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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Zwanzigstes Kapitel.

Während in solcher Weise das Schicksal seiner Geliebten und seines Freundes einen Wendepunkt erreichte, hatte Friedrich eifrig darnach gestrebt, ein neues Ziel für sich zu gewinnen, und der Umgang mit dem Doctor schien ihm dafür förderlich zu werden. Er hatte eines Tages mit Friedrich plötzlich ohne alle Vorbereitung über dessen gescheiterte Liebeshoffnungen gesprochen, um ihm auf seine Weise zu Hülfe zu kommen.

»Die meisten Menschen,« hatte er ihm gesagt, »sind wie Kinder, sie wollen vergessen, was ihnen unangenehm ist, und sie bedenken dabei nicht, daß sie keine Erinnerung verlieren können, ohne an ihrem eigenen Werthe einzubüßen, denn was ist der Mensch anders, als das Resultat seiner Erfahrungen? Seine Leiden und seine Freuden sind ein Theil seines Wesens. Wer vergessen, wer die Erinnerung an seine Schmerzen von sich werfen will, ist ein thörichter Verschwender!«

»Aber das Leben hat der Schmerzen viel. Die Last muß schwer werden, wenn man sie beständig mit sich trägt!« wendete der Jüngling ein.

»Wer fordert das, mein Freund? Trägt denn der Reiche sein Vermögen beständig in der Tasche? Wie der Erwerbende seine Capitalien zurücklegt und sie aufzeichnet in sicherem Register, während er von ihren Zinsen lebt, so sollen wir unsere Erfahrung festhalten und zurücklegen, ihre Lehren uns nutzbar machen, und durch sie zu neuen Erfahrungen zu gelangen suchen. Ein persönlicher Wunsch ist Ihnen fehlgeschlagen, Sie hegen augenblicklich keinen anderen, aber es giebt viel Wünschenswerthes in der Welt, viel Erstrebenswerthes und Nothwendiges für die Allgemeinheit. Haben Sie Nichts zu erringen für sich selbst, so helfen Sie den Anderen und machen Sie allgemeine Zwecke zu den Ihrigen! Arbeit nimmt Ihnen Ihre Erinnerungen nicht, aber sie legt sie zurück und macht sie fruchtbar. – Arbeiten Sie!«

Er setzte ihm dann auseinander, wie seine bisherigen Studien ihn im Ganzen dem Leben und der Gegenwart entfremdet hatten, wie alle gelehrten Untersuchungen nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zwecke wären, und wie die Kenntniß der Vergangenheit an sich vollkommen werthlos bleibe, wenn sie nicht für die Gegenwart und Zukunft nutzbar gemacht werde. Er stellte die politischen Ereignisse in Frankreich den Revolutionen der Vorzeit gegenüber, und wußte in Friedrich die Neigung zu historischen und philologischen Studien zu erwecken, während er seine Theilnahme zugleich auf die staatlichen Entwicklungen der Gegenwart lenkte.

Indeß so sehr diese Forschungen und Ereignisse ihn auch zu fesseln begannen, so blieb der Gedanke an Helene doch übermächtig in ihm. Mochte er sich noch so tief versenken in das Studium alter Geschichte und ihrer Jahreszahlen, immer wieder stand das Datum ihres Hochzeitstages vor seiner Seele, immer wieder zählte er die Tage und Stunden, die bis dahin zu vergehen hatten, in verwirrender Angst.

Endlich war es geschehen, Helene war verheirathet, war das Weib eines Andern geworden. Er vermochte den Gedanken nicht zu fassen und mußte doch bis zur fieberhaften Erregung seiner Sinne bei ihm verweilen. Je mehr er die marternden Bilder und Vorstellungen zu verscheuchen strebte, um so deutlicher drängten sie sich ihm auf. Ein kalter Schauer überlief ihn, wenn er sich die Möglichkeit dachte, ihr zu begegnen. Es war ihm, als müsse ihre Schönheit erblichen, als könne sie nicht mehr dieselbe sein, nicht mehr die Helene, welche er geliebt hatte, und es däuchte ihn höchste Wohlthat, sie nicht wieder zu sehen.

Erich hatte ihn gleich besucht, aber weder der Hochzeit noch Helenens war zwischen ihnen Erwähnung geschehen. Er hatte nur den Tag seiner Abreise genannt. Von Larssen indessen hatte Friedrich erfahren, daß Graf St. Brezan vor ihm aufbrechen, daß an dem Abende vor dem Fortgehen der Neuvermählten ein großer Ball im Hause ihrer Eltern stattfinden werde.

Als der Abend herankam, litt es Friedrich nicht bei seinen Büchern, nicht in seinem Zimmer. Er konnte nicht allein bleiben. In seiner Qual ging er zu Larssen, er war schon zum Balle gefahren. Er suchte den Doctor auf und fand ihn beschäftigt, sich für denselben Ball anzukleiden. Alle sollten Helene wieder sehen, ihm allein, ihm, der jetzt plötzlich nach ihrem Anblick schmachtete, der immer leidenschaftlicher nach ihr verlangte, je näher die Stunde rückte, in der sie ihm für immer entzogen werden sollte, ihm allein war ihr Anblick versagt. Eine aufreibende Unruhe, eine herzbeklemmende Angst kamen über ihn. Er wußte nicht, was er thun sollte und wollte doch irgend Etwas thun, um dieser Angst, um seinen Gedanken und Schmerzen zu entfliehen. Zerstreut und verwirrt langte er bei seinen Eltern an, ohne daß er eigentlich vorgehabt hatte, sie zu besuchen. Sein Vater hatte vor einigen Tagen einen Rückfall erlitten und lag schwer darnieder. Aber selbst die stillen Leiden des Kranken, die Klagen der Mutter machten keinen Eindruck auf ihn, und mit der Todesmattigkeit des gehetzten Hirsches brach er zusammen vor dem unentfliehbaren Feinde, vor jenem übermächtigen Schmerz, den nur tiefe, starke Naturen in sich zu erzeugen vermögen.

Er konnte seinen Zustand nicht verbergen und ging nach seiner Wohnung. Es war neun Uhr. Als die Wirthin ihm das Licht auf sein Zimmer brachte, gab sie ihm einen Brief, der für ihn vor zwei Stunden angekommen war. Er erkannte Helenens Handschrift. Mit bebender Hast riß er das Couvert auf. Der Brief lautete:

»Und gälte es meiner Seele Seligkeit, ich muß es sagen, Einem muß ich es sagen, wie elend ich bin, und der Eine bist Du!

Ich wußte nicht was ich that, ich kannte mich selbst, ich kannte das Elend nicht, als ich versprach, Dich zu vergessen, als ich versprach, das Weib eines Mannes zu werden, der mir fremd ist, fremd bis tief in das innerste Herz!

Weißt Du was das heißt, das Weib eines Mannes werden, den man nicht liebt? – Kein Mann, auch Du nicht, kannst dies Entsetzen verstehen. Diese Qualen, diese Selbstverachtung, diese Vernichtung alles Heiligsten im Weibe!

Dein Ideal wollte ich bleiben, es sollte mich trösten, Dir als reines Bild der Liebe, der Entsagung vorzuschweben – und ich bin mir selbst verächtlich geworden!

Vergieb mir! vergieb mir! ich wußte nicht, was ich that! –

Ich sollte die Ehre unseres Namens aufrecht erhalten, ich habe gelobt, die wahre Ehre heilig zu bewahren, meinem Vater habe ich es gelobt, der die Ehre der Weltmenschen verachtet. – Und ich habe, der Weltehre zu genügen, mich und meine Frauenehre mit nie zu verlöschender Schmach bedeckt! – Dahin hat mich der Wille meiner Eltern, dahin hat meine Schwäche mich gebracht! –

Mir fehlte der Muth, Dein mühevolles Leben zu theilen, ich verschmähte die reine Ruhe an Deinem Herzen aus elender Feigheit. Jetzt habe ich Reue, ewige Reue eingetauscht um Glanz und Pracht. Dich und mich, Dein Leben und das meine, habe ich zerstört. Ich verachte mich selbst und Du wirst mich verachten, verachten was Du einst geliebt hast!

Es ist geschehen! es ist Alles zu Ende –«

Der Brief brach plötzlich ab. Friedrich sank mit einem Schrei der Verzweiflung auf sein Lager nieder. Aber schon im nächsten Augenblicke raffte er sich auf und stürzte auf die Straße, dem Heidenbruck'schen Hause zu.

Als er es erreichte, schallte ihm Musik entgegen aus den hellerleuchteten Fenstern. Es waren die Töne eines Walzers, nach denen er oftmals mit Helene getanzt hatte. Wie brennende Dolchstiche bohrten sie sich in sein Gehirn. An den Vorhängen schwebten die Schatten der Tanzenden vorüber, Helene mochte unter ihnen sein. Vor der Thüre hielten die Equipagen der Gäste. Er stand stille und sah sie in stumpfem Hinbrüten an, so daß er vor sich selbst erschrak und den Platz verließ.

Und doch zog es ihn in ihre Nähe. Er wollte das Haus betreten, in dem sie jetzt zum letzten Male weilte. Er wollte sie sehen um jeden Preis.

Das Haus lag mit seiner Rückseite in einem Garten, der sich bis zu dem großen Teiche hinabzog, welcher die Stadt durchschneidet und rings von Privat- und öffentlichen Gärten umschlossen ist. Nach einem der Letzteren wendete er seine Schritte, eilte an das Ufer hinab, nahm ein Boot und ruderte über das Wasser.

Der Himmel war dunkel, die Nacht warm, die Sterne schimmerten aus dem Teiche wieder, das Wasser fiel kühltropfend von den schlanken Rudern herab. Die tiefe Stille, die Einsamkeit, das Dunkel wirkten beruhigend auf ihn ein. Es war ihm, als sei der letzte Kampf vorüber und die selige Ermattung des Todesschlafs ihm nahe. So oft das herabsinkende Ruder die dunkle Fluth zertheilte, so oft zog es ihn, sich in ihre tiefe Stille zu versenken, aber er hatte noch einen Wunsch, einen Zweck – er mußte Helene sehen.

Lautlos legte er das Boot an der Treppe an, die zu dem Garten ihres Hauses führte. Das kleine Gitter, das sie schloß, war leicht überstiegen. Er schritt die dunkle Allee empor, an deren Ende der Lichtglanz der Festerleuchtung schimmerte. Jetzt war er am Ziele – und doch wie fern von ihr.

Was hatte er denn gewollt? Sollte er sie rufen lassen? Plötzlich hineintreten? – Er lachte über sich selbst mit bitterm Spotte, er schalt sich thöricht, sinnlos, und vermochte doch nicht von der Stätte zu weichen. Bald stand er still und sah nach den Fenstern hinauf, bald setzte er sich nieder, um so ängstlich auf das Fallen eines Blattes zu horchen, als erwarte er die Ersehnte. – Aber das Blatt lag am Boden, die Luft säuselte leise durch die Zweige und Alles blieb still, und er war einsam wie zuvor.

Endlich erhob er sich und ging dem Hause zu. Als er aus der großen Hauptallee in eine der vier Lauben bog, die im altfranzösischen Geschmacke aus glattgeschornen Hainbuchen gebildet waren, glaubte er Schritte zu hören. Er wich zurück in den Schatten. Die Schritte näherten sich. Ein Lichtstrahl aus dem Hause fiel auf ein helles Gewand, eine leichte Figur trat in den Eingang der Laube.

»Helene!« rief Friedrich mit unterdrückter Stimme, und beide Arme wie zum Dankgebet im Gefühle der Rettung erhebend, stürzte sie ihm entgegen und warf sich an seine Brust. Wie sie hieher gekommen, wie sie sich gefunden, sie wußten, sie fragten es sich nicht. Jener dunkle Trieb hatte sie geleitet, der in entscheidenden Augenblicken oft so mächtig in uns wirkt.

Er preßte sie an sich, sie hing sich an ihn, als wollte sie ihn nimmer lassen. Das war nicht mehr die zagende Jungfrau, Es war ein Weib in seiner vollen Leidenschaft, in einer Leidenschaft, die der Jüngling nicht gekannt hatte, und vor der er erbebte.

»Und Du verachtest mich nicht?« fragte sie ihn.

Nur seine Küsse antworteten ihr.

»Kannst Du mich noch lieben?« fragte sie wieder.

»Ich bete Dich an!«

»So laß uns scheiden!« rief sie, und wollte sich seinem Arme entwinden, aber Friedrich hielt sie fest.

»Ich muß fort!« flehte sie, und schmiegte sich doch an ihn, »laß mich, Friedrich! ich muß fort!«

Aber er zog sie nur angstvoller an sein Herz.

Da hörten sie ein Geräusch dicht neben sich. Sie fuhren erschreckend empor.

»So sei Gott uns gnädig!« rief Friedrich und drückte einen letzten Kuß auf ihre Lippen. Sie riß sich von ihm los – der Doctor stand vor ihnen. Er hatte Helene in den Garten gehen sehen, und Sorge um sie hatte ihn getrieben ihr zu folgen, als man ihre Entfernung bemerkte.

»Kommen Sie, Helene!« sagte er mit mildem Tone, »der Graf vermißt Sie!«

Er nahm ihren Arm, drückte Friedrich die Hand, und führte die Gräfin in das Haus zurück.

Zwölf Stunden später fuhr ein eleganter Reisewagen dem Thore zu, das gegen Süden führte. Eine bleiche junge Frau lehnte thränenmüde in den Kissen an der Seite eines Mannes. Auf der Chaussee sahen sie einen Jüngling einsam seiner Straße gehen. Als der Wagen sich ihm näherte, wendete er den Kopf, seine Blicke hingen an der Gräfin, ihre kaum versiegten Thränen strömten wieder hervor, und sie verhüllte das Gesicht. Der Wagen flog an ihm vorüber.

»Kanntest Du den Menschen?« fragte der Graf gleichmüthig.

Die Gräfin antwortete nicht und er forschte nicht weiter. Er ließ sie ruhig weinen, denn er hatte es oft erfahren, wie leicht die Jugend es überwindet, von der Heimath zu scheiden.

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