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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Dreizehntes Kapitel.

Es währte geraume Zeit, ehe Friedrich einen festen Entschluß zu gewinnen vermochte. Schon lange hatte er gewünscht, sich für den akademischen Lehrstuhl auszubilden, um in der Stadt zu leben und sich weitere Lebenskreise zu eröffnen, als die Laufbahn eines Geistlichen ihm für die erste Zeit verhieß. Seit er Helenens Liebe sicher war, sah er die schnelle Erlangung einer Professur als das einzige Mittel an, das ihm die Geliebte gewinnen konnte, und immer wieder drängte sich ihm der Glaube auf, Helene habe dem Bruder ihre Liebe vertraut und dieser wolle dem Freunde selbst die Wege für die Zukunft bahnen. Aber die Ansichten, welche er oftmals im Hause des Barons über standesmäßige Ehen, von Erich über heimliche Jugendverlobungen hatte aussprechen hören, straften jene Voraussetzungen Lüge, und er dachte zu ehrenhaft, um Diejenigen zu täuschen, die ihm so zuversichtlich vertrauten. Indeß so oft er sich's auch wiederholte, daß ihm hier Entsagung Pflicht sei, mußte er immer die Augen zurückwenden auf das Glück, in Helenens Nähe zu leben, auf das er zu verzichten hatte, und mehrmals dachte er daran, dem Freunde sein Herz zu offenbaren, ihm die Entscheidung zu überlassen; denn es ist leichter sich in einen fremden Willen zu fügen, als den eigenen vernünftig zu beherrschen.

Mit schwerem Herzen und sichtlicher Befangenheit erklärte er endlich dem Freunde, daß er zwar daran denke, neben dem Examen für das Predigeramt auch das philosophische Doctorexamen zu machen und nicht auf das Land zu gehen, sondern in der Stadt zu bleiben, um sich gleichzeitig zum Prediger und zum Docenten auszubilden, daß es ihm aber nicht möglich sei, die Stelle in seinem Vaterhause anzunehmen.

Jemehr nun der Baron und Erich es wohl gemeint mit ihrem Anerbieten, je lebhafter Helenens Phantasie sich, alle Schranken überflügelnd, dies Beisammensein mit dem Geliebten ausgemalt, um so größer war aller Ueberraschung bei Friedrich's Weigerung. Helene und ihr Bruder fühlten sich gegen ihn verstimmt, ihre Eltern beschuldigten ihn eines falschen Stolzes und ließen ihn das Mißgefühl entgelten, Verschmähung statt des erwarteten Dankes erfahren zu haben, denn die Vorkehrungen für Richard waren der Art getroffen worden, daß er nur wenig Stunden der Aufsicht seines Erziehers anheimgefallen und diesem der größte Theil seiner Zeit zu freier Selbstbestimmung geblieben sein würde.

Dadurch ward das Verhältnis des jungen Mannes zu dem ihm so theuren Menschenkreise plötzlich ganz verwandelt. Man tadelte ihn allgemein, sogar der Doctor wollte die Gründe nicht gelten lassen, mit denen Friedrich ihm das Ablehnen jenes Amtes erklärte, und besonders war es Helene, die ihm ihre Enttäuschung nicht vergeben zu können schien. Verkannt und gedrückt, wie er sich nun im Heidenbruck'schen Hause fühlte, verlor er die Unbefangenheit, dasselbe, wie er sonst gethan, unaufgefordert zu besuchen, und Helene sah in diesem Fortbleiben einen neuen Grund dem Jünglinge zu zürnen.

Als er dann endlich, von seiner Sehnsucht getrieben, eines Abends um die gewohnte Stunde den Salon betrat, dünkte ihn Alles wie verwandelt. Erich's Begrüßung, der Empfang seiner Eltern kamen ihm gezwungen vor, und hätte es ihn nicht von Herzen gezogen, sich gegen Helene aufklärend auszusprechen, er würde wieder fortgegangen sein. Aber auch diese erschien ihm kalt. Er glaubte zu bemerken, daß sie absichtlich ihren Platz verlasse, um sich von ihm zu entfernen, und zu befangen ihr zu folgen, ließ er sich von einem gleichgültigen Fremden in ein Gespräch verwickeln, das ihn lange festhielt.

Helene sah es, verargte es ihm als eine absichtliche Vernachlässigung und wollte, ohne ihn zu beachten, an ihm vorübergehen, als sie sich endlich trafen. Sein traurig bittendes Auge hielt sie gebannt, und Beide fühlten sich durch die Anwesenheit so vieler gleichgültiger Menschen, durch die Erinnerung an den Kummer der letzten Tage beängstigt und verwirrt. Endlich fragte der Jüngling: »Zürnen Sie mir auch?«

»Wie kann man Jemand zürnen, weil er seiner Neigung Folge leistet?« entgegnete sie mit jener Unwahrheit, die den Frauen unter dem Namen des weiblichen Stolzes als Tugend anerzogen wird. Nur die höchste Liebe befreit das Weib von diesem Auswuchs unserer falschen Sittlichkeitsbegriffe. Der Mann kann im Kampfe lächeln, wenn er den Feind verwundet, das Weib thut es dem Geliebten gegenüber und findet eine Lust daran, sich und ihn zu einer Grausamkeit empor zu stacheln, von der sie Beide leiden.

»Meiner Neigung?« wiederholte er und blickte sie an, als müsse er sich überzeugen, ob sie es sei, die so zu ihm geredet.

»Oder Ihrer kalten Vernunft!« verbesserte Helene, und wendete sich von ihm zu einer Gruppe anderer Personen. Sie bemerkte Friedrichs Erbleichen, auch ihr klopfte das Herz krampfhaft und sie litt von ihrer eigenen Härte, aber grade dieses Leiden bestärkte sie in ihrer Selbstverblendung, denn sie machte es nicht sich, sondern dem Geliebten zum Vorwurfe, der, niedergeworfen durch den Glauben, sie habe die Größe des Opfers nicht begriffen, durch das er ihrer werth zu sein getrachtet, sie liebe ihn also nicht, es nicht ertragen konnte, sie gleichgültig mit Anderen verkehren zu sehen, während er so tief betrübt war. Ihr Bild verzerrte sich ihm, er hätte sie tödten können, um sie nicht mehr lächeln zu sehen, und mit einer Verzweiflung, in der sich Haß und Liebe einten, verließ er plötzlich die Gesellschaft.

Helene sah es mit schmerzlichem Trotze, sie war zufrieden, sich nicht gedemüthigt zu haben. Aber als die Gäste sich entfernt hatten, als sie sich allein mit Cornelie in ihrem Zimmer fand, da kamen das Bewußtsein ihres Unrechts und die Reue über sie. Sie setzte sich nieder an Friedrich zu schreiben, sie forderte seine Vergebung. Das kleine Blatt war gefaltet und versiegelt, da trieb ihr der Gedanke an den Diener, den sie zum Ueberbringer und also zum Vertrauten ihres Geheimnisses machen mußte, die Röthe der Scham in die Wangen. Sie zerriß den Brief, sich tröstend mit der Hoffnung, der Geliebte werde sie nicht entbehren können, er werde wiederkommen und sie ihm ihre Schuld gestehen, seine Verzeihung erlangen.

Aber Friedrich blieb aus, er erwartete ein Zeichen von Helene, der es leicht sein mußte, ihm eine Einladung zu erwirken, und Beide hatten begonnen, den bitteren Zorn der Liebe gegen einander zu empfinden, als Helene eines Abends in das Zimmer ihres Vaters beschieden wurde.

Die Eltern saßen auf dem Sopha, die Mutter war in sichtlicher Bewegung, der Vater hatte schweigend das Haupt auf den Arm gestützt, Erich stand in der Fensterbrüstung. Eine dumpfe Angst überkam sie als sie eintrat, sie fühlte, diese Zusammenkunft gelte ihr. Man hatte ihre Liebe für Friedrich entdeckt, man sah sie als ein Unrecht an, man wollte sie zur Rechenschaft ziehen, und willen- und urtheilslos wie sie war fühlte Helene sich schuldig, weil sie dafür gehalten zu werden glaubte.

Mit bebender Stimme fragte sie, was ihr Vater befehle?

»Ich habe mit Dir eine ernste Angelegenheit zu berathen!« antwortete er, »nimm Dir einen Stuhl hier neben mir!«

Die Tochter gehorchte, aber der milde Ton ihres Vaters schnitt ihr in das Herz. Sie hatte den besten der Väter gekränkt, sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen, als sie sich niedergelassen hatte. Da ergriff der Baron ihre Hand, reichte ihr einen Brief hin und sagte: »Lies diesen Brief, ich habe ihn vor einer Stunde für Dich erhalten.«

Sie nahm ihn mit zitternder Hand, sie vermochte ihn nicht zu entfalten, denn sie kannte seinen Inhalt, obschon das Couvert keine Aufschrift zeigte. Friedrich hatte, der Qual ein Ende zu machen, den Eltern Alles gestanden, um ihre Hand geworben, und es war keine Hoffnung für sie da. Starr und schweigend blickte sie zur Erde nieder, bis die Mutter sich erhob, das Haupt der Tochter an ihren Busen drückte und sie bat, sich zu beruhigen.

Da brach Helene in Thränen aus und: »Vergebt mir, vergebt mir!« war Alles, was sie sagen konnte.

Alle Anwesenden waren betroffen, der Vater drückte ihre Hand und sagte ermuthigend: »Wie sollte man es nicht entschuldigen, daß diese Stunde Dich erschüttert, aber Du mußtest darauf gefaßt sein, und Du kannst nicht schwanken, denke ich, welchen Entschluß Du zu fassen hast, da Du unsere Ansichten und Wünsche kennst. Soll ich die Antwort für Dich übernehmen, meine liebe Tochter?«

»Ja!« antwortete sie kaum hörbar.

»Wird Dir der Entschluß so schwer?« forschte die Mutter.

»Ja!« wiederholte die Tochter und wunderte sich, daß sie den Muth hatte es zu bekennen.

»Und doch wirst Du ihn segnen!« beruhigte der Vater, »der Graf ist –«

»Der Graf?« fragte Helene.

»Er wird Dir Ersatz werden für uns Alle,« fuhr der Vater fort.

»Der Graf? – Ersatz?« sprach sie in einem Tone nach, als ob ihre Gedanken sich verwirrten.

»Seine Liebe für Dich, seine Welterfahrung –«

»O!« rief Helene, dem Vater in die Rede fallend und in Leidenschaft ausbrechend, »was marterst Du mich mit Worten, die ich nicht verstehe, was willst Du mit dem Grafen jetzt in dieser Stunde, lieber Vater?« Ihre Augen funkelten, ihre Glieder bebten, die Eltern und Erich sahen einander betroffen an.

»Was bedeutet das?« fragte der Baron seine Gattin.

Sie wußte keine Auskunft zu geben und bat, sie mit der Tochter allein zu lassen. Als man ihr gehorsamt hatte, setzte sie sich nieder, nahm Helene in den Arm, öffnete den Brief, der noch ungelesen auf dem Tische lag und bat sie: »Lies den Brief, mein Kind! Die Worte des Grafen, dem Du Dich verlobt, werden Dich am leichtesten beruhigen.«

»Ich mich verlobt? Ich? dem Grafen St. Brezan?« rief Helene aufspringend und der eintretenden Cornelie entgegeneilend, deren Hände sie mit solcher Gewalt ergriff, daß diese davor zusammenschrak.

»Sprich mit mir Cornelie!« flehte sie, »sage mir, daß ich träume, wecke mich, wecke mich, wenn ich nicht sinnlos werden soll. Ich sollte mich verloben? Friedrich vergessen? Nimmermehr! Das that ich nicht, das kann, das werde ich nicht thun. Wie kommt man denn darauf?«

Sie warf sich weinend der Schwester an die Brust und jetzt war es an der Baronin zu fragen: »Was bedeutet das, Cornelie? Wußtest Du um diese Liebe?«

Die Tochter schwieg. Es entstand eine Pause, die Baronin trat an das Fenster und schaute nachdenkend in den Garten hinaus. Sie hätte wissen mögen, wie nahe die jungen Leute einander standen, aber sie mochte jetzt keine Frage thun, und daß Friedrich die vortheilhafte Stelle in ihrem Hause ausgeschlagen, bürgte ihr für seine Ehrenhaftigkeit.

»Kennt Erich Deine Neigung für seinen Freund?'« fragte sie endlich.

Die Tochter schüttelte verneinend das Haupt. »So soll es ein Geheimniß bleiben unter uns: Du sollst vor Niemand zu erröthen haben!«

»Mutter!« bat Helene, »brich mir nicht das Herz! ich liebe Friedrich!« –

»Ich glaube Dir, daß Du so fühlst,« sagte die Baronin, »und ich beklage Dich deshalb, aber Du hast sicher nicht auf eine Ehe mit dem jungen Brand gehofft, er selbst kann nicht daran gedacht haben, Dich Deiner Familie, Deinem Stande, Deinen Verhältnissen zu entreißen, um Dich Leuten, wie seinen Eltern, zuzuführen und Dir ein sorgen- und arbeitsvolles Leben aufzubürden, für das alle Kräfte und Gewohnheiten Dir fehlen.«

Helene hätte Einwendungen machen, sich und Friedrich und ihre Hoffnungen vertheidigen mögen, aber der anerzogene Gehorsam schloß ihr den Mund. Sie warf sich ihr Schweigen als eine Feigheit, eine Schwäche vor, und doch fehlte ihr die Möglichkeit, der Mutter offen zu widersprechen.

Auf die Gewohnheit dieser ihrer Ueberordnung stützte die Baronin sich eben so sehr als auf ihr gutes Recht. Sie setzte der Tochter auseinander, wie ja Friedrich selbst ihr durch sein Fortbleiben aus dem Hause den Weg vorgezeichnet, den sie zu gehen hätte. Sie lobte ihn, daß er seinen Irrthum erkannt und zu sühnen gestrebt; sie forderte von der Tochter, daß sie seinem Beispiele folge, daß sie entsage, um dem Jünglinge die Freundschaft ihres Bruders, die Achtung ihres Vaters zu erhalten, die es ihm nicht vergeben würden, daß er auch nur einen Augenblick sich so weit vergessen können, unter dem Schutze des Gastrechts Helene in ein heimliches Liebesverhältniß verstricken zu wollen. Daneben sprach sie ihr von den Vorzügen des Grafen, der zum Gesandten in Neapel ernannt worden war, von ihrer Zukunft an seiner Seite. Mit lebhaften Farben schilderte sie ihr das Leben in der schönsten Natur Europas, inmitten einer Kunstwelt, die für Helenens Künstlerseele so reichen Genuß versprach. »Als Gräfin St. Brezan wirst Du in rascher Folge die bedeutendsten Männer unserer Zeit in Deinem Hause sehen,« sagte sie, »glaubst Du, daß vor solchen Eindrücken die Erinnerung an einen armen, jungen Theologen nicht entschwindet? Glaubst Du, daß eine Jugendliebe ein ganzes Leben ausfüllt, auch wenn sie Dich Dir selbst entfremdet, wie diese Neigung für den jungen Brand? Wird es Dich nie gereuen, Dein an ideale Genüsse gewöhntes Dasein gegen ein Leben voll Mühe und grober Arbeit einzutauschen? Glaubst Du, daß Dich die Liebe entschädigen könne für Alles was Du opferst?«

Helene antwortete nicht. Ihr Verstand begriff die Richtigkeit der Einwendungen, ihr Herz vermochte sie nicht anzuerkennen, auch drängte die Mutter sie nicht zur Entscheidung. Sie bot ihr Zeit an, sich zu fassen, nachzudenken, und übernahm es, den Vater über diesen Aufschub zu beruhigen, da der Graf selbst Helene ermahnt hatte, sich in Ruhe zu prüfen, ehe sie sich entschließe, dem älteren Manne ihre Hand zu reichen, und zärtlich die Tochter umarmend, verließ die Baronin das Gemach mit dem ausdrücklichen Befehle, dem Vater und dem Bruder die Herzensverirrung Helenens zu verbergen.

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