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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Viertes Kapitel.

Schnellen Schrittes, als entfliehe er einem Gefängnisse, tief aufathmend, als werfe er eine schwere Bürde von sich, eilte Friedrich die kleine enge Straße entlang von dem Hause seiner Eltern fort, und doch liebte er seine Eltern.

Keine Woche war ihm seit Jahren vergangen, in der er nicht ähnliche Scenen, ähnliches Weh zu durchleben gehabt, aber immer wieder zerriß es sein Herz, immer wieder drückte ihn der Zwiespalt dieser Verhältnisse nieder. Der Vater beneidete dem Sohne seine höhere Bildung, die Mutter fürchtete sie, und weder der harte Sinn des Einen, noch der beschränkte Sinn der Anderen ließen jemals eine dauernde Verständigung zwischen ihnen und dem Sohne voraussehen. Die Liebe der Eltern hatte ihm den höheren Lebensweg eröffnet, die Selbstsucht der Elternliebe fürchtete ihn auf diesem Wege zu verlieren. Vorwärts getrieben von dem Drange seines Geistes, von allen Bedürfnissen seiner Bildung; zurückgezogen von denen, die es wünschten ihn vorwärtsschreiten zu sehen, litt Friedrich's weiche Seele doppelt schwer davon.

Verstimmt war er ein paar Straßen entlang gegangen, ohne eigentlich zu wissen, wohin er wolle, als es ihm wieder einfiel, er habe Heidenbruck versprochen, um fünf Uhr zu ihm zu kommen, um einige Verabredungen mit ihm zu treffen. Friedrich und Heidenbruck waren sich häufig begegnet, ohne sich näher getreten zu sein. Sie gehörten verschiedenen Verbindungen an, hatten verschiedene Umgangskreise und Friedrich's zurückhaltendes Wesen hinderte ihn, schnell und leicht Bekanntschaften zu machen.

Als er sich dem Heidenbruck'schen Hause näherte, sah er ein paar Equipagen vor demselben halten. Das erste Stockwerk war glänzend erleuchtet, das Licht fiel hellstrahlend durch die gesenkten Vorhänge auf die Straße herab. Er wollte nicht hineingehen und that es dennoch; Heidenbruck sollte ihn nicht unpünktlich glauben dürfen.

Er fragte den Portier nach dem Studiosus Heidenbruck.

»Der Herr Baron sind noch bei Tafel!« entgegnete dieser abweisend.

»So sagen Sie ihm, daß ich hier gewesen bin und ihn bitten lasse, morgen früh zu mir zu kommen; mein Name ist Brand!«

»O verzeihen Sie!« rief der Portier plötzlich sehr höflich geworden, »ich soll Herrn Brand ersuchen, den Herrn Baron zu erwarten. – Wilhelm, führen Sie den Herrn nach des jungen Herrn Stube!«

Ein Knabe, in derselben Livree wie der Portier, erschien und bat Friedrich, ihm zu folgen. Treppen und Flur waren erleuchtet, auf den weichen Teppichen schritt man unhörbar hinauf. Im ersten Stocke vernahm man aus dem Speisesaale das heitere Gewirr verschiedener Stimmen, durch die ein leises Klappern der Geräthe klang. Man geleitete ihn zur zweiten Etage, die niedriger und weniger hell erleuchtet war und öffnete ihm eine Thüre zur rechten Seite des Flurs.

Er trat in ein mäßig großes Zimmer. Eine Lampe brannte, den Bewohner erwartend, auf dem Tische. Friedrich ging auf und ab und betrachtete den Raum. Das weich gepolsterte Sopha, die gestickten Kissen, der dicke Fußteppich und vollends ein Schlafrock von violettem Sammet mit hochgelber Seide gefüttert, der nachlässig über die Sophalehne geworfen war, machten ihm einen Eindruck weibischer Verweichlichung; und doch kannte er Heidenbruck als eine tüchtige, männliche Natur. An der einen Wand stand eine Bücherspinde, als Gegenstück an der anderen ein Waffenschrank. Neben den Hiebern und Fechthandschuhen hingen Hirschfänger, asiatische Dolche und ein Paar Pistolen von großer Schönheit. Der Degen, die Epauletts und der Federhut des Landwehroffizieres lagen dazwischen. – Der Schreibtisch war mit jenen überflüssigen Nothwendigkeiten ausgestattet, deren Gebrauch Friedrich zum Theil räthselhaft war; vor dem Spiegeltisch standen ein Handschuhkasten und Parfüms; und doch waren juristische Bücher in solcher Weise auf dem Schreibtische ausgebreitet, daß man sehen konnte, der Bewohner sei viel mit ihnen beschäftigt gewesen.

Eine Weile unterhielt sich Friedrich mit dem Besehen dieser verschiedenen Dinge. Ihre Mannigfaltigkeit und Schönheit reizten ihn, aber die Zusammenhäufung so vieler Luxusgegenstände erregte ihm ein peinliches Gefühl, ein Mißbehagen, das sich auf den Besitzer überzutragen und durch das lange Warten sich mehr und mehr gegen diesen zu wenden begann. Friedrich fand es rücksichtslos, er nannte es eine aristokratische Unverschämtheit, Jemand in einer Stunde zu sich zu entbieten, in der man seiner Zeit nicht Herr sei. Er dachte an die Worte seines Vaters: »Sie werden es Dir nicht vergessen, daß Du des Tischlers Sohn bist,« und er sagte sich, Heidenbruck würde keinem Edelmanne eine solche Geduldprobe zuzumuthen wagen. Er wollte sie auch nicht länger bestehen und nahm eben seine Mütze sich zu entfernen, als er in dem untern Zimmer das Rücken von Stühlen, das Hin- und Hergehen hörte, welche das Ende der Tafel bezeichneten. Nun mußte er eilen davonzukommen, sollte Heidenbruck ihn nicht mehr finden, wollte er ihm seine Rücksichtslosigkeit begreiflich machen.

Er wendete sich zu gehen, da öffnete sich die Thüre und Heidenbruck trat eilig ein. Mit großer Freundlichkeit reichte er Brand beide Hände zum Willkommen entgegen. »Wie gut ist es, daß Du gewartet hast, Brand!« sagte er, »ich wußte Nichts von dem Diner, als ich Dich zu kommen bat, und dachte nicht, daß es so lange dauern würde. Nun sei mir aber herzlich willkommen!«

Damit warf er den Schlafrock vom Sopha herunter, nöthigte Brand zum Sitzen, holte eine Cigarrenkiste herbei und suchte es seinem Gaste auf jede Weise behaglich zu machen. Friedrich empfand dies Wohlwollen und doch war ihm die Art und Weise Erich's nicht studentisch genug. Er hatte ihm sonst an dritten Orten besser gefallen, als hier in seinem Hause mit den Gewohnheiten des Weltmannes.

Die Unterhaltung wendete sich gleich den Bällen zu und Erich sagte: »Ich war sehr froh, daß sie Dich wählten, denn ich dachte, es müsse uns zusammenbringen und ich gestehe Dir, ich habe lange einen Zug zu Dir gehabt.«

Friedrich war von dieser Freimüthigkeit überrascht. Er hatte dasselbe Gefühl gehegt, auch er hatte stets eine gewisse Neigung, ein Interesse für Heidenbruck gefühlt, aber er hatte dem reichen, vornehmen jungen Manne nie den ersten Schritt entgegenthun mögen, hatte nicht geschmeichelt scheinen wollen durch Erich's hie und da versuchte Annäherungen, und noch in dieser Stunde vermochte er es nicht, ihm auszusprechen, daß er sein Empfinden theile.

»Warum hast Du mich niemals aufgesucht?« fragte er Erich.

»Ich habe es gethan, aber es schien mir, als hättest Du es nicht beachten wollen.«

Der Ton, mit welchem er diese Worte sprach, hatte eine so kindliche Gutmüthigkeit bei aller männlichen Offenheit, daß Brand sich tief davon ergriffen fühlte. Erich stand plötzlich seinem Herzen nahe, seine gewohnte Zurückhaltung schmolz vor dem warmen Strom der Liebe, die den Grundzug seines Wesens machte. Er mußte sich zusammennehmen, daß ihm die Thränen nicht in's Auge traten. Noch vor wenig Sekunden hatte er Heidenbruck eines unverschämten Dünkels angeklagt, und jetzt nannte derselbe Heidenbruck sich ohne Hehl verschmäht von ihm.

Mit einer Leidenschaftlichkeit, die Erich nicht verstehen konnte, weil ihm Friedrichs Gedankengang verborgen war, ergriff dieser seine Hand. »Vergieb mir!« rief er aus; »ja, ich habe es gesehen, daß Du mich suchtest und ich habe es nicht beachten wollen!«

Das Gesicht des jungen Barons verdüsterte sich, er zog die Hand zurück. »O! werde nicht irre an mir!« rief Friedrich, »werde nicht irre an mir! Du wirst es begreifen, wenn du mich kennst. Du denkst nicht besser von mir, als ich von Dir! Ich würde Dich gesucht, um Deine Freundschaft allein gerungen haben unter den Hunderten, mit denen wir leben, wärst Du –«

Er hielt inne, Erich sah ihn befremdet an, »wäre ich?« wiederholte er – »Wärst Du arm gewesen und kein Edelmann!« rief Friedrich mit einer Anstrengung, die ihn erbleichen machte.

Erich's Wangen loderten in heller Röthe auf und sanft und stolz zugleich sagte er: »Das ist kleiner, als ich von Dir dachte!«

»Ich weiß das, Heidenbruck! aber es giebt Beengungen, in denen man nicht groß werden, nicht wachsen kann. Laß uns heute nicht davon sprechen! Heute nicht! ich habe heute keinen guten Tag gehabt, bis ich Dich fand!«

Erich sah den Schatten des Leidens, den die Erinnerung an die Scenen im Vaterhause über Friedrich's Züge warf, und ehrte ihn schweigend. Nach einer Pause sagte er, indem er seinem Gaste die Hand bot. »Wir haben uns gefunden und wollen einander nicht verloren gehen!« und ehe er die Worte noch beendet, hatte Friedrich sich an seine Brust geworfen. Erich drückte ihn fest an's Herz. Dann ließ er ihn los, sah ihm heiter in's Angesicht und sprach lachend: »Heute ist mir's gegangen, wie dem Saul, der auszog, seines Vaters Eselin zu suchen und dem ein Königreich zu Theil ward. Statt Ballangelegenheiten zu berathen, finde und gewinne ich das Einzige, was mir außer einer Geliebten fehlte, einen ersehnten Freund! Aber Du bist Theolog, Du bist gewiß verlobt?« fragte er scherzend.

Friedrich verneinte es. Darüber hatte der Andere eine große Freude, denn er behauptete, daß Liebe die rechte Freundschaft nicht neben sich gedeihen lasse, »und ich bin eifersüchtig,« sagte er.

Die Unterhaltung nahm nun eine allgemeine Wendung; die bevorstehenden Bälle, die Wahl der Chapeaux d'honneur wurden besprochen und doch tauchte immer wieder dazwischen die Freude auf, welche die beiden Jünglinge an ihrer Annäherung empfanden. Bei Friedrich verrieth es hie und da ein leises, fast schüchtern zurückgehaltenes Wort, während Erich sich voll dem Zuge seines Empfindens überließ und jugendlich froh mitten in den Gesprächen ausrief: »Ich freue mich, daß Du nun bei mir bist!«

So schwand die Zeit dahin, die Uhr in Erich's Zimmer schlug acht, es war die Theestunde seiner Eltern. »Komm mit hinunter zu den Meinen,« bat er, »sie werden sich freuen, Dich zu sehen, und besuchen mußt Du sie ja doch, der Bälle wegen!«

Friedrich machte Einwendungen. Er meinte nicht im Ueberrock erscheinen zu dürfen. Sein Freund wußte das zu widerlegen. »Der Sonntag ist unser Familientag, es ist Abends keine geladene Gesellschaft da. Du findest Doctor Bernhard und andere Freunde unseres Hauses, auch Larssen pflegte stets zu kommen – aber freilich thut der es niemals ohne Frack!« fügte er lächelnd hinzu.

»Larssen?« fragte Friedrich im Tone des Zweifels.

»Er war Lehrer in unserem Hause und er ist eine treue, ehrliche Haut. Wir halten viel auf ihn!« erklärte Heidenbruck, nahm Friedrich unter den Arm und führte ihn in den Salon hinab.

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