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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Erstes Kapitel.

Die Burschenversammlung war sehr stürmisch gewesen, die Studenten hatten eben das Auditorium Maximum verlassen, in dem sie gehalten worden war, und die verschiedenen Corps sonderten sich in Gruppen auf dem Hofe, den von zwei Seiten die Universitätsgebäude, von der dritten der Dom begrenzte, während die vierte sich mit einem eisernen Gitter gegen die stattliche Weitung des Domplatzes öffnete.

Die alten Linden und Kastanien des Universitätshofes, welche ihre Aeste hinüberbogen nach der bedeckten Halle des Domes, zu der Grabstätte berühmter Professoren, waren fast entlaubt, obschon man sich noch in der ersten Hälfte des Oktobers befand. Der Herbst hatte sich früh eingestellt und starke Nachtfröste bereits die Nähe des Winters verkündet.

Auch hatte die Burschenversammlung den Freuden des Winters gegolten. Von jeher hatte zwischen den Studirenden und den Bürgern ein gutes Vernehmen bestanden, und da die Studenten in den Familienkreisen stets eine gastliche Aufnahme gefunden, war es seit alten Zeiten Sitte gewesen, daß sie sich dafür mit Bällen und mit Concerten dankbar bezeigten. Wie die Söhne aller Stände sich unter dem Schutze der alma mater zu einer Corporation zusammenfanden, so begegneten sich Kaufmannschaft, Adel, Militair, Beamte und Handwerker in den Gartenconzerten sowohl als auf den Bällen der Studenten, und die Universität trug auf diese Weise zur Ausgleichung der Standesunterschiede bei, während sich hinwieder das Leben in den verschiedenen Familienkreisen für die Gesittung der Studirenden förderlich bewies.

Der Geist der Stadt war aufgeklärt und duldsam. Man hob es gern hervor, daß die kritische Philosophie von hier ihren neuen Aufschwung genommen habe, und von jener kirchlichen, mystischen Richtung, welche später in ganz Deutschland so bedenklich um sich griff, war zu Ende der zwanziger Jahre in dem Orte wenig zu bemerken, der als Handels- und Hafenstadt das Gepräge eines gesunden, tüchtigen Wesens an sich trug.

Der Kaufmannsstand bildete den eigentlichen Kern der Bürgerschaft. Stolz auf eine altbegründete Wohlhabenheit, voll Vorliebe für ererbte Sitte und doch auf den Weltverkehr gewiesen und durch ihn modernisirt, bewahrte das innere Leben der Kaufleute eine gewisse patriarchalische Abgeschlossenheit, bei einer Gastlichkeit, wie nur der Norden sie kennt, und bei einer Prachtliebe, wie sie dem Kaufmannsstande eigen ist.

Der Landadel, welcher im Winter das Stammschloß mit dem Hause in der Stadt vertauschte, mochte an Gastlichkeit und Luxus der Handelsaristokratie nicht nachstehen, zu der sich auch die fremden Consuln und nationalisirte englische Kaufmannsfamilien zählten. Der commandirende General, wie der Chef der Civilbehörde, wurden vom Staate hoch besoldet, um ihn in geselliger Hinsicht schicklich vertreten zu können; die Professoren waren sehr geachtet, hingen durch Heirathen und andere Verhältnisse mit den verschiedenen Ständen zusammen, und alle diese sich vermischenden Kreise waren dem Studirenden geöffnet, der die Neigung hatte, sich ihnen anzuschließen.

Blieben denn auch auf dieser Universität Parteiungen unter den Jünglingen nicht aus, fehlte es auch hier nicht an Wüstheit, an Uebermaaß aller Art, so hinderte doch die allgemeine Geselligkeit das gänzliche Zerfallen in unnahbaren Parteihaß, und trotz aller Handel und Duelle suchten die verschiedenen Parteien sich immer wieder zu versöhnen und zu vereinen, sobald es galt, die Conzerte oder die Studentenbälle aufrecht zu erhalten.

Die Wahl der Entrepreneure für diese Bälle war es gewesen, welche an jenem Octobermittag so große Bewegung im Hofe der Universität erzeugt hatte. Die Burschenschaft und die verschiedenen Landsmannschaften befanden sich noch in der Aufregung des Wahlkampfes, Borussen, Litthauer, Pommern, Masuren und die verschiedenen Kränzchen standen unter einander, aber selbst in der Vereinigung dieses Augenblickes blieb dennoch die Parteiung sichtbar.

»Der Heidenbruck ist famos,« meinte in einem Kreise von Litthauern ein schlanker, blonder Student, dessen scharfe Aussprache den Kurländer verrieth. »Er ist ein flotter Tänzer, fest auf der Mensur, ein hübscher Kerl und er hat Geld. Der Brand hingegen – –«

»Was hast Du gegen Brand, Ruthenberg?« unterbrach ihn ein Borusse, der die letzten Worte vorübergehend gehört hatte, und stille stand, die Sache aufzunehmen.

Ruthenberg hätte einlenken mögen, denn er hatte im Grunde Nichts gegen den Genannten einzuwenden, als daß er einer Partei angehörte, mit der die Litthauer eben erst behufs der Bälle Frieden geschlossen hatten. Indeß der Gedanke, man könne ihm dies Einlenken für Feigheit auslegen, machte ihn trotzig. Mit allem Hochmuthe eines kurländischen Grafensohnes warf er also die Oberlippe unter dem blonden Schnurrbart in die Höhe, und sagte trocken: »Was ich gegen ihn habe? Er gefällt mir nicht!«

Kaum aber hatte er die Worte ausgesprochen, als er sie bereute, denn der Borusse sowohl als seine eigene Partei empfanden es übel und wendeten sich mit Heftigkeit gegen ihn. Die Ausdrücke ihres Mißfallens wurden nicht sorgfältig gewählt, der Zorn der Jugend ist rückhaltlos, jeden Augenblick konnte es zu einem Duelle kommen, das der Senior grade jetzt zu vermeiden wünschte; er selbst also nahm lebhaft Partei für den mit großer Stimmenmehrheit erwählten Brand, und fragte gegen den Borussen gewendet: »Glaubst Du, daß Brand die Wahl annehmen wird?«

»Warum zweifelst Du daran?« fragte Jener immer noch gereizt.

»Weil er Ostern das Examen machen will!«

»Heidenbruck will das auch!« entgegnete der Borusse.

»Ja!« sagte der Senior, »aber fällt der durch, so fällt er in seines Alten Geld- und Kornsäcke; Brand – –«

»Steht im Examen fest wie auf der Mensur, das solltest Du wissen!« fiel ihm Jener in's Wort, und wieder hing eine Forderung in der Luft, als ein Student, bedeutend älter als die Uebrigen, der bisher theilnahmlos auf- und abgegangen war, an den Kreis herantrat. Er zog eine große silberne Uhr aus der Tasche, hielt sie den Andern vor und sagte mit einer starken, aber heisern Stimme: »Wie wäre es, wenn Ihr Brand sein Examen selbst überließet und wir Mittag essen gingen, lieben Söhne! Es ist spät! Schon acht und eine halbe Minute über Eins!«

Larssen's Vorliebe für behaglichen Tischgenuß, wie seine zum Gespött gewordene Pünktlichkeit bei demselben, die mit der Unregelmäßigkeit seines übrigen Lebens in grellem Widerspruche stand, rief auch jetzt wieder ein so lautes Gelächter unter den Studenten hervor, daß man des Streites in der Heiterkeit vergaß.

»Lacht später, zankt und paukt auch allenfalls später!« sagte er mit unerschütterlicher Ruhe, »für's Erste kommt!« – Damit faßte er Graf Ruthenberg unter den Arm und zog ihn mit sich fort, während der Borusse und der Senior noch ein paar ausgleichende Worte mit einander wechselten, worauf auch dieser sich nach dem Gasthause begab, in dem die Litthauer ihren Mittagstisch hatten.

Man saß schon beim Essen, als der Senior eintrat. Vater Larssen, wie er genannt wurde, präsidirte und hatte es dem Wirthe abgenommen, die Vertheilung der Speisen zu besorgen. Als wäre er Hausherr, und die ihm zunächst Sitzenden seine geladenen Gäste, legte er ihnen mit großer Sorglichkeit die Suppe vor, wobei er die Neigungen Aller zu berücksichtigen bemüht war.

Larssen hatte sein dreißigstes Jahr erreicht. Er galt also unter den Studenten, deren wenige über zwei und zwanzig Jahre zählten, für einen »Alten«. Auch waren über zwanzig Semester seit seiner Immatriculation verflossen, und vier bis fünf Generationen von Studenten an ihm und neben ihm vorübergegangen. Er selbst hatte die Universität zu achtzehn Jahren mit einem glänzenden Zeugniß bezogen, das Eltern und Lehrer zu den schönsten Hoffnungen für ihn berechtigte. Als der Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie war er nicht gedrängt worden, augenblicklich ein Brotstudium zu ergreifen. Sein Vater, ein Mann von ungewöhnlich freier Lebensansicht und deshalb in seinem Kreise für einen wunderlichen oder, wie man es auch wohl auszudrücken liebte, für einen eigenen Mann gehalten, würde es sogar am liebsten gesehen haben, wenn er sich mit allgemeinen Studien begnügt und dann zum Eintritte in das Handlungshaus entschlossen hätte. Aber weder für das Letztere noch für die Wahl eines bestimmten Faches hatte Larssen sich zu entscheiden vermocht. Ein Ideal von universeller Bildung des ganzen Menschen im Sinne der Griechen hatte ihm vorgeschwebt. Studien in allen Fächern des Wissens und Kenntniß des Lebens sollten ihm dazu verhelfen; aber die Vertheilung der Zeit zwischen Wissenschaft und Leben war täglich ungleichmäßiger, und aus dem Nachahmer, dem Zöglinge der Griechen, schon am Ende der ersten Studienjahre ein Mensch geworden, den nur die Gewohnheiten einer guten Erziehung, und ein angeborner Sinn für schöne Form, vor wüster Rohheit zu bewahren vermochten. Ein flotter Bursche im Sinne der Studenten war er dabei nie gewesen. Es fehlte ihm nicht an Muth, aber er war zu bequem, sich irgend eine Anstrengung aufzuerlegen. Alle jene Abenteuerlichkeiten, an denen die akademische Jugend leicht Gefallen findet, widersprachen seinem an bürgerliche Behaglichkeit und äußern Anstand gewöhnten Sinne, und seine Vorliebe für die Letztern war mehr und mehr gewachsen, je weiter er sich von wahrer Sittlichkeit entfernt hatte. Die Grundsätze seines Vaterhauses waren ihm ein Spott, die Gewohnheiten desselben ein Heiligthum. Die Verehrung der äußern Form wird in Religion und Leben um so eifriger betrieben, je mehr der innere Gehalt verschwindet.

Larssen war drei Jahre auf der Universität, als sein Vater durch unglückliche Speculation sein Vermögen verlor. Beide Eltern überlebten dies Unglück nur eine kurze Zeit, und der Sohn sah sich plötzlich auf sich selbst gewiesen. Für eine energische Natur wäre der Druck der Verhältnisse eine Triebkraft gewesen, um so schneller und höher zu steigen; nicht so für ihn. Er wollte dem Menschenkreise entgehen, der ihn beklagen konnte, er wollte sich den drohenden, augenblicklichen Entbehrungen entziehen, und eine Hauslehrerstelle in einer adligen Familie, die ein Freund derselben ihm anbot, schien ihm dazu der geeigneteste Ausweg.

Betroffen von dem Vertrauen seines Freundes, das nicht zu verdienen er sich bewußt war, hatte Larssen es als eine Ehrensache angesehen, seine Verpflichtungen im Hause des Baron von Heidenbruck mit höchster Pünktlichkeit zu erfüllen. Der älteste Sohn des Barons, Erich, den man eben jetzt zum Entrepreneur der Bälle ernannt hatte, war damals bereits in einem Erziehungsinstitute, und nur Georg noch im Hause gewesen, der bald darauf einem Cadettenhause übergeben worden war. Larssen hatte also nur den wissenschaftlichen Unterricht der Töchter zu besorgen gehabt, der ihn wenige Stunden des Tages beschäftigte. Die ganze übrige Zeit hatte er sich selbst und seinen Neigungen gelebt, die in dem hochgebildeten, gastfreien Hause mit denen der Besitzer glücklich genug zusammenfielen. Seine literarische Bildung, feine guten Umgangsformen, sein Geist und seine Anspruchslosigkeit, seine Theilnahme für jeden Vorgang des menschlichen Lebens, hatten ihn dem Baron und seiner Gattin zu einem angenehmen Hausgenossen gemacht, dem man jede Bequemlichkeit bereitwillig gewährte und manche Unregelmäßigkeit der Sitten verzieh.

Fünf Jahre waren für Larssen in diesen Verhältnissen unter dauerndem Wohlbehagen dahingeschwunden, als die Ernennung zum Landforstmeister den Baron nach Königsberg berief, wo man des Hauslehrers für die Töchter nicht mehr benöthigt war. Wohlmeinend drang man in ihn, sich einem Examen zu unterwerfen, der Baron erbot sich, ihm beim Beginne jeder zu erwählenden Laufbahn mit seinem Einflusse förderlich zu sein; Larssen konnte zu keinem Entschlusse kommen. Seine Lässigkeit war in den fünf Jahren des Wohllebens, bei den Studien, die er als Dilettant betrieb, gewachsen, und obschon er dabei dem erstrebten Ziele einer universellen Bildung näher gekommen war, als er selbst es wußte, hatte er alle Kraft verloren, seine Kenntnisse fleißig zum eigenen Besten zu verwerthen. Bereit, für jeden Andern mühevolle, langwierige Arbeiten zu übernehmen, konnte er sich nicht überwinden, eine Dissertation zu schreiben, um den Doctorgrad zu erwerben, und nur die Nothwendigkeit, für seinen Unterhalt zu sorgen, hatte ihn bewogen, in Erziehungsanstalten als Hülfslehrer zu unterrichten.

In dieser Weise hatte er fortgelebt, seit er aus dem Hause des Barons geschieden war. Seine Altersgenossen, die Freunde seiner ersten Studienzeit, waren zu bürgerlichen Stellungen gekommen, hatten selbst Familien gegründet, und Larssen vermied es, ihnen zu begegnen, weil sie ihm sein eigenes verfehltes Leben in's Gedächtniß riefen. Aber von Natur gesellig, fühlte er sich gedrungen, andere Genossen zu suchen, und er fand sie in dem immer neuen Zuwachs der Universität, zu deren traditionellen Figuren er gerechnet ward. Beständig von neuen Bekannten, von sogenannten Freunden umgeben, die sein Geist und seine Originalität leicht an sich zogen, von ihnen verlassen, sobald sie im bürgerlichen Leben vorwärts schritten, hatte Larssen sein dreißigstes Jahr erreicht. Liebevoll für manchen jungen Mann, der diese Liebe nicht hoch anschlug oder sie kaum ahnte, verletzt durch jede Nichtbeachtung, und immer wieder zu neuer Theilnahme verlockt; oftmals ein nützlicher Freund, ein sorglicher Warner, öfter ein Verführer der Studenten; hochgehalten um sein Wissen von den Professoren, mißachtet als Charakter; selbstbewußt und an sich selbst verzweifelnd; gleichgültig gegen das Urtheil der Welt und voll Achtung vor dem Schein der guten Sitte, so war Larssen, als er an jenem Tage das Amt des Vorschneiders an der Tafel der Studenten übernommen hatte.

Man konnte ihn nicht unschön nennen. Er war mittler Größe. Das etwas derbe Gesicht, dessen Backenknochen eine hohe Röthe trugen, die tiefliegenden blauen Augen, das krause dunkelbraune Haar, der ebenfalls krause Backenbart, paßten wohl zusammen, und der starke Mund, die breite Stirn belebten sich zu einem geistreichen, humoristischen Ausdrucke, sobald er sprach. Haar, Bart, Zähne und Hände waren sorgfältig gepflegt, die Kleidung frei von jedem Stäubchen, das schwarze Halstuch mit einer großen Schleife künstlich gebunden, denn Larssen legte Werth auf die Kunst, das Halstuch recht zu falten und zu tragen. Trotz dieser wohlanständigen Sauberkeit lag aber etwas Verkommenes in den Zügen, in der Kleidung, in der ganzen Erscheinung des Mannes, das keinem Menschenkenner verborgen bleiben konnte, und die Lässigkeit dieser Natur sprach sich in jeder Bewegung, selbst in der Art und Weise aus, mit der Larssen die silberne Brille an die Augen drückte, um seiner großen Kurzsichtigkeit zu Hülfe zu kommen.

Mit Befriedigung hatte er den gewaltigen Rinderbraten zerlegt, die Serviette über das Bein gebreitet und die ersten Bissen gekostet, als er, gegen seinen Nachbar den Senior gewendet, die im Universitätshofe abgebrochene Unterhaltung wieder aufnahm.

»Du hast Recht gehabt, die Sache beizulegen«, sprach er; »Ruthenberg geht noch zu blind in's Zeug und Reinbeck hatte ihn mit seiner feinen Klinge so zusammengehauen, daß er auf dem ersten Balle nicht gesehen haben würde, ob Brand ein guter Entrepreneur ist oder nicht. Aber es ist kein Comment in der Jugend. Man verträgt sich vor den Bällen und geht nach den Bällen los.« – Dabei legte er sich einen neuen Schnitt Braten vor, ließ sich einen besondern Teller zu den Beisätzen geben, den sonst Niemand erhielt, und sagte dann: »Ruthenberg, belade Deinen Bart etwas weniger mit Sauce, Du muthest ihm mehr zu, als er tragen kann, lieber Sohn!«

Ruthenberg strich lachend mit der Serviette den Schnurrbart zurecht und meinte: »Du solltest als Universitätshofmeister angestellt werden, Larssen!«

»Oder in Deinen Mußestunden ein Complimentirbuch für Musensöhne schreiben,« fiel ein Anderer ein.

»Nein!« rief ein Dritter. »Er muß ein Buch schreiben: ›Perikles, der vollkommene Gentleman;‹ dabei kann Larssen seine ganze Gelehrsamkeit entfalten, und das universell gebildete Alterthum mit unserer Barbarei vergleichen!«

»Und,« fiel Ruthenberg ein, »über spartanische Suppe, attisches Salz, über den Faltenwurf der Statuen und die Kunst, Cravatten zu binden, feinsinnige Bemerkungen machen!«

»Perikles mit einer Cravatte als Titelkupfer wäre ein Anblick für Götter!«

»Und im zweiten Bande Larssen, mit nackter Brust als Grieche! Welche Sterbliche könnte ihm widerstehen?«

Alle lachten, die Neckereien waren harmlos, und Larssen, der sich gar Manches gegen seine Bekannten herausnahm, ließ sich in seiner Ruhe und seiner Mahlzeit nicht stören. Erst als er seiner Eßlust Genüge gethan, ein großes Glas Bier in einem Zuge ausgetrunken,und sich dann mit lang ausgestreckten Beinen behaglich in seinen Stuhl zurückgelehnt hatte, entgegnete er:

»Glaubt Ihr nicht, daß es ohne Schaden wäre, wenn man bei den Universitäten Lehrer anstellte, die Euch sagten, wie Ihr essen, wie Ihr stehen, sitzen und gehen sollt? Seht einmal das ganze Beamten- und Professorenvolk an, ob darunter im Grunde auch nur Einer einem Menschen ähnlich sieht, wenn er sich vor Menschen zu bewegen hat. Wie verschüchterte Nachteulen und Fledermäuse flattern sie aus ihren Bureaulöchern und Studirnestern hervor auf die Straße und in die Gesellschaft, daß mir unwohl wird, wenn ich sie sehe. Jeder Unteroffizier, jeder Statist des elendesten Theaters ist ein Halbgott gegen diese verkommenen Herren der Intelligenz. Und Ihr selbst? Unter den sechshundert Studenten können nicht fünfzig gehen oder stehen.«

»Wir Litthauer können Alle gehen, denn wir wachsen im Freien auf!« wendete der Senior ein.

»Ihr könnt reiten, und das Sprüchwort hat Recht, wenn es behauptet: ›Jeder Litthauer kommt mit einem Pferdezaum in der Hand auf die Welt.‹ Das springende Roß, das Euer Wappen ist, das kommt Euch zu; aber gehen können nicht fünf unter Euch. Der Heidenbruck kann gehen, und auch Brand geht vortrefflich, sie werden sich gut auf den Bällen machen!«

»Ich bleibe dabei, daß Brand es nicht annimmt!« behauptete der Senior wieder.

»Man muß satt sein, um eine volle Schüssel, einen vollen Becher an sich vorübergehen zu lassen, ohne zuzugreifen!« entgegnete Larssen.

»Was heißt das?«

»Erich von Heidenbruck, der künftige Majoratsherr, könnte die Ehre ausschlagen, Entrepreneur der Bälle zu werden, denn er wird noch manchen Genuß außer diesen Studentenballen in seinem Leben haben,« erklärte Larssen mit einem überlegenen Lächeln, das spöttischer war, als er selbst es wollte; »der Sohn des Handwerkers, der künftige Landpfarrer, für den die magern Jahre gleich nach der Universität beginnen, muß den Becher der Freude ergreifen, der ihm geboten wird. Ich wette Zehn gegen Eins, daß Brand es annimmt!«

»Laß es einstweilen bei Eins gegen Zwei bewenden, Larssen, das kommt eher zu Stande, wenn Du verlierst!« meinte Ruthenberg lachend.

Der Senior nahm die Wette an, es blieb bei zwei Bowlen, man stand vom Tische auf und verabredete, am Abend, wenn man über Brand's Antwort Gewißheit haben würde, wieder im Speisehaus zusammen zu kommen, um auf Kosten des Verlierenden die beiden Bowlen zu trinken.

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