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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 103
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Noch einige andere Kleinzirpen und Buckelzirpen.

Den eben beschriebenen in der Körpertracht sehr ähnliche, meist nur kleinere Thierchen beleben den Sommer hindurch bis zum Spätherbste Busch und Gesträuch, laufen emsig an den Baumstämmen in die Höhe oder umfliegen, wenn die Sonne scheint oder wenn sie aufgescheucht werden, die ihnen traulichen Tummelplätze. Wer sich bemüht, ihnen näher nachzugehen, wird die verschiedensten Gebilde und ungemein zarte Gestalten wahrnehmen, welche man sonst wegen ihrer Kleinheit und Fertigkeit im Fliegen und Hüpfen allermeist übersieht. Groß ist der Reichthum ihrer Arten und ausgebreitet auf der ganzen Erdoberfläche, vorherrschend jedoch über die wärmeren Länder. Wegen dieses Reichthums können wir hier nur sehr wenige der Hauptformen in Wort und Bild vorführen.

Die Rosencikade ( Typhlocyba rosae Fig. b) möge eine artenreiche Gattung vergegenwärtigen, deren wissenschaftlichen Namen man durch » Blindkopf« verdeutschen müßte. Diese zarten Zirpen sind jedoch nicht blind, sondern nur ohne Nebenaugen. Die Rosencikade bewohnt oft zu Hunderten einen einzigen Rosenstock, namentlich unserer Gärten. Man sieht die kleinen weißen Thierchen mit bleich citronengelben, an den Spitzen braunstreifigen Flügeldecken und glashellen Hinterflügeln ruhig dasitzen, gleich kommaartigen, weißlichen Strichen. Bei Erschütterung (Schütteln) ihrer Wohnstätten hüpfen sie davon, lassen in der Luft sofort diese Bewegungsart in Flug übergehen, umkreisen den Rosenstock einmal und lassen sich von neuem auf demselben nieder. Von der wärmenden Sonne beschienen, unternehmen sie dergleichen Hüpf- und Flugübungen unaufgefordert zu ihrer Belustigung. Das Weibchen hat eine Legröhre in Sägeform, bohrt damit in das junge, weiche Holz und beschenkt es mit Eiern, wodurch die Stelle nach und nach etwas anschwillt. Die kleinen Lärvchen mögen einige Zeit an dieser Stelle versteckt bleiben und sich von dem zufließenden Safte ernähren, halten sich aber dann an der Blattunterseite saugend auf und werden im Larvenstande leicht übersehen. Mit ihrem Schnabel stechen sie, auch wenn sie vollkommen geworden, in die weichen, saftigen Blätter des Rosenstrauchs und saugen den grünen Farbstoff aus, so daß die Blätter ein mißfarbiges braunes Ansehen bekommen. Eine sehr ähnliche Art bräunt die Blätter des Faulbaumbusches ( Prunus padus) und manche andere aus der Verwandtschaft schadet dieser und jener Kulturpflanze, wenn sie vorübergehend in Ueberzahl vorhanden ist, in ähnlicher Weise wie die berüchtigten Blattläuse.

Die beiden vorgeführten, wie die vorwiegende Mehrzahl unserer heimischen Zirpen stimmen in ihrem Körperbaue darin überein, daß jeder von den drei Hauptabschnitten: Kopf, Vorderbrust und Hinterleib gleichmäßig entwickelt ist, keiner durch Wucherungen das Uebergewicht über einen andern bekommt, daß die dreigliedrigen Fühler zwischen den Augen eingefügt und zwei oder keine Nebenaugen vorhanden find. Man hat alle diese unter dem Namen der Kleinzirpen ( Cicadellina) zu einer Familie vereinigt.

Die Horncikade ( Centrotus cornutus Fig. c) hüpft gleichfalls sehr geschickt, wie es scheint, nur durch die gegenseitige Länge der Theile ihrer Hinterbeine dazu befähigt. Die Schienen sind beinahe noch einmal so lang als ihre Schenkel, sonst aber gleich denen der vorderen Beine an den Seiten, besonders unten mit einer Reihe Stachelspitzchen sägenartig bekleidet, wie man unter der Lupe wahrnimmt. Alle Beine haben vier Fußglieder. Das Charakteristische dieser Zirpe besteht in der Bildung des vordern Brustringes. Derselbe überwiegt die beiden andern Hauptabschnitte dadurch, daß er sich ungemein hoch wölbt, an beiden Seiten über der Flügelwurzel zu je einem sanft gebogenen, spitzen Hörnchen oder Ohre erweitert und nach hinten in einen etwas geschlängelten, oben schneidigen Fortsatz ausläuft, dessen Länge kleinen Schwankungen unterliegt. Unter Umständen erreicht er die Wurzel des letzten Hinterleibsgliedes, ohne sie jedoch je zu berühren, weil er mehr wagerecht nach hinten verläuft, der Hinterleibsrücken dagegen abschüssig ist. Zwischen der Wurzel dieses Fortsatzes und der des Hinterleibes bleibt ein Durchblick, wie zwischen einem Gefäße und seinem Henkel, und daselbst erkennt man das Schildchen als den einzigen Rückentheil, der außer dem ersten Ringe von oben überhaupt zu sehen ist. Alles andere überwuchert eben dieser letztere. Alle vier Flügel sind dünnhäutig, trüb angelaufen und die vordern von wenigen, nahezu gleichlaufenden und etwas gegabelten Adern durchzogen und von einer weiteren, dem Außenrande gleichlaufenden eingefaßt. Dem ganzen Körper verleiht eine schwarzbraune Färbung ohne Glanz ein düsteres Ansehen.

Während des Sommers findet man die Horncikade ziemlich häufig auf Gebüsch und Wiesen und immer bereit, sich durch einen gewaltigen Satz unsern Blicken zu entziehen, wenn wir Lust zeigen sollten, ihr zur genauern Besichtigung etwas näher kommen zu wollen, als sie für gut befindet. Die Horncikade ist die einzige deutsche Art ihrer Gattung und überhaupt der ganzen Buckelzirpen. Reich an höchst sonderbaren Formen ist aber Brasilien, die Heimath so zahlloser Insektengebilde aller Ordnungen. Einige davon zu beschreiben, wäre unnütz; denn die Gestalten sind zu abenteuerlich, um durch Worte nur annähernd versinnlicht werden zu können, ja selbst eine Abbildung würde nicht genügen, man muß sie in den Sammlungen selbst sehen und staunen über die – man verzeihe den zu menschlichen Ausdruck – launigen Einfälle des unendlichen Werkmeisters. Sie alle, deren Vorderbrustring vor den beiden übrigen Hauptabschnitten des Körpers sich durch eigenthümliche Wucherungen auszeichnet, bilden die Familie der Buckelzirpen ( Membracina).

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