freunden scheiden, ohne einer allerdings selten vorkommenden Erscheinung aus ihren wunderbaren Lebensverhältnissen zu gedenken, die wie so manches Andere aus dem geheimnißvollen Walten der Natur, bisher noch nicht hat aufgeklärt werden können. Ich meine die auffallenden Schwärme geflügelter Blattläuse, welche sich hie und da haben sehen lassen und die Luft mit Millionen erfüllen, so daß das Athmen für denjenigen erschwert wird, welcher sich in solch einem Schwarme befindet. Außer den vielen Berichten, welche die Art nicht näher bezeichnen, finden sich auch andere vor, welche Aphis fabae, rumicis, bursaria, persicaenamhaft machen. Im Frühjahre (1847) war bei und in Elberfeld die Luft gegen 3 Uhr Nachmittags bei etwas bedecktem Himmel und milder Temperatur auch in den untern Schichten dermaßen von Aphiden erfüllt, daß der Ausenthalt im Freien beschwerlich fiel: in kurzer Zeit waren Haut und Kleider mit Blattläusen bedeckt, und man mußte Augen, Nase und Mund vor ihnen verschließen. Einzelne Häuser am Ausgange der Stadt, besonders ein in Sandsteinquadern aufgeführtes, waren buchstäblich schwarz von den sie von oben bis unten bedeckenden schwärzlichen Thierchen. Die ganze Breite des Schwarmes mochte gegen dreihundert Schritte betragen, wie Herr Cornelius dies alles berichtet. Einen ähnlichen Schwarm der Aphis fabae beobachtete Dr. Hagen bei Königsberg i. P. während des Monats Juli 1858. Nachdem vom Mai ab alle Hülsenfrüchte in einem Theile Belgiens durch die Blattläuse zerstört worden waren, erschien am 28. September plötzlich eine Wolke der Pfirsichblattlaus zwischen Brügge und Gent. Am andern Tage sah man sie gruppenweise in Gent umherfliegen und zwar in solchen Massen, daß das Tageslicht durch sie verdunkelt wurde. Auf den Promenaden konnte man nicht mehr die Mauern der Häuser erkennen, so dicht waren diese mit ihnen bedeckt; man beklagte sich über die Schmerzen, welche sie in den Augen verursachten. Die ganze Straße von Antwerpen nach Gent war von ihren zahllosen Schaaren bedeckt. Ueberall wollte man sie urplötzlich gesehen haben. Es scheint, als ob diese Thierchen aus ihren Wanderungen durch Berge, Hügel und selbst geringe Erhebungen des Bodens unterbrochen worden seien. Die verschiedenen Richtungen, welche beobachtet wurden, lassen voraussetzen, daß die Wanderung von einem Mittelpunkte strahlenartig ausgegangen sei und sich nach Mitternacht, Morgen und Mittag erstreckt habe.

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