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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Achtzehntes Kapitel.

Es war ein milder August-Abend, als Helene das Gitter des Parkes öffnete, um in das Dorf zu gehen. Die tiefstehende Sonne vergoldete die Gipfel der Bäume und warf braunroth glänzende Lichtstreifen über das dichte Gras der Rasenplätze und auf die braunen, stark gefurchten Rinden der uralten Eichen und Fichten, deren mächtige Aeste weit hinausragten über das kleine Eisengitter, und breite Schatten warfen auf die Wiese, die sich an den Gatten schloß.

Der würzige Geruch des Thymians, der Schafgarbe und des röthlich blühenden Baldrians zog durch die kühler werdende Luft. Nur langsam schwebten die letzten Tagschmetterlinge noch von einer Blüthe zur anderen, um die Stelle zu finden, auf der sie zur Ruhe das schimmernde Flügelpaar zusammenfalten konnten, während die Nachtfalter erwachten und die Heuschrecken ihre schwirrenden Töne erklingen ließen mitten durch das Säuseln und Flüstern der Bäume.

Ueber die Wiese fort, an den abgemähten Feldern vorüber, auf denen noch hie und da eine Kornblume oder eine rothe Mohnblüthe sich unter dem Hauch des Abendwindes wiegte, schritt Helene dem Hügel zu, an dessen Fuße sich das Dorf ausbreitete.

Athem zu schöpfen stand sie auf der Höhe still und schaute zurück. Da lag das Schloß ihrer Väter, die alte Burg der deutschen Ordensritter, stolz und sonnenbeglänzt im Thale. Stattlich breiteten sich seine vier Flügel um den inneren Hof, an allen vier Seiten von niedrigen Thürmen mit flacher Bedachung flankirt. Die Bogenfenster des Remters, den alle Deutschmeister-Burgen haben, sahen prächtig und feierlich aus, in den weiten Zwischenräumen, die sie trennten, und die geringe Anzahl der Fenster nach der Außenseite gab den Mauern das Ansehen massenhafter Stärke, dem ganzen Gebäude den Charakter gefesteter Abgeschlossenheit. Hatte das Bedürfniß seiner späteren Besitzer und Bewohner auch die innere Einrichtung der Burg gar mannigfach verändert, so waren ihr doch die breiten, prächtigen Steintreppen, die weiten Corridore mit riesigen Kaminen, die großen Hauptsäle und die tiefen erkerartigen Fensterbrüstungen geblieben, die sie von allen Schlössern der späteren Zeit auffallend unterschieden, und der Baron liebte es hervorzuheben, daß er sein Stammschloß in directer Linie aus den Tagen der Ordensmeister überkommen habe, deren geachteter, heldenmüthiger Comthur sein Ahnherr einst gewesen war.

Alle Familientraditionen knüpften sich an dies Schloß und an das Gut. Vom Kirchturme herab schaute das Bild der Stammmutter, die goldene Spinnerin am Kreuze, hell leuchtend zu der Burg hinüber, in der sie einst gelebt, und wie in den Tagen der Kindheit blickte Helene kindlich glaubensvoll zu diesem Wahrzeichen ihres Dorfes empor, das sich auch in dem Wappen ihrer Familie wiederfand.

Die Zeiten, in welcher die Mutter ihr und den horchenden Geschwistern die Sage von der Schönheit und Liebestreue der armen Spinnerin erzählte, zu deren Andenken ihr ritterlicher Geliebter die Kirche erbaut, als sie endlich nach langem Harren und nach schwerem Dulden sein Ehegemahl geworden war, traten ihr so lebendig vor die Seele, als hätten sie gestern noch Alle lauschend und staunend in der großen Kinderstube beisammen gesessen. Wie oft hatte sie sich die fromme Magd vorgestellt, am Wege sitzend und spinnend unter dem großen Kreuze, und die blauen Augen trocknend mit dem langen blonden Haar, um in die Ferne zu spähen nach des pilgernden Kreuzritters fest versprochener Heimkehr. Wie hatte sie sich gefreut, wenn die Mutter endlich die Ankunft des Ritters geschildert, und all die Herrlichkeit, mit der er das schöne Lieb dann eingeführt in seine feste Burg, und wie der Segen dieser treuen Gatten fort und fort geruht auf ihren Kindern und Kindeskindern und immer Liebe und Treue gewohnt habe in diesen Mauern. – Es war Helenen die liebste Geschichte gewesen und sie hatte sich es stets ausgedacht, einmal auch so treu in der Liebe zu sein und so glücklich zu werden, wie ihre heilige Spinnerin am Kreuze.

Sie mußte lächeln und seufzte doch auf, als erwache sie aus einem Traume. Daß sie von dem Geliebten lassen wollen, daß sie sich einem anderen, ihr fast fremden Manne versprochen hatte, kam ihr ganz unglaublich oder wie in langvergangener Zeit geschehen vor. Sie dachte der Kämpfe und Leiden jener Tage, als lägen sie viele Jahre hinter ihr, so wohlthuend breitete sich der sanfte Friede der Natur auch über sie und ihr Empfinden aus. In freundlicher Klarheit zogen viele andere Erlebnisse ihrer fröhlichen Kindheit, ihrer durch keinen Schmerz getrübten Jugend an ihrem Gedächtnisse vorüber und gaben ihr Vertrauen zu ihrer Zukunft Was konnte die gepriesene große Welt ihr bieten, das diese selig in sich befriedigte Ruhe des Herzens aufwog? was konnte Italien ihr mehr gewähren, als die Wonne, die aus der Anbetung der gotterschaffenen Natur in ihre Brust geströmt war!

Mit einem Gefühl des Stolzes und der Freude schaute sie auf das Schloß und auf die Kirche hin. Es that ihr wohl, auf eine lange Reihe von Vorfahren sehen zu können, die alle ihre Heimath hier gehabt, alle mit ihrem Leben und Wirken hier mehr oder minder thätig gewesen waren. Es gab ihrem eigenen Dasein einen sicheren Boden, einen inneren Halt, Selbst die Sagen von den Geistern ihrer Ahnen, die in dem einen nur wenig bewohnten Flügel des Schlosses umgehen sollten und an deren fortdauerndes spukhaftes Erscheinen eigentlich kein Dorfbewohner zweifelte, machten ihr Freude, weil sie bewiesen, wie lange und wie fest die Familie hier zu Hause sein müsse. Mit tiefer Zärtlichkeit betrachtete sie die Gegend um sich her, jeden Hügel, jede Wiese, auf denen sie gespielt, jeden Baum, unter dessen Schatten sie geruht, jedes Haus, dessen Bewohner sie kannte und in denen sie oft, von der Mutter gesendet, als ein hülfreicher, trostbringender Bote erschienen und gesegnet worden war. Das Gefühl, diesem Flecken Erde ganz so wie ihre Vorfahren anzugehören mit ihrem Sein und Wirken, das Gefühl der Heimath und die Liebe für dieselbe wurden plötzlich in ihr wach, und mit Inbrunst klammerte sie sich an diese Heimath an, als fürchte sie, ihr einst dennoch entrissen zu werden.

An einem kleinen Hause hart an der Landstraße stand sie endlich, nachdem sie den Hügel herabgestiegen war, stille. Ihre Eltern hatten es der alten Anna, der treuen Wärterin der Heidenbruck'schen Kinder eingeräumt, die immer noch an ihre Pfleglinge die alten Liebesrechte geltend machte, und sie noch immer Du und ihre Kinder nannte. Helene guckte durch das kleine, von roth blühenden Feuerbohnen und schweren Kürbisblättern umrankte Fenster. Die alte Anna saß, den Rücken gegen dasselbe gewendet, eifrig zählend und grübelnd vor einem Spiele ausgebreiteter Karten. Helene pochte leise an die Scheiben, um die gute Alte nicht durch einen plötzlichen Zuruf zu erschrecken, aber diese, in ihr Spiel versunken, blickte nicht empor, bis das Fräulein ihr lachend in das Zimmer hineinrief: »Nimm Dich in Acht! Anna daß der Vater Dich nicht sieht, Du bist schon wieder bei Deinen Hexenkünsten!«

Die Alte wendete sich um, und bot ihrem Lieblinge das herzlichste Willkommen, während eine helle Freude über ihr gutmüthiges Gesicht flog. Sie sah gar stattlich aus. Ein großes Tuch von dunkelbrauner Seide mit einem breiten, in allen Regenbogenfarben schillernden Rande, war nach der Sitte des dortigen Landvolkes um ihren Kopf gebunden, daß kein Haar zu sehen war, und über der Stirne zu einer Riesenschleife zusammengeknüpft, deren befranzte Enden an beiden Seiten bis zu den Ohren herniederfielen. Die großen goldenen Ohrringe, die ihr der Baron bei Erich's Taufe einst gegeben hatte, glänzten, als hätten sie eben erst den Laden des Goldschmiedes verlassen, und der Rock und die Jacke aus dunklem Kattun, die schwarz seidene Schürze und das mit vielen Nadeln stramm festgesteckte Brusttuch von feiner Wolle, zeigten, daß Frau Anna die Sorgfalt für ihr Aeußeres auch noch in ihrem Alter nicht verloren hatte und daß sie es liebte, unter den Dorfbewohnern ihren Wohlstand und ihre Vornehmheit als Kinderfrau vom Schlosse gebührend zur Schau zu tragen.

Mit froher Hast war sie Helenen entgegengegangen, hatte ihr beim Eintritt in das Zimmer den Hut abgenommen, und noch ehe jene sich niedersetzen konnte, ihr die weiße Pellerine festgesteckt, aus der die hallende Nadel herausgefallen war.

Helene dankte ihr. »So wie Du uns Alles an den Leib zu nageln pflegtest, liebe Anna,« sagte sie scherzend, »macht es jetzt freilich Niemand mehr, aber für wen legtest Du die Karten?«

»Für mich selbst, Helenchen!«

»Was wolltest Du denn wissen?«

»Ob ich es wohl noch erleben werde, wieder in das Schloß zu kommen? Denn das hat die gnädige Frau mir fest versprochen, wenn der Erich Kinder hat, so wartet sie kein Anderer als ich.«

»Da Erich es jetzt aufgegeben hat, Dich zu heirathen, wie er Dir stets versprochen, so ist er Dir wenigstens diesen kleinen Ersatz schuldig!« meinte Helene. »Aber, was haben die Karten Dir gesagt?«

»Er wird heirathen in drei Jahren, und zwar ganz aus der Nähe, und ich werde es mit Gottes Hülfe noch erleben!« antwortete die Alte mit fester Zuversicht.

»Das hoffe ich auch, denn Du bist ja frisch und munter und kannst es abwarten, wenn es auch länger dauern sollte!« meinte das Fräulein, »aber glaubst Du denn noch immer an Deine alten Karten, Anna? Sie haben Dich ja so oft im Stiche gelassen.«

»Sag das nicht, Helenchen!« bedeutete die Wärterin. »Es ist nur, wenn Leute dabei sind, die nicht daran glauben, dann schlagen die Karten fehl. Wer daran glaubt, dem treffen sie immer zu! ich habe es ja erlebt zehntausendmal, daß sie Recht behalten haben, wie neulich, wo die kleine Lene drüben vom Schmied, Deine Namensschwester, die mit Dir auf denselben Tag geboren und getauft ist, doch noch den Müller aus Bergen bekommen bat, was kein Mensch, sie selbst nicht mehr, gedacht hatte. Da lag freilich zwischen dem Herzbuben und dem Herzkönige fast die ganze Reihe schwarz, immer Pique und Treff zusammen, aber drunter und drüber lagen die rothen Asse und die Könige auf den beiden Ecken, und dann hat's immer keine Noth damit. Sie hat mir gestern den größten Hochzeitskuchen geschenkt, er ist noch ganz frisch, Du mußt was davon schmecken!«

Da sie wußte, wie gern die Alte sie und ihre Geschwister bediente und bewirthete, verlangte Helene augenblicklich nach dem Kuchen. Anna legte eine Serviette über den Tisch, holte das Backwerk und einen Krug Milch herbei und setzte Teller, Messer und Glas mit jener Peinlichkeit zurecht, in der sich die Gewohnheit früherer pünktlicher Dienstbarkeit mit der Lust, es einem lieben Gaste angenehm zu machen, schön vereinten. Helene ließ es sich nach dem Gange in der Abendluft wohl schmecken, und sah dabei halb scherzend, halb nachdenklich auf die beiden Päckchen vergriffener Karten hin, welche Anna zusammen genommen und neben sich gelegt hatte, bis sie endlich forderte, Anna solle ihr die Karten legen.

»Dir?« fragte die Wärterin, »Du glaubst ja nicht daran!«

Helene lächelte. »Bei des Schmieds Lene ist's ja aber eingetroffen!« sagte sie.

»Bis aufs Haar! und auf Tag und Stunde!« versicherte die Alte

»Nun! so leg mir auch die Karten, Anna! ich werde ganz ernsthaft sein, dann trifft's ja zu, wie Du meinst.«

Die Alte wußte noch nicht recht, ob sie Helenen willfahren solle oder nicht. »Was möchtest Du denn wissen?« fragte sie

»Was ich wissen möchte? Nun, wie mir's gehen wird?«

»Das weißt Du ja! Du bist ja Braut! was soll Dir noch begegnen, Kind?«

»Kann denn eine Heirath nicht zurückgehen?« fragte das Fräulein.

»Gott bewahre! Helenchen male den Teufel nicht an die Wand! So Etwas muß man gar nicht in den Mund nehmen!« warnte die Alte ganz erschrocken, und konnte es nicht fassen, als das Fräulein lachend versicherte, vom Sprechen geschehe gar kein Unglück und wenn ihr ein solches bestimmt sei, so wolle sie es wissen. Damit setzte sie selbst den Kuchen und das gebrauchte Geräthe auf die Commode unter dem Spiegel, nahm die Karten zur Hand und sagte: »Ich schwöre Dir's, Anna! ich will daran glauben, aber lege mir die Karten und zwar gleich, denn ich muß zum Thee zurück sein!«

Frau Anna ließ sich das nicht nochmals sagen. Froh, ihrer Neigung folgen zu können, mischte sie vorsichtig die Karten, ließ Helene viermal abheben, und nun begann die Alte, nachdem sie vorher den Tisch sorgfältig gesäubert hatte, die Blätter in wohlgeordneten Reihen neben- und übereinander auszubreiten. Ueber den Tisch gebeugt sah das junge Mädchen dem Eifer zu, mit dem Anna's faltige Hände die Karten ordneten, und mußte lächeln über den Ernst, mit dem die Alte dann ihr Werk betrachtete, Sie schien sich nicht in die Verkündigungen ihres Orakels finden zu können; denn sie tupfte mit dem Finger hin und her auf den Karten, schüttelte bedenklich den Kopf und wußte Anfangs offenbar die verschiedenen Gruppen nicht in einen ihr verständlichen Zusammenhang zu bringen, so daß ihre Zuschauerin ungeduldig wurde und schon zwei Mal ein: »Nun Anna?« gerufen hatte, ehe diese ihre Forschungen beendete

Endlich richtete sie den Kopf auf, stützte den Ellenbogen des linken Armes auf den Tisch, lehnte die Wange auf die Hand und mit der Rechten auf die Karten zeigend sagte sie: »Die Karten liegen sonderbar, Helenchen! Da sind erst um Coeur Zehn, um's Vaterhaus, die vier Vieren, die Kreuzwege, die zeigen in die weite Welt, und Du wirst weit herum kommen und auf große Reisen gehen!«

»Damit incommodire Dich nicht!« rief Helene, »darauf leiste ich Verzicht. Ich danke Gott, daß ich hier bleiben werde!«

»Hier bleiben? wie soll das zugehen, Kind? – Da steht ja der Coeur Bube dicht an der Coeur Zehn, nur der Vater steht dazwischen,« sagte die Alte, »aber freilich die schwarzen Siebenen liegen drüber und drunter und –«

»Was bedeutet das?«

»Das bedeutet Thränen, viele Thränen, und all' die ungleichen Zahlen sind auch nicht gut! Es liegt schon Kummer hinter Dir – und auch noch welcher vor Dir!«

Helene wollte lachen, aber es ging ihr nicht von Herzen, das glaubens- und sorgenvolle Wesen ihrer Wärterin befing ihr den Sinn. Weil unsere Zukunft uns so undurchdringlich ist, hat jeder Blick auf dieselbe für uns etwas unheimlich Mystisches, wir möchten sie schauen und zittern vor ihrem Anblicke wie vor dem Begegnen eines Doppelgängers; und ein Doppelgänger ist sich auch der Mensch, mag er sich in der Vergangenheit betrachten oder sich sein Wesen in zukünftigen Verhältnissen vorzustellen streben. Er wird sich spukhaft auf die eine wie auf die andere Weise. Denn wie nur der Augenblick sein eigen ist, so ist der Mensch nur er selbst in diesem Augenblicke und vorher und nachher oft ein ganz Anderer. Mit einer Spannung, welche sie sich nicht erklären konnte, mit einem Ernste, der ihr selbst komisch dünkte, hörte Helene der Kartenlegerin zu. Und mit einem Tone, den die Alte nicht gläubiger begehren konnte, fragte das junge Mädchen:

»Wird der Kummer vorübergehen?«

»Ja! er wird! denn die rothen Asse, die ja auch der Lene Gutes brachten, haben ihn zwischen sich!«

»Aber wird er lange dauern?« forschte Helene, immer tiefer hineingezogen in den Wunderglauben, der sich in solchen Augenblicken auch reiferer und festerer Naturen zu bemächtigen weiß, und der aus dem Bedürfniß des Menschen entspringt, an einen Zusammenhang zwischen sich und den geheimnißvollen Kräften zu glauben, welche er wirksam sieht, wohin er seine Blicke wendet.

Die Alte antwortete nicht gleich. Sie zählte und zählte, ihr Gesicht wurde immer heiterer, plötzlich rief sie: »Das ist mir noch nie begegnet, ich habe mich verzählt. Es liegen vierzehn Karten in der Oberreihe, die letzte muß herunter, nun kommt Alles anders! Dann kommt der Coeur Bube gleich an's Vaterhaus, die schwarzen Siebenen kommen dahinter, und vor Dir, ganz nahe vor Dir liegt Nichts wie reine rothe Freude! Da sei Gott für gedankt!«

Sie schlug frohlockend die Hände zusammen und auch Helenens Gesicht hatte sich aufgehellt. »Sind nun die Reisen fort?« fragte sie lebhaft,

»Nein! Die stehen fest!«

»Und nun steht Nichts mehr zwischen mir und meinem Liebsten?« forschte sie scherzend weiter, und doch jeder erwünschten Kunde zu glauben bereit.

»Nicht das Geringste! es sollt' mich gar nicht wundern, käm' er gleich hier herein!«

»Ach! Anna! wenn er das thäte!« jauchzte Helene und nahm die alte treue Seele bei dem Kopfe, ihr Gesicht mit herzlichen Küssen bedeckend, und sie im Kreise herumdrehend, daß ihr fast das seidene Tuch vom Kopfe fiel und sie Noth hatte sich auf den Beinen, und das Tuch auf ihrem Haupte zu erhalten. Lachend und nach Athem suchend wehrte sie den Liebling von sich ab, da klang ein Posthorn durch das stille Dorf, ein Wagen rollte heran. –

– »Das ist er!« rief die Alte; sie und das Fräulein eilten scherzend an das Fenster, und kaum hatte Helene den Kopf hinausgebogen, als der Reisende sie erblickte und sich mit lebhafter Bewegung von seinem Sitze erhob.

»Halt! Halt!« befahl er dem Postillon, so daß der Diener sich verwundert umwandte, aber noch ehe er absteigen konnte, nach dem Befehle seines Herren zu fragen, hatte dieser mit leichtem Sprunge den Wagen verlassen und im nächsten Augenblicke befand er sich schon an Helenens Seite »Der Graf!« rief diese erbebend, hüllte ihr Gesicht in ihre Hände und sank totenbleich in die Arme ihrer Wärterin zurück

Das Alles war das Werk eines Augenblickes. Erschreckt trugen der Graf und Anna die Ohnmächtige auf das Canapee. Der Graf hielt neben ihr knieend, ihren Kopf in seinem Arme, er streichelte ihre kalten Hände, er rief dem Diener, ihm sein Necessair zu bringen, er rieb ihr die Schläfe, die Alte überbot sich in verständiger Sorglichkeit, aber es währte eine lange Weile, ehe der erste tief aufathmende Seufzer Helenens Lippen entfloh, ehe sie die Augen öffnete. Als sie den Grafen erblickte, brach sie in heftiges Weinen aus.

»Das wird ihr gut thun, gnädiger Herr!« sagte Anna, die, obschon ihr die Bestürzung und die Angst des Grafen leid thaten, sich doch freute, daß Helene einen so zärtlichen Bräutigam bekommen habe. »Lassen Sie sie nur weinen, Sie hat sich gar zu sehr auf ihren Bräutigam gefreut und nun kam es so plötzlich!«

»Wer sind Sie, liebe Frau? und wie kam das Fräulein hieher?« forschte der Graf.

»Ich?« fragte die Alte wie verwundert, daß er sie nicht kenne. »Ich bin ja die Kinderfrau vom Schlosse! zu Eurer Gnaden Befehl! und die Herrschaft hat mich, Gott sei Dank! nicht vergessen. Fräulein Helenchen kommt oft ins Dorf und zu mir, gnädiger Herr! und sie war auch ganz wohl und munter, gnädiger Herr! die Kinder sind ja, Gott sei Dank! auch alle kerngesund; sie war ganz frisch und munter!«

»Aber woher diese plötzliche Ohnmacht, liebe Frau?«

»Wie ich Euer Gnaden sagte! Bloß die Freude. Sie aß hier von dem Kuchen und ließ sich Karten legen und wie ich ihr sagte, daß Nichts mehr stehe zwischen ihr und ihrem Liebsten, da war sie ganz außer sich vor Freuden und drehte mich im Zimmer herum, daß mir der Kopf nur so wackelte, und gerade da sind der gnädige Herr angelangt und das muß sie so überkommen haben, denn allzu große Freude wirft auch den Stärksten um!«

Mit eigenthümlichem Behagen horchte der Graf dem Geplauder der Wärterin, während seine Augen unverwandt auf seiner Braut verweilten und er ihre Hände in den seinen hielt. Er wagte nicht sie an sich zu ziehen, sondern hielt sie wie ein Kind in seinem Arme, und um ihr Zeit zu gönnen sich zu erholen und zu sammeln, verließ er das Zimmer mit der Bitte, man möge ihn zurückrufen, sobald Helene sich wohl genug fühle, auf das Schloß zu fahren.

Kaum hatte er sich entfernt, da richtete sich das Mädchen langsam empor, schaute mit scheuen, unruhigen Blicken um sich her, als müsse sie sich erst zurecht finden, sich auf sich selbst besinnen, griff dann nach der Hand der alten Frau und sie fest drückend flüsterte sie: »Deine Karten lügen, Anna! wirf sie fort!«

Das aber hieß Anna in ihrem Glauben kränken, dessen Berechtigung sich nach ihrer Ansicht gerade in diesem Augenblicke so unwiderleglich bewahrt hatte. Sie war überzeugt, Helene halte die Ankunft des Bräutigams für ein Traumgebild ihrer Bewußtlosigkeit, und jede Erklärung verschmähend, wo die Thatsachen für sie sprachen, öffnete sie die Thüre, um den Grafen zum Eintritt zu nöthigen.

Als dieser seine Verlobte in aller ihrer Schönheit vor sich stehen sah, da hielt er sich nicht länger. Mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings eilte er auf sie zu und schloß sie mit dem Ausruf: »Helene! theure, liebe Helene, wie glücklich macht mich Ihre Freude!« an sein Herz, sie mit seinen Küssen bedeckend.

Wie sie in den Wagen gekommen war, was der Graf zu ihr auf dem Wege nach dem Schlosse gesprochen, was sie ihm geantwortet hatte, wußte Helene später sich selbst nicht mehr zu sagen. Der Umschwung ihrer Empfindungen war zu plötzlich gewesen, und keiner Ueberlegung, kaum ihrer Sinne mächtig, hatte sie sich willenlos der Zärtlichkeit des Grafen überlassen, dem sie selbst mit ihrem Worte das Recht zu derselben gegeben hatte. Aber jetzt erst, erst in diesem Augenblicke fing sie an zu ahnen, was sie damit gethan, zu ahnen, was es heiße, die Liebesbeweise eines ungeliebten Mannes zu ertragen, und dieser bittere Schmerz reifte in der kindlichen Jungfrau plötzlich das Bewußtsein des Weibes, ohne ihr die Kraft des Weibes zu geben, das selbsthandelnd keine Schwierigkeiten kennt, wo es gilt, sich vor Erniedrigung und Unwahrheit zu schützen.

Verzweiflung im Herzen langte sie auf dem Schlosse an, ohne daß Jemand bemerkte, was in ihrer Seele vorging. Der Graf hielt ihr Schweigen, ihr scheues Wesen, ihre Thränen für die Folgen ihrer Ueberraschung, für eine Schüchternheit, die ihn, den Weltmann, an seiner Braut entzückte. Die Baronin war erfreut, weil St. Brezan's persönliche Ankunft ihren Wünschen begegnete, auch Cornelie hielt es für die Ruhe ihrer Schwester förderlich, daß ihrer hoffnungsvollen Spannung ein Ziel gesetzt ward, und der herzliche Willkomm dieser beiden Frauen ließ den Grafen die Zurückhaltung des Vaters weniger empfinden.

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