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Was da kriecht und fliegt!

Ernst Ludwig Taschenberg: Was da kriecht und fliegt! - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorErnst Ludwig Taschenberg
titleWas da kriecht und fliegt!
publisherVerlag von Wiegandt, Hempel & Parey
printrunZweite, neu bearbeitete Auflage
year1878
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150506
projectidb063374f
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Das kleine Johanniswürmchen, der gemeine Leuchtkäfer.

( Lampyris splendidula)
siehe Bildunterschrift

Weibchen. Larve. Männchen. (Alle Figuren vergrößert.)

»Eine reizende deutsche Dame, Fräulein Merian,« erzählt Michelet in seinem Insekt, »welche in die Feuerzonen Brasiliens versetzt wurde, wo das Insekt zu seiner Hochzeitsfeier die Fackel der Liebe in Wirklichkeit anzündet und durch die Poesie des Lichtes sein großes Fest verherrlicht, hat uns voll Unbefangenheit die Schrecken geschildert, welche sie über die Wunder derselben empfand. Sie war die Tochter, die Enkelin ausgezeichneter und fleißiger Kupferstecher, war selbst Künstlerin und sehr belesen und hat uns mit einem bewundernswerthen und malerischen Werke über die Insekten Surinams beschenkt, einem Werke, das in lateinischer, holländischer und deutscher Sprache erschienen ist. Die gelehrte Dame ließ sich in einem Leben, das durch Unglücksfälle und Tugenden ausgezeichnet war, nur eine Thorheit zu Schulden kommen – wer hätte keine begangen? – die Liebe zur Natur. Sie verließ Deutschland, um nach Holland zu gehen, wohin sie durch dessen ausgezeichnete Sammlungen, glänzende Schätze der beiden Welten, gelockt wurde. Dann genügte auch das ihr nicht, und sie ging nach Guyana und dort malte sie mehrere Jahre lang. Sie vereinigte auf einem und demselben Blatte das Insekt, die Pflanze, von welcher es lebt, und das Reptil, welches von dem Insekt lebt. Gewissenhaft, wie sie war, suchte sie ihre gefährlichen Modelle selbst auf, obgleich sie Furcht vor denselben hegte. Einst, als die wilden Indianer ihr einen Korb voll Insekten gebracht hatten, schlief sie nach der Arbeit ein. Aber ein merkwürdiger Traum beunruhigte ihren Schlaf. Es schien ihr, als höre sie eine Lyra, eine Liebesmelodie. Dann entzündet sich die Melodie; es ist kein Gesang mehr, sondern ein Brand. Das ganze Gemach ist mit Feuer erfüllt. – Sie erwacht und findet alles wahr. – Der Korb war die Lyra, der Korb war der Vulkan. Zum Glück erkannte sie sehr schnell, daß dieser Vulkan nicht brenne. Die Gefangenen waren Leuchtkäfer; ihr Gesang war der ihrer Brautfeier; ihre Flamme die Flamme der Liebe.«

»In jenen Gegenden reist man viel während der Nacht, um die Hitze zu vermeiden. Aber man würde sich nicht in die bevölkerte Finsterniß gewaltiger Wälder wagen, wenn die leuchtenden Insekten den Reisenden nicht beruhigten. Er sieht sie von fern glänzen, tanzen, fliegen. Er sieht sie in der Nähe, im Bereiche seiner Hände, auf den Gebüschen sitzen. Er ergreift sie, um sich von ihnen geleiten zu lassen, befestigt sie auf seiner Fußbekleidung, um sich den Weg zu erhellen und die Schlangen in die Flucht zu jagen. Aber wenn der Tag anbricht, zeigt er sich dankbar und sorgfältig setzt er den Leuchtkäfer auf einen Strauch und giebt ihn seinem Liebeswerke zurück. Ein schönes indianisches Sprüchwort sagt: Nimm die Feuerfliege mit dir, aber bringe sie da wieder hin, wo du sie genommen hast.«

Die »Feuerfliege« der Indianer sind Käfer von zweierlei, sehr verschiedener Natur. Die einen gehören der großen Familie der Schnellkäfer ( Elateridae) an, jenen Käfern, die, wenn sie auf dem Rücken liegen, das Vermögen besitzen, unter einem knipsenden Laute sich emporzuschnellen, um hierdurch wieder auf ihre Beine zu gelangen. Bei uns kommen zahlreiche Arten vor, keine einzige aber leuchtet im Dunkeln. Im südlichen Amerika leben dagegen viele, unter ihnen auch einige von bedeutender Größe, welche sich sämmtlich an einem wachsgelben, etwas erhabenen Flecke in der Nähe jeder der hintern Ecken des Halsschildes auf den ersten Blick erkennen lassen. Diese Stelle leuchtet mit Phosphorscheine im Dunkeln, und daher haben die Käferkundigen diese sonst unscheinbaren Schnellkäfer unter dem Gattungsnamen Pyrophorus (Feuerträger) zusammengefaßt. Die zweite Reihe der »Feuerfliegen« breitet sich in etwa 450 bekannten Arten über alle Länder der Erde aus, allerdings am zahlreichsten über das südliche Amerika, und bildet als Sippe der Lampyrinen mit noch einigen andern Verwandten, zu denen auch der im nächsten Kapitel besprochene Käfer gehört, die Familie der Weichkäfer ( Malacodermata).

Das hier abgebildete kleine Johanniswürmchen oder der gemeine Leuchtkäfer ( Lampyris splendidula) ist am weitesten verbreitet und bewohnt feuchte Gründe und andere durch Buschwerk beschattete Oertlichkeiten in der Nähe von Wasser, wo sich auch Schnecken verschiedener Art in größern Mengen aufhalten. Hier werden von ihm an warmen Sommerabenden, von Johannis ab bis in den August hinein, Schauspiele aufgeführt, welche die Traumgebilde vom Lande der Feen und Elfen weit hinter sich lassen. Hunderte von Feuerfünkchen zittern durch die würzige Luft, und wenn dem staunenden Blicke dieses erlöscht, so taucht ein anderes auf im lautlosen und doch feurigen Tanze. Es sind die Männchen, welche in gemäßigtem Fluge als Freier umherschwärmen, Irrsternen vergleichbar, die sich zeigen und wieder verschwinden. Hie und da unten am feuchten Boden strahlt in zauberhaftem Phosphorlichte ein Fixstern; er beleuchtet Blätter und Stengel der Gräser, das zierliche Moos oder die Steinchen des Untergrundes mit seinem Glanze, verschwimmt weiter hin in einen Lichtnebel bis allmählich in noch weiterem Umkreise die Dunkelheit der Nacht über seinen Glanz den Sieg davon trägt. Dieser hellleuchtende »feste Stern« ist das ungeflügelte Weibchen, die Zaubererscheinung in ihrer Gesammtheit ein Fackeltanz des hochzeitlichen Hymen. Mit Anbruch des Tages ist der Glanz verschwunden, und das Fünkchen, welches heute leuchtete, ist morgen für immer verlöscht, wenn auch ihm Hymen die Fackel angezündet hatte; so lange dies nicht geschah, irrt es allnächtlich von neuem umher, bis zuletzt auch seine Zeit gekommen ist. Am Tage hält es sich verborgen im Grase, ernährt sich auch von demselben, wenn ihm ein längeres Leben beschieden sein sollte. In den an Glühwürmchen armen Jahren gestaltet sich jener wunderbare Fackeltanz durch die geringe Zahl der Theilnehmer weniger großartig, immerhin aber spielt er sich in aller Bescheidenheit ab, und die Wirkungen bleiben jederzeit dieselben.

Das Weibchen legt bis sechzig außerordentlich zarte und daher leicht verletzbare Eier von der Größe eines Stecknadelkopfes in eine Erdhöhlung unter faulendes Laub, unter die faulende Wurzel eines Baumes oder an ein sonst wie geschütztes Plätzchen seiner Umgebung und folgt dann dem Männchen im Tode nach. Die Eier leuchten gleichfalls, wenn auch in wesentlich schwächerem Lichte und entwickeln sich nach Verlauf von einigen Wochen zu einer sechsbeinigen, asselartigen Larve, welche vom Raube und in erster Linie von Schnecken lebt, ebenfalls schwach leuchtet und sich so versteckt hält, daß sie schwerlich von einem andern bemerkt wird als von demjenigen, der sie mit besonderer Mühe an solchen Stellen aufsucht, wo sich im Sommer zahlreiche »Feuerfünkchen« gezeigt hatten. Nach der Ueberwinterung und einige Wochen vor dem Fackeltanze wird sie träger und schwerfälliger, nimmt keine Nahrung mehr zu sich, zuletzt reißt ihr an den Seitenkanten der drei vordersten Leibesringe das auf dem Rücken bepanzerte Kleid und aus ihm windet sich die Puppe hervor. Die männliche Puppe zeigt die zukünftigen Flügel als Läppchen und stellt sich in jeder Hinsicht als eine Käferpuppe dar, die weibliche bildet auch in ihrer äußern Erscheinung eine Mittelstufe zwischen Larve und Geschlechtsthier und ist mehr eingekrümmt als erstere.

Unser Bild erspart uns eine eingehendere Beschreibung des in seinen Lebensverhältnissen eben geschilderten Käferchens, nur noch einige Bemerkungen mögen zur Vervollständigung dessen hinzugefügt sein, was man nicht sehen kann. Der kleine Kopf der Larve ist unter dem ersten Körperringe versteckt und mit deutlichen Fühlern ausgerüstet. Abgesehen von dem längeren, nach vorn verschmälerten ersten Leibesgliede sind alle andern unter sich ziemlich gleich und an der hintern Ecke mit je einem lichteren Fleckchen auf dem sonst gelblich braunen Rücken verziert. Das letzte kann eine Art von Trichter hervorstülpen, bestehend aus zwei in einanderstehenden Kreisen knorpeliger Strahlen, welche durch eine gallertartige Haut mit einander verbunden sind. Diese beiden Strahlenkreise bilden durch ihre Aus- und Einziehbarkeit ein Reinigungswerkzeug, einen Pinsel, mit welchem sich die Larve von dem Schneckenschleime und den durch diesen anhaftenden Erdkrümchen befreit. Das graubraune Männchen erkennt man leicht an den beiden glasartigen Fensterflecken des Halsschildes, welche auch zu einem durchscheinenden Vorderrande verschmelzen können, das weißgelbe Weibchen an den beiden Läppchen hinter dem Halsschilde, welche wenigstens eine Andeutung von Flügeldecken geben; überdies ragen beiden Geschlechtern die dünnen, sichelförmig gebogenen Kinnbacken hervor. Der kleine, unter dem großen und vorn gerundeten Halsschilde verborgene Kopf, so wie einige größere oder kleinere lichte Flecke am Bauche, nahe seiner Spitze, der Stelle, von welcher das Leuchtvermögen ausgeht, ist ein gemeinsames Merkmal aller Leuchtkäfer aus der Sippe der Lampyrinen.

Das große Johanniswürmchen ( L. noctiluca) ist eine zweite, im mittleren Deutschland seltener, dagegen im südlichen Deutschland, in Frankreich und sonst häufiger vorkommende Art, deren 11 mm langes Männchen am Halsschilde keine Fensterflecke und vor der Bauchspitze kleinere Leuchtflecke zukommen. Das 15 bis 17,5 mm messende Weibchen ist wegen des gänzlichen Mangels der Deckschilde seiner Larve noch ähnlicher als das Weibchen der kleineren Art und unterscheidet sich von ihr durch ein besser entwickeltes Halsschild und kräftigeres Leuchtvermögen. Die meisten fremdländischen Arten sind auch im weiblichen Geschlechte geflügelt, ihr Betragen scheint aber von dem unserer ungeflügelten kaum abzuweichen, wenigstens berichtet von Osten-Sacken über die um Washington gemeinste Art, den Lightning bug ( Photinus pyralis) etwa in folgender Weise:

Männchen und Weibchen sehen sich vollkommen ähnlich, nur daß ersteres längere Fühler und stärkeres Leuchtvermögen besitzt, es glänzen nämlich bei ihm zwei ganze Hinterleibsglieder, während das Weibchen nur einen halbrunden Leuchtfleck auf dem drittletzten und zwei kleine Punkte auf dem vorletzten Bauchringe aufzuweisen hat. Das Leuchten besteht in einem wahren Blitzen, und der Glanz des in der Hand gehaltenen Käfers ist ein wirklich blendender. Auf einer feuchten Wiese hat man ein dem oben geschilderten entsprechendes Schauspiel. Gleich nach Sonnenuntergang steigen tausende von Käfern senkrecht auf, fliegen eine Strecke seitwärts, während dem sie sich wenig senken, um dann wieder zu steigen. Da sie blos beim Aufsteigen blitzen, so sieht man die Menge immer nur steigen, und zwar sind es nur Männchen, die bei ihrem Fluge den Körper senkrecht halten, so daß der Hinterleib wie eine Laterne herabhängt; von Zeit zu Zeit schwebt das eine und andere unbeweglich, wahrscheinlich, um sich nach einem Weibchen unten im Grase umzuschauen. Diese bleiben hier ruhig sitzen und halten ihren Hinterleib nach oben, um ihr Licht leuchten zu lassen. Anfangs ist es noch hell genug, um den Flug der einzelnen Käfer beobachten zu können, dann sieht man, wie nach einigen schaukelnden Bewegungen in der Luft bei Eintritt der Dunkelheit das Männchen sich in einiger Entfernung von einem Weibchen niederläßt. Unter fortgesetztem Aufblitzen von beiden Seiten kommt man sich immer näher, bis man sich schließlich trifft. Die später im Grase leuchtenden Punkte sind sicher nur vereinigte Pärchen und die einzelnen zu dieser Zeit noch in der Luft schwebenden Funken solche Männchen, welche noch keine Gefährtin gefunden haben.

Die Licht verbreitenden Werkzeuge bestehen aus zahlreichen, in zartwandigen Kapseln eingeschlossenen vielseitigen Zellen, welche theils durchsichtig sind, theils eine feinkörnige Masse enthalten, und aus einem dichten Netze zarter Verästelungen der Luftröhren. Kölliker meint nun, die durchsichtigen Zellen seien die leuchtenden Theile und das Leuchten selbst werde vom Willen des Thieres und der nach jenen gehenden Nerven bedingt. Matteucci dagegen ist der Ansicht, daß die Leuchtmasse auf Kosten des durch die Luftröhren zugeführten Sauerstoffes verbrenne. So viel ist gewiß, daß die im Ruhezustande nur mäßige Leuchtkraft durch den lebhaften Flug und durch von außen einwirkende Reize bedeutend gesteigert wird, bei Ueberreiz aber auch wieder nachläßt.

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