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Wandlungen. Erster Band

Fanny Lewald: Wandlungen. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorFanny Lewald
titleWandlungen. Erster Band
publisherVerlag von Friedrich Vieweg und Sohn
year1853
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171207
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Elftes Kapitel.

Während dies neue, stille Liebesleben das Dasein des Jünglings verschönte und Helene sich ohne vorwärts zu blicken in dem Zauber der Gegenwart wiegte, sah Friedrich sich zu einer erhöhten Thätigkeit gezwungen, da sein Vater schwer erkrankt war und jetzt die Sorge für den Unterhalt der Eltern ihm allein oblag. Aber die Jugend besitzt eine Schnellkraft, welche alle Anstrengungen späterer Jahre übertrifft. Obschon des Erwerbes wegen genöthigt, die Zahl der Unterrichtsstunden, welche er ertheilte, fast zu verdoppeln, setzte er die Vorbereitungen für sein Examen fort und arbeitete mit höchstem Eifer an der Lösung einer Preisaufgabe, die begonnen zu haben, er selbst dem Freunde verheimlichte.

Von Jugend auf gewöhnt, den Unterschied der Stände und der Lebensverhältnisse ehrend anzuerkennen, war er sich der Kluft bewußt, welche ihn von der Geliebten trennte, er sagte sich, daß es Thorheit sei an ihren Besitz zu denken, Thorheit ihr von einer hoffnungslosen Liebe zu sprechen, ein Unrecht sie in ein Verhältniß zu verlocken, das ihre Eltern niemals billigen, das selbst Erich, trotz seiner Treue für den Freund, zum Gegner haben würde, und doch blickte er strebend und hoffend in die Zukunft, doch trachtete er sich auszuzeichnen, seine Laufbahn so schnell als möglich zu vollenden, um Helenens willen.

Die Abende, welche er meist im Kreise ihrer Eltern zubrachte, waren sein Lohn für die Mühe des Tages und gewannen an Bedeutung und Anregung, seit Herr von Plessen ein Gast des Hauses geworden war. Ohne Vermögen, hatte seine Familie ihn für das Militair bestimmt, aber er hatte diesen Beruf verlassen und sich dem Studium der Theologie zugewendet, da seine schwache Gesundheit ihm zeitig den Glauben an einen frühen Tod, und damit die Neigung zu ernsten Betrachtungen über das Wesen und die Zukunft des Menschen gegeben hatte.

Es war noch im Laufe des Winters, als Friedrich ihn zum ersten Male sah, da er an einem Sonntage früher als gewöhnlich das Heidenbrucksche Haus besuchte. Er fand ihn mit Cornelie allein, in einem nachdenklichen Schweigen, das nur die Folge eines tiefgehenden Gespräches sein konnte. Als die Männer einander vorgestellt wurden, bot Plessen dem Ankommenden die Hand und sagte: »Mich dünkt, wir sind uns keine Fremden mehr, und wären wir es, so müßte der gemeinsame Beruf und das uns ebenso gemeinsame Streben nach Selbstveredlung uns doch bald verbinden!«

Es lagen ein milder Ernst und eine gewinnende Freundlichkeit in den Worten, die einen sehr angenehmen Eindruck auf Friedrich machten, und schon nach wenig Augenblicken fand er sich in eine Unterhaltung verwickelt, die ihn spannend fesselte.

»Ich habe einige Jahre von unserer Vaterstadt entfernt gelebt,« sagte Herr von Plessen, »und bin überrascht gewesen, unter unseren Mitbürgern bei meiner Rückkehr einen Luxus und eine Vergnügungssucht herrschend zu finden, welche ich in derselben sonst nicht beobachtet. Es ist jetzt hier, wie in so vielen großen Städten, man lebt in oberflächigen Genüssen das Dasein hin, als ob es allein darauf ankäme, sich am Tage zu übertäuben, um die Nacht ermüdet zu verschlafen. Jenes Ringen nach sittlicher Entwicklung, nach einem höheren, geistigen Ziele, von dem man im Vaterlande zu Anfang dieses und zu Ende des vorigen Jahrhunderts so tief erfüllt war, daß es sich noch heute in der Literatur jener Epoche deutlich ausspricht, davon ist keine Rede mehr. Der Sinn für ein höheres Leben ist in Deutschland fast nirgend mehr vorhanden.«

»Und ist er Ihnen im Auslande lebhafter erschienen?« fragte Friedrich.

»Ja! viel lebhafter. England ist entschieden idealistisch, d. h. religiös, man sorgt für seine Seele, man ist sich ihres Zusammenhanges mit ihrem Schöpfer stets bewußt, und läßt, wenn auch nicht in dem Grade wie in Amerika, sich die Sorge für das Seelenheil Aller ernstlich angelegen sein.«

»In Frankreich aber haben Sie es wohl um so schlimmer gefunden?«

»Keinesweges! Es ist doch wenigstens in der Politik dort ein geistiges Interesse vorhanden, in dem Widerstande, welchen man der immer wachsenden Reaction entgegensetzt. Die französische Revolution, so sehr ich ihr abgeneigt bin, hatte ihre unläugbar edlen Anfänge in dem Bestreben Einzelner, die Menschenrechte des Volkes gegen die entsittlichten Herrscher und einen entsittlichten Adel zu vertreten, und wenn der Ausgang dieses heiligen Beginnens auch ein nicht genug zu verdammender gewesen ist, so sind doch die Geister in Frankreich erweckt und erschüttert worden, und es lebt in einem Theile des Volkes ein Idealismus, der nach dem rechten Wege sucht und ihn auch finden wird.«

»Sie meinen die politische Freiheit?« fragte der Jüngling.

»Sie ist das Ziel, das man in Frankreich zunächst im Auge hat, aber ist dies errungen, so wird man, wenn ich mich nicht ganz in dem Charakter jenes Volkes täusche, sich von der freigewordenen Erde zum Himmel wenden, und aus der göttlichen Gnade die Kraft gewinnen, die irdischen Dinge durch Liebe und Frieden zur Heiligung zu bringen.«

»Und erwarten Sie diesen religiösen Aufschwung von den Protestanten oder von den Katholiken?« fragte Friedrich.

Plessen blickte ihn eine Weile prüfend an und entgegnete dann nach einem kurzen Nachdenken: »Ich weiß nicht, in wie fern ich damit gegen Ihre Ueberzeugungen verstoße, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich die religiöse Erhebung der Zukunft zunächst von dem Katholicismus erwarte,«

»Vom Katholicismus?« rief Cornelie betroffen, »und Sie sind ein strenger Protestant!«

Ohne darauf bestimmt zu antworten, sagte Plessen: »Der Protestantismus, aus dem unsere neue Philosophie hervorgegangen ist, hat gerade durch diese letztere die Menschen stumpf und einseitig gemacht, und da die Deutschen sich vorzugsweise der Philosophie ergeben haben, sieht es bei uns im Grunde am Schlimmsten mit dem geistigen Leben der Gebildeten aus. Wir raisonniren wo wir empfinden sollten, wir kritisiren wo wir glaubend verehren müßten, wir grübeln wo es nöthig wäre zu handeln. Jeder hält sich für berechtigt, bis an die äußersten Grenzen des Denkens vorzuschreiten und eben darum zu einer umfassenden Wirksamkeit berufen – und nur zu bald von der Unmöglichkeit derselben überzeugt, mag man sich nicht die eigene Unfähigkeit bekennen, sondern verzagt lieber an der Möglichkeit des Wirkens überhaupt, um sich einer trostlosen Abspannung oder einer thörichten Zerstreuungssucht zu überlassen, durch die aller Zusammenhang mit unserer wahren Heimath unterbrochen und endlich vernichtet wird.«

»Aber,« bemerkte Friedrich, »ich sehe nicht, daß es innerhalb des Katholicismus anders wäre!«

»Ich bin auch weit davon entfernt, den Katholicismus mit seinen schlimmen Auswüchsen zu vertreten,« erwiederte Plessen, »ich anerkenne in ihm nur viele Elemente der Heiligung, viele nützliche Institutionen und Schranken, deren der Mensch nicht wohl entrathen kann«

»Und welche sind das?« forschte Cornelie.

»Vor allen Dingen die tägliche Andacht und der Besuch der Kirche. Es ist unschätzbar, daß der Mensch in den geheiligten, edel schönen Räumen einer Kirche täglich, und wäre es auch nur für wenige Minuten, abgetrennt wird von dem zerstreuenden Tagewerk, von dem Drängen und Hasten des Alltagslebens, daß seine Seele durch äußere Nöthigung gewöhnt wird, ihrer selbst alltäglich zu gedenken und sich ihres erhabenen Ursprungs zu erinnern. Zweitens aber halte ich auch eine Autorität in Glaubenssachen für ein Glück, weil sie dem Menschengeiste und seinem fruchtlosen Forschen Schranken setzt.«

Friedrich, obschon selbst von Herzen gläubig, bestritt diese Ansicht. Er meinte, dem Gläubigen könne die Forschung nur Bestärkung seines Glaubens gewähren; jedoch Herr von Plessen ließ sich dadurch nicht irren, und so ernsthaft Jener auch das Recht der unbeschränkten Forschung zu vertreten wußte, blieb sein Gegner dabei, jedes Forschen fruchtlos und gefährlich zu nennen, das sich auf das eigentliche Wesen des Menschen richte, weil die Grenzen desselben, Anfang und Ende, eben undurchdringliche Geheimnisse bleiben würden, und man leicht auf Irrwege gerathe, wenn man sich von der einzig sicheren Straße des Glaubens und der Offenbarung entferne.

»Wir thun besser,« meinte er, »wenn wir unser Werden und Dasein als eine Gnade annehmen, unser Ende vertrauend in die Hand des Allgütigen legen, und uns innerhalb der gesteckten Schranken erziehen für ein höheres Schauen, das uns einst sicher vergönnt sein wird, wenn wir die Zeit unsers Erdenwallens benutzten, so weit es in unseren Kräften steht, der niederdrückenden Noth des äußeren Lebens zu wehren, damit geistige Erhebung und dadurch wahre Heiligung möglich werde für alle unsere Mitmenschen.«

Der Eintritt des Barons unterbrach die Unterredung und stets sein Ziel im Auge, wendete Herr von Plessen sie geschickt auf die Lage der ländlichen Tagelöhner, über die der Baron die beste Auskunft zu geben wußte, und die kennen zu lernen für die beiden jungen Theologen gleich bedeutend war.

Herr von Plessen hatte sich über diese Verhältnisse in England und Amerika genau zu unterrichten gestrebt, und bald hatte das Gespräch, nachdem der Doctor und Erich dazu gekommen waren, eine ganz praktische Richtung genommen, bei welcher der Doctor seine Erfahrungen unter den niederen Ständen, Erich seine kameralistischen Studien, die Baronin ihre Bemerkungen über das Familienleben der Gutsinsassen und die Zustände der dienenden Klasse gleichmäßig zu verwerthen und förderlich zu machen im Stande waren, während alle Anwesenden mit der Aufklärung neuen Anreiz zum Helfen und neuen Muth für günstige Erfolge gewinnen mußten.

Mochten nun dabei auch die Ansichten des Barons, der sich es nicht nehmen lassen wollte, das Gute, welches er zu fördern bereit war, als einen Act der freien Gnade anzusehen, weit abliegen von des Doctors Ueberzeugung, daß der Arme Hülfe zu fordern berechtigt, und daß sie zu gewähren nicht Gnade sondern Pflicht sei, so wußte Plessen durch geschickte Uebergänge ausgleichend und vermittelnd zu wirken; und als man sich spät am Abende trennte, schied Friedrich mit einem Gefühle der Theilnahme und Verehrung von dem neuen Bekannten, obschon Vieles in seinen Ansichten ihm fremd und und unannehmbar dünkte, und er sich zu seiner eigenen Verwunderung des Gedankens nicht enthalten konnte, daß es Noth sei, sich gegen dessen Einfluß zu verwahren.

Herr von Plessen mochte dreißig Jahre alt sein. Klein von Gestalt, mit unbedeutenden Gesichtszügen, forderte nur sein Auge Aufmerksamkeit durch den Blick, der die Menschen fest halten zu wollen schien mit seinem sanften Ausdruck. Eben so eigenthümlich war seine Stimme, die schwach und klanglos, sich durch eine gewisse Innigkeit Eingang in die Herzen zu bereiten wußte. Man konnte ihm begegnen ohne ihn zu beachten, aber einmal aufmerksam auf ihn geworden, gewöhnte man sich an ihn wie an ein mildes Licht, wie an eine weiche Luft, die uns gefangen nehmen, weil sie uns zum Bedürfniß werden.

Auch währte es nicht lange, bis er den Frauen des Hauses ein unentbehrlicher Berather wurde, denn es war mit ihm eine neue Richtung in ihre Bestrebungen gekommen, ein gewisser Ernst, der sich nach allen Seiten hin bemerklich machte. Was Mutter und Töchter bisher als Sache der bloßen Unterhaltung behandelt: Literatur, Musik und Malerei, wurden mit größerer Gründlichkeit betrieben, als Künste, deren Ausübung die Seele vor dem Versinken in das Alltägliche bewahrt; die Fürsorge für Nothleidende, der man sich im Herzensdrange unbefangen hingegeben, wurde zu einem wirklichen Geschäfte gemacht, und die ganze Geselligkeit nicht mehr als Mittel zur Zerstreuung, sondern mit dem Gedanken angesehen, daß durch dieselbe ein geistiger Fortschritt gefördert und Theilnahme an den Ueberzeugungen erregt werden müsse, von deren Wahrheit man sich mehr und mehr durchdrungen fühlte.

Cornelie fand auf diese Weise die Thätigkeit, nach der sie sich gesehnt hatte, und auch Helene gewann täglich neue Theilnahme für Plessen, seit er einst in ihrer Gegenwart mit Erhebung über den Beruf des Geistlichen auf dem Lande und über die Nothwendigkeit gesprochen hatte, daß ein solcher sich durch die Wahl einer gleichdenkenden und gleichgebildeten Gattin zum Vorbilde und zum Berather der Gemeinde mache in leiblichen und geistigen Dingen. Da er nun obenein die höchste Achtung vor dem Familienleben hegte, da er strenge Unterwerfung des Einzelnen unter die gemeinsamen Interessen als eines seiner Grundgesetze hinstellte, und allem Gewaltsamen sich entschieden abgeneigt erwies, so hatte er auch den Baron und Erich für sich gewonnen, die sich, Jeder auf seine Weise, die Theorien Plessen's nützlich glauben konnten. Nur der Doctor verhielt sich gleichgültig, ja fast nichtachtend gegen ihn, obschon er die durch jenen angeregten Veränderungen in dem Treiben der Frauen billigte, und als Friedrich ihn einst befragte, was er von Plessen denke, hatte er lächelnd erwiedert: »Wenn ich die Möglichkeit sehe, auf einem guten Boden ein solides Haus zu bauen, so kann es mir gleich gelten, wenn die Ziegel zu demselben von einem Menschen herbeigetragen werden, der auf schwachen Füssen steht. Der Bau kommt vorwärts, und fällt der Ziegelträger vom Gerüste, so mag er selbst zusehen, was aus ihm wird! Die Frauen, namentlich Cornelie, entwickeln sich durch Plessen. Was sie aus ihm, was er dabei selbst aus sich machen wird, das muß man abwarten.«

So war eine längere Zeit entschwunden, Friedrich hatte seine Preisarbeit eingereicht und der Tag der Entscheidung war gekommen. Die große akademische Aula war mehr als sonst bei ähnlichen Festen von einer zahlreichen Zuhörerschaft erfüllt. Im großen Halbkreise, dem hohen Katheder zunächst, von welchem herab der Professor der Beredsamkeit die Namen der Sieger verkünden sollte, saßen die würdigen Lehrer aller vier Facultäten, zugleich mit den höchsten Behörden der Provinz und der Stadt. Hinter ihnen, deren Sitze durch Schranken von dem übrigen Raume getrennt wurden, standen und saßen in buntem Gemische die Studenten, so wie eine Anzahl von Einwohnern, welche neben der Lust an all dergleichen Schaustellungen auch die Neugier oder die Theilnahme herbeigezogen hatte.

Unter den Studenten befand sich auch Friedrich. Unfern des Einganges, hinter eine der großen Säulen versteckt, die die Wölbung des Saales trugen, schien er geflissentlich die Nähe seiner Bekannten zu meiden, welche an dem entgegengesetzten Theile des Saales zusammengedrückt standen. Sein Herz klopfte hörbar, als jetzt der Prorector in feierlicher Amtstracht den Katheder bestieg, um zunächst in wohlgesetzter lateinischer Rede die Wichtigkeit und den Nutzen dieser von der Munificenz des Herrschers begründeten Preisbewerbungen darzustellen, und sodann den herkömmlichen Ausdruck tiefster Verehrung und Dankbarkeit für so große Wohlthat in Phrasen auszusprechen, welche freilich mehr an das kaiserliche als an das freie republikanische Rom erinnerten.

Allein Friedrich hörte nichts von all den superlativischen Erhabenheiten, in welchen der gelehrte Redner ebensowohl seine gediegene Kenntniß Ciceronischer Latinität, als seine unbegrenzte Ergebenheit und Liebe für das angestammte Fürstenhaus darzuthun strebte. Es brauste ihm vor den Ohren und flimmerte ihm vor den Augen, als jetzt der Sprechende, auf die Preisbewerbung dieses Jahres überlenkend, den Eifer lobte, mit welchem sich die »Commilitonen« an derselben betheiligt; und sein Herz bebte, als zum Beweise dieses Eifers die Anzahl der für jede Preisaufgabe eingereichten Bewerbungen aufgezählt wurde, – eine Anzahl, welche die früherer Jahre bei weitem übertraf. Für die Preisfrage, welche Friedrich zu beantworten versucht hatte, waren noch fünf andere Arbeiten eingereicht worden! Dem Jünglinge sank der Muth. Fühlte er sich gleich manchem Tüchtigen seiner Genossen nicht unebenbürtig, so gab es doch wieder Stunden, und die, welche er jetzt erlebte, war eine der härtesten, in denen er an seinem ganzen Wissen und Können nicht nur zweifelte, sondern auch verzweifelte. Jetzt erschien es ihm gewiß, daß alle seine Arbeit, daß die Anstrengungen und Nachtwachen eines Jahres vergeblich gewesen sein würden, und er segnete die Festigkeit, mit welcher er seinen Entschluß, sich an die Bearbeitung jener Preisaufgabe zu machen, allen seinen Freunden verheimlicht hatte. Schon stand er im Begriffe sich zu entfernen, bevor die verhängnißvolle Entscheidung ausgesprochen würde, um nicht in Gefahr zu kommen, sich unabsichtlich durch seine Bewegung zu verrathen. Da plötzlich trafen sein Ohr die Worte des Redners: »Von allen eingereichten Arbeiten sind indessen nur zwei, wenn auch im verschiedenen Grade, des Gegenstandes würdig befunden, aber durch einen höchst wunderbaren Zufall führen die versiegelten Zettel, welche die Namen der Verfasser enthalten, ein und dasselbe Motto!« Der Redner recitirte es. Es war ein Vers des Dichters Sophokles in der Ursprache, dessen Sinn lautete:

»Einfach ist von Natur der Wahrheit Spruch!«

Wie von einem elektrischen Schlage durchzuckt, fuhr Friedrich zusammen. Dies war sein Motto, das er aus seinem Lieblingsdichter gewählt hatte. Aber war er jetzt wirklich der Sieger? Um keinen Preis mochte er die so wunderbar verzögerte Entscheidung abwarten. Ein Tuch vor das Gesicht haltend, drängte er sich durch die ihn umgebende Menge der Thür zu, indeß noch hatte er sie nicht erreicht, als der Klang seines Namens aus dem Munde des Redners sein Ohr traf, der ihn unter den schmetternd einfallenden Fanfaren als den Sieger im Preiskampfe ausrief.

Er sah es nicht mehr, wie alle Blicke sich nach ihm wendeten, er achtete nicht auf den Zuruf seiner Bekannten, und hatte bereits schnellen Schrittes den Universitätshof durchmessen, ehe Erich durch die Menge den Weg zur Ausgangsthüre finden konnte. –

Freudeberauscht eilte er durch die Straßen, ohne sich zu fragen, wohin er gehe? Erst vor dem Hause des Barons stand er plötzlich still, als sei er betroffen, sich hier zu finden. Er wollte umwenden, aber er vermochte es nicht, er mußte Helene sehen.

Zum ersten Male fand er sie allein. Sie saß arbeitend an ihrer Staffelei, als er das Zimmer betrat, und ihr erster Blick verrieth ihr seine Erregung, theilte sie ihr mit.

»Was ist Ihnen begegnet? Was ist geschehen?« fragte sie.

Da brach es wie ein lang verborgenes Feuer in ihm hervor, und sich ihr mit beiden Armen um den Nacken werfend, rief er fast athemlos: »Ich liebe Dich so sehr!«

Helene war keines Wortes, keines Gedankens mächtig, sie hatte sich an seine Brust gelehnt und die Augen geschlossen. So hielten sie sich sprachlos umfangen, dann drückte er sie noch einmal fest an sein Herz und trat zurück, während Helene sich wie betäubt auf den Sessel an ihrer Staffelei niederließ und die Hand des Geliebten in der ihren hielt, als bedürfe sie dieser Stütze. In ihr Anschauen versunken stand der Jüngling neben ihr.

»Wann haben wir uns denn zuletzt gesehen?« fragte sie endlich, weil ihr neues Empfinden sie ihrer ganzen Vergangenheit entrückte.

Ohne ihre Frage zu beantworten, sagte Friedrich: »Sie sollten es nie erfahren, niemals – aber –« Er hielt inne, denn er hatte vorgehabt, ihr von seinem Siege zu erzählen, nun da er es aussprechen wollte, kam ihm das Errungene so nichtig vor gegen die Gunst ihrer Liebe, daß es ihn beschämte, und sich zu ihr niederbeugend sagte er mit bebender Stimme: »ich verdiene Sie nicht, ich bin so wenig!«

Seine Augen füllten sich mit Thränen, die Geliebte sah es und ihr Haupt an seinen Arm lehnend, hauchte sie leise: »mein Alles!« drückte seine Hände und verließ schnell, wie über sich selbst erschrocken, das Gemach.

Wonneschauernd in dem Bewußtsein von Helenens Liebe eilte der Glückliche in die Wohnung seiner Eltern, um ihnen Freude zu bringen, die sie sehr bedurften.

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