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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Friedrichsfelde I

Und nahe hör ich, wie ein rauschend Wehr,
Die Stadt, die völkerwimmelnde, ertosen.
»Braut von Messina«
Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Goethe

Wen ein Sommernachmittag ausnahmsweise vor die Tore der östlichen Stadtteile, beispielsweise nach Friedrichsfelde, führt, dem werden sich daselbst in Landschaft und Genre die gefälligsten und in ihrer heitern Anmut vielleicht auch unerwartetsten Bilder erschließen. Friedrichsfelde darf als das Charlottenburg des Ostends gelten, und allsonntäglich wandern Hunderte von Residenzlern hinaus, um sich »Unter den Eichen« daselbst zu divertieren. Es sind meist Vorstadt-Berliner, jener Schicht entsprossen, wo die Steifheit aufhört und der Zynismus noch nicht anfängt, ein leichtlebiges Völkchen, das alles gelten läßt, nur nicht die Spielverderberei, ein wenig eitel, ein wenig kokett, aber immer munter und harmlos. Wie das lacht und glücklich ist im Schweiße seines Angesichts! Jetzt »Bäumchen, Bäumchen, verwechselt euch«, jetzt Anschlag, jetzt Zeck, jetzt Ringelreihn und Gänsedieb, bis endlich unter den weitschattigen Parkbäumen sich alles lagert und auf umgestülpten Körben und Kobern die Mahlzeit nimmt.

Die Fahrt nach Friedrichsfelde, wenn man zu den »Westendern« zählt, erfordert freilich einen Entschluß. Es ist eine Reise, und durch die ganze Steinmasse des alten und neuen Berlins hin sich mutig durchzuschlagen, um dann schließlich in einem fuchsroten Omnibus mit Hauderer-Traditionen die Fahrt zu Ende zu führen, ist nicht jedermanns Sache. Wer es aber an einem grauen Tage wagen will, wo die Sonne nicht sticht und der Staub nicht wirbelt, der wird seine Mühe reichlich belohnt finden. Er wird auch überrascht sein durch das reiche Stück Geschichte, das ihm an diesem Ort entgegentritt.

Wir erzählen davon.

Friedrichsfelde bis 1700

Friedrichsfelde war bis zum Jahre 1700 gar kein Friedrichsfelde, sondern führte statt dessen den poetischen, an Idyll und Schäferspiele mahnenden Namen Rosenfelde. Und doch griff dieser Name bis auf Zeiten zurück (erstes Vorkommen 1288), wo hierlandes an alles andere eher gedacht wurde als an Schäferspiele. Kaum Schäfer mocht es damals geben.

1319, im letzten Regierungsjahre des Markgrafen Waldemar, wurden die Ratmannen von Berlin und Cölln die Herren des schon damals ansehnlichen Besitzes, und beinahe drei Jahrhunderte lang trug es die alte Patrizierfamilie der Rykes von den Ratmannen zu Lehn. 1590, so scheint es, wurde das Gut dann landesherrlich, wenigstens zu größrem Teile, bis es unter dem Großen Kurfürsten in den Besitz Joachim Ernst von Grumbkows Joachim Ernst von Grumbkow starb in der Nähe von Wesel (im Reisewagen), auf einer Reise des Hofes nach Kleve, am zweiten Weihnachtsfeiertage 1690. Der Hofpoet Besser sprach in seinem an die Witwe gerichteten Trauergedicht »von dem zwar nicht seligen, aber doch sanften Tod« des Hingeschiedenen. Grumbkow hatte nämlich am Abend vorher zuviel getrunken. Pöllnitz in seinen Memoiren sagt von ihm: »Er liebte die großen Unternehmungen und war kühn in ihrer Ausführung. Man würde seinen Charakter großartig haben nennen können, wenn ihm die Beförderung seiner Familie weniger am Herzen gelegen hätte, für die er große Schätze mit Leichtigkeit zusammenhäufte. Man fand ihn eines Tages tot in seinem Wagen, als er von einem Fest in der Nähe von Wesel zurückkehrte, wo der Wein nicht gespart worden war.« – Wohin man seine Leiche schaffte oder ob er in Wesel selbst beigesetzt wurde, hab ich nicht erfahren können. In dem intendierten Erbbegräbnis der Grumbkows zu Blankenfelde, anderthalb Meilen von Berlin, steht er nicht. In der Kirche letztgenannten Dorfes, die, wie eine lateinische Inschrift über der Kirchtür angibt, von von Grumbkow erbaut wurde, befindet sich eine schon bei Lebzeiten desselben ausgemauerte Gruft und ein großer Grabstein darüber. Die Inschrift dieses Grabsteines lautet: »Erbbegräbnis des wohlgebornen H. H. Joachim Ernsts von Grumbkow, Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg höchst ansehnlichen Wirklichen Geheimen Etats- und Kriegsrats, Oberhofmarschalls, General-Kriegscommissarii und Schloßhauptmann, Erbherr auf Grumbkow, Runow, Kunow, Darlin, Niederschönhausen, Blankenfelde und Karow.« Hiermit schließt die Inschrift. Der frei gelassene Raum zeigt daß die Daten von Geburt und Tod hier angegeben werden sollten. Dies geschah aber nicht, weil der Bewohner ausblieb. und 1695 in den Benjamin Raules kam.

Benjamin Raule – ein Holländer von Geburt, Generaldirektor des Seewesens, dessen Name in »Raules Hof«, wo sich die Admiralität damals befand, bis auf den heutigen Tag fortlebt – verblieb nur wenige Jahre im Besitz von Rosenfelde. So kurz diese Zeit war, so war sie doch ausreichend, um dem herrschaftlichen Gut im wesentlichen die Ausdehnung und Anlage zu geben, die dasselbe noch heute zeigt. Bis dahin hatte Rosenfelde ein Jagdschloß gehabt, wahrscheinlich aus der Joachimischen Zeit. Dies überließ Raule seinem Schicksale, baute statt dessen ein Lusthaus, einen Sommerpavillon, an derselben Stelle, wo jetzt das Schloß steht und ließ durch holländische Gartenkünstler den jetzigen Park In seinen Anfängen soll derselbe schon fünfzehn Jahre früher vorhanden gewesen sein. – 1672, was hier eine Stelle finden mag, gab es nur elf Parks in der Mark Brandenburg, die nach Beispiel und Vorbild des Großen Kurfürsten und vielleicht auch auf Wunsch desselben angelegt waren. Es waren die folgenden: 1. der Sparrsche zu Prenden, 2. der Dohnasche zu Schönhausen, 3. der Otto von Schwerinsche zu Altlandsberg, 4. der Löbensche zu Schenkendorf, 5. der Raban von Cansteinsche zu Lindenberg, 6. der B. von Pöllnitzsche zu Buch, 7. der Caspar von Blumenthalsche zu Stavenow (Prignitz), 8. der von Götzsche zu Rosenthal, 9. der von Börstelsche zu Hohenfinow, 10. der Heydekampfsche zu Rudow und 11. der Franz von Meinderssche zu Berlin, vor dem (damaligen) Stralauer Tore. anlegen. Raule war sehr reich. Er bewirtete verschiedentlich den Kurfürsten samt seinem ganzen Hof im Rosenfelder Lustschloß, und der Poet von Canitz konnte damals singen:

Der Kurfürst und was fürstlich heißt
Haben jüngst beim Raule gespeist
Mittags zu Rosenfelde.

Aber Glück und Ehre waren von kurzer Dauer. Raule, wie so viele Personen aus der Regierungszeit Friedrichs III., wurde der Unterschlagung bezichtigt und fiel in Ungnade, während man seinen Besitz konfiszierte.

Rosenfelde war nun landesherrlich. Zwei Jahre später (1700) wechselte es den Namen und wurde Friedrichsfelde.

Friedrichsfelde von 1700 bis 1731

Markgraf Albrecht

Friedrichsfelde war nun also landesherrlich und blieb es bis zum 25. November 1717, unter welchem Datum König Friedrich Wilhelm I. seinem Stiefonkel, dem Markgrafen Albrecht von Schwedt, das Schloßgut zum Geschenk machte.

Markgraf Albrecht, der damalige Herrenmeister des Johanniterordens, scheint aber schon vorher unter Gutheißung des Königs seinen gelegentlichen Sommeraufenthalt daselbst genommen zu haben; denn die Ordensbücher sprechen von einem Kapitel, das bereits am 10. September 1717 in Friedrichsfelde abgehalten wurde.

Der Markgraf ließ sich die Verschönerung seines Besitzes angelegen sein. Schon 1719 wurde durch Böhme ein neues Schloß anstelle des alten aufgeführt, dessen Grundmauern, trotz vielfacher sonstiger Veränderungen, seitdem dieselben geblieben sind. Er legte auch die sogenannte »Prinzenallee« an, die, von einer bestimmten Stelle der Friedrichsfelder Chaussee Diese »Prinzenallee« ist nicht mit der großen gradlinigen Allee zu verwechseln, die als Hauptverkehrsstraße von Berlin nach Friedrichsfelde führt. Diese letztere ist erheblich älter und soll als eine Pön, die dem Schlächtergewerk auferlegt wurde, von diesem gebaut und bepflanzt worden sein. Die Veranlassung ist nicht bekannt. Die Allee bestand ursprünglich aus sechs Reihen Lindenbäume. Bei Anlegung der Chaussee, vor etwa siebzig Jahren, wurde der Mittelweg verbreitert, und die betreffenden zwei Reihen Linden fielen und wurden durch Pappeln ersetzt. abzweigend, auf einem näheren Wege bis unmittelbar vor das Schloß führt.

Markgraf Albrecht scheint mit Vorliebe in Friedrichsfelde residiert zu haben; vielleicht auch war es sein einziger Besitz. Nur die Hoffeste und die Inspektionen riefen ihn ab. Die Kriegsepoche lag vor 1717. Während des Spanischen Erbfolgekrieges hatte er sich nicht nur ausgezeichnet, sondern auch dem Könige, seinem Neffen, ein neues Infanterieregiment errichtet, das – der Markgraf war damals schon Herrenmeister – auf seinen Fahnen und Trommeln das Johanniterkreuz trug. Ob dies Regiment Markgraf Albrecht diese Abzeichen beibehielt, als es später zu Soldin und Königsberg in der Neumark garnisonierte, hab ich nicht in Erfahrung bringen können.

Markgraf Albrecht starb am 21. Juni 1731 zu Friedrichsfelde. Er war seines edlen Charakters halber in der Hauptstadt sehr geliebt, und so weckte sein Hinscheiden allgemeine Teilnahme. Am 25. Juni erschien der ganze Hof im Trauerhause, von dem aus tags darauf die markgräfliche Leiche durch sechzig Mann vom Regiment Gensdarmes nach Berlin übergeführt wurde. Da die Vermögensverhältnisse des Verstorbenen nicht glänzend waren und der König sich weigerte, die Kosten zu einem standesgemäßen Leichenbegängnisse herzugeben, so wurde der Sarg in dem alten, 1749 abgebrochenen Dom ohne jedes Gepränge still beigesetzt.

In Beckmanns Geschichte des Johanniterordens, Frankfurt a. O. 1726, findet sich als Titelkupfer ein Bild des Markgrafen. Es macht einen guten Eindruck. Er sieht stattlich, wohlwollend aus, aber nicht klug; ein des Geistigen entkleidetes Großes-Kurfürsten-Gesicht. (Der Große Kurfürst war sein Vater.)

Friedrichsfelde von 1731 bis 1762

Markgraf Karl

Markgraf Albrecht hinterließ drei Söhne, von denen der älteste, Markgraf Karl, sukzedierte. Er erbte Friedrichsfelde, erhielt das Regiment des Vaters, nunmehr Regiment Markgraf Karl, und wurde seitens des Johanniterordens zum Herrenmeister erwählt. Die beiden jüngeren Brüder fielen in den Kämpfen der Schlesischen Kriege, der eine 1741 bei Mollwitz, der andere 1744 vor Prag.

Markgraf Karl lebte viel in Friedrichsfelde und begann, das 1719 durch Böhme aufgeführte Schloß, namentlich in seinem Innern, auszubauen und zu schmücken. Dies geschah zumeist 1735. Die Stuckarbeiten in den Zimmern des ersten Stocks datieren aus dieser Zeit; sie sind, insonderheit die Wandreliefs und Friese, von bemerkenswerter Schönheit und zeigen, wie glänzend die Schule war, die Schlüter herangebildet hatte. Auch mit Bildern begannen die Räume sich zu füllen und wurden mehr und mehr zu einer berühmten Kollektion. Diese führte den Namen: Galerie des Markgrafen Karl. Er sammelte mit Neigung und Verständnis, aber ebensosehr aus gutem Herzen. Daher war nicht alles ersten Ranges.

Einen Teil seiner Bilder mocht er nicht in Friedrichsfelde, sondern im Johanniterordenspalais haben, das, in den letzten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms I., nur aus Rücksicht gegen diesen und gewiß ganz gegen die Wünsche des Ordens, am Wilhelmsplatz errichtet worden war. Es war, wie so viele Bauten damals, ein völliger Zwangsbau. Der Generalmajor von Truchseß hatte die Herstellung eines ansehnlichen Hauses begonnen, an dessen Vollendung ihn der Tod hinderte. Da befahl der König dem Herrenmeister, Markgraf Karl, die Fertigstellung des Baus aus Ordensmitteln zu übernehmen. Dies geschah denn auch. König Friedrich Wilhelm I. war eben nicht gewohnt, auf Widerspruch zu stoßen.

In diesem Palais, das Markgraf Karl zeitweilig bewohnte, befand sich, wie schon angedeutet, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Teil seiner Galerie, vielleicht sogar der größere Teil. Nach seinem Tode wurde die Sammlung versteigert und die Bilder zerstreuten sich überallhin. Einige, die sich auf den alten Zieten beziehen, sah ich in Wustrau. In Friedrichsfelde finden sich noch einige Rudera vor, die beim Verkauf lediglich aus Indifferenz oder Bequemlichkeit zurückgelassen wurden, vielleicht erstand sie auch Prinz Ferdinand, der nach dem Markgrafen Karl in Friedrichsfelde einzog. Es sind: zwei alte Köpfe, höchst vorzüglich, im Stil von Gerard Dou; außerdem ein anderer Niederländer: Christus als Knabe predigt im Tempel.

Markgraf Karl starb am 22. Juni 1762 zu Breslau. Er war, wie sein Vater, Markgraf Albrecht teils um seiner Herzensgüte, teils um der Pflege willen, die er der heimischen Kunst bezeigt, eine in Berlin sehr beliebte Persönlichkeit gewesen. Für viele war sein Hinscheiden ein herber Verlust. Er hinterließ keine männliche Deszendenz.

Friedrichsfelde fiel an seine Tochter, die Herzogin von Anhalt-Bernburg, deren Bevollmächtigter schon im November desselben Jahres Schloß, Park und Pertinenzien an den Prinzen Ferdinand von Preußen verkaufte.

Friedrichsfelde von 1762 bis 1785

Prinz Ferdinand

Prinz Ferdinand, der jüngste Bruder des großen Königs, hatte von 1744 an in Ruppin residiert, wo das Regiment, das seinen Namen führte, in Garnison lag; von 1756 bis 1763 war er mit den andern Prinzen im Kriegslager gewesen. Der Hubertusburger Friede und der Erwerb von Friedrichsfelde fielen fast zusammen, und mit einer Art von Ausschließlichkeit gehörte der Prinz von 1763 bis 1785 diesem anmutigen Lustschloß an, das nun schon zweien Herrenmeistern des Johanniterordens als Residenz gedient hatte. Er war der dritte. Von 1785 an wurde Schloß Bellevue (im Berliner Tiergarten) der Aufenthalt des Prinzen, bis 1802, nach dem Tode seines Bruders, des Prinzen Heinrich, Rheinsberg an die Stelle von Bellevue trat.

Wir haben also, von dem siebenjährigen Kriegsinterregnum abgesehen, vier Epochen im Leben des Prinzen Ferdinand zu unterscheiden: Ruppin, Friedrichsfelde, Bellevue, Rheinsberg, von denen die Friedrichsfelder Epoche die wichtigste und die längste ist. Sie umfaßt zweiundzwanzig Jahre und zeigt, nach dem bescheidenen Maße von Geist und Gaben, das speziell diesem Prinzen zuteil geworden war, wenigstens Leben und Farbenfrische, wenn auch nichts von Eigenart.

An dieser gebrach es durchaus. Man darf sagen, daß er in allem seinen Bruder Heinrich kopierte; der Friedrichsfelder Hof war Seitenstück und Nachahmung des Rheinsberger. Zunächst wurde die Hofhaltung im weitesten Sinne ganz nach dem dortigen Muster eingerichtet. Kavalierhäuser, Stall- und Wachtgebäude, Tempel und Grotten wurden aufgeführt, alles wie in Rheinsberg. Wie Prinz Heinrich einige vierzig Kammerhusaren hielt, die die Rheinsberger Garnison bildeten und den Wachtdienst im Schlosse hatten, so hatte Prinz Ferdinand eine Art Invalidenkolonie in Friedrichsfelde, die ihren Zuzug aus seinem Ruppiner Regiment empfing. Diese alten Soldaten bestellten ihr Stück Garten- und Ackerland, und nur immer einige wenige von ihnen mußten abwechselnd auf Wache ziehn. Kam dann aber hoher Besuch, Prinz Heinrich oder gar der König selbst, so mußten sie sämtlich aufmarschieren, um die militärischen Verhältnisse von Friedrichsfelde in möglichst günstigem Licht erscheinen zu lassen. Das Wachtlokal ist noch da und erinnert mit seinen Holzsäulchen, die das obere Stockwerk tragen, an die früheren Wachthäuser am Halleschen Tor.

Natürlich war auch das Friedrichsfelder Leben dem Rheinsberger verwandt, nur blasser, insipider. Wir müssen hinzusetzen, zu seinem Glück. Es hatte wohl auch seine »Chronique«, seine Flüsterungen, seine Geheimnisse, aber es fehlte doch der eigentümliche Parfum, der in dem stillen, abgelegenen Schloß am Grineritz-See alle Dinge durchdrang. In Friedrichsfelde gab es Frauen, das sagt alles. Ihre Gegenwart bedingte nicht immer Tugend, aber doch wenigstens Natur. Und davon hatte der Friedrichsfelder Hof sein volles Maß. Die durchlauchtigste Dame, die demselben vorstand, war eine Prinzessin von Schwedt, gehörte mithin einem Frauenzirkel an, von dem man sagen konnte, daß er der Natur noch um einen Schritt näher stand, als Frauen ihr gewöhnlich zu stehen pflegen. Ihren Bildern und Büsten in alten Galerien (am besten in der Schwedter selbst) zu begegnen ist eine wahre Herzensfreude. Welche Fülle von Leben, welche Gesundheit in Formen und Farben! Ihre Ehen waren nicht immer normal, nicht immer das, was Ehen sein sollen, aber es waren gute Frauen, und – die Männer waren glücklich.

Überraschend zu sagen, die Hauptfestlichkeiten in Friedrichsfelde waren Taufen! Namentlich um jene Zeit herum, wo die gesamte hohenzollernsche Deszendenz auf zwei Augen stand. Am 11. November 1771 wurd im Friedrichsfelder Schloß ein Prinz geboren, bei der damaligen Sachlage durchaus ein »Ereignis«. Der Prinz erhielt die Namen Friedrich Christian Heinrich Ludwig. Der König, die Königin, Prinz Heinrich wohnten der Tauffeierlichkeit bei; von auswärtigen Mitgliedern der Familie war die verwitwete Königin von Schweden, Luise Ulrike, geladen. Im Kirchenbuche finden sich von der Hand des Pastors Lindenberg Dieser Pastor Lindenberg starb 1774 an den Folgen eines Schrecks, den ihm eine Spukerscheinung verursacht hatte. Als er nämlich, kurz vor seinem Tode, von einem Besuch im Schloß in seine Pfarre zurück wollte, sah er eine weibliche Gestalt, die vor ihm herging und auf sein Anrufen keine Antwort gab. Als sie bis dicht vor der Kirche waren, wies sie mit der Hand auf eine Stelle neben einem Eckpfeiler und verschwand dann. Der Pastor kam in äußerster Erregung in seiner Wohnung an, erzählte, was er gesehen, und starb den dritten Tag danach. Er wurde neben dem Eckpfeiler an ebender Stelle begraben, auf die die Gestalt gezeigt hatte. , der die Taufe vollzog, folgende Bemerkungen eingetragen:

»Diese glückliche Entbindung war um so viel freudiger, weil der teuerste Vater seit einigen Wochen an einer sehr gefährlichen Krankheit darniederlag, so daß man verschiedene Tage sein Ableben befürchtete; Umstände, welche bei der nahen Entbindung die geliebte Gemahlin äußerst geängstigt und elend gemacht hatten, so daß man wegen ihres Lebens besorget war.... Es war auch, bei der äußersten Gefahr des Prinzen, von seiner fürstlichen Gemahlin, und zwar vor ihrer Entbindung, dem Prediger aufgetragen worden, eine Betstunde in dero Zimmer zu halten, welches denn auch in aller Stille, in Gegenwart der Prinzessin, der Prinzessin Philippine und zween Dames geschah. Es war rührend, dabei so viel Andacht und Wehmut an so hohen Personen wahrzunehmen.«

Über die anderweiten Aufzeichnungen des Kirchenbuches gehen wir schneller hinfort, trotzdem dieselben an zwei Namen anknüpfen, die es in der Geschichte Preußens, in Glück und Unglück, zu hohem Ansehen gebracht haben. Am 18. November 1772 wurde Prinz Louis Ferdinand, der »Saalfelder«, am 19. September 1779 Prinz August, der Reorganisator der preußischen Artillerie, geboren.

Sechs Jahre später verließ der Ferdinandsche Hof Friedrichsfelde. Es scheint nicht, daß er, trotz langen Aufenthalts daselbst, in der Einrichtung des Schlosses Erhebliches zu ändern vorfand. Am 21. Juni 1785 wurden Schloß und Park an den Herzog von Kurland verkauft.

Friedrichsfelde von 1785 bis 1799

Herzogin Dorothea von Kurland

Am 21. Juni 1785 wurden Schloß und Park von Friedrichsfelde für den Herzog von Kurland gekauft; er selbst befand sich um diese Zeit noch in Italien, wohin er das Jahr zuvor eine Reise angetreten hatte. Im Herbst 1785 aber traf er in Begleitung seiner Gemahlin, der vielgefeierten Herzogin Dorothea, gebornen Reichsgräfin von Medem, wieder in Berlin ein und bezog auch Friedrichsfelde. Daran reihte sich 1786 ein zweiter, 1791 und 1793 ein dritter und vierter Aufenthalt, von denen jedoch nur der letztere durch eine längere Zeit hin dauerte. Fast ein Jahr. Die anderen Anwesenheiten waren bloße Besuche und zählten nur nach Wochen.

Wir betonen dies, weil man mannigfach der Ansicht begegnet, Friedrichsfelde sei während seiner »kurländischen Epoche« abermals eine Stätte der Kunst, ein Sammelplatz schöngeistigen Lebens geworden, etwa wie zur Zeit des Markgrafen Karl. Um das zu werden, dazu fehlte jedoch 1785, 86 und 91 die Zeit und von 1793 bis 1794 die Stimmung.

Ein Blick in die damals geschriebenen Tagebücher und Briefe zeigt uns in der Tat genugsam, daß es sich all die Zeit über um high-life und politisch-diplomatische Aktionen und jedenfalls viel viel weniger um Kunst und Wissenschaft gehandelt hat. Nicht als ob der Sinn dafür gefehlt hätte. Im Gegenteil. Aber die Zeiten waren durchaus nicht dazu angetan, sich einer mußevollen Kunstbetrachtung hinzugeben. Man suchte dem heimischen Wirrsal zu entfliehen und entfloh ihm zuletzt wirklich, aber dies Wirrsal drängte nach und gestattete keine reine Freude, keinen ungestörten Genuß. Überallhin warf es seine Schatten. Einige Stellen aus dem Tiedgeschen Buche »Dorothea, letzte Herzogin von Kurland«, dem selbst wieder jene vorerwähnten Tagebücher und Briefe zugrunde liegen, werden am besten die Beweisführung übernehmen. Wir lassen die Stellen in chronologischer Ordnung folgen.

»1785. Es waren des großen Friedrich letzte Tage. Die sanfte fürstliche Frau hatte den Beifall des Königs gewonnen; er sandte ihr wiederholentlich niedliche Körbchen, mit den feinsten und seltensten Früchten gefüllt, mit den erlesensten Blumen geschmückt und jedesmal von einigen freundlichen Zeilen begleitet. Bei Gelegenheit der ersten dieser Sendungen beklagt er sich, daß seine Krankheit ihn des Vergnügens beraube, sie selbst zu bewirten; er müsse es seinem Neffen überlassen, ihren und ihres Gemahls Aufenthalt in Potsdam und Berlin so angenehm als möglich zu machen... Im Herbst fanden Truppenversammlungen statt, Paraden und kriegerische Übungen zu Ehren des Fürstenpaares... Auch von den übrigen Höfen der königlichen Familie (Prinz Heinrich, Prinz Ferdinand) wurde dem Herzog und seiner Gemahlin ein Empfang zuteil, der sich zu einer herzlichen Verbindung entwickelte. Mit der Prinzessin Luise, der Tochter des Prinzen Ferdinand, knüpfte die Herzogin eine Freundschaft an, die sich in einem ununterbrochenen Briefwechsel durch das ganze Leben fortsetzte.

1786. Im Herbste, nach beinah halbjähriger Abwesenheit, trafen der Herzog und seine Gemahlin wieder in Friedrichsfelde ein. Der große König war inzwischen gestorben. Friedrich Wilhelm II. erwies dem herzoglichen Paare eine besondere Auszeichnung, so daß allgemein die Sage ging, es seien bereits Verabredungen für die künftige Vermählung der Töchter des Herzogs mit den Prinzen des königlichen Hauses getroffen. Diese Tage waren kurz, schon im Dezember trat die Herzogin ihre Rückreise nach Kurland an.

1791. Während ihres Aufenthaltes in Warschau (wohin sie sich im April begeben) erhielt sie von der preußischen Prinzessin Friederike eine schmeichelhafte Einladung zur Vermählung ebendieser Prinzessin mit dem Herzoge von York wie auch zu der ihrer Schwester mit dem ältesten Prinzen des Erbstatthalters in Holland, welche beide Vermählungen im September gleichzeitig in Berlin vollzogen werden sollten. Sie nahm die Einladung an... Der Empfang von seiten der königlichen Familie war ein auszeichnender... Bei der Anordnung der Vermählungsfeierlichkeiten befahl der König, daß der Herzogin ihr Platz an der Tafel der königlichen Familie angewiesen werden solle. Der Oberkammerherr remonstrierte, die ›Hausgesetze würden es nicht zulassen, die Herzogin von Kurland bei einer so feierlichen Gelegenheit an die königliche Familientafel zu ziehen und an dem Fackeltanze teilnehmen zu lassen‹. Friedrich Wilhelm antwortete: ›Lassen wir es bei der ersten Anordnung; ich hoffe es beim Könige und bei den Hausgesetzen verantworten zu können.‹... Bei Gelegenheit dieser Feierlichkeiten gab auch die Erbstatthalterin ihrem lebhaften Wunsche Ausdruck, ihren zweiten Prinzen mit der ältesten Tochter der Herzogin, der Prinzessin Wilhelmine, die damals zehn Jahre alt war, dereinst vermählt zu sehen. Der König unterstützte diesen Wunsch und bot sogar seine Verwendung an, um, wenn der Herzog ohne männliche Nachkommen sterben sollte, die Erbfolge in Kurland und Semgallen für den künftigen Gemahl der Prinzessin zu vermitteln... Dieser Plan wurde geraume Zeit hindurch festgehalten... Vierzehn Tage nach Vollziehung der vorerwähnten Vermählungsfeierlichkeiten verließ die Herzogin Berlin (es ist fraglich, ob sie während dieser Besuchstage überhaupt in Friedrichsfelde war) und kehrte über Warschau nach Kurland zurück.

1793. Im April dieses Jahres trat die Herzogin ihre Reise nach Berlin an; die Dinge in Kurland hatten bereits einen solchen Charakter angenommen, daß es gut war, einen Zufluchtsort zu haben.... In stiller Zurückgezogenheit lebte sie in Friedrichsfelde, wo sie den 21. August 1793 ihren Gemahl mit einer Tochter beschenkte, die den Namen Dorothea erhielt.... Diese zu Friedrichsfelde geborene Tochter Dorothea war die nachmalige Herzogin von Sagan, vermählt mit Edmund Talleyrand von Périgord, Herzog von Talleyrand und von Dino, durch welche Vermählung sie die Nichte des berühmten Talleyrand wurde. Sie starb am 19. September 1862.

In Kurland rückte inzwischen das Ende der herzoglichen Herrschaft immer näher.

Die Herzogin verblieb in Berlin und Friedrichsfelde bis in das nächste Jahr hinein; dann ging sie nach Leipzig, wo sie sich noch stiller einrichtete als in Berlin, 1795 nach Sagan, an welchem Orte sie mit ihrem Gemahl zusammentraf... Kurland war inzwischen eine russische Provinz geworden; der Herzog hatte resigniert.«

So etwa die Aufzeichnungen, die wir, wie vorerwähnt, zu größerem Teile dem Tiedgeschen Buche, zu kleinerem Teile dem Werke Cruses, »Kurland unter den Herzögen«, entnommen haben. Nirgends ist davon die Rede, daß in Friedrichsfelde ein besonderes Kunstleben sich aufgetan hätte, ein Schweigen, das um so bemerkenswerter ist, als der alte Tiedge gerade diese Seite in dem Leben der Herzogin mit besonderer Vorliebe hervorhebt und jedesmal genau verzeichnet, wenn in Königsberg mit Kant, Hamann, Hippel, in Neapel mit Hackert, in Herrenhut mit dem alten Spangenberg etc. ein lebhafterer Verkehr angeknüpft wurde. Man darf füglich daraus den Schluß ziehen, daß das Friedrichsfelder Leben, während seiner kurländischen Zeit, wenig Hervorragendes auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft geboten haben muß und daß es sich, wie wir eingangs bereits andeuteten, bei den verschiedenen Anwesenheiten in Berlin-Friedrichsfelde sehr wahrscheinlich immer nur um Prinzen und Prinzessinnen, um »Gesellschaft« und Politik, um Eheschließungen und Güterkäufe handelte. Gewiß ging ein Verkehr mit den literarischen Größen jener Zeit (Nicolai, Ramler, Engel, Mendelssohn werden eigens genannt) nebenher, aber doch eben nur nebenher. Unter diesen Besuchern werden natürlich auch Maler gewesen sein, und das eine oder andere Bild, ganz abgesehen von den Kunstschätzen, die man aus Italien mitbrachte, wird damals seine Stätte in Friedrichsfelde gefunden haben. Eins, aus jener Zeit her, ist dem Schlosse verblieben, ein Aquarellbild »Vue de Friedrichsfelde« mit den Widmungsworten: »Dédié à Son Altesse, sérénissime madame la duchesse de Curlande et de Semigalles«. Das Bild ist aus dem Jahre 1787 (Schwarz fecit) und zeigt das Schloß in seiner damaligen, von der gegenwärtigen nur wenig verschiedenen Gestalt. Geistig hoch beanlagt, konnte namentlich die Herzogin auf einen Umgang, der ihrer ästhetischen Natur Bedürfnis war, nie ganz verzichten, aber es scheint nach den Zitaten, die wir gegeben, festzustehen, daß der ohnehin immer nur nach Monaten zählende Friedrichsfelder Aufenthalt von dieser Seite her nicht seinen Charakter und seine Signatur empfing.

Friedrichsfelde von 1800 bis 1810

Prinzessin von Holstein-Beck

1799 kam Friedrichsfelde an den Geheimen Oberhofbuchdrucker Georg Jakob Decker, der es aber schon vor Ablauf eines Jahres, am 29. März 1800, an die Herzogin Katharina von Holstein-Beck wieder verkaufte. Diese bewohnte es bis zu ihrem Tode, der am 20. Dezember 1811 erfolgte.

Prinzessin Katharina von Holstein-Beck ward am 23. Februar 1750 geboren. Ihre Mutter war eine Gräfin oder Fürstin Golowin, ihr Vater aber Peter August Herzog von Holstein-Beck, russischer Generalfeldmarschall und Gouverneur von Estland. Prinzessin Katharina vermählte sich am 8. Januar 1767 zu Reval mit dem Fürsten Iwan Barjatinskij, der damals russischer Oberst war. Ihre Ehe wurde geschieden, oder man lebte wenigstens getrennt. Die Kinder verblieben in Rußland, indessen begegnen wir 1802 einem Fürsten Iwan von Barjatinskij als Taufzeugen in Friedrichsfelde. Es scheint also, daß der älteste Sohn zur Mutter stand. Diese war fünfzig Jahr, eine kluge, heitere, noch hübsche Frau, als sie in Schloß Friedrichsfelde einzog. Es lebten bis vor kurzem noch Personen, die sie gekannt hatten. Den Mitteilungen dieser verdanke ich das Nachstehende.

Die Prinzessin von Holstein-Beck kam 1800 oder vielleicht auch erst 1801 zu uns. Was zu einer Trennung vom Fürsten Barjatinskij geführt hatte, war nie in Erfahrung zu bringen. Sie war aber voll so tiefer Abneigung gegen ihn, daß sie seinen Namen nicht tragen wollte und in Preußen, unter Gutheißung des Königs, ihren Geburtsnamen Holstein-Beck wieder angenommen hatte.

Sie lebte ganz auf großem Fuß und unterhielt intime Beziehungen zum preußischen Hofe, besonders nachdem dieser 1809 von Königsberg und Memel wieder in Berlin eingetroffen war. Leicht erklärlich. Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise waren in Petersburg gewesen und hatten angenehme Bilder und Eindrücke von dorther heimgebracht; Kaiser Alexander stand den Herzen beider nahe, Freundschaftsgelübde waren geleistet worden; alles Heil konnte, der allgemeinen Annahme nach, nur von Rußland kommen. Unter diesen Verhältnissen mochten die Beziehungen zur Prinzessin einen doppelten Wert haben; vielleicht daß sie ein Glied in der Kette damaliger politischer Verbindungen war.

Gleichviel, der Hof war mannigfach bei der Prinzessin in Friedrichsfelde zu Besuch, auch schon in der voraufgegangenen Epoche von 1801 bis 1806. Königin Luise erschien dann mit Pagen und Hofdamen, der Militäradel schloß sich an, und über hundert Equipagen hielten in langer Reihe vor dem Schlosse. Mit Fackeln ging es spätabends wieder heim.

Sie selbst (die Prinzessin), wenn sie nach Berlin fuhr, fuhr immer mit sechsen; da sie aber keinen Marstall unterhielt, so wurden drei Paar der besten Bauerpferde genommen, und die Bauern selbst ritten das Leinepferd. Später, aus gleich zu erzählenden Gründen, wurde das anders. Ihr Vertrauter nämlich, ein Franzose niederen Standes, dessen Erhebung zum »Chevalier« sie durchzusetzen gewußt hatte, machte Unterschleife, floh und wurde verfolgt. Man wurde seiner habhaft, bracht ihn vor die Gerichte, und eine strenge Strafe war bereits verhängt, als ein Fußfall der Prinzessin, deren alte Neigung wieder wach geworden war, intervenierte. Die Strafe wurde nun niedergeschlagen, und der »Chevalier«, als wäre nichts vorgefallen, zog wieder in allen Ehren in Friedrichsfelde ein. Aber eine Sühne blieb doch zu leisten: die Prinzessin mußte versprechen, von nun ab, statt mit sechsen, nur noch mit vieren zu fahren. Das geschah denn auch, und alle Teile hatten ihren Frieden.

Das Leben in Friedrichsfelde war um diese Zeit das heiterste. Eine ernstere Pflege der Kunst fiel niemandem ein, aber man divertierte sich sooft und soviel wie möglich. Es gab Schau- und Schäferspiele, teils in geschlossenen Räumen, teils im Freien. Das »Theater im Grünen«, ähnlich dem Rheinsberger, ist noch deutlich zu erkennen, trotzdem das Strauchwerk jener Jahre mittlerweile zu stattlichen Weißbuchen aufgewachsen ist. Das Ganze eine wieder frei gewordene, aus Zwang und Fesseln erlöste Natur!

Die Dorfbevölkerung nahm teils zuschauend, teils aktiv an diesen Szenen teil, was auf den ersten Blick viel Anheimelndes und Bestechendes hatte. Sehr bald indessen stellte sich's heraus, daß Arbeitslust und Sitte zurückgingen und daß dem Dorfe kein Segen daraus erwuchs, als Landschaft und Staffage für das Vergnügen vornehmer Leute gedient zu haben.

Harmloser war der alljährlich wiederkehrende » Erntekranz«. Dann wurd ein Jahrmarkt abgehalten, unter den Bäumen des Parks gegessen und getanzt, und an den Buden, natürlich ohne Einsatz, gewürfelt und gewonnen.

Ein kleines, sehr hübsches Mädchen aus dem Dorfe war das Patchen und der Liebling der Prinzessin, die Puppe, mit der sie spielte. War die Prinzessin bei Tafel allein, so wurd an einem kleinen Tische daneben für das Kind gedeckt, und kam Besuch, so war »Patchen« – wie der Kakadu oder der Bologneser – der immer beachtete Gegenstand, an den sich alle Zärtlichkeiten der Gäste richteten.

Die Prinzessin galt für sehr reich; es hieß, daß sie täglich 1500 Taler verausgabe. War dem wirklich so, so war es Barjatinskijsches Vermögen. Außer Friedrichsfelde besaß sie, in Berlin selbst, ein Haus am Pariser Platz, das jetzige französische Gesandtschaftshotel.

Sie starb, wie schon eingangs hervorgehoben, im Winter 1811 auf 12, und ihre Leiche sollte nach Rußland, entweder auf die Barjatinskijschen oder die Holstein-Beckschen Güter geschafft werden. Die Friedrichsfelder waren zum Transport um so lieber bereit, als ihnen für die Fahrt bis Memel (dort wartete russisches Fuhrwerk) 400 Taler geboten wurden. Es zerschlug sich aber wieder und kam statt dessen zu einem Pakt mit jener moskau-astrachanischen Karawane, die damals alljährlich, in den ersten Wintermonaten, Kaviar nach Berlin zu bringen pflegte. Dies waren in der Regel fünfzig Schlitten, jeder mit einem Pferd und am Hals jedes Pferdes ein Glöckchen. Auf den vordersten dieser Schlitten wurde, bei der Rückfahrt, der Sarg gestellt, und die lange Karawane hinter sich, ging es nun im Schritt bis an die russische Grenze – die Winterstille nur durch den Ton der Glöckchen unterbrochen.

Friedrichsfelde von 1812 bis 1816

König Friedrich August von Sachsen

Nach dem Tode der Prinzessin von Holstein-Beck wurde Friedrichsfelde durch einen Bevollmächtigten der Barjatinskijschen Familie verwaltet. In diese Administrationszeit fällt der Aufenthalt beziehungsweise die Staatsgefangenschaft des Königs von Sachsen an dieser Stelle.

Wir finden darüber folgendes:

Der König von Sachsen, nach der Einnahme Leipzigs durch die Verbündeten, war deren Gefangener. Am 23. Oktober 1813 erfolgte seine Abreise nach Berlin; am 26., morgens vier Uhr, traf er in der preußischen Hauptstadt ein und wurde daselbst mit »vielen Ehren« (so sagt das Tagebuch eines sächsischen Kavaliers) empfangen. Von Leipzig aus hatten 100 Kosaken mit drei Offizieren den Wagen des Königs umgeben. Außerdem begleiteten ihn Fürst Galizin und Baron Anstetten.

Der König bezog Wohnung im Berliner Schloß und verblieb daselbst bis zum Sommer 1814. Um diese Zeit aber wurd ihm die preußische Hauptstadt unbequem, denn das »Berliner Volk« zeigte sich wenig respektvoll; die Tage von Großbeeren und Dennewitz stimmten es zum Groll und die altfränkische Art des sächsischen Hofes zum Spott. Beidem wollte der König entgehn. Er suchte daher nach, das dem russischen Fürsten Barjatinskij zugehörige Schloß Friedrichsfelde, selbstverständlich gegen eine Miets- oder Entschädigungssumme, beziehen zu dürfen.

Dies wurde gewährt.

Am 26. Juli 1814 erfolgte der Umzug, wobei ein Unteroffizier und zehn Mann preußischer Garde als Ehrenwache dienten. Diese blieben in Friedrichsfelde und wurden aus der sächsischen Hofküche beköstigt. Bis zum 24. März 1814 hatten Berliner Bürgergardisten die Wache beim Könige gehabt.

In den »Denkwürdigkeiten aus dem kriegerischen und politischen Leben eines alten Offiziers« wird erzählt, der König Friedrich August habe von Friedrichsfelde aus fliehen wollen, sei aber eingeholt und zurückgebracht worden. Diese Mitteilung ist mindestens unwahrscheinlich. An Ort und Stelle wird nichts der Art berichtet.

Der König, während seines Friedrichsfelder Aufenthaltes, empfing viel Besuch und Deputationen aus seinem Lande, darunter den jungen Grafen Hohenthal, den Baron von Houwald (Vater des Dichters) und eine Deputation des Freiberger Bergbaues.

Unter den Personen von Rang, die ihn dauernd umgaben, haben wir in erster Reihe Generalmajor von Watzdorf zu nennen; doch war dieser oft monatelang auf Spezialmissionen, zum Beispiel in London, abwesend. Am 13. Oktober 1814 trat Generallieutenant Sahrer von Sahr an Watzdorfs Stelle und blieb beim Könige, bis dieser Friedrichsfelde verließ. Es war die Sahrsche Division, die bei Großbeeren vorzugsweise tapfer gefochten hatte.

Der Aufwand, den der König in Friedrichsfelde machte, wurde teils aus den Geldern seiner Schatulle, teils durch eine Anleihe bei dem Berliner Banquierhause Benecke bestritten.

Am 9. Februar 1815 endlich war in Wien das Protokoll unterzeichnet worden, das über das Schicksal Sachsens entschied; – am 22. Februar verließ der sächsische Hof Friedrichsfelde und begab sich, auf Einladung des Kaisers von Österreich: »doch in seinen Landen Residenz nehmen zu wollen«, durch Schlesien über Wien nach Preßburg, wo der König den Palast des Primas bezog.

Soviel hab ich aus Aufzeichnungen, die damals gemacht wurden, zu entnehmen vermocht. In Friedrichsfelde selbst wird noch folgendes erzählt:

Der König lebte ganz als König. Sehr viel Dienerschaft, altfränkisch gekleidet, blau und gelb, war um ihn her; die Kutscher immer in Kanonenstiefeln. Vormittags zwischen elf und zwölf ging er im Park spazieren; nachmittags wurd auf die benachbarten Dörfer gefahren, namentlich auf solche, wo ein Park oder ein Fluß war, also nach Stralau, Lichtenberg, Biesdorf und vorzugsweise nach Schönhausen. Er war bei den Friedrichsfeldern sehr populär, weil er herablassend und wohlwollend war und, die Hauptsache nicht zu vergessen, ihnen viel zu verdienen gab. Der zahlreiche Besuch, der untergebracht werden mußte, schaffte den Bauern eine gute Einnahme; dazu die Berliner, die sonntags aus purer Neugier in Scharen herbeiströmten.

Ihren Hauptvorteil aber zogen die Bauern aus den vielen Holzfuhren, die sie leisteten, und aus der Stallung, die sie vermieteten. Tag um Tag wurd ein Haufen Holz im Schloß verbrannt, und der königliche Marstall befand sich, gespannweise, auf den einzelnen Bauerhöfen.

Friedrichsfelde seit 1816

Am 22. Februar 1815 verließ der sächsische Hof Friedrichsfelde; ein Jahr später gingen Schloß und Gut in den Besitz von Karl Sigismund von Treskow über. Eine ganz neue Zeit brach jetzt für Friedrichsfelde an: aus dem Lustschloß, das es bis dahin gewesen war, wurd ein Gut. Es handelte sich nicht mehr um ein Dolcefarniente, das hier ein Jahrhundert lang seine Stätte gehabt hatte, sondern um Arbeit, nicht mehr um Zurückgezogenheit und Stille, sondern um Heraustreten, um Verkehr und Konkurrenz. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, insonderheit unter dem gegenwärtigen Besitzer (Karl von Treskow), wuchs die Kompliziertheit der Aufgabe. Beständige Meliorationen, auch Ankäufe, steigerten den Wert, was aber vor allem das Gut auf seine jetzige Höhe hob, das war die Erkenntnis, daß mit Rücksicht einerseits auf die Bedürfnisse der Hauptstadt, andererseits auf die Betriebserleichterungen, die dieselbe gewährt, eine ganz aparte Art der Wirtschaftsführung eingeleitet werden müsse. Hier galt es nicht Lehrbücher zu befragen und Regeln zu befolgen, sondern der beständig wechselnden Situation ein neues System immer neu anzupassen. In irgendwelche Details an dieser Stelle einzugehen würde weit über unsere Aufgabe hinausführen, daher nur soviel, daß Milchwirtschaft und Gartenkulturen mehr und mehr die frühere Felderbestellung zurückdrängten. Der Sieg des Spargelbeets über das Roggen- und Kartoffelfeld!

So haben Eifer, Wissen, Intelligenz aus dem Sommerhause Raules einen großen und noch mehr einen wertvollen Besitz geschaffen; aus dem Zehrer ist ein Nährer geworden, aus der Drohne die Biene.

 

Aber diese Umwandelung hat sich vollzogen, ohne dem Friedrichsfelder Schloß, das so vieles Sterben und Geborenwerden sah, das Geringste von seinem historischen Zauber zu nehmen. Dieselbe Sorglichkeit und Pflege, die draußen waltete, zeigte sich auch drinnen; auf den Feldern erneuerte sie praktisch, im Hause konservierte sie pietätvoll; nichts ist verlorengegangen von dem geschichtlichen Material, in dessen Besitz der gegenwärtige Besitzer eintrat. Das eichengeschnitzte Treppengeländer, der Stucksaal, den Markgraf Karl baute, die Büsten und Bilder, von denen beinahe jeder der Vorbesitzer ein einzelnes, wie ein Erinnerungsstück, zurückgelassen hat – sie befinden sich an altem Platz, und nur erweitert und hinzugefügt wurde vielfach.

Unter diesen Hinzufügungen nennen wir in erster Reihe fünf Arbeiten Schinkels, von denen drei seiner allerfrühsten Epoche, zwei mutmaßlich dem Jahre 1814 angehören. Es sind die folgenden:

Schloß Owinsk (Architekturbild, in Tuschfarben ausgeführt),

Schloß Owinsk, von der Tiefe aus gesehen,

Schloß Owinsk, von der Höhe aus gesehen,

ein See in Tirol, von hohen Bergen umgeben, ein Fischzug im Vordergrund (Morgenbeleuchtung),

ein See, von hohen Gebirgen umgeben, Gondeln im Vordergrund (Abendbeleuchtung). Von keinem dieser fünf Bilder, mit Ausnahme des Architekturbildes, läßt sich behaupten, daß es nachweisbar von Schinkel herrühre; doch ist es von allen in hohem Maße wahrscheinlich. Schinkel war bei Aufführung des Schlosses Owinsk, Provinz Posen, als Bauführer tätig. Es war dies 1801. Die Vereinigung von Architekt und Landschaftsmaler, die sonst in hundert Fällen kaum einmal vorkommt war eben bei Schinkel charakteristisch, und es ist nicht anzunehmen, daß sich damals – und noch dazu in Owinsk – ein anderer Architekt an seiner Seite befunden habe, der dies alles auch vermocht hätte. – Was die beiden andern Bilder (Gebirgsseen, Morgen- und Abendbeleuchtung, Pendants) angeht so stellen sie genau dasselbe dar wie die betreffenden beiden Bilder auf der Wagnerschen Galerie, die die Bezeichnung tragen: » nach Schinkelschen Originalen von Ahlborn 1823 kopiert«. Die Frage entsteht, sind nun diese beiden Friedrichsfelder die Originale? Wolzogen in seinem »Leben Schinkels« schreibt: »Der Besitzer des einen Bildes (Abendbeleuchtung) ist Banquier Brose, der Besitzer des andern (Morgenbeleuchtung) unbekannt.« Das eine Bild scheint also die Annahme zu rechtfertigen, das andere sie zu verbieten. Eine Entscheidung in dieser Frage, die ohne exakte technische Kenntnis nicht zu geben ist, liegt außerhalb unserer Kraft; wir geben deshalb einfach die Tatsache, daß sich zwei solche Bilder in Friedrichsfelde befinden, und überlassen andern den Beweis der Echtheit oder – des Gegenteils.

Das letztgenannte Bild zählt zu Schinkels gelungensten Arbeiten. In der Mitte – wir erweitern die kurze Beschreibung, die wir eben gegeben – eine Insel mit einem weitläufigen Schloß; eine Bogenbrücke führt zu dem zunächstliegenden Felsenufer hinüber. Rechts ein ländliches Fest. Der See ist mit Barken erfüllt, denen Musikchöre folgen. Eine rote Abendbeleuchtung liegt auf dem See.

Ein stimmungsreiches Bild! Aber das Bild, das sich eben jetzt, von der Gartentüre des Schlosses eingerahmt, vor unseren Blicken auftut, tut es ihm gleich. Eine Parkwiese voll blühender Linden, zwischen den Kronen ein Streifen blauer Himmel und an dem Himmelsstreifen ein Volk weißer Tauben, das, die letzten Sonnenstrahlen einsaugend, sich oben in den Lüften wiegt.

Die nahe Hauptstadt samt ihrem Lärm, wir empfinden sie wie hundert Meilen weit. Hier ist Friede!

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