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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Siebenzehntes Kapitel.

Gegen die Erwartung des Barons hatte nämlich der Graf seine Entlassung aus dem Staatsdienste nicht gefordert, vielmehr sich der neuen Regierung zur Disposition gestellt, und von ihr die ehrendste Anerkennung seiner bisherigen Dienste mit der Zusicherung erhalten, daß man dieser Dienste nicht entrathen, sondern ihn in seinem Amte lassen wolle. Er hatte seine Handlungsweise als eine sich von selbst verstehende betrachtet, und ihrer nur in einem Briefe an seine Braut Erwähnung gethan, während der Baron in ihr eine Unehrenhaftigkeit erblickte, welche sein Vertrauen in den Charakter St. Brezan's zerstörte.

Sobald er von Helenen diese Mittheilung erhalten, war er auf das Gut zurückgekehrt, und kaum dort angelangt, hatte er der Baronin erklärt, daß er gesonnen sei, die Verlobung seiner Tochter mit dem Grafen aufzuheben. Er habe diese Verbindung gewünscht, so lange er den Grafen als einen Ehrenmann geachtet, in dessen Händen das Schicksal seines Kindes wohl geborgen sei. Ein Edelmann, der seinem Könige die Treue, ein Beamter, der seinen Amtseid breche, ein unloyaler Unterthan könne kein loyaler Gatte werden, und werde seinem Weibe untreu sein und es verrathen, wie er seinen König verrathen in der Stunde der Gefahr. Vor einem solchen Schicksal die Tochter zu bewahren, halte er für Pflicht, und die Mutter möge also Helenen mit aller nöthigen Schonung seinen Entschluß bekannt machen.

Je ruhiger der Baron die Sache nahm, um so bestürzter zeigte sich seine Gattin. Sie erschrak vor den Folgen eines solchen Schrittes. Das Aufsehen, welches er machen, die peinliche Lage, in die er Helene bringen, die kaum bekämpften Wünsche und Hoffnungen, welche die wiedergewonnene Freiheit in der Tochter auf's Neue anregen mußte, stellten sich dem Auge der Mutter in schneller Reihenfolge dar, und obschon sie selbst die Handlungsweise ihres künftigen Schwiegersohnes nicht billigte, machten die Freundschaft für ihn und die Sorge um Helene sie doch geneigt, hier nicht so schnell nachzugeben, als der Baron es sonst von ihr gewohnt war. Sie warnte ihn vor gewaltsamen Entschlüssen, sie bat ihn, den Grafen zu hören, ehe er ihn verdamme, und erst, als alle diese Gründe auf ihren Gatten unwirksam geblieben waren, sprach sie ihm von Helenens Neigung für den Candidaten Brand. Ohne sich auf Erörterungen einzulassen, rühmte sie der Tochter und dem jungen Manne die edelste Entsagung nach, und bemerkte aber doch dabei, daß es nothwendig sei, eine unübersteigliche Schranke zwischen den jungen Leuten zu errichten, sollte Helenens Zukunft nicht gefährdet werden

Ohne ein Wort zu sprechen, hatte der Baron diese Erklärung hingenommen und war nachdenkend ein paar Male im Zimmer auf und abgegangen. Weit davon entfernt, es seiner Frau als Vorwurf anzurechnen, daß sie ihm bisher von diesem Verhältnisse nie gesprochen, wußte er ihr Dank dafür. Es lag in seinen Grundsätzen, daß Jeder innerhalb des ihm zugewiesenen Bereiches selbständig handeln müsse, und über das Herz ihrer Töchter zu wachen, war die Aufgabe der Mutter, eine Aufgabe, in welcher er gewohnt war, sie ungehindert gewähren zu lassen.

Er fragte Nichts, er begehrte keinen näheren Aufschluß über diese Neigung, es genügte ihm zu wissen, daß sie unterdrückt sei und daß seine Tochter sich ihrer Eltern werth bewiesen habe. Das Einzige, was er zu überlegen hatte, war die Art und Weise, in welcher man Helenen zu Hülfe kommen müsse, wobei er die Möglichkeit, sie mit dem Grafen zu verheirathen, jedoch ganz außer der Betrachtung ließ. Sein erster Gedanke war, Friedrich zu entfernen. Die Baronin wendete ein, daß dies unmöglich sei, da der junge Mann durch seine Studien und seinen Erwerb an seinen Aufenthaltsort gefesselt werde, aber der Baron erkannte eine solche Unmöglichkeit nicht leicht an, wo sie den Interessen seiner Familie entgegenstand.

»Man muß nur die Mittel wollen, wenn man den Zweck will!« meinte er, »und hier liegt das Mittel ja so nahe zur Hand! Erich kann den jungen Brand als Reisegefährten mit sich nehmen!«

»Wird Brand das eingehen?« fragte die Baronin.

»Zuverlässig! man muß die Form finden, es ihm so annehmbar zu machen, daß er's nicht wohl ablehnen kann.«

»Aber glaubst Du, daß dieser Plan Erich willkommen sein werde? – Ich weiß, es liegt für ihn ein Reiz darin, sich einmal ganz losgerissen zu fühlen von allen Banden seiner Jugend!« wendete die Baronin abermals ein.

»Von Erich's Wünschen kann nicht die Rede sein, wo es sich um die Ehre und die Ruhe seiner Schwester handelt! Er mag ein ander Mal den Reiz der Ungebundenheit genießen, jetzt paßt es mir, daß ihn der junge Brand begleitet!« antwortete der Baron. – Die Baronin verstummte, denn sie kannte diesen Ausdruck ihres Mannes.

Hatte er einmal erklärt, daß ihm irgend Etwas passend scheine, so war dies ein Ausspruch, gegen welchen keine Einwendungen der Familie geduldet wurden, und er hielt sich überzeugt, daß seine Gattin sich auch diesmal schweigend seinen Anordnungen fügen und sie allmählich als die einzig richtigen begreifen lernen werde. Denn wie er für seine Gemahlin von Anderen die höchste Ehrerbietung forderte, so verlangte er von ihr dieselbe auch für sich. Aber stets fügsam in allen Dingen, welche sie selbst betrafen, ließ sich in der Mutter die Sorge um die Tochter nicht unterdrücken, und mit der ihr eigenen ausdauernden Geduld bestand sie darauf, daß es ein Unrecht sei, den Grafen ungehört anzuklagen und in solcher Weise eine Verbindung lösen zu wollen, von der man bisher nach reiflicher Ueberlegung das Lebensglück Helenens erwartet hatte. Sie nannte es grausam, ein Mädchen erst alle Schmerzen der Entsagung durchkämpfen zu lassen, um es dann auf's Neue verbotenen Wünschen und unerfüllbaren Hoffnungen zu überliefern. Ihre Bitten, ihre Vorstellungen brachten es endlich dahin, daß der Baron sich entschloß, von dem Grafen eine Erklärung seiner Handlungsweise zu begehren, ehe er ihm aussprach, daß er sie für unvereinbar mit den Gesinnungen wahrer Ehre halte. Er befahl aber, daß Helenens Briefwechsel mit demselben nicht weiter fortgeführt werden solle, bis er eine ihn zufriedenstellende Antwort von ihm empfangen haben würde. Vergebens wendete die Baronin ein, daß es ein Werk der Liebe und der Vorsicht sein würde, Helenen diesen Zwiespalt zu ersparen, ihr zu verbergen, daß der Vater an der unbedingten Ehrenhaftigkeit ihres künftigen Gatten zweifle. Vergebens stellte sie vor, daß es ja Zeit genug sei, den Bund zu lösen, wenn wirklich eine Ursache dazu vorhanden wäre: der Baron blieb fest bei seiner Ansicht.

»Gerade weil wir von Helenen das Opfer ihrer Neigung begehrten,« sagte er, »müssen wir ihr darthun, daß wir bereit sind, auch unsere Wünsche aufzuopfern, falls die von uns getroffene Wahl ihr Glück bedroht. Sie muß es einsehen lernen, daß wir sie nur dem untadelhaften Manne geben, soll sie einst von sich selbst untadelhafte Pflichterfüllung fordern, soll sie das Zutrauen zu uns behalten, das unseren Kindern das Gehorchen leicht und lieb gemacht hat. Begreife doch, daß es in der Familie wie im Staate ist! Der unverdorbene Mensch hat ja einen Zug zum Glauben und zur Unterordnung, das lehrt uns die Geschichte.«

»Die Geschichte?« wiederholte die Baronin im Tone bescheidenen Zweifelns. »Ach die Geschichte hat uns in den letzten Tagen auch gelehrt, daß die guten alten Zeiten vorüber sind, und daß es nicht mehr ist wie einst. Die Menschen wollen ja nicht mehr gehorchen!«

»Wer hat es dahin gebracht?« rief der Baron. »So lange und so weit Menschen auf der Erde leben, erzeugten sie als die natürlichste Form ihres Zusammenlebens die Herrschaft eines Mannes über die Familie, wie über den Staat, und dies Verhältniß war und blieb überall fördersam, bis die Häupter sich des Vertrauens unwerth machten, das man in sie setzte. Das ist's ja gerade! Könnte eines unserer Kinder mir den Vorwurf machen, daß ich meine oder ihre Ehre, daß ich ihr Bestes nicht gewahrt habe, so würde ich in demselben Augenblicke auf das Recht verzichten, das ich jetzt auf ihr Vertrauen habe. So lange ich es aber noch verdiene, so lange darf und muß ich fordern, daß sie mir gehorchen. Das weiß Helene auch, danach, sage ihr, möge sie sich richten. Ich werde die Briefe des Grafen, die in der Zwischenzeit für sie eintreffen, ihr aufbewahren und sie soll dieselben aus meiner Hand empfangen, wenn er seine Handlungsweise vor mir vertreten kann.«

In dieser letzten Wendung sah die Baronin, daß ihre Vorstellungen nicht unfruchtbar gewesen waren, daß ihr Gatte selbst zu wünschen begann, es möge das geschlossene Bündniß aufrecht erhalten werden können, und sich auf die eigenen Gründe des strengen Royalisten stützend, sagte sie freundlich: »Wenn Du für Dich, wie Du eben sagtest, nur so lange Gehorsam begehrst, als Du ihn durch Deine Pflichterfüllung fordern kannst, so entbindest Du damit die Völker von dem Eide der Treue gegen einen König, der des Volkes Wohl nicht fördert, lieber Heidenbruck! und der Graf hat – –«

»Hat einen warmen Advocaten in Dir gefunden!« fiel ihr der Baron in's Wort. »Mag einem Volk auch in besonderem Falle das Recht der Selbsthülfe nicht abzustreiten sein, so ändert das Nichts in dem Verhältnisse des Edelmannes zu seinem Könige, Nichts in dem Verhältniß des Beamteten zu seinem Herren. War Graf St. Brezan als Gesandter der freiwillige Diener seines Königes, so muß er auch mit seinem Könige die Folgen der königlichen Handlungsweise tragen, er muß stehen und fallen mit demselben, aber nicht neue Eide schwören einem neuen Herrn.«

»Und wenn er einsähe, daß sein König, daß er selbst geirrt?« fragte die Baronin.

»Wenn St. Brezan einst einsähe, daß er sich in der Wahl seiner Gattin irrte, daß Helene nicht ist, wofür er sie gehalten – was dann, Johanne?«

Die Baronin schwieg.

»Wolltest Du, daß er sie verstieße? Daß er sie verantwortlich machte für den Leichtsinn, mit dem er sie gewählt? – Graf St. Brezan war Herr seines Handelns, als er in den Staatsdienst trat, und wer einen Bund eingeht, sei es mit wem es wolle, wer sich aus freier Wahl einem Anderen oder einer Sache mit seinem Eide verbindet, der muß diesen Eid halten durch sein ganzes Leben, denn der Eid ist heilig!«

»Aber die Einsicht des Menschen kann sich ja ändern nach der Eidesleistung!« meinte die Baronin.

»Weil sie das kann, so sollte der Mensch nicht Herr werden seines Handelns in einem Alter, in dem er solchen Aenderungen seiner Ansichten noch unterworfen ist. Das ist der Sinn der Vormundschaft, und es ist Thorheit, daß die Gesetze sie für alle Menschen auf dasselbe Lebensalter ausdehnen. Der Unmündige ist unverantwortlich, ich stehe ein für jedes Thun meiner Kinder. Aber jeder Mensch, der Mann vor Allem, den das Gesetz mündig gesprochen hat, der muß sich selbst als reif erklären, indem er sich keine Aenderungen seines Sinnes mehr gestattet, indem er eisern fest hält an seinem Glauben, seiner Ehre, seinem Worte! Und wie Graf St. Brezan dies gethan hat, darüber wollen wir seine Erklärung hören!«

Mit diesen Worten küßte er die Baronin auf die Stirne und die Unterredung hatte ein Ende. Es blieb der Mutter überlassen, Helenen die Anordnungen des Barons so behutsam als sie wollte mitzutheilen. Indeß, trotz aller Vorsicht, konnte sie die Wirkung nicht verhindern, die sie befürchtet hatte. Mochte sie auch die Heirath mit dem Grafen der Tochter beständig als unumstößlich sicher darstellen, mochte sie ihr mit der höchsten Achtung von dem künftigen Gatten sprechen, Helene hielt sich daran, daß der Vater den Namen des Grafen nicht mehr nannte, sie hielt sich an der Möglichkeit ihre Verlobung aufgehoben zu sehen, um bald wieder schönere Hoffnungen daran zu knüpfen.

Ehe in jener Zeit der Brief ihres Vaters den Grafen erreichen, ehe seine Antwort auf dem Gute anlangen konnte, mußten fast vierzehn Tage verfließen, und Wünsche und Hoffnungen, denen wir uns überlassen, erzeugen in uns nur zu schnell den Glauben an die Möglichkeit ihrer Erfüllung. – Helene zweifelte schon nach wenig Tagen nicht mehr daran, ihre Freiheit wieder zu erlangen, und jetzt gestand sie sich, was sie sich zu verbergen gestrebt, seit sie des Grafen Braut geworden war, daß sie trotz ihres häufigen Briefwechsels mit demselben, ihm nicht näher gekommen war, als an dem Tage, da sie sich ihm verlobte. Sie hatte sich an die Idee gewöhnt, als die Gemahlin eines Gesandten künftig in Neapel zu leben, und sich in die äußeren Verhältnisse dieser Stellung selbst mit Lust hineinversetzt; aber während sich ihre Phantasie in den Reizen des Südens wiegte, des Mannes nur wenig gedacht, an dessen Seite sie das ersehnte Italien betreten sollte. – Weil sie den Grafen nie als ihren Verlobten neben sich gesehen hatte, und alle ihre Erinnerungen sich an Friedrich knüpften, erweckte jedes Liebeswort in den Briefen ihres Bräutigams, in ihr den Gedanken an den einzigen Mann, zu dem sie in ihrem Herzen mit solchen Worten der Liebe gesprochen, und ohne daß sie es bemerkte, hatte sich Friedrich's Bild in ihre Seele geschlichen, so oft sie ihrem Bräutigam geschrieben, bis sie, sich selbst betrügend, dahin gekommen war, auch den Grafen in eine vollständige Täuschung über ihre Gefühle für ihn zu versetzen.

Jetzt, da dieser Briefwechsel aufgehört hatte, sah sie plötzlich ein, in welcher Verwirrung sich ihr Geist befunden, und kam sich wie erlöst vor, weil sie sich dieses Zwiespalts überhoben glaubte. Unumwunden sprach sie ihren Brüdern, ihrer Schwester die Freude über diese glückliche Wendung ihres Schicksals aus, und so bereit sie sich geglaubt hatte, das Opfer ihrer Wünsche zu bringen, so dankte sie jetzt Gott, daß es nicht mehr von ihr gefordert ward. Sie wagte es wieder, mit Cornelie von Friedrich zu sprechen, sie fragte nach ihm in den Briefen an die Brüder, sie dachte royalistischer und legitimer über die französische Revolution, als selbst ihr Vater, so lebhaft wünschte sie, den Grafen nicht gerechtfertigt zu finden.

Mit wahrer Sorge sahen es die Baronin und Cornelie, wie sich Helene wieder ganz und gar von dem Gedanken an die ihr bestimmte Ehe entfernte, wie sie es von sich wies, wenn man sie erinnerte, daß der Hinblick auf Friedrich's Familie sie zur Entsagung bestimmt habe, und daß dies Hinderniß obwaltend und trennend zwischen ihr und dem Geliebten bleiben werde, sollte sie auch ihre Freiheit wieder finden. Sie lachte der vorsichtigen Schonung, mit der die beiden Frauen sie behandelten, und wie man um so höher schätzt, was man zu verlieren gefürchtet hat, so umfaßte sie jetzt die Ihren mit einer leidenschaftlichen Zärtlichkeit, so genoß sie die Schönheit des väterlichen Landsitzes mit neuer Freude, mit größerem Bewußtsein als je zuvor, unermüdlich ihr gegenwärtiges Glück zu preisen, weil ihr die Möglichkeit einer Hoffnung für die ferne Zukunft wiedergegeben war.

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