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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Siebentes Kapitel.

Am andern Nachmittage stand Larssen in der Thür eines Shawlmagazins und betrachtete mit der ihm eigenthümlichen Genauigkeit ein großes, warmes Tuch, als Erich vorüberging und ihn erblickte. Lachend trat er hinzu, ihn mit diesem Einkaufe zu necken.

»Ist's wieder einmal so weit, Vater Larssen!« fragte er, »daß Du sentimental und spendabel wirst?«

»Reine Sache der Wohlthätigkeit,« entgegnete Larssen mit komischer Würde, und erregte damit Erich's Heiterkeit in noch höherem Grade.

»Glaube Dir das nicht!« rief dieser, »denn es glaubt's Dir Niemand! Du wirst ja auf Deine alten Tage nicht von Dir selbst abfallen!«

»Auf mein Wort, Erich!« wiederholte Jener, »reine Sache der Wohlthätigkeit! Denkst Du, ich sei der Sündhaften Einer und hätte noch Wohlgefallen am Weibe? Das ist fern von mir! Aber wie gefällt Dir das Tuch?«

»Es kommt darauf an, für wen es sein soll!«

»Für eines der schönsten Geschöpfe, die mir jemals vorgekommen sind.«

»Und an diesem schönen Geschöpfe hast Du kein Wohlgefallen mehr?«

»Ich habe es nur einen Augenblick gesehen und werde es außer heute auch nicht wiedersehen!« entgegnete Larssen, der sich vor Erich in der Rolle des Wohlthäters gefiel.

»Das klingt ja sehr romantisch!« rief Erich aus, »auf diesem Felde hätte ich Dich am wenigsten vermuthet!«

Larssen bezahlte während dessen den besprochenen Einkauf und verließ mit Erich das Magazin, seinerseits ebenso entschlossen, den Anstrich eines geheimnißvollen Abenteuers aufrecht zu erhalten, als Erich den Schleier desselben zu lüften, um Larssen mit seiner Heuchelei zu necken. Als sie die nächste Straßenecke erreicht hatten, wollte Larssen sich von Erich trennen, besann sich dann aber plötzlich eines Andern, um seine Rolle desto sicherer durchzuführen, und forderte ihn auf, ihn zu begleiten, »jedoch nur unter Einer Bedingung« wie er sagte.

»Und die wäre?«

»Daß Du mir das unbedingteste Schweigen gegen Jedermann versprichst!« antwortete Larssen. »Die Sache ist das Geheimniß von Personen, deren Zutrauen ich besitze. Es handelt sich um eine Familie, die man auskundschaften, um ein Mädchen, das man unterstützen und für das man Reiseeffecten kaufen wollte, da es den Ort verlassen muß. Ich habe das Alles besorgt und es auch übernommen, die Sachen heimlich abzuliefern. Versprichst Du mir, mich nichts Näheres zu fragen, Nichts weiter darüber zu reden, so will ich Dir das Mädchen zeigen.«

Erich ließ sich das nicht zweimal sagen, und bald befanden die Beiden sich vor dem Hause des Unterofficieres, in welchem die Versteigerung des Hausrathes sich ihrem Ende nahte. Männer mit Tragen brachten einzelne verkaufte Stücke die Treppe herab, ein paar Nachbarinnen besahen vor der Thür die erstandenen Töpfe und Eisenwaaren. Larssen und Erich gingen hinauf, als ob sie einen Einkauf zu machen wünschten. Es waren noch ein paar Trödlerinnen in dem Zimmer, mit denen der Unterofficier seine Abrechnung zu halten schien, der Schreiber des Auctionators saß, die Listen ordnend, an einem Tische mitten in dem Raume, und aus allen Ecken trug man die gekauften Gegenstände davon, daß die Stube mit jedem Augenblicke leerer und trauriger anzusehen wurde. Erich, solcher Eindrücke ungewohnt, konnte sich einer höchst wehmüthigen Empfindung nicht erwehren. »Und hier lebt Dein schönes Wunder?« fragte er.

Larssen antwortete nicht, sondern drückte nur die Brille fest an die Augen, um in der beginnenden Dunkelheit Regina zu suchen, die er nicht entdecken konnte. Da er sie am Morgen in der Küche gefunden hatte, wendete er sich dorthin. Erich folgte ihm, und als sie die Thüre derselben öffneten, erblickten sie Regina, beschäftigt die Tassen und Töpfe zu reinigen, aus denen man die Trödlerinnen nach altem Brauche mit Kaffee bewirthet hatte, ihnen guten Muth und Lust zum Kaufen einzuflößen.

Das spärliche Licht einer Lampe und verglühender Kohlen fiel auf Regina's Züge. Sie sah empor, als die Beiden eintraten, und Erich erstaunte vor dem mächtigen Augenaufschlag dieses Kindes. Regina erkannte Larssen von seinem Besuche am Morgen wieder, und da er sich als einen Käufer dargestellt, fragte sie ihn, ob er den Schrank erstanden, den er in der Frühe besehen habe?

»Ich bin zu spät gekommen!« sagte er. »Er war schon verkauft; hat man hohe Preise gezahlt?«

»Ich weiß es nicht, der Vater schickte mich hinaus!«

»Weshalb that er das?« fragte Erich, dessen Augen unverwandt auf ihren Zügen ruhten.

Regina stockte und sagte dann mit großer Verlegenheit: »Weil ich weinte! – Es war so schrecklich, wie sie Alles wegtrugen, der Mutter Tisch und Bett – und Alles!« –

Sie hatte die Worte leise gesprochen, dann wendete sie sich ab, ihre wieder hervorbrechenden Thränen zu verbergen. Erich hätte mit ihr weinen können. »Wann fährst Du fort?« fragte er sie und faßte mitleidig ihre kleine nasse Hand, die sie an der Schürze trocknete.

»Morgen Abend!«

»Dazu soll ich Dir die Sachen geben!« sagte Larssen, legte den Shawl und noch ein anderes Päckchen mit warmen Kleidungsstücken auf den Heerd, winkte Erich, ihm zu folgen, und verließ die Küche,

Erich aber blieb zurück. Er wollte den Namen des Mädchens wissen, das ihm in seiner Aufgeregtheit wie eine verzauberte Prinzessin vorkam, und als die Kleine sich Regina nannte, war es ihm, als leuchte ein Kronenschimmer um ihr dunkles Kinderhaupt. Er hatte die größte Lust, dem Mädchen Etwas zu schenken, aber ihr Geld zu geben, war ihm unmöglich; Larssen rief ihm zu kommen, er wollte dem Rufe folgen und wollte doch nicht gehen ohne Gabe. Plötzlich griff er nach seiner Kravatte, zog eine Nadel mit reichgefaßter Perle daraus hervor, reichte sie dem Mädchen hin, küßte es auf die Stirne und eilte die Treppe hinunter.

Regina blieb bestürzt am Herde stehen. Sie betrachtete, ohne es anzurühren, das Packet, auf dem mit deutlicher Handschrift die Worte: »Zur Reise!« standen, sie sah den Shawl auf dem Heerde liegen, sie hielt die Nadel in der Hand und wußte das Alles nicht zusammen zu reimen, sich nicht von der Ueberraschung zu erholen, bis die Meisterin hereintrat, Regina bei dem Reinigen der Geräthschaften zu helfen. Ohne zu wissen, was sie that, steckte das Mädchen die Nadel in ihre Tasche. Selbst als die Meisterin die unerwarteten Gaben gewahr wurde, als sie um den Geber, um den ganzen Hergang fragte, als der Vater hinzugerufen, ein förmliches Verhör mit Regina angestellt wurde, und sie, so gut sie es im Stande war, von den Ereignissen erzählen mußte, von dem Herrn, der am Morgen den Schrank besehen, und von dem andern, der am Abende mit ihm gekommen war, konnte sie sich doch nicht überwinden, der Nadel zu erwähnen. Es wurde ihr heiß, so oft sie es versuchte. Einmal griff sie danach, sie zu zeigen, um sich Muth zu machen, aber die Hand zitterte ihr. Sie konnte es nicht sagen, so gern sie wollte, und es kam ihr doch wie eine Sünde vor, daß sie dies Wichtigste verschwieg.

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