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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 101
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Gemeine Ruderwanze, Gleise, Rückenschwimmer und der rothgeschildete Wasserläufer.

( Notonecta glauca, Hydrometra rufoscutellata)
siehe Bildunterschrift

Rückenschwimmer. Wasserläufer

Zu wiederholten Malen schon haben uns unsere Betrachtungen an den Rand eines Wassergrabens, einer schilfumkränzten Lache inmitten einer Wiese gestellt, um dort dem bunten Treiben zuzusehen und einen flinken Käfer, eine räuberische Larve aus der Masse herauszugreifen und näher ins Auge zu fassen. Wir stehen zum letzten Male an gleicher Stelle und verfolgen mit den Blicken bleiche, langgestreckte Gestalten, die jetzt mit ihrer Leibesspitze an der Oberfläche hängen im nämlichen Augenblicke, nach einigen kräftigen Stößen mit ihren langen Hinterbeinen, den ihnen angebornen Rudern, unten im Moder verschwinden. Wir möchten sie nach allem, was wir an ihnen beobachten, ebenfalls für Käfer halten, nur anders geformt wie ihre übrigen Nachbarn, lang und schlank, wie so mancher ihrer lustigen Brüder. Auch sollen sie Ausflüge halten, besonders im Frühlinge zur Paarungszeit, und dann wieder in das Wasser einfallen, daß man meinen sollte, es wären kleine Steinchen. Wenn sie am Boden oder an untergetauchten Wasserpflanzen umherkriechen, geschieht es nur mittels der vier vorderen Beine, die Ruder sind dabei natürlich überflüssig und werden nur nachgeschleppt. Alles wie bei den Wasserkäfern, und doch lehrt ihre genauere Untersuchung, daß sie nichts weniger als solche seien.

Wenn wir uns eins oder das andere dieser Thiere herausfischen und in die Hände nehmen, kann es sich ereignen, daß wir einen empfindlichen Stich erhalten, dessen Wirkungen jedoch nicht nachhaltig sind und ohne Anschwellung verlaufen. Wodurch ward er veranlaßt? Das Thier hat einen kräftigen Schnabel, welcher an dem großen, schief nach hinten gerichteten Kopfe so sitzt, daß er von der Brust absteht. Wir sehen äußerlich freilich nur die hornige, viergliedrige Scheide, die stechenden Borsten sind in ihr verborgen. Die kleinen Fühler lassen sich schwer entdecken, indem sie außerdem noch in einer Vertiefung angebracht sind, desto mehr treten die glänzenden Augen hervor. Hinter dem Kopfe folgt das viereckige, gewölbte Halsschild, dann ein sehr großes dreieckiges Schildchen und beiderseits die bis zur Leibesspitze reichenden chitinharten Flügeldecken, welche die darunter liegenden dünnhäutigen, größeren Hinterflügel und den fast kielförmigen Rücken vollkommen überdecken. Die zwei vordern, an Länge beinahe gleichen Fußpaare haben anscheinend nur zwei Fußglieder, von der Unterseite jedoch entdeckt man noch ein kleines Grundglied, so daß ihrer drei vorhanden; das dritte trägt zwei Klauen. Das bedeutend längere dritte Paar der Beine bildet, wie schon erwähnt, Ruder, trägt beiderseits starke Wimpern, nur zwei Fußglieder und keine Klauen. Der Mangel dieser, wie die Dreigliedrigkeit der vorderen Füße unterscheidet diese von zwei nahe verwandten Gattungen. Die Grundfarbe ist braun, Kopf, Vorderrücken, Flügeldecken und Beine zeigen sich graugrünlich und das seidenglänzende Schildchen schwarz.

Wenn vorher erwähnt wurde, daß das Thier aus seinem Rücken beinahe kielartig erhöht sei, so wird man seine Gewohnheit, auf dem Rücken zu schwimmen, nicht mehr wunderbar finden. Der flache, stark behaarte Bauch liegt nach oben. In der Behaarung fängt sich Luft, welche zum Athmen verwandt wird, ist sie verbraucht, so muß der Rückenschwimmer an die Oberfläche kommen und von neuem Luft auffangen. Zugleich erreicht er bei seiner Art zu schwimmen den Vortheil, daß er seine Mitbewohner, wenn er von unten nach oben aufsteigt, besser sieht und sie erfassen kann. Er saugt nämlich die Wasserinsekten, besonders deren Larven und die Asseln aus, und man versichert, daß diese sofort von seinem Stiche zu Grunde gingen; auch die junge Fischbrut greift er an, wenn er sich in einem Fischteiche eingenistet hat. Unterhaltend und höchst komisch sind die Kreuz- und Quersprünge, welche ein Rückenschwimmer auf dem Lande unternimmt, wenn man ihn aus dem Wasser geholt hat, welches er nun wieder zu erreichen sucht; ein geregeltes Fortkriechen zur Erreichung seines Zweckes scheint ihm schwer zu fallen, mindestens zu langweilig vorzukommen.

Die Weibchen legen die ovalen, hellgelben Eier an die untern Theile der Wasserpflanzen oder auf den Boden, zu kleinen Scheiben an einander geklebt. Nach ungefähr zehn Tagen bekommen dieselben an dem einen Ende hochrothe Punkte, die durchscheinenden Augen der künftigen Larven. Nach zwei Wochen und zwar noch im Mai schlüpfen diese aus. Sie gleichen in Gestalt und Lebensweise ihren Müttern, sehen nur ockergelb aus und ermangeln der Flügel. Bis zum August häuten sie sich dreimal und bekommen dann sehr kurze Flügelstumpfe. Mit der vierten Häutung erlangt das Insekt seine volle Entwickelung, bedarf aber immer noch einiger Zeit, ehe das fast weiße Kleid in der oben angegebenen Weise ausgefärbt ist, ehe die weichen und zarten Körpertheile die gehörige Widerstandsfähigkeit erlangen. Ueber Winter liegen diese Wanzen erstarrt im Schlamme.

Unsere Abbildung führt uns noch einen kleinen Schlittschuhläufer vor, welcher diese Kunst ohne Eisbahn und ohne Eisen unter den Füßen im warmen Sommer zu verstehen scheint. Er zeigt sich meist nicht vereinzelt, sondern zu kleineren oder größeren Gesellschaften vereinigt und dann ist das Bild nicht ungerechtfertigt:

Wie im Winter eine muntere Kinderschaar sich geschäftig auf dem Eise tummelt, so laufen hier auf dem ruhig stehenden, von der Sonne beschienenen Wasserspiegel diese ungemein schlanken und langbeinigen Thierchen von einem Punkte aus einander, nach einem andern zusammen, kreuz und quer sich jagend und wiederum an einer Stelle sich einigend. Um zu ruhen stehen sie ein anderes Mal wie angewurzelt und scheinen nur auf eine Veranlassung zu warten, um ihre Künste weiter zu zeigen; denn nahet man sich, so laufen sie neckisch davon und zwar gern gegen die schwache Strömung, wenn ein Bach ihnen zum Spielplatze dient.

Die Kerfkundigen unterscheiden mehrere Arten, welche aber nicht in der angegebenen Weise mit einander verkehren, sondern nur die gleichartigen gesellen sich zusammen, ohne daß wir nach unseren Beobachtungen größere und kleinere unter einander gerade für unverträglich halten. Wir nehmen an, die größte unserer heimischen Arten, von dem rothen Rückenschilde mit obigem Beinamen belegt, ergötze uns jetzt mit ihren Rutschpartien auf dem Wasser. Sie bedient sich dazu nur der vier langen, hinteren Beine, die vordersten, bedeutend verkürzt, aber nicht, wie bei andern Verwandten, in Fangarme umgewandelt, braucht sie nur zum Ergreifen und Festhalten kleiner Insekten, von welchen sie sich ernährt. An allen sechs Beinen zählen wir nur zwei Fußglieder, wodurch sich diese Gattung von noch drei andern wasserlaufenden unterscheidet. Den schmalen Rücken bedecken vier Flügel, die vordersten natürlich ebenfalls sehr schmal und durchaus chitinhart, die hintersten dünnhäutig, milchweiß und breiter, wieder ein Unterscheidungsmerkmal von einer andern, ungeflügelten Wasserwanzengattung, welche mit ihr die zwei Fußglieder gemein hat. Am kleinen Kopfe steht nach unten ein scheinbar viergliedriger Schnabel, bei genauer Untersuchung ergiebt sich aber das oberste Glied als frei abstehendes Kopfschild; sollte sich der Schnabel bisweilen an die Brust anschmiegen, so ist diese doch nicht mit einer Rinne versehen, in welche er sich einlegen könnte. Nicht blos scheinbar, sondern in Wirklichkeit haben dagegen die schlanken Fühler vier Glieder, von denen das letzte kaum länger und dicker als das dritte ist; zwischen diesem und dem zweiten schiebt sich ein kurzes Gelenkglied ein. Den Mittelrücken auf der Oberseite ganz verdeckend reicht der Vorderrücken weit nach hinten. Fängt man im ersten Frühlinge eine Partie von den zu einer Spielgesellschaft gehörigen ein, so findet man solche unter ihnen, denen die Flügel fehlen. Noch zwei andere Unvollkommenheiten unterscheiden sie von den geflügelten. Man bemerkt nämlich an den Fühlern das eben erwähnte Gelenkglied nicht und an den Beinen nur ein Fußglied. Dergleichen Stücke sind die Larven der Geflügelten.

Nähere Beobachtungen über die Verwandlungsgeschichte dieser Thiere sind mir nicht bekannt; weil wir aber schon im Frühjahre Larven und vollkommene Insekten finden, so müssen beide, wie verschiedene Wanzengattungen, welche auf Blättern leben, überwintert haben. Als Winterlager wählen sie schwerlich das Wasser, sondern die zahlreichen Verstecke, welche ihnen in dessen nächster Nähe geboten werden: findet man doch Schwimmkäfer, deren eigentliches Element das Wasser ist, zu dieser Zeit unter Moos in Wäldern, weit entfernt von ihren Sommerquartieren, warum sollten unsere Wanzen, welche man stets nur auf dem Wasser sieht, unter demselben ihren Winterschlaf halten? Das erste Geschäft der im jungen Jahre belebten Weibchen besteht im Eierlegen, die Larven werden bald zu vollkommenen Insekten und ahmen später dem Beispiele ihrer Mutter nach. Die Entwickelung der Jungen schreitet unter mehrmaligen Häutungen je nach der Witterung langsamer oder schneller vorwärts, so daß die rauhere Jahreszeit, in der das thierische Leben wie ausgestorben erscheint, Larven und vollkommene Wanzen zugleich antrifft, welche beide ihren Endzweck noch nicht erfüllt haben, sondern hiezu bis zum nächsten Jahre aufgespart werden müssen.

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