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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 102
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Die Zirpen oder Cikaden, zunächst die Schaumcikade.

( Aphrophora spumaria)
siehe Bildunterschrift

a. die Schaumcikade, b. Rosencikade ( Typhlocyba rosae), c. Horncikade ( Centrotus cornutus), d. Eschencikade ( Cicada orni). Mit Ausnahme von d alle vergrößert.

Du wandelst Mitte Juni mit Deiner Familie und einigen guten Freunden im Schatten üppig grünender Weiden an einem Bache entlang. Der Himmel spannt sich in einer Reinheit über der kleinen Gesellschaft aus, daß sich auch nicht die leiseste Spur eines Wölkchens an ihm zeigt, und der Vorschlag, eine weitere Landpartie auszuführen, den allgemeinsten Anklang findet, weil von Furcht vor Regen keine Rede sein kann. Mit einem Male fällt ein Wassertropfen auf Deinen Rockärmel, Deine Nachbarin fühlt mit Schrecken einen zweiten auf ihren besten Hut fallen und der muntere Otto bekommt unmittelbar darauf einen in das Gesicht. Die ganze Gesellschaft stutzt und staunt; denn jedes Auge starrt unwillkürlich über sich, jedoch nur in den – blauen Himmel. Wo kommt das her? fragt ein Jeder. Regenmesser, welches sich so lange auf den Bäumen verhalten hätte, kann es nicht sein, da es tagelang nicht geregnet hat, und Thautröpfchen vom Morgen sind um diese Zeit und an solchen Stellen auch längst von den Blättern und von der Sonne aufgesogen.

»Jetzt weiß ich's wo der Regen herkommt«, ruft der kleine Otto, dem es mehr Sorge gemacht haben mochte, als allen Erwachsenen zusammengenommen, aus der Ungewißheit herauszukommen und den Grund der ungewöhnlichen Erscheinung zu ermitteln. »Seht Ihr nicht da oben die vielen weißen Klümpchen in den Zweigen hängen? Sie gleichen dem Seifenschaume. Hier in diesem Strauche könnt Ihr sie besser sehen; ich habe so eben genau aufgepaßt, wie sich aus den vielen, kleinen Bläschen nach unten ein wasserheller Tropfen bildete und dann herunterfiel. Hier, liebe Mama, hier wird gleich wieder einer losreißen.« Ach ja, wendet ein botanisch gebildetes Mitglied der Gesellschaft ein, das ist ja » Kukuksspeichel«, wie man ihn an dem Bocksbarte ( Tragopogon pratense), der Kukuks-Lichtnelke ( Lychnis cuculi) und manchen andern Wiesenpflanzen antreffen kann. »Aber der Kukuk spuckt doch nicht, Onkel,« forscht Otto weiter, »von dem können diese speichelähnlichen Klümpchen unmöglich herrühren?« Nein, mein Sohn, lautete die Antwort, die Bezeichnung beruht auf einem Irrthume, einem alten Volksglauben, wonach dieser Schaum vom Kukuk, dem man so manche wunderliche Dinge nacherzählt, herrühren soll, und nach dem man deshalb auch jene Lichtnelkenart benannt hat, an welcher sich der Schaum so häufig findet. In Wirklichkeit verursacht ihn aber ein Insekt. – Daß dieser Bescheid unserm kleinen Freunde nicht genügen werde, können wir uns denken, da er aber durch weitere Fragen den Onkel in Verlegenheit setzen könnte, so wollen wir der Wißbegierde des kleinen Forschers zuvorkommen und für den Onkel, der sich eben nur mit Botanik beschäftigt, eintreten und die weiteren Geheimnisse enthüllen.

Jenes Insekt finden wir im Innern des Schaumes einzeln, oder, wenn dieser in recht großen Mengen an den Weiden hängt, auch in kleineren Gesellschaften zusammen. Es ist ein grünes aus seiner Unterseite flach gedrücktes, nach hinten zugespitztes, nach vorn breit abgerundetes Wesen mit sechs verhältnißmäßig langen Beinen, welche ihm nicht nur zu schnellem Laufe, sondern sogar zum Springen dienen, obwohl wir nicht die langen, verdickten Schenkel an den hintersten derselben wahrnehmen, wie bei den Heuschrecken. Je nach der Entwicklungsstufe, auf welcher wir es antreffen, zeigen sich auf dem Rücken keine, oder nur kurze Flügelstumpfe. Vor jedem Auge sitzt eine Borste auf einigen dicken und kurzen Gliedern, die leicht zu übersehenden Fühler. Die Mundtheile bedingen die Schaumbildung nicht unwesentlich und wiederholen die bei den Wanzen bereits kennen gelernte Schnabelbildung, nur ihre Stellung wird dadurch eine etwas veränderte, daß der Schnabel nicht dem vorderen Kopftheile, sondern weiter hinten an der Kehle entspringt. Bei unserer Larve wie bei der geschlechtsreifen Cikade reicht derselbe bis zu der Wurzel der Hinterbeine oder noch etwas darüber hinaus und besteht aus drei Gliedern, deren letztes das längste ist. Bei einer Zerlegung zeigt er sich zusammengesetzt aus der kurzen, zart- und dünnhäutigen Oberlippe, dem aus zwei Borsten gebildeten Oberkiefer, dem ebenso aus zwei, aber feineren Borsten bestehenden Unterkiefer, dessen beide Theile jedoch so dicht zusammenliegen, daß sie sich schwer trennen lassen, lind darum lange Zeit nur für eine Borste angesehen worden sind, und endlich aus der dreigliedrigen, rinnenförmigen Unterlippe oder Schnabelscheide. Die vier, den Ober- und den Unterkiefer darstellenden Borsten entspringen mit einem breiten Grunde tief im Kopfe und umgeben die Schlundöffnung. An der Stelle, wo sie aus dem Kopfe heraustreten, rücken sie dicht aneinander. Vorher noch liegt zwischen ihnen eine kleine, tief ausgehöhlte, hornige Platte, die äußerlich nicht sichtbare Zunge. Jene Borsten nun bohrt die Larve tief in ein Blatt oder noch lieber in den zarten Zweig unmittelbar über dem Ursprunge eines Blattes und saugt in vollen Zügen. Ist sie gesättigt, so zieht sie den Schnabel heraus, hebt die Hinterleibsspitze und dreht sie nach allen Seiten hin. Aus ihr treten, so lange der Magen noch etwas zu verdauen hat, kleine Bläschen, welche in ihrer Gesammtheit zwar das Ansehen von Speichel haben, in Wirklichkeit aber die Ausscheidungen des Thieres sind, die durch seinen Leib gegangenen Pflanzensäfte, welche ihre Nährstoffe in jenem zurückgelassen haben.

Warum dies alles so sei, fragst Du mit Recht. Im Hinblicke auf andere Kerfe liegt aber auch die Beantwortung der Frage nahe. Viele Schmetterlingsraupen, die Sprockwürmer (S. 465) u. a. Larven leben in selbstgefertigten Gehäusen verschiedener Formen, die des hiernach benannten Lilienkäfers ( Lema merdigera) hüllt sich in ihren schmutzigen Koth und sitzt, einem Schmutzklümpchen gleich, auf ihrer Futterpflanze, die Larve einer Art des Blattlauslöwen ( Osmylus chrysops) umgiebt sich mit den Bälgen der ausgesogenen Blattläuse. Wie diese alle Schutz in ihren verschiedenartigsten Verstecken finden, Schutz gegen Feinde aus dem Thierreiche, zum Theil auch gegen die austrocknenden Strahlen der heißen Sonne, so unsere Cikadenlarve in dem Schaumklümpchen. Die Natur ist nun einmal unerschöpflich in ihren Einrichtungen und erreicht oft, wie wir schon manchmal gesehen haben, ein und denselben Zweck durch die verschiedensten Mittel.

Unter dem schirmenden Obdache also der sich immer wieder erneuernden Schaumbläschen lebt unsere Larve ungefähr ein Vierteljahr, häutet sich mehrere Male, ohne Veränderung der Lebensweise und der sonstigen Formen, außer daß allmählich die Flügelscheiden hinzutreten. Vor der letzten Häutung hört sie auf zu fressen, ihre Schaumdecke bekommt daher keinen neuen Zuwachs, sie vertrocknet mithin, das Kleid zerreißt hinten im Nacken und die vollkommene Cikade, welche man wegen ihres frühern Lebens Schaumcikade genannt hat, ist geboren, nährt sich in derselben Weise wie die Larve von Pflanzensäften, aber frei, ohne die jetzt nicht mehr nöthige schützende Schaumumhüllung. Im September trifft man sie am häufigsten an und zwar nicht ausschließlich auf den Pflanzen, wo sich im Sommer der »Kukuksspeichel« zeigte, sondern allenthalben, besonders auf Gebüsch, von dem sie, wenn es geschüttelt wird, wie Flöhe abspringen.

Betrachten wir das kleine Thierchen, unter seinen zahlreichen, bei uns heimischen Geschwistern zu den größten gehörig, etwas genauer, um es von diesen sicher unterscheiden zu können. Der Kopf charakterisirt sich durch die aufgetriebene Stirn, welche beiderseits von ihrer Mitte aus mit etwas gebogten Querreihen schwarzer, tief eingedrückter Punkte durchfurcht ist, und durch den nach vorn gerichteten, scharf gekanteten, dreiseitigen Scheitel. Unmittelbar vor, nicht unter den Netzaugen sitzen als Fühler, beinahe wie bei den Libellen, auf zwei dicken Grundgliedern je eine feine Borste und am Hinterhaupte nicht weit auseinander zwei schwer zu erkennende Nebenaugen. Der große Vorderrücken hat am breiteren Vorderrande drei Ecken, indem er sich eng in den einspringenden Winkel des Hinterkopfes anlegt, und ebenso viele am Hinterrande, jedoch springt hier die mittelste ein. Daselbst schließt sich eine kleine, nach hinten spitz dreieckig auslaufende Platte des Mittelrückens, die schon anderwärts als Schildchen bekannt gewordene Stelle eng an, der einzige Theil, welcher weiter nach hinten zu vom ganzen Rumpfe oben noch sichtbar bleibt, denn pergamentartige Flügeldecken ragen über denselben nach hinten und seitwärts hinaus. Die ganze obere Fläche des Thieres, also Scheitel, Halsschild, Schildchen und Flügeldecken erscheinen grob punktirt. Unter den Decken liegen dünnhäutige, nicht gefaltete, sondern nur übereinandergreifende Hinterflügel verborgen. Die Füße sind dreigliedrig, die Schienen dreiseitig, gegen das Ende etwas verdickt, die hintersten mit zwei Dornen, deren unterster ¾ der Länge am meisten in die Augen fällt, und mit einem Dornenkranze an ihrem Ende bewehrt. Gleiche Kränze tragen die Hinterränder derjenigen Fußglieder am hintersten Paare, welche nicht Klauenglieder sind. Durch diese Borstenreihen greifen die Hinterbeine auf ihre Unterlage fest ein und schnellen das Thier, welches in der Regel dabei seine Flügel gebraucht, weit fort (bis 1,5 Meter, oder 250 mal so weit als es lang ist.) Die Farbe der ganzen Cikade ist ein ins Grüne gehendes Graubraun, nur die Flügeldecken haben zwei dunklere schiefe Binden, durch welche zwei entsprechende fast weiße noch mehr hervorgehoben werden; jedoch prägt sich die eben angeführte Zeichnung aus den Flügeldecken nicht immer vollständig aus.

Stumm und geräuschlos treiben sich die Schaumzirpen auf Gesträuch und im Grase bis zum Herbste umher, das eine Geschlecht sein anderes Ich aufsuchend, schaaren sich wohl auch in gewaltige Schwärme zusammen. Hofrath Walch in Jena erzählt von einer Wahrnehmung, welche er ungefähr im Jahre 1772 machte, wie folgt: »Ich saß in meinem gegen Mittag liegenden Studirzimmer, und es war bereits Nachts 12 Uhr. Das Wetter war klar und gleichwohl hörte ich an meine Fenster anschlagen, so wie etwa ein starker Platzregen oder kleine Schloßen anzuschlagen pflegen. Ich glaubte dies anfangs auch wirklich; doch öffnete ich, da das Geräusch nachließ, ein Fenster und siehe, es drang eine ganze Wolke Insekten herein, so daß ich das Fenster geschwind wieder zumachen mußte. Sie fielen schaarenweise auf den Tisch und ergaben sich als lauter kleine Schaumcikaden. Was für eine unendliche Menge muß damals über unsere Stadt gezogen sein, da die blose Oeffnung eines einzigen Fensters in einem Augenblicke wohl auf tausend herbei nach dem Lichte lockte? Das Anschlagen an die Fenster hat noch auf eine Viertelstunde gedauert.« Das Weibchen legt seine blasgelben, ziemlich langen Eier zwischen die Ritze der Baumrinde oder schneidet eigens dazu Spalten in dieselben mit einer messerartigen Legröhre, welche in der Hauptform und in der Anwendungsweise an das entsprechende Werkzeug bei den Blattwespen erinnert.

Dies geschieht vor Winter, wie man meint, so daß die Eier während desselben ausdauern. An den Bäumen und Büschen der Weiden wird man diese Ansicht gerechtfertigt finden, wie verträgt sie sich aber mit den hinfälligen Wiesenpflanzen? Auch hier läßt sich die Behauptung rechtfertigen. Meines Wissens nach findet sich der »Kukuksspeichel« nur an ausdauernden Gewächsen, also an solchen, deren Wurzeln wenigstens verbleiben, an ihnen findet sich aber immer noch so viel vom alten Stengel, daß das Cikadenweibchen seine Eier daselbst unterbringen kann. Ich erinnere mich nicht, unter dem Laube überwinterte Cikaden angetroffen zu haben, während die ihnen verwandten Baumwanzen an solchen und ähnlichen Stellen massenhaft anzutreffen sind, so daß jene wohl vor Beginn des Winters für immer schlafen gehen mögen, nachdem sie ihre Eier in Sicherheit gebracht haben. Wenn nun auch die jungen Larven keine größeren Wanderungen antreten, so muthen wir ihnen doch nicht zu viel zu, wenn wir annehmen, daß sie sich vom alten Holze oder den dürren Stengeln nach den sehr nahen jungen Trieben hinbegeben, um sie anzustechen und ihnen den Saft auszusaugen.

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