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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland - Kapitel 25
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Gröben und Siethen

Gröben und Siethen

Ob klein, ob groß –
Allüberall dasselbe Los,
Und was Leben hält und hat,
Hat allerorten seine Statt.

Eines der wichtigsten Défilés aus dem Wittenbergischen ins Märkische war von alter Zeit her das Nuthe-Tal, und von alter Zeit her existierten auch feste Punkte, dieses Défilé zu verteidigen beziehungsweise zu schließen. Unter diesen festen Punkten war das am Mittellaufe des Flüßchens gelegene Schloß Beuthen von besondrer Wichtigkeit, dasselbe Schloß Beuthen, das die Quitzow-Anhänger gegen den Nürnberger Burggrafen hielten und an dessen Unterwerfung sich der Sieg der Hohenzollerschen Sache knüpfte.

Von diesem seinerzeit vielgenannten Schloß aus nehmen wir heute, dem Flußlaufe folgend, unseren Ausgang und erreichen schon nach halbstündigem Marsch eine mäßige Hügelhöhe, von der aus wir zwei Seeflächen und zwei Dörfer überblicken: Gröben und Siethen. Ein märkisches Idyll. Aber auch ein Stück märkische Geschichte.

Beide Dörfer entstanden sehr wahrscheinlich zu gleicher, wendischer Zeit, im übrigen jedoch erfreut sich Gröben des Vorzugs, um einige Jahre früher als Siethen, und zwar bereits im Jahre 1352, in einer »im Lager vor Gröben« ausgestellten Urkunde Markgraf Ludwigs des Römers genannt zu werden. Es gehörte damals der über den ganzen Teltow hin ausgebreiteten und begüterten Familie Gröben, die, nach der Sitte der Zeit, von diesem ihrem ältesten Besitz her ihren Namen »von Gröben« angenommen hatte. Nach 1352 aber in die Kämpfe des Deutschen Ordens mit verwickelt, entäußerte sich die Gröben-Familie (von der zwanzig Mitglieder in der Deutsch-Ritter-Schlacht bei Tannenberg gefallen sein sollen) ihres märkischen Besitzes und innerhalb dieses Besitzes auch ihres Stammhauses Gröben. Ihre Güter lagen von dem genannten Zeitpunkt an östlich der Weichsel, und aus der märkischen Familie dieses Namens war eine preußische geworden, die bei dem Orden zu Lehn ging.

I
Gröben und Siethen unter den alten Schlabrendorfs
von 1416 bis 1786

Um 1416 gab es in Gröben und Siethen keine Gröbens mehr; an ihre Stelle waren die lausitzischen Schlabrendorfs getreten, die sich nach dem bei Luckau gelegenen Dorfe »Schlabrendorf« nannten, gerade so, wie sich die Gröbens in voraufgegangener Zeit nach dem im Teltow gelegenen Dorfe Gröben ihren Namen gegeben hatten.

Aus den ersten zwei Jahrhunderten der Anwesenheit der Schlabrendorfs in Gröben und Siethen wissen wir wenig von ihnen. Es scheint nicht daß sie sich hervortaten, einen ausgenommen, Johann von Schlabrendorf, der in die geistliche Laufbahn eintrat und in dem Jahrzehnte, das dem Auftreten Luthers unmittelbar voranging, zum Bischof von Havelberg aufrückte. Wegen seiner Vorliebe für die Prämonstratenser behielt er die Tracht derselben bis an sein Lebensende bei. »Es wird ihm nachgerühmt«, so schreibt Lentz in seiner »Stifts-Historie von Havelberg«, »daß er ein rechter Geistlicher gewesen, der fleißig in der Bibel gelesen und seine horas canonicas selber abgewartet, auch mit seinen Canonicis einen Vers um den andern dabei gebetet habe. Daneben hab er auch auf seiner Burg zu Wittstock als ein rechter Herr und Fürst zu leben und einen convenablen Hofstaat mit einem zahlreichen Gefolge von Rittern und Edelknaben zu halten gewußt. Ebenso Koppeln und Meuten und einen wohlbesetzten Marstall. Ingleichen auch hab er der Armen nicht vergessen und sie mit Bier und Brot allezeit reichlich versorgt.«

So Lentz in seiner »Stifts-Historie«. Daß dieser Bischof aber speziell dem Hause zu Gröben entsprossen gewesen, dafür spricht mit großer Wahrscheinlichkeit ein noch jetzt in der Gröbener Kirche befindliches Glasfenster, das in seinem Oberteile die Bischofsmütze samt zwei gekreuzten Bischofsstäben, darunter aber das Schlabrendorfsche Wappen zeigt.


Aus dem Gröbener Kirchenbuch

Auf dieses Vorerzählte beschränkt sich alles, was wir durch zwei Jahrhunderte hin einerseits von den Schlabrendorfs selbst, andrerseits von den ihren Hauptbesitz bildenden Schwesterdörfern Gröben und Siethen wissen, und erst von 1604 ab, wo Pastor Johannes Thile I. ins Gröben-Siethener Pfarramt eintrat und das seit 1575 bestehende Kirchenbuch eifriger als seine Vorgänger zur Hand nahm, um Aufzeichnungen darin zu machen, erst von diesem Jahre 1604 an erfahren wir Eingehenderes aus dem Leben der beiden Dörfer.

Um ebendieser Aufzeichnungen willen, die – mit Ausnahme der Schlußepoche des Dreißigjährigen Krieges – durch alle Nachfolger Johannes Thiles I. getreulich fortgesetzt wurden, ist denn auch das Gröben-Siethener Kirchenbuch ein wahrer historischer Schatz und für die Kultur- und Sittengeschichte der Mark von um so größerem Wert, als es im ganzen genommen in unsrem Lande doch nur wenige Kirchenbücher gibt, die bis 1604 zurückgehen. Es ist ein vollkommner Mikrokosmus, dem wir in diesem alten, wurmstichigen und selbstverständlich in Schweinsleder gebundenen Bande begegnen, und alles, was das Leben, und nicht bloß das Leben einer kleinen Dorfgemeinde, zu bringen vermag, das bringt es auch: Krieg und Pest und Wasser- und Feuersnot und Mißwachs und Mißgeburten. Und daneben Unglück über Unglück, heut auf dem Gröbener und morgen auf dem Siethener See. Fischer ertrinken, Brautzüge werden vom Sturm überrascht, und in Winterdämmerung Verirrte brechen ein in die kaum überfrorenen Lunen oder erstarren in dem zusammengewehten Schnee. Dazu Mord und Brand und Stäupung und Enthauptung und auf jedem dritten Blatte das alte Lied von Ehebruch und »Illegitimitäten« aller Art, an die sich dann regelmäßig und wie das Amen in der Kirche die pastoralen und meist invektivenreichsten Verurteilungen knüpfen. Aber immer im Lapidarstil.

Und nun möge das Kirchenbuch sprechen.


Aufzeichnungen des Pastors Johannes Thile I. Johannes Thile I. kam 1604 ins Amt und stand demselben bis zu seinem 1639 erfolgten Tode vor. Ihm folgte sein Sohn Johannes Thile II., von dem aber alle Kirchenbuchaufzeichnungen fehlen, da die Führung seines Amts in das letzte Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges und die daran anschließende Not- und Trauerzeit fällt, in der alles wüst lag und an Ordnung und Buchführung nicht zu denken war. Johannes Thile II. starb 1669, und von der Hand eines seiner Nachfolger findet sich auf der entsprechenden Kirchenbuchseite die Notiz, »daß ein Sohn dieses jüngeren Johannes Thile (also des 1669 verstorbenen Johannes Thile II.) den Kriegs- und Soldatenstand erwählet von der Pike auf gedient und 1722 als Oberst ein Infanterieregiment befehligt habe. In dieser seiner Eigenschaft sei derselbe durch Seine Königliche Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm I., in den adligen Stand erhoben und dieselbe ›Dignität‹ alsbald auch seinem Herrn Bruder, dem Geheimrat Thile, verliehen worden.« – Es sind das Angaben, die mit denen in Zedlitz' »Adels-Lexikon« im wesentlichen übereinstimmen und an die nur noch die weitere Mitteilung zu knüpfen bleibt, daß die beiden gegenwärtig in unsrer Armee stehenden Generale von Thile dieser dem Gröbener Pfarrhaus entstammten Familie zugehören.

»In diesem Jahre 1609 ist Herr Ernst von Schlabrendorf, Erbherr auf Gröben und Siethen, aus dieser Zeitlichkeit geschieden. Er war vermählt mit Ursula von Thümen, aus welcher Ehe demselben zwei Söhne geboren wurden: Joachim von Schlabrendorf und Melchior Ernst von Schlabrendorf. An Melchior Ernst kam Gröben, und an Joachim kam Siethen, so daß wir von diesem Jahre 1609 an zwei Schlabrendorfsche Linien haben: eine gröbensche und eine siethensche.

1620 am 18. Oktober hat der an der Nuthe wohnende Vogt Hans Blume seinen Stiefvater Hans Möller mit einer Büchse erschossen.« Nachschrift aus dem Jahre 1622: »Selbiger Hans Blume wurde von den Obrigkeiten zu keiner Strafe gezogen, vielmehr heimlich über die Grenze geschafft. Er ging nun in den Krieg nach Böhmen. Eh er aber nach Prag kam, ward er, nach gerechter göttlicher Wiedervergeltung, auch erschossen. Hat also in seinen Sünden hinsterben müssen. Ach, weh der armen Seele.

1621 am 28. Oktober ist in unsrer Nachbarschaft (auf Schloß Beuthen) ein Sohn geboren worden. Dieses Kind hat, salva venia, keinen Podicem gehabt, so daß es seiner natürlichen Funktionen unfähig gewesen ist. Wonach Meister Hans Meißner, Bader zu Trebbin, mit dem Messer den Podicem hat öffnen müssen. Und ist durch Gottes Segen gut geworden und hat einen Podicem gehabt. Wie wunderbar handelt Gott mit uns Menschen!

1629 hat Ihre Kurfürstliche Hoheit dero Küchenmeister in Königsberg in Preußen aufhenken lassen.

1631 starben in Gröben und Siethen 126 Menschen an der Pest.

1632. Bis zu diesem Jahre bin ich, Johannes Thile, dreihundertmal zu Gevatter gebeten worden.

1633 wurde das 1598 gestiftete Uhrwerk repariert.

1634 den 25. März sind Wiprecht Erdmanns Tochter Ursula, Martin Schmidts Tochter Ursula und Hans Bethekes Stieftochter Ursula in einem Kahn spazierengefahren und, als der Wind kam, auf den See getrieben worden. Wobei die zwei ersten ertrunken und zu Gröben beide in ein Grab gelegt worden sind.«

Nach diesem Jahre (1634) hören die Mitteilungen, wie schon angedeutet, auf ganze Jahrzehnte hin auf und werden erst in den siebziger Jahren wieder aufgenommen.


Aufzeichnungen der Pastoren Friedrich Zander,
Felician Clar (auch Clarus) und Heinrich Wilhelm Voß

»1673 den 5. November ist Anna Mulisch, die schon mehrere Kinder außer der Ehe gehabt, von mir getraut worden. Und dieser ›Schandsack‹ hat sich in einem Kranze zur Kirche führen lassen.

1674 am 18. Dezember ist Ursula Lehmann enthauptet worden, weil sie das mit ihrem Schwager erzeugte Kind ins Wasser geworfen.

1675 am 3. August ist Andreas Fritze, Weinmeister hierselbst, begraben worden, der ein heftiges Gewächs gehabt hat, eines Viertels vom Scheffel groß, so ihm hinten am Halse gehangen. Ist aber doch vierundachtzig Jahr alt geworden.

1679 am 27. März sind auf unserer Feldmark zwei Soldaten begraben worden, welche den Tag vorher mit ihrer Compagnie hier einquartiert gewesen. Sie konnten keine Särrker (Särge) bekommen, weil ihnen ihre Kameraden nichts gelassen hatten als alte Lumpen, welche denn auch ihr Sterbekleid bleiben mußten.

1697. In diesem Jahr ist der moskowitische Zar Peter bei Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht gewesen.

1717. Hoc anno celebratum est iubilaeum evangelico-Lutheranum. Matthäus 22, 5.

1726 wurde wieder eine Kindesmörderin hingerichtet.

1727 starb Felician Clar, der vierzig Jahr in Gröben Pastor gewesen.

1729 wurde Botho Müller wegen Gotteslästerung durch den Henker ausgepeitscht und nach Spandau kondemniert.

1738 am 15. April ist Marie Elisabeth – Christoph Penselins, gewesenen Kastellans zu Rheinsberg, Witwe – hier angekommen und hat einen Sohn zur Welt gebracht. Vater soll sein Georg Ludwig Schreiber, Gärtnergesell in Rheinsberg.

1738 am 21. November wurde dem Andreas Fausten ein Söhnlein geboren. Das Kind hatte an seiner Nasenspitze ein Gewächs, und von der Oberlippe war fast nichts zu sehen. Ingleichen hatte es an jedem kleinen Finger einen Zipfel. Notabene. Der Mann hatte seine Frau mit dem Knecht beschuldigt, worauf diese gesaget: ›Wenn das wahr ist, so gebe Gott ein Zeichen an dem Kinde.‹ Drei Stunden nach der Geburt ist es verstorben.

1741 am 10. April hat Herr Johann Christian von Schlabrendorf, königlich preußischer Lieutenant, in der an diesem Tag um ein Uhr nachmittags zwischen Brieg und dem Dorfe Mollwitz vorgefallenen scharfen Aktion, durch einen Musketenschuß, so ihn durch den Kopf getroffen, das Ende seines Lebens gefunden, nachdem er sein Alter gebracht auf neunundzwanzig Jahr und vier Monat.

1743 am 12. November hat sich Gustav Albrecht von Schlabrendorf, Erb- und Gerichtsherr auf Gröben und königlich preußischer Hauptmann im Dragonerregiment des Herrn Generalmajors von Roell, zu Tilsit in Preußen vermählt, und zwar mit Fräulein Christiane Amalie Ernestine von Roell, Tochter obengenannten Generalmajors.«

Auf den nächsten Blättern erfolgt nun die Registrierung der Kinder, die dem Hauptmann Gustav Albrecht von Schlabrendorf aus dieser seiner Ehe geboren wurden. Alle diese Geburten und Taufen fanden in Tilsit und Insterburg statt, wo das Roellsche Dragonerregiment in Garnison lag, aber das Gröbener Kirchenbuch ermangelte nicht, auch seinerseits darüber zu berichten und sogar die jedesmaligen Paten aufzuführen: den König, Prinz Heinrich, Prinz Ferdinand, Prinz Ferdinand von Braunschweig usw. Aus ebendiesen Aufzeichnungen erfahren wir auch von dem jeweiligen Avancement Gustav Albrechts von Schlabrendorf. Im Beginn des Siebenjährigen Krieges war er Obristlieutenant, ritt mit in der berühmten Attacke bei Zorndorf und empfing überhaupt dreiundzwanzig Wunden. Er starb später als General in Breslau. Bei Gelegenheit seines Todes komme ich auf ihn zurück.

»1751 am 31. März ist Eva Pipers uneheliches Kind getauft worden. Der Vater ist Martin Meene, ein lausiger junger Flegel.

1752 am 25. Julius ist die Christiane Mirtzen, ein Schandsack, mit Zwillingen niedergekommen. Der Vater ist der Schäferknecht Michel Pohlmann, ein Erz-Ehebrecher. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

1754. In diesem Jahre, das heißt in der Zeit vom dreiundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis 1753 bis Ostern 1754, hat die Viehseuche hier so gewütet, daß alles Vieh, jung und alt, hingefallen und keiner was behalten, ausgenommen der Prediger drei Stück und der Küster fünf Kühe. In der ganzen Zeit ist dieser Ort eingesperrt worden.

1755. In diesem Jahre hat allhier, wegen des überhandgenommenen großen Wassers, kein Heu können gemäht werden, und sind aus ebendieser Ursach auch beide Ernten gar schlecht ausgefallen.

1755 am 21. Juni war ein entsetzliches Unwetter mit Feuerschaden, und nur das große Wohnhaus des adligen Hofes ist gerettet worden.

1757 am 29. Dezember ist der Weinmeisterknecht Martin Hintze mit der Dorothea Harnack getrauet worden. Erzbube mit Erzdirne.

1760 am 11., 12. und 13. Oktober ist Gröben von einigen herumschweifenden Östreichern, nebst etlichen von der Reichsarmee, heimgesuchet worden. Bei welcher Gelegenheit dieser Ort nicht allein an 700 Taler Brandschatzung hat geben müssen, sondern sind auch noch die Einwohner geplündert und ihnen ihre Pferde weggenommen worden. Desgleichen ist auch die Kirche und das Pfarrhaus nicht verschont geblieben. In ersterer ist der Kirchkasten aufgebrochen und das darin von etwa vier Jahren her befindliche Klingebeutelgeld geraubt worden. In dem Pfarrhause haben sie jegliches unten und oben umgewühlt, wodurch dem Prediger über 250 Taler Schaden verursacht worden. Gott behüt uns vor fernerem Einfall und Räuberhaufen.«

An anderer Stelle: »Diese grausamen Menschen haben mir und den andern Einwohnern dieses Orts nichts als das Hemd auf dem Leibe gelassen und haben auch aus dem Gotteskasten das vorhandene Kirchgeld mit weggeraubt. O tempora, o mores.«

»1761 am 7. Oktober hat sich der Kossäte Christian Krüger, zwischen drei und vier Uhr morgens, aus eingewurzelter Melancholie und Gemütsschwachheit in seinem Garten an einem Birnbaum mit einem Strick erwürget. Er ist in der Stille, aber auf eine ehrliche Art begraben worden. Gott bewahre jeden vor solchem desperaten Weg aus der Zeit in die Ewigkeit.

1762 vom 7. bis 10. Mai hat es so stark gefroren, daß alle Weinberge hier herum erfroren sind.

1765 den 26. Oktober, in der Nacht gegen zwölf Uhr, ist in Breslau der weiland hochwohlgeborene Herr Gustav Albrecht von Schlabrendorf, Seiner Königlichen Majestät in Preußen wohlbestallter Generalmajor von der Kavallerie und Chef eines Regiments Kürassier, Erb- und Gerichtsherr zu Gröben, Jütchendorf und Waßmannsdorf, nachdem er dem hohen königlichen Hause einundvierzig Jahr und elf Monate rühmlichst gedient und sein Alter auf einundsechzig Jahre, zehn Monate und vier Tage gebracht hat, selig in dem Herrn entschlafen und darauf den 10. Dezember c. a. von Breslau nach Gröben gebracht und in dem hochadligen Erbbegräbnis hierselbst beigesetzt worden. Der Verlust dieses würdigen Mannes und wahren Menschenfreundes wird von dem ganzen löblichen Regiment und von allen denen, welche den Wohlseligen und dessen rühmliche Eigenschaften und hohen Charakter gekannt haben, aufrichtig bedauert.«

Mit dem Tode Gustav Albrechts von Schlabrendorf, der, wiewohlen er erst in Preußen und dann in Schlesien in Garnison stand, auch aus der Ferne her ein gut Regiment geführt zu haben scheint, geriet alles in einen raschen Verfall. Das der Nebenlinie gehörige Siethen ging darin freilich voran, aber auch Gröben folgte bald. Auf den nächsten Blättern des Kirchenbuchs werden wir ausgiebig darüber unterrichtet, und zwar durch Aufzeichnungen des Pastors Redde, der 1769 ins Amt kam und sich's angelegen sein ließ, seine verurteilenden Sentenzen ohne Menschenfurcht in seine Toten-, Tauf- und Trauregister einzutragen. Nur für die Nicht-Schlabrendorfs hat er noch gelegentliche Worte der Huldigung, so daß Anerkennung und Verurteilung in seinen Aufzeichnungen wechseln.

Aufzeichnungen des Pastors Redde

»1771 am 3. Januar ist hier zu Gröben der hochwohlgeborene Herr Charles Guichard, genannt Quintus Icilius, im Kriege gewesener Chef eines Freibataillons Seiner Königlichen Majestät in Preußen, jetzo königlicher Obristlieutenant bei seiner Suite, mit dem hochwohlgeborenen Fräulein Henriette Helene Albertine von Schlabrendorf, des weiland Herrn Gustav Albrecht von Schlabrendorf, königlichen Generalmajors, nachgelassener Tochter, getraut worden. Alter dreiundvierzig und vierundzwanzig.

1774. Elisabeth Habedank starb an Würmern.

1774 am 17. November ist ein sechs Monat altes Kind außer der Ehe tot geboren und danach obduzieret worden. Ich bewahre das Herz desselben in Spiritus und überlaß es meinem Nachfolger, daraus die Resultate zu seiner Pflicht zu ziehn.

1775 am 13. Mai starb in Potsdam der hochwohlgeborene Herr Charles Guichard, genannt Quintus Icilius, Seiner Königlichen Majestät wohlbestallter Oberster von der Infanterie und Adjutant bei dero Suite, nach einem zweitägigen Krankenlager an einer Kolik und Inflammation, nachdem er mit seiner Gemahlin, der hochwohlgeborenen Frau Henriette Helene Albertine, gebornen von Schlabrendorf, aus dem Hause Gröben, beinah viereinhalb Jahr in der Ehe gelebt und mit derselben eine Tochter und einen Sohn, mit Namen Friedrich Quintus Icilius, gezeuget.

Er war ein Herr, der in diesem Jahrhundert seinesgleichen nicht gehabt noch haben wird, und ein jeder, der seine Geburt, Wissenschaften und Ehren bedenket, muß sagen: Er hat große Dinge an ihm getan, der da mächtig ist und des Name heilig ist. Seine Eltern waren bürgerlichen Standes zu Magdeburg, woselbst sein Vater das Amt eines Syndikus bei der französischen Kolonie bekleidete. In seiner Jugend widmete er sich der Gelehrsamkeit und studierte zu Halle Theologie, danach auch auf einigen holländischen Universitäten und predigte mehreremal zu Marburg und Heilbronn. Zu gleicher Zeit erwarb er sich Kenntnis in den Antiquitäten und nützte diese zur Explication des Kriegswesens der Alten, sonderlich der Griechen und Römer. Wieviel er darin vermocht, bezeugen unter anderm seine Schriften über die Taktik der Alten und sein Kommentar über den Julius Caesar. Eine natürliche Folge seines Geschmacks am Militär und seiner Kenntnis desselben war es, daß er sich diesem Stande widmete. Zuerst trat er in holländische Dienste. Bei Beginn des letzten Krieges aber ward er von Seiner Majestät in Preußen, so seine Bücher über Taktik gelesen, ins Lager und zur Armee berufen. Hier war er, soweit es der Krieg gestattete, beständig um und an der Seite des Königs, der an ihm einen Mann zu seinem Umgang und Vergnügen fand, einen Mann, den er als Soldaten und Philosophen und zugleich auch in politicis jederzeit gebrauchen konnte. Kurz, er war der Favorit unseres großen Monarchen, und kein Tag verging, an dem er nicht um ihn gewesen wäre. So weit man Friedrichs Namen kannte, so weit kannte man auch den des Quintus Icilius, mit welchem Namen ihn der König selbst beehret hatte. An Königs Tafel im Lager zu Landshut, Mai 1759, wurde hin und her gestritten, welchen Namen einer der Centurios in der 10. Legion geführt habe. Der König behauptete: Quintus Caecilius, Guichard aber versicherte: Quintus Icilius, und da sich letzteres als das Richtige herausstellte, so sagte der König: »Gut. Aber Er soll nun auch zeitlebens Quintus Icilius heißen.« Und so geschah es. Auch bei späteren Gelegenheiten erwies sich der König stets als sehr gnädig gegen Guichard und ließ sich Dinge von ihm sagen, die kein andrer wagen durfte. Nur ein Beispiel. Nach Plünderung des dem Grafen Brühl zugehörigen Schlosses Pförten in der Lausitz, die durch Guichard, auf ausdrücklichen Befehl des Königs, ausgeführt worden war, fragte dieser über Tisch: »Und wieviel hat Er denn eigentlich mitgenommen?« – » Das müssen Ew. Majestät am besten wissen, denn wir haben ja geteilt« Ein andermal kam es freilich zu wenigstens momentaner Ungnade. Das war 1770. Als Guichard in ebendiesem Jahr die Zustimmung zu seiner Verheiratung mit Fräulein von Schlabrendorf auf Gröben nachsuchte, verweigerte der König den Konsens, und zwar »weil er von zu schlechter Herkunft sei; sein Großvater sei bloß Töpfer gewesen«. Auch diesen Hieb suchte Guichard zu parieren und erwiderte: »Seine Majestät seien auch Töpfer. Die ganze Differenz bestehe darin, daß sein Großvater Fayence gebrannt habe, während der König Porzellan brenne.« Letzterer blieb aber bei seinem ungnädigen Widerspruch, und Guichard nahm den Abschied. Indes nicht auf lange. Kein Jahr, so ließ ihn der König wieder rufen und war gnädiger als zuvor.

Wer Alexander ehrte, der sah auch freundlich auf Hephästion, und als Quintus Icilius seinen Kommentar zum Julius Caesar an Kaiser Joseph überreicht hatte, ward ihm ein Gegengeschenk: ein rotes Etui mit zweiundzwanzig goldnen Medaillen, auf deren jeder das Bildnis eines Mitgliedes der kaiserlichen Familie befindlich war. Alles in einem Gesamtwert von mehr als 1000 Taler.

Sein Körper ward auf Befehl des Königs, der den Sitz der Krankheit und die Todesursach erfahren wollte, geöffnet und danach erst hierher nach Gröben gebracht, allwo der Sarg unter dem Kirchenstuhle, darin die Predigersfrau ihren Sitz hat, beigesetzt wurde.

Charles Guichard war am 27. September 1724 geboren und achtzehn Jahre lang in Königs Diensten gewesen. Sein Alter hat er folglich gebracht auf fünfzig und ein halbes Jahr. Sein moralischer Charakter war guttätig und freundlich gegen seine Nächsten, ohne Hochmut und Geiz, übrigens aber von deistischem Glauben.

1778 am 14. April starb zu Berlin Joachim Ernst von Schlabrendorf, auf Siethen Lehns- und Gerichtsherr. Nachdem derselbe sein Gut über den doppelten Wert hinaus verschuldet und selbiges endlich seinen Creditoribus zur Administration und Sequestration überlassen, auch seine Mobilien an die Meistbietenden öffentlich verkauft hatte, hatte sich derselbe vor etwa anderthalb Jahren mit Frau und Tochter nach Berlin begeben. Und ebendaselbst ist er denn auch, der sich von jeher bis an sein Ende mit nichts als Intriguen und Listen zu seinem großen Schaden beschäftigt hatte, dreiundsechzig Jahre alt, an der Lungenentzündung gestorben. Er war auf dem ehemalig Schlabrendorfschen Gute Blankensee geboren, klein von Statur und hageren Leibes und hat in seiner Jugend einige Zeit auf Schulen und Universitäten zugebracht. Alles, was er von daher profitieret, wandte er an, um anderen Übles zu tun, aber freilich immer zu seinem eigenen Verderben. Vor den Augen und insonderheit vor Leuten, die seine Schliche noch nicht kannten, erschien er als ein Biedermann in Worten und Mienen, und war kein christlicherer und ehrlicherer und treuherzigerer Mann als er in der ganzen Welt zu finden. Er zeigte sich dann immer ohne Stolz des Adels, dienstfertig gegen alle Menschen, frei, munter und offenherzig und insonderheit milde gegen alle Bedürftigen. Aber dies alles nur, um zu blenden und Vertrauensselige zu finden, deren Vertrauen ihm dann eine gute Gelegenheit bot, das Vermögen von Kirchen, von Witwen und armen Leuten an sich zu reißen. Alle diejenigen jedoch, die sich nicht blenden und zu seinem Dienste nicht wollten gebrauchen lassen, die wußt er mit allen Mitteln zu verfolgen und ihnen zu schaden überall. Und so konnt es denn freilich nicht ausbleiben, daß ihm der Haß aller rechtschaffenen Leute zuteil wurde, wozu sich alsbald der Niedergang in seiner Wirtschaft und Haushaltung und zuletzt der vollkommenste Bankrutt gesellte, so daß er Siethen unter den kümmerlichsten Umständen aufgeben mußte. Zurück läßt er eine seit Jahren kranke Frau samt einer Tochter, so ihrem Vater ähnlich ist. Vor einigen Jahren zeugete er mit einigen Mägden in seinem Hause noch einige Kinder und ergab sich endlich dem Trunke zur Stärkung und Erfrischung seines Leibes und Gemütscharakters. Es ist die Frage gestellt worden, ob solche Kritik in einem Kirchenbuche zulässig sei., was ich auf das bestimmteste bejahen möchte. So gewiß es einem Geistlichen zusteht, von der Kanzel her, oder selbst am Grabe, die besondere Verruchtheit eines Ehrlosen zu brandmarken, der – wie vielleicht erst die Stunde seines Todes aufdeckte – Witwen und Waisen um das Ihrige betrog, so gewiß muß es ihm auch zustehen, im Kirchenbuche Dinge niederzuschreiben, die solcher öffentlichen Anklage gleichkommen. Ich bin sogar der Ansicht, daß dies häufiger geschehen und ein derartiges Vorgehen unter die ständigen Kirchenzuchtsmittel aufgenommen werden sollte. Denn es gibt in der Tat Naturen, die vor solchem auf Jahrhunderte hin unerbittlich überliefertem Wort mehr Respekt haben, ja mehr in Furcht sind als vor einem lebzeitigen Skandal. Ein Amtsmißbrauch ist aber um so weniger zu befürchten, als ein Appell von seiten der in gewissem Sinne mitbetroffenen Verwandtschaft an die vorgesetzte kirchliche Behörde ja jederzeit offenstehn und selbstverständlich, im Falle sich ein Übergriff herausstellen sollte, zur Entfernung des Geistlichen aus seinem Amt, eventuell auch zu weiterer Bestrafung führen würde. – Was übrigens speziell unseren Pastor Redde betrifft, so muß ihm dieser »letzte Schlabrendorf auf Siethen« ein ganz besondrer Dorn im Auge gewesen sein, da wir in anderweiten, einige Jahre später gemachten Kirchenbuchaufzeichnungen ebendiesen Redde nicht nur als einen durchaus unzelotischen, sondern sogar als einen höchst complaisanten und beinah höfischen alten Herrn kennenlernen. Es bezieht sich dies namentlich auf ein französisch abgefaßtes und an eine damals etwa sieben Jahr alte Comtesse Brandenburg (Tochter Friedrich Wilhelms II.) gerichtetes Sinngedicht, das nach Überschrift und Inhalt folgendermaßen lautet: »A l'anniversaire de la naissance de Mlle. Julie, Comtesse de Brandebourg, célébré le 4 Janvier à Siethen par le curé Redde. ›Vos fleurs de la jeunesse – S'augmentent dès ce jour; – Les fruits de la sagesse – En viennent à leur tour. – O gardez tout bouton, afin qu'il bien fleurisse, – Afin que toute fleur en fruit pour vous mêurisse.‹«

1779 am 23. Januar starb in Siethen, wohin sie zurückgekehrt war, Frau Sophie Margareta, verwitwete von Schlabrendorf, des Vorgenannten Ehefrau, sechsundfünfzig Jahre alt, an einer vieljährigen Schwindsucht und in der armseligsten Verfassung. Sie war eine Tochter des Herrn Christian Julius von Bülow aus dem Hause Lüchfeld in der Grafschaft Ruppin.

Nachschrift. Einige Jahre nach ihr starb auch, und zwar ebenfalls zu Siethen, der letzteren Bruder, Karl Christoph Friedrich von Bülow aus dem Hause Lüchfeld. Er war in früheren Jahren, als bei seinem Schwager und seiner Schwester noch Wohlleben war, ein Nimrod, ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, gewesen. Und es beweiset solches noch der siethensche Turmknopf, den er mit der Kugelbüchse vielmals durchschossen hat und an dem die Löcher noch sichtbar sind. Er war geboren den 23. November 1711, besaß einen dauerhaften Körper, wurde vor einigen Jahren blind und wohnte zuletzt arm und elend in einem Tagelöhnerhause. Starb an Entkräftung.

1783 am 1. Mai starb zu Potsdam die hochwohlgeborene Frau und Witwe Henriette Helene Albertine von Schlabrendorf aus dem Hause Gröben, verwitwete Quintus Icilius, an einem Friesel und zwölftägigem Lager und ward am 3. selbigen Monats in der Gruft ihres seligen Gemahls, unter dem Kirchenstuhle der Predigersfrau, früh um vier Uhr beigesetzt. Aetate sechsunddreißig Jahr.

1784 am 21. Januar starb in Siethen die Witwe Maria Katharina Schumann, geborne Ebel, aus Blankensee, geboren den 10. Januar 1681. Brachte dergestalt ihr Leben auf 103 Jahr.

1785 am 11. Dezember starb die verwitwete Maria Elisabeth Spiegel. Sie war vordem das Sündeninstrument des verstorbenen von Schlabrendorf zu Siethen, der im Alter noch Christum verwarf. Starb elend.

1786 ist wieder der Gröbner See mit seinem Eis nicht sicher gewesen; aber der Siethner ist über und über unsicher, weil er voll warmer Quellen ist. Seit meinem neunzehnjährigen Hiersein sind nunmehr zehn Personen im Wasser verunglückt.

1786 am 28. April wurde des Hirten Frau zu Siethen, Maria Dorothea Ebel, glücklich entbunden. Die Mutter der Frau rief aber: ›Was hast du für ein Kind zur Welt gebracht!‹ Auf welchen Zuruf die junge Mutter sofort vom Schlag gerührt wurde. Das Kind selbst war gesund und wohlgebildet.«

II
Gröben und Siethen
unter den neuen Schlabrendorfs

Die vorstehenden Auszüge schließen mit dem Jahre 1786.

In ebendiesem Jahre war auch Gröben – wie Siethen schon acht Jahre früher – der alten Schlabrendorfschen Linie verlorengegangen, aber nur um im Gegensatze zu Siethen, das auf Jahrzehnte hin der Familie verloren blieb, unmittelbar auf eine andere, jüngere Linie der Schlabrendorfs überzugehen.

Eine Klarstellung dieser Punkte fordert einen kleinen genealogischen Exkurs.

Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts hatten die gröbenschen Schlabrendorfs, die bis dahin, den Bischof abgerechnet, in unsrer Landesgeschichte von nicht sonderlicher Bedeutung gewesen waren, einen Aufschwung genommen, und zwar in dem Brüderpaare Gustav Albrecht von Schlabrendorf und Ernst Wilhelm von Schlabrendorf.

Des ersteren (Gustav Albrecht) ist in vorstehendem bereits ausführlich Erwähnung geschehen. Er war, um in Kürze zu rekapitulieren, einer der Helden des Siebenjährigen Krieges, kommandierte bei Zorndorf das alt-Platensche Dragonerregiment und wurde später Generalmajor und Chef der zu Breslau garnisonierenden Kürassiere. Nach seinem 1765 erfolgten Ableben ward er nach Gröben übergeführt und in der Kirche daselbst in unmittelbarer Nähe des Altars beigesetzt. Es würde nun dem einen oder andern seiner überlebenden drei Söhne zugestanden haben, auf dem alten Familiengute sich niederzulassen, alle drei jedoch zogen den Dienst und ihre städtischen Garnisonen einem Gröbner Aufenthalte vor und einigten sich unschwer darin, ein ihnen aus mehr als einem Grunde wenig begehrenswert erscheinendes Besitztum an einen schlesischen Vetter, einen Sohn des vorgenannten Ernst Wilhelm von Schlabrendorf, abzutreten.

Dieser Ernst Wilhelm von Schlabrendorf nun, ein jüngerer Bruder Gustav Albrechts, hatte sich, während dieser in der Armee von Stufe zu Stufe stieg, im Staatsdienste zu der hohen Stellung eines dirigierenden Ministers von Schlesien emporgeschwungen und blieb in dieser bis zu seinem 1770 erfolgenden Tode. Von seinen fünf Söhnen Einer dieser Söhne (der dritte), Gustav Graf Schlabrendorf, geboren 1750, preußischer Kammerherr und Stiftsherr zu Magdeburg, ist der durch seine Schriften, insonderheit auch durch seine Pariser Schicksale während der Revolutionszeit berühmt gewordene Graf Schlabrendorf. Er war ein Anhänger der Girondisten, weshalb er sich, in den Schreckenstagen, auf Antrag Robespierres eingekerkert sah. An dem Tage, wo der Karren vorfuhr, um ihn und andere Verurteilte zum Schafott abzuholen, fehlten ihm seine Stiefel, woraufhin er erklärte: »man könne doch am Ende verlangen, in Stiefeln guillotiniert zu werden«. Es hatte das seine Wirkung, und der Scherge, der infolge dieser Bemerkung in eine gute Laune gekommen war, antwortete: »Eh bien; demain matin.« Am andern Morgen aber, wo des Grafen Name nicht mehr auf der Liste stand, wurd er vergessen und bald danach, nach dem inzwischen erfolgten Sturze Robespierres, in Freiheit gesetzt. Unter Napoleon, obwohl dieser von Schlabrendorfs scharfer Kritik über ihn hörte, blieb er als »Sonderling« unangefochten. Er war Philosoph und Philanthrop und verwendete seine nicht unbedeutenden Einkünfte zu wohltätigen Zwecken, besonders für seine Landsleute. Nach den Befreiungskriegen (er blieb immer in Paris) empfing er das Eiserne Kreuz. Er starb daselbst am 22. August 1824. In Gröben befand sich ein Portrait von ihm, Kniestück, das um seiner storren Frisur und seiner Glotzaugen willen das Entsetzen aller Kinder war, die des Bildes daselbst ansichtig wurden. Es kam später fort und befindet sich jetzt auf dem Kalckreuthschen, bei Landsberg a. W. gelegenen Schloß Hohenwalde. stellten sich die vier ältesten um nichts günstiger zu der Besitzergreifungsfrage von Gröben als ihre drei Gustav Albrechtschen Vettern, und nur der jüngste, dem, wie wir in der Folge sehen werden, ein gewisser romantischer Zug innewohnte, zeigte sofort eine Neigung, das alt-Schlabrendorfsche Familiengut auch bei den Schlabrendorfs erhalten zu sehn. Und so bracht er es käuflich an sich.


Heinrich Graf Schlabrendorf

Dieser jüngste Sohn Ernst Wilhelms, des dirigierenden Ministers von Schlesien, war Heinrich von Schlabrendorf, der in demselben Jahre 1786, in dem er Gröben käuflich an sich gebracht, auch den Grafentitel erhalten hatte. Seine Mutter war ein Fräulein von Otterstedt während seine drei ältesten Brüder, und unter ihnen Graf Gustav, »der Pariser Graf«, aus der ersten Ehe seines Vaters mit einem Fräulein von Blumenthal geboren waren.

Graf Heinrich trat früh in das Regiment Czettritz-Husaren, die jetzigen Braunen oder Ohlauschen Husaren, und machte als junger Offizier die Bekanntschaft eines durch Schönheit, Geist und Wissen ausgezeichneten Fräuleins von Mützschefahl, deren Vater in demselben Husarenregiment ein oberes Kommando bekleidete. Diese Bekanntschaft führte bald zu Verlobung und Vermählung; um welche Zeit indes, ist nicht mit Bestimmtheit ersichtlich. Erst um 1792, also sechs Jahre nach Ankauf von Gröben, wurde das älteste Kind geboren und abermals zwei Jahre später (1794) ein Sohn: Graf Leopold von Schlabrendorf.

Es war wohl keine Neigungsheirat gewesen, wenigstens nicht von seiten des Fräuleins, und so wurden aus Geschmacks- und Meinungsverschiedenheiten alsbald Zerwürfnisse. Man mied sich, und wenn der Graf in Gröben war, war die Gräfin in Berlin und umgekehrt. Aber auch in diesem Sich-Meiden empfanden beide Teile noch immer einen Zwang, und ihre Wünsche sahen sich erst erfüllt, als gegen Ende des Jahrhunderts aus der bloß örtlichen Trennung auch eine gesetzliche geworden war. Der Sohn verblieb dem Vater, die Tochter folgte der Mutter, welche letztere, noch eine schöne Frau, bald danach einem thüringischen Herrn von Schwendler ihre Hand reichte. Doch auch Graf Heinrich vermählte sich bald wieder, und zwar mit einem Fräulein von Mecklenburg, aus welcher Ehe demselben abermals eine Tochter: Gräfin Johanna von Schlabrendorf, geboren wurde.

Dies war 1803, am 22. April, nachdem bereits einige Zeit vorher das nur etwa fünfzehn Jahre lang in erneutem Schlabrendorfschen Besitz gewesene Gröben in nunmehr völlig fremde Hände, die des Oberrechnungsrates Schmidt, übergegangen war. Es blieb freilich auch diesem nicht, kehrte vielmehr, wie gleich hier bemerkt werden mag, nach Ablauf einer bestimmten Frist (und dann einige Jahre später auch Siethen) ein drittes Mal in den Besitzstand der Schlabrendorfschen Familie zurück; eh ich jedoch die zu dieser dritten und letzten Schlabrendorfschen Gutsübernahme führenden Verhältnisse schildere – Verhältnisse, daran Graf Heinrich, trotzdem er damals noch lebte, nicht mehr beteiligt war –, versuch ich es zuvor, dem Lebensgange des Grafen einzig und allein im Hinblick auf seine Person einen Abschluß zu geben.

Unmittelbar nach dem Verkauf des Gutes war er nach Berlin übersiedelt, um daselbst seinen oft wechselnden, im übrigen aber immer harmlosen Passionen leben zu können. Von Erfüllung eigentlicher, ihm naheliegender Pflichten, beispielsweis auf dem Gebiete der Erziehung, war dabei wenig die Rede, solche Pflichterfüllungen fanden nur statt, wenn die Passionen, was gelegentlich vorkam, damit zusammenfielen.

Über die Dauer seines Berliner Aufenthalts sind nur Mutmaßungen gestattet; er fand nicht, was er suchte, langweilte sich inmitten aller Zerstreuungen oder erkannte sie wenigstens nicht als angetan, ihn alle damit verbundenen Unbequemlichkeiten vergessen zu lassen. Und so wandt er sich denn einer neuen Passion zu, der Reisepassion, und beständiger Ortswechsel wurd ihm Lebensbedürfnis. Aber auch hierin verfuhr er abweichend von andern, und anstatt sich auf Alpentouren oder Weltfahrten einzulassen, wozu wenigstens anfangs die Mittel vorhanden gewesen wären, gefiel er sich darin, Entdeckungsreisen zwischen Oder und Elbe zu machen und in praxi märkische Heimatskunde zu treiben.

Aber freilich auch diese Reiseperiode schloß ab, und wahrnehmend, daß er die gewünschte Rast in der Unrast nie finden werde, beschloß er, probeweise den umgekehrten Weg einzuschlagen und die Ruhe ganz einfach in der Ruhe zu suchen. Er fing deshalb an, auf Hausstand und selbständige Wirtschaftsführung zu verzichten und sich statt dessen bei kleinen Familien auf dem Lande, denen sein Rang und sein Vermögen imponieren mochte, für länger oder kürzer in eine halb freundschaftliche, halb patronisierende Pension zu geben. In der Neumark, in Pommern, in Mecklenburg, überall wiederholten sich diese Versuche, bis er endlich in dem ihm ebenbürtigen und aus alter Zeit her befreundeten General von Thümenschen Hause zu Caputh ein Ideal und die Verwirklichung aller seiner Wünsche fand. Es kam dies daher, daß der alte General von Thümen, auch ein Original, ihn ruhig gewähren ließ und immer nur beflissen war, »ihm seine Kreise nicht zu stören«. Beide lebten denn auch ein ebenso kameradschaftliches wie zwangloses Leben, in dem jeder seiner Lust und Laune nachhing und kein andres Haus- oder Tagesgesetz anerkannte wie rechtzeitiges Erscheinen am Mittags- und abends am Bostontisch.

In Caputh war es denn auch, daß Graf Heinrich seine Tage beschloß. Eh ich aber von diesem seinem Ausgang erzähle, versuch ich vorher noch eine Charakterskizze.

Graf Heinrich hatte den Schlabrendorfschen Familienzug, oder doch das, was damals als schlabrendorfisch galt, im Extrem. Er übertraf darin noch seinen Sonderlingsbruder in Paris. Im Grunde gut und hochherzig, dazu nicht ohne Wissen und Verstandesschärfe, gestaltete sich sein Leben nichtsdestoweniger weder zum Glücke für ihn noch für andere, weil er jenes Regulators entbehrte, der allen Dingen erst das richtige Maß und das richtige Tempo gibt. Er ging immer sprungweise vor, war launenhaft und eigensinnig und bewegte sich sein Leben lang in Widersprüchen. Er liebte, wie das Sprüchwort sagt, die Menschen und Dinge »bis zum Totdrücken« und bedauerte hinterher, »es nicht getan zu haben«. Am meisten zeigte sich dies in seinen jüngeren Jahren, wo das sehr bedeutende Vermögen, über das er damals noch Verfügung hatte, das Erkennen eines von ihm mit Vorliebe gepflegten Gegensatzes zwischen einem extremen Luxus- und einem extremen Einsiedlerleben außerordentlich erleichterte.

In Gröben erzählt man davon bis diesen Tag. Entsann er sich beispielsweise, daß es mal wieder an der Zeit sei, gräflich Schlabrendorfscher Repräsentation halber nach Berlin zu fahren, so wurde der alte Staatswagen aus der Remise geholt und der berühmte Trakehnerzug, vier Isabellen, mit aller Feierlichkeit eingespannt; ein Jäger saß auf dem Bock, zwei Heiducken standen rechts und links auf dem Tritt, und ein dritter lief als Läufer der Cavalcade vorauf. Alles in Gala. So mahlte man durch den Sand, und die Dorfleute sahen dem Zuge nach. War man aber wieder daheim, so warf er diese Repräsentationslast als unbequem von sich und las und las oder lud Leidener Flaschen an einer halbmannshohen Elektrisiermaschine, bis er sich eines Tages wieder all seiner Vornehmheit und Vornehmheitsverpflichtungen entsann und nun aufs neue Boten über Boten schickte, die die Nachbarschaft zu großer Tafel »invitieren« mußten. Indessen, das waren Ausnahmen oder Anfälle, die Regel war und blieb, es gehenzulassen, wie's eben ging. Er hatte mindestens sieben Diener im Haus, aber nicht für einen gab es zu tun, so daß das Umherliegen die Leute schlecht und übermütig machte. Das Ganze, seinem Zuschnitt und Wesen nach, mehr polnisch als preußisch. Zerschlug das Hagelwetter in den leerstehenden Oberzimmern ein Dutzend Fenster, so wurden Lappen eingestopft, weil es sich nicht verlohnte, den Glaser kommen zu lassen; allabendlich aber, als ob es sich um die Zeit der Burgverliese gehandelt hätte, rückte, Punkt zehn Uhr, die ganze Dienerschaft in die Front, um die Parterrefenster zu verbolzen und den Eingang überhaupt zu verrammeln. Ein zu diesem Behuf immer bereitstehender Palisadenpfahl wurde dann, von innen her, schräg gegen die Tür gestemmt und in dieser primitiven Weise, selbstverständlich unter ungeheurem Gelärme, die Schließung und nächtliche Sicherstellung des Hauses vollzogen.

Anscheinend ohne Grund, denn es war nichts da, was auf den ersten Blick hin zu Diebstahl und Einbruch hätte reizen können. Aber hierin irrte nun freilich dieser »erste Blick«, da sich vielmehr umgekehrt in den auf Flurgängen und Bodenräumen massenhaft umherstehenden Schränken und Truhen eine ganze Weit allerwertvollster Dinge barg. Spitzen und Staatsröcke, kostbare Schuhschnallen und seidene Strümpfe, des reichen Tafelgeschirrs zu geschweigen, das in Kisten und Kasten verpackt war und fleckig wurde, weil's niemand putzte.

Welcher Art seine Beziehungen zu seinem berühmten Pariser Bruder waren, darüber verlautet nichts; sehr wahrscheinlich ähnelten sie sich zu sehr, um Gefallen aneinander zu finden. Ihre Sonderbarkeiten waren nicht gleich, aber in der Art, in der sie sich gaben, zeigte sich doch die Verwandtschaft.

Unter Graf Heinrichs vielen und sich immer ablösenden Passionen war eine Zeitlang auch die landwirtschaftliche, der er sich hingab, ohne nach Wissen und Erfahrung oder auch nur nach wirklicher Neigung ein Landwirt zu sein. Immer wollt er kaufen und meliorieren, am liebsten aber Wunder tun, und verfiel dabei regelmäßig in bloße Skurrilitäten, auch wenn er ausnahmsweise leidlich verständig begonnen hatte. Nur ein Beispiel. Unter den ihm verbliebenen Besitzungen war auch ein Gut in der Neumark, auf dem er – wohl infolge von Anregungen, wie sie gerade damals durch Thaer und Koppe gegeben wurden – eine Förderung der Schafzucht und vor allem die Beseitigung der sogenannten Drehkrankheit erstrebte. Diese wegzuschaffen, war er nicht bloß ernst und fest entschlossen, sondern lebte zuletzt auch des Glaubens, ein wirkliches Präservativ gegen dieselbe gefunden zu haben. Er gab zu diesem Behufe, so heißt es, allen Schafen täglich drei Hoffmannstropfen auf Zucker und ließ ihnen rote Leibchen und ebensolche Mützen machen, um sie gegen Erkältung und namentlich gegen »Kopfkolik« zu schützen.

Er war in allem apart, und apart, wie sein Leben gewesen war, war denn endlich auch sein zu Caputh, bei General von Thümen, erfolgender Tod. Im Gefolge seiner vielen Passionen befand sich auch die Badepassion, die bei jemandem, der von Jugend auf über einen zu heißen Kopf geklagt und als Knabe schon nichts Schöneres gekannt hatte, als »unter die Tülle gestellt zu werden«, nicht groß überraschen konnte. Von Mai bis Oktober, ob die Sonne stach oder nicht, schwamm er, der inzwischen ein hoher Sechziger geworden war, in der Havel umher und freute sich der ihn erlebenden Kühle. Mal aber geriet er ins Binsengestrüpp, und als er über Mittag nicht kam und man zuletzt mit Fackeln nach ihm suchte, fand man ihn, in fast gespenstischer Weise, den Körper im Moor und nur Kinn und Kopf über dem seichten Wasser.

Er wurde den dritten Tag danach auf dem Kirchhofe zu Caputh begraben, und sein Tod hatte noch einmal eine Teilnahme geweckt, die seinem Leben seit lange gefehlt hatte.

Graf Leo Schlabrendorf

Das war 1829.

Schon sieben Jahre vorher (1822) war das zu Beginn des Jahrhunderts veräußerte Gröben abermals an einen Schlabrendorf übergegangen, und zwar an Graf Heinrichs einzigen Sohn: den Grafen Leopold von Schlabrendorf.

Graf Leopold oder Graf »Leo«, wie man ihn in Gröben in üblicher Abkürzung nannte, war um das Jahr 1794 geboren worden, und zwar unter Vorgängen, die nicht bloß charakteristisch an sich, sondern auch in gewissem Sinne maßgebend für den Gang seines ganzen Lebens waren. Er, Graf Leo, wies oft auf diese Vorgänge hin, und der von ihm allezeit mit Vorliebe wiederholte Satz: »Ich bin für Gröben bestimmt«, schrieb sich von diesem seinem Geburtstage her. Es hatte damit folgende Bewandtnis.

Als nämlich die Zeit herangekommen war, daß die Gräfin eines Knäbleins genesen sollte (denn auf einen Stammhalter wurde mit Sicherheit gerechnet) und sogar das Dorforakel, die »Treutschen«, in aller Bestimmtheit erklärt hatte: »es daure keine Woche mehr«, befahl Graf Heinrich das Erscheinen der Staatskutsche, nicht ganz unrichtig davon ausgehend, daß ein junger Graf Schlabrendorf unmöglich anders als unter Assistenz des Leibmedikus und berühmten alten Entbindungsdoktors Dr. Ribke geboren werden könne. Die Gräfin war es zufrieden, und schon zwei Stunden später erschien die Kutsche ganz in dem früher beschriebenen Aufzuge: zwei Heiducken auf dem Wagentritt und ein Läufer in Gala vorauf. Und so ging es auf Großbeeren zu. Bevor aber dieses Dorf, das erst ein Drittel des Weges war, erreicht werden konnte, versicherte die Gräfin schon: »es gehe nicht weiter«, auf welche nur allzu glaubhafte Versicherung hin der Wagen gewandt und der Läufer unter Zusicherung eines doppelten Wochenlohnes angewiesen wurde, »citissime nach Gröben zurückzukehren, um daselbst die nunmehr wohl oder übel an die Stelle des alten Dr. Ribke tretende ›Treutschen‹ ins Herrenhaus zu befehlen«. Und wirklich, das heimische Dorf wurde noch gerad ohne Zwischenfall erreicht; aber kaum daß die Heiducken abgesprungen und die Teppiche vom Wagen aus bis zum Portale gelegt worden waren, so war auch schon die Stunde gekommen, und in dem dicht am Eingange gelegenen Wohn- und Arbeitszimmer des Grafen, in das man die Gräfin nur eben noch hatte schaffen können, genas sie wirklich eines Knäbleins, des Grafen Leo, des erwarteten Schlabrendorfschen Stammhalters. Es hatte nicht in Berlin sein sollen; » er war für Gröben bestimmt«.

Über seine Kindheit verlautet nichts, auch nicht über seine Knaben- und Jünglingsjahre; sehr wahrscheinlich, daß er vorwiegend unter Zutun seiner Mutter – die, trotz ihrer zweiten Ehe, den Kindern aus der ersten eine große Zärtlichkeit und Treue bewies – in Pension kam und nach absolvierter Schulzeit in juristisch-kameralistische Studien eintrat. Aber eh er diese vollenden konnte, kam der Krieg und bot ihm Veranlassung, als Volontair bei den Towarczys einzutreten, einem Ulanenregiment, das vielleicht noch aus den Tagen der »alten Armee« her diesen etwas obsoleten und nur in den neunziger Jahren unter General Günther (der der »Vater der Towarczys« hieß) vielgenannten Namen führte.

Nach dem Kriege begegnen wir ihm alsbald als Regierungsassessor in Trier, wo das durch Gastlichkeit und Feinheit der Sitte sich hervortuende Haus des Generals von Ryssel Es gab damals zwei Generäle von Ryssel in der preußischen Armee, beide katholischer Konfession und beide Divisionäre, von denen der eine zuletzt in Neiße, der andre (der im Text erwähnte) in Trier stand. Beide waren früher in sächsischen Diensten gewesen, und einer derselben hatte noch bei Großbeeren eine sächsische Brigade gegen uns kommandiert. Der triersche nahm Anfang der zwanziger Jahre seinen Abschied und starb in Giebichenstein bei Halle. Der Berliner Witz gefiel sich übrigens damals, unter Ausnutzung des Namens »Ryssel«, in folgendem, etwas gewagtem Wortspiele: »Welcher Unterschied ist zwischen einem Elefanten und Friedrich Wilhelm III.?« – Der Elefant hat einen Rüssel und Friedrich Wilhelm hat zwei« ihn anzog, am meisten aber des Generals Tochter, Fräulein Emilie von Ryssel, mit der er sich denn auch, nach kurzem Brautstand, im Sommer 1820 vermählte. Zwei Jahre noch verblieb er in Trier, im schwiegerelterlichen Hause, bis er 1822 unter freudiger Zustimmung seiner jungen Frau, die die landwirtschaftliche Passion mit ihm teilte, nach Gröben hin übersiedelte, das wieder an die Schlabrendorfs zu bringen – ein von Jugend auf von ihm gehegter Wunsch – ihm um ebendiese Zeit gelungen war.

Die Verhältnisse waren ihm bei diesem Wiederankauf ebenso günstig gewesen, als sie sich für den Vorbesitzer und seine Nachkommen einundzwanzig Jahre lang eminent ungünstig erwiesen hatten. Alle Leiden und Nachwehen einer langen Kriegs- und Invasionsepoche waren zu tragen gewesen und hatten zu solcher Verschuldung des Gutes geführt, daß der nunmehrige Kaufpreis desselben in nichts weiterem bestand als in Übernahme der darauf eingetragenen Hypotheken, die sich freilich, wie gesagt werden muß, hoch genug beliefen.

Es gab nun also wieder eine wirkliche Gröbener Gutsherrschaft, und zwar eine, wie man sie lange nicht im Dorfe gekannt hatte, richtiger noch, wie sie nie dagewesen war. Ordnung und Sitte waren mit dem jungen Paare gekommen, auch Beistand in Rat und Tat, und soweit es in Menschenhände gegeben ist, dem Unglück und dem Unrecht zu wehren, soweit wurd ihm gewehrt.

Aber nicht nur die Dorfgemeinde durfte sich der neuen Gutsherrschaft freuen, die neue Gutsherrschaft wußte mit der Erfüllung ihrer nächstliegenden Pflichten auch Schönheitssinn und Sinn für das Allgemeine zu verbinden und erreichte dadurch, daß das Gröbener Herrenhaus auf drei Jahrzehnte hin ein Sammel- und Mittelpunkt geistiger Interessen wurde. Von dem Leben der großen Welt hielt man sich geflissentlich fern, aber was sich darin hervortat, insonderheit als ein »erst Werdendes« hervortat, das empfing entweder aufmunternde Zustimmung oder wohl auch Pflege, solang es solcher Pflege bedurfte. Junge Kräfte wurden unterstützt, Bilder und Büsten in Auftrag gegeben, Reisestipendien erwirkt oder persönlich bewilligt, und wie die Türen allezeit offenstanden, so standen auch die Herzen auf in dem immer sonnigen und immer gastlichen Hause. Diese Gastlichkeit enthielt sich jedes Luxus, ja verschmähte denselben, aber so schlicht sie sich gab, so grenzenlos gab sie sich auch. Und lag schon hierin ein Zauber, so lag er viel, viel mehr noch in der einfach distinguierten Lebensauffassung, die hier still und ungesucht um die Herzen warb, und in dem Ton, der der Ausdruck dieser Lebensauffassung war. Es war ganz der gute Ton jener Zeit (einer über-, aber freilich auch unterschätzten Epoche), ein Ton, der das heutzutage so sehr hervortretende spezialistisch Einseitige vermied und umgekehrt in dem Geltenlassen andrer Beschäftigungen und Richtungen die Pflicht und Aufgabe der Gesellschaft erkannte. Nichts war ausgeschlossen, und Scherz und Anekdote – selbst wenn sich etwas von dem Übermute der damaligen Witzweise darin spiegelte – hatten so gut ein Haus- und Tischrecht wie die Fragen über Kunst und Wissenschaft oder die speziell auch in dem Gröbener Kreise mit Vorliebe gepflegten altpreußischen Thematas von Armee und Verwaltung, von Staat und Kirche.

Sogar Landwirtschaftliches interessierte lebhaft, am meisten freilich den Grafen selbst, der, im Gegensatz zu seinem dilettantisch und skurril herumexperimentierenden Vater, eine große theoretische Kenntnis und alsbald auch ein reiches Erfahrungswissen innehatte, das ihn zu den mannigfachsten Reformen, Einrichtungen und Ankäufen gleichmäßig befähigte.

Bei dieser großen Tüchtigkeit und Umsicht in praktischen Dingen konnt es nicht ausbleiben, daß ihm mehr als einmal, und zwar jedesmal aus Regierungskreisen her, der Antrag gemacht wurde, sich seiner Gröbener Einsamkeit begeben und in die große Welt, in der er in seiner Jugend gelebt und mit der er die Fühlung nie verloren hatte, wieder eintreten zu wollen. Aber er lehnte jedes dahin zielende Wort mit der Erklärung ab: » Ich bin für Gröben bestimmt

Auch das Jahr 1848, das verdoppelt die Forderung einer Rückkehr in das staatliche Leben an ihn stellte, riß ihn nicht heraus; im Gegenteil, er schloß sich inniger an die Seinen an, die seiner Treue mit Treue lohnten, und während das ganze Preußen erschüttert hin und her schwankte, wurde Gröben von keinem anderen Sturm getroffen als von einem wirklichen Orkan, der denn auch die mehrhundertjährige, vor dem Herrenhause wachehaltende Linde niederwarf. Er sah sie den Morgen darauf entwurzelt am Boden liegen und ordnete an, daß sie zu Brettern geschnitten und ein Teil derselben für seinen Sarg beiseite gelegt werde. Lächelnd gab er diese Weisung, und er durft es wie wenige, denn er sah auf das Ende der Dinge mit jener Ruhe, die nur das gute Gewissen gibt. Und wie von seltner Integrität des Charakters, so war er auch von seltner Reinheit der Sitten und von noch seltnerem Edelmut. Ein Beispiel für viele. Bei Kauf und Übernahme von Gröben war ein armes Fräulein, das der Vorbesitzer als Erbin eingesetzt hatte, leer ausgegangen. Es waren eben, wie hervorgehoben, nur Schulden da. Den Grafen rührte das harte Los der Armen, und er gab ihr aus freien Stücken 6000 Taler als ein Geschenk, was in jener geldarmen Zeit als eine große Summe gelten konnte.

Dazu war er heiter und humoristisch. Als die Brennerei, zu der man sich um besserer Gutserträge willen endlich hatte bequemen müssen, unter Dach und Fach war, erhielt sie die Berliner Bibliothekinschrift: »Nutrimentum spiritus«.

Und diese gute Laune zeigte sich ganz besonders auch, als er in seine letzte Krankheit eintrat. Es fehlte selbstverständlich nicht an Aufforderungen, es, ärztlicher Behandlung halber, mit einem Berliner Aufenthalte versuchen zu wollen, aber er antwortete bloß: »Ihr wißt ja, ich bin für Gröben bestimmt; ich war es im Leben und will es auch im Tode sein.«

Und er hatte recht gesprochen. Eine Woche später, und Meister Schreiner hobelte schon die Lindenbretter, wie's Graf Leo gewollt, und am 27. Juli 1851 stand sein Sarg an derselben Stelle, wo damals, als die große Kutsche von Großbeeren her zurückgeschwankt war, seine Wiege gestanden hatte.

Viele Freunde kamen, und sie begruben ihn auf dem Gröbener Kirchhof und gaben dem Platz ein Gitter. Eine Stelle daneben aber ließen sie leer: eine Ruhestätte für seine Witwe.

Gräfin Emilie von Schlabrendorf,
geborne von Ryssel

Diese Witwe war Gräfin Emilie von Schlabrendorf, geborne von Ryssel. An sie ging jetzt Gröben über, in dem ihr noch, durch volle sieben Jahre hin, ein segensreiches Wirken gestattet war.

In brieflichen Mitteilungen über sie find ich das Folgende: »Die Gräfin, wie sie kurzweg genannt wurde, war eine Dame von seltener Begabung und Bildung. Was Gröben durch drei Jahrzehnte hin war, war es, ohne den mitwirkenden Verdiensten anderer zu nahe treten zu wollen, in erster Reihe durch sie. Sie gab den Ton an, sie bildete den geistigen Mittelpunkt und war – übrigens ohne schön zu sein – mit jener anmutenden Vornehmheit ausgestattet, wie wir uns etwa die Goethesche Leonore denken.

Ihr Interesse wandte sich allen Gebieten des Wissens zu, was ihr aber, meines Erachtens, eine noch höhere Stellung anwies, das war ihre mustergiltige Hausfrauenschaft und ihr unbegrenzter, auf Näh und Ferne gerichteter Wohltätigkeitssinn. Immer bereit zu helfen, war doch die gleichzeitig von ihr gewährte geistige Hilfe fast noch trost- und beistandsreicher als die materielle, so reichlich sie diese bot. Es konnte dies geschehen, weil ihr die seltene Gabe geworden war, den ihr aus der Fülle der Erfahrung beinahe mehr noch als aus der Fülle des Glaubens zu Gebote stehenden Rat immer nur in einer allerschonendsten Weise zu spenden. In Grundsätzen streng, war sie mild in ihrer Anwendung, und überall richtete sie die Herzen auf, wo ihre vertrauenerweckende Stimme gehört wurde.

Selbstverständlich eigneten einer solchen Natur auch erzieherische Gaben, und da ihre Ehe kinderlos geblieben war, so war nichts natürlicher, als daß sie – wie zur Erprobung ihrer pädagogischen Talente – Kinder, namentlich junge Mädchen, ins Haus nahm. Es waren dies Töchter aus achtbaren, aber einfach bürgerlichen Häusern, und ihr Erziehungstalent erwies sich in nichts so sehr als in der Art und Weise, wie sie diese jungen Mädchen an allem, was das Haus gesellschaftlich gewährte, teilnehmen ließ und sie doch zugleich für die Lebensstellungen erzog, in die sie, früher oder später, wieder zurücktreten mußten. Es gelang ihr, ihren Pfleglingen eine Sicherheit im Auftreten und in den Formen zu geben, ohne daß infolge davon der gefährliche, weil so selten zu Vorteil und Segen führende Wunsch in ihnen aufgekeimt wäre, die bescheidenere Geburtsstellung mit einer anspruchsvolleren zu vertauschen. All das, ohne jemals durch Hervorkehrung dessen, was man Standesvorurteile nennt, auch nur einen Augenblick verletzt zu haben. Es war ihr eben einfach die Gabe geworden, in Liebe den Glauben zu wecken: ›In allem lebt Gottes Wille, und wie es ist, ist es am besten.‹«

So die Mitteilungen solcher, die die Gräfin noch persönlich gekannt haben. Aber eines vermiß ich darin: ein Hervorheben dessen, was ihr, ich will nicht sagen ausschließlich oder auch nur vorzugsweise, aber doch jedenfalls mitwirkend, ihren Einfluß sicherte. Dies war ihr Katholizismus. Zunächst ihr Katholizismus als einfache Tatsache.

Wer ein Auge für diese Dinge hat, dem kann es nicht entgehen, daß der Katholizismus, all seiner vielleicht berechtigten Klagen und Anklagen unerachtet, eine nach mehr als einer Seite hin bevorzugte Stellung unter uns einnimmt, und zwar am entschiedensten in dem Gesellschaftsbruchteile, der sich die »Gesellschaft« nennt. Es geht dies so weit, daß Leute, die sonst nichts bedeuten, einfach dadurch ein gewisses Ansehen gewinnen, daß sie Katholiken sind. Wie gering ihre sonstige Stellung sein mag, sie werden einer Art Religionsaristokratie zugerechnet, einer Genossenschaft, die Vorrechte hat und von der es nicht bloß feststeht, daß sie gewisse Dinge besser kennt und weiß als wir, sondern der es, infolge dieses Besserwissens, auch zukommt, in ebendiesen Dingen den Ton anzugeben. Also zu herrschen.

Unserer Gräfin Herrschaft aber verdoppelte sich und wurd erst recht eigentlich, was sie war, aus der weit über die bloße Tatsächlichkeit ihres Katholizismus hinausgehenden schönen und klugen Betätigung desselben. Sie war eine strenge Katholikin für sich, in der Berührung mit der Außenwelt jedoch, insonderheit mit der ihr in gewissem Sinne wenigstens unterstellten Gemeinde, betonte sie stets nur das, was beiden Konfessionen das Gemeinschaftliche war, und übte die hohe Kunst einer Religionsäußerung, die der eignen Überzeugung nichts vergab und die der andern nicht kränkte. Sie hatte dies am sächsischen Hofe gelernt und zeigte sich beflissen, diesem Vorbilde schöner Toleranz in allen Stücken nachzuahmen. Es geschah dies in einer ganzen Reihe von Guttaten und kleinen Stiftungen, am erkennbarsten in dem einem Neubau gleichkommenden Umbau der lutherischen Gröbener Kirche, den sie, von der Vorahnung erfüllt, daß sie das Ende desselben nicht mehr erleben würde, durch Kapitalsdeponierungen sicherstellte.

Den 2. September 1858 starb sie, sechzig Jahr alt, und wurde, den dritten Tag danach, ihrem ausdrücklichen Willen gemäß, auf dem protestantischen Kirchhofe der Gemeinde beigesetzt.

Gröben selbst aber fiel an die Schwägerin der Gräfin, an die noch lebende Schwester des bereits 1851 verstorbenen Grafen Leo.


Frau Johanna von Scharnhorst, geborne Gräfin von Schlabrendorf

Diese noch lebende Schwester des Grafen Leo war Frau Johanna von Scharnhorst, geborne Gräfin von Schlabrendorf. Sie trat ihr Erbe (Gut Gröben) an, und da sie, wie weiterhin erzählt werden wird, einige Jahrzehnte vorher auch in den Besitz von Siethen gekommen war, so waren jetzt beide alt-Schlabrendorfschen Güter wieder in Händen einer geborenen Schlabrendorf vereinigt. Freilich nur auf kurze Zeit. Ein Jahr nur, von 1858 bis 1859. Eh ich aber von diesem Wiederaufgeben des Gesamtbesitzes spreche, sprech ich, zurückgreifend, über den Lebensgang der Frau von Scharnhorst bis zu jenem Zeitpunkte (1858), wo Gröben ihr zufiel.

Comtesse Johanna wurde, wie schon hervorgehoben, am 22. April 1803 aus der zweiten Ehe des Grafen Heinrich von Schlabrendorf, die derselbe mit einem Fräulein von Mecklenburg geschlossen hatte, geboren. Es scheint, die Mutter starb früh und überließ Erziehung und Fürsorge dem exzentrischen Vater, der sich dieser Aufgabe denn auch auf seine Weise, das heißt widerspruchsvoll, unterzog. Er liebte die Kleine schwärmerisch und duldete beispielsweise nicht, daß sie von jemand anderem als von ihm oder einer ihr beigegebenen Bonne berührt wurde. Sollte sie spazierenfahren, so stand er bereit, um ihr kavaliermäßig die Hand zu reichen oder sie, solange sie noch klein war, in den Wagen hineinzuheben. Aber diese Galanterien erfuhren doch auch wieder Ausnahmen und waren jedenfalls von nicht allzu langer Dauer. Als die Reisepassion über ihn kam, schwand ihm die Lust, sich um das Comteßchen noch weiter zu kümmern, und er begnügte sich von nun an damit, sie nach hierhin und dorthin in allerlei Pensionen zu geben, am liebsten in ländliche Pfarrhäuser, in denen oft die wunderlichsten Zustände herrschten und Albernheiten und Unpassendheiten um den Vorrang stritten. Aber all dies berührte sie wenig, und glücklichere Tage kamen, als der alte Graf mehr und mehr zurücktrat und die mütterliche Verwandtschaft der immer reizender werdenden Comtesse sich dieser anzunehmen begann. In Sommerzeit war sie mit in den Ostseebädern, am häufigsten in Doberan, und in einer Vier-Schimmel-Equipage ging es dann über die Felder hin oder auch wohl bis an den Heiligendamm, wo zweierlei gleich Wichtiges und gleich Großes zu sehen war: der Hof und das Meer.

Aber dies alles liegt unbestimmt zurück, und klarere Bilder treten uns aus dem Jugendleben der Gräfin erst von dem Tag an entgegen, wo sich die gesamte Familie, Geschwister und Vetterschaft, in Trier zusammenfand, um im Hause des alten General von Ryssel die Vermählung zwischen Emilie von Ryssel und Graf Leo von Schlabrendorf zu feiern. Unter den Schlabrendorfs, die mit erschienen waren, war auch Comtesse Johanna, damals erst siebzehn Jahr alt, und der alte Spruch sollte sich bei dieser Gelegenheit aufs neue bewahrheiten: »auf jeder Hochzeit eine neue Verlobung«. Ihr Tischnachbar war August von Scharnhorst, Rittmeister in dem damals zu Trier in Garnison stehenden 8. Ulanenregiment und ungefähr um dieselbe Zeit, in der Graf Leo das schwiegerelterliche Haus in Trier aufgab, um das kurz zuvor erstandene Gröben zu beziehen, erfolgte die Verlobung und bald danach auch die Verheiratung des tischnachbarlichen Paares: des Rittmeisters August von Scharnhorst und der Comtesse Johanna von Schlabrendorf.

Aber auch die Tage dieses Paares waren in Trier gezählt. Wie Gröben, so geriet auch Siethen, das seine Besitzer innerhalb der letzten dreißig Jahre mehrfach gewechselt hatte, mal wieder zu Verkauf, und Graf Leopold, als er davon hörte, fragte sofort bei Schwester und Schwager an, »ob sie vielleicht geneigt seien, das plötzlich wieder frei gewordene Siethen käuflich an sich zu bringen«. Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde die Frage wahrscheinlich mit einem »Nein« beantwortet oder noch viel wahrscheinlicher gar nicht gestellt worden sein, in Trier aber lagen die Dinge bereits außerhalb des Gewöhnlichen, indem August von Scharnhorst durch einen Sturz vom Pferde sich sehr erheblich, und zwar bis zur Dienstunfähigkeit, verletzt, auch infolge davon sein Entlassungsgesuch bereits eingereicht hatte. So wurde denn freudig zugestimmt und 1825 der Ankauf von Siethen bewerkstelligt, das nun – so wenigstens ging der Plan – für das junge Scharnhorstsche Paar eine gleich glückliche Heimstätte werden sollte, wie das Schwesterdorf Gröben es für das Schlabrendorfsche bereits war. Aber dieser Plan scheiterte. Des um diese Zeit bereits als Major aus dem Dienste geschiedenen Rittmeisters von Scharnhorst gesundheitliche Störungen waren größer als geglaubt, er kränkelte viel, und schon ein halbes Jahr nach Übernahme des Gutes starb er in Berlin (Oktober 1826), wohin er sich in ärztliche Behandlung begeben, und ließ in Siethen ein kaum einjähriges Töchterchen und eine dreiundzwanzigjährige Witwe zurück.

Ein hartes Los war dieser gefallen. Und doch hatte sie dreierlei, was ihr das Leben allmählich wieder lebenswert machte: das Kind, die Schwägerin drüben in Gröben und als drittes den Wetteifer mit dieser in allen guten Werken. Im Beglücken anderer erhob sie sich zu neuer Kraft, und als die Tochter (auch eine Johanna) zu jedermanns Freude heranwuchs und immer mehr das Licht ihres Lebens wurde, da kam ihr auch ein Gefühl des Glückes wieder und in und mit ihm die Hoffnung, die mehr ist als das Glück.

Aber diese Hoffnung erblaßte vor der Zeit und schwand endlich hin für immer. Die Tochter erkrankte, von einem hitzigen Fieber befallen, und starb im schwäbischen Wildbad, wohin sie sich in Begleitung ihrer damals noch lebenden Gröbener Tante begeben hatte.

Das war im Herbst 1857. Untröstlich war die Mutter, die nun in Einsamkeit den Rest ihres Lebens durchlebte.

Eh ich aber diesen Lebensausgang schildere, versuch ich zuvor, ein Bild der zu früh heimgegangenen Tochter zu geben.

Johanna von Scharnhorst

(Nach Aufzeichnungen einer Kaiserswerther Diakonissin)

Johanna von Scharnhorst war eine Mariennatur. Ihre Erscheinung schon gewann die Herzen und war der Ausdruck selbstsuchtsloser Güte. Mutter und Tochter glichen sich in diesem Punkte vollkommen und leben, um dieser selbstsuchtslosen Güte willen, in der Erinnerung der Gröben-Siethener Gemeinde fort.

Im Oktober 1854 kam Fräulein Johanna nach Kaiserswerth, um Diakonissin zu werden. Was sie dazu bestimmte, waren zunächst wohl unerfüllt gebliebene Hoffnungen, Enttäuschungen, über die sie sich nur einmal, in Andeutungen wenigstens, zu mir aussprach; aber weit über eine solche nächste Veranlassung hinaus ruhte der eigentliche Grund zu diesem Schritt in ihrer ganz auf Barmherzigkeit und Liebe gestellten Natur. Sie war, wie wenige, zum Diakonissendienste bestimmt.

In ihrer ersten Jugend schon, so hört ich später, nahm sie sich der Armen und Verlassenen an, und wenn sie durch das Dorf ging und die Kinder mit stumpfem Gesichtsausdruck in der Haustür sitzen sah, sagte sie: »Die Kinder sehen aus, als ob sie keine Seele hätten. Wie helf ich ihnen?«

Es war wohl ein Erinnern daran, was sie jetzt nach einem schmerzlichen Erlebnis, unsrer Kaiserswerther Anstalt, deren Einrichtung und Dienst sie kennenlernen wollte, zuführte. Noch entsinn ich mich des Tages, als sie kam. Ich empfing gleich den Eindruck von ihr, etwas so Lieblichem noch nie begegnet zu sein, und wurde nicht müde, sie anzusehen. Auch weiß ich noch, daß ich in allen Briefen an die Meinigen immer nur von ihr erzählte, trotzdem sie noch kein einzig Wort zu mir gesprochen hatte. Sie trat als Pensionärin ein, beschränkte sich jedoch nicht, wie diese sonst zu tun pflegen, auf Krankenpflege, sondern griff überall ein; sie nahm teil an den Stunden der Seminaristinnen, war in der Kleinkinderschule tätig und wirkte mit im Asyl. Ihre Hauptarbeit freilich gehörte den Kranken, und hier stand sie bald einzig da. Sie war unermüdlich, daneben freundlich und fröhlich, und schon ihre bloße Nähe beglückte.

Nach Ablauf eines Jahres kehrte sie von Kaiserswerth nach Siethen zurück, um daselbst ein Kinderasyl ins Leben zu rufen. Ein in dem reizenden Uetz bei Potsdam befindliches Haus, darin schon zwei Kaiserswerther Diakonissinnen in Tätigkeit waren, sollte zum unmittelbaren Vorbilde genommen werden. Und dies geschah auch. Es war aber ein schweres Beginnen, am schwersten infolge von allerlei Kritik, die das Unternehmen gerade von befreundeter oder doch halb befreundeter Seite her zu erfahren hatte. »Das solle Hülfe sein«, hieß es, »aber es sei keine. Für die Tagelöhner sei nun mal das beste, wenn ihre Kinder auch wieder aufwuchsen, wie sie selber aufgewachsen seien. Und was die Mütter angehe, so taug es nichts, ihnen die Sorge für ihre Kinder abnehmen zu wollen.« All dies traf um so tiefer, als ihm ein Teil Alltagswahrheit zur Seite stand, aber sie kämpfte treu gegen alle laut werdenden Zweifel an, besonders auch gegen die eigenen, und rang sich immer wieder zu dem schönen Glauben durch, daß sich ihr Wunsch mit dem Willen Gottes vereinige.

Ich hatte das Glück gehabt, ihr in den letzten Monaten ihres Kaiserswerther Aufenthaltes näherzutreten, und so kam es, daß sie mich bei sich zu sehen wünschte. Sie schrieb in diesem Sinne von Siethen aus an Pastor Fliedner, und ich selbst erhielt einen Brief, aus dem ich hier folgende Stelle gebe: »Nichts ist schwerer, als in Einfalt des Herzens bleiben; es muß vor allem erbeten werden, und das wollen wir treulich füreinander tun.«

In diesen wenigen Zeilen spricht sich ihr allereigenstes Wesen aus; sie hatte von dieser Herzenseinfalt mehr denn irgendwer, den ich kennengelernt, aber freilich zugleich auch die vollkommenste Demut und sah in sich nichts von all dem Schönen und Bevorzugten, das ihr durch Gottes Gnade so reichlich zuteil geworden war. Es war ihr eben Bedürfnis, andre Menschen höherzustellen als sich selbst und nichts lag ihr ferner als die Vorstellung, daß sie selber ein Vorbild sei.

Ich durfte der an mich ergangenen Aufforderung folgen und traf noch zur Einweihung der Anstalt in Siethen ein. Es war zur Begründung derselben ein Müllerhaus angekauft worden, dessen Besitzer, ein streng kirchlicher Mann, einige Jahre vorher nach Amerika ausgewandert war. Alles gedieh in diesem seinem ehemaligen Heim, und als er nach einiger Zeit davon hörte, schrieb er zurück. »Wie freut es mein altes Herz, daß meine vier Wände nun die Heimstätte für so viel Gutes geworden sind.« Und er rief den ferneren Segen Gottes dafür an.

Ich sagte, daß ich noch zur Einweihung eintraf. Diese fand im August statt. Es war ein schöner Tag, und der Geistliche sprach über die Wichtigkeit unsres Berufes und daß dieser »Beruf des Erziehens zu Gott« ein Glück und eine Ehre für uns sei. Von der Gemeinde fehlte niemand, und unter den erschienenen Gästen war auch Agnes von Scharnhorst (eine Cousine Johannas) und der Verlobte derselben, Baron von Münchhausen. Als Schlußgesang war Johannas Lieblingslied gewählt worden, und während die Kinderstimmen es intonierten, wurde sie, der es galt, tief bewegt, und sie weinte lang und schmerzlich. Gedachte sie doch, wie sie mir später in vertraulichem Gespräche mitteilte, nunmehr zurückliegender Tage, deren Schmerz sich ihr in diesem Augenblick erneuerte. Sie nahm eben Abschied von manchem, was ihr lieb gewesen, und erbat sich Kraft und Mut und Ausdauer zu dem Wege, der nun dunkel vor ihr lag.

Aber er hellte sich auf, dieser Weg, und es kamen auf eine gute Weile, wenn auch freilich nicht auf lange genug, jene glücklichen und gesegneten Tage, die der alte Müller für uns erbeten hatte. Mutter und Tochter wetteiferten alsbald und halfen überall. Es war ein frisches, fröhliches Arbeiten, und ich konnte nach Haus und nach Kaiserswerth hin schreiben, »daß mir ein lieblich Los gefallen sei«. Wir hatten vorsorglich und ängstlich fast mit einer Kleinkinder- und Sonntagsschule begonnen, aber der Feuereifer beider Scharnhorstschen Damen konnte sich kein Genüge tun, und ehe noch viel Zeit ins Land gegangen war, war aus jenen ersten Anfängen auch schon ein Krankenhaus und bald danach auch ein Waisenhaus geworden.

Unter den vielen Gaben, die Johanna für ihren Beruf mitbrachte, war auch die des Erzählens. Sie wußte Geschichten aller Art mit einer ihr eigentümlichen, zu Herzen gehenden Einfachheit vorzutragen und dabei jeden Ton zu treffen, am glücklichsten vielleicht den humoristischen. Es war eine Lust, ihr zuzuhören, wenn sie Grimmsche Märchen oder Glaubrechts hübsche Geschichte von Küppels Michel erzählte.

Dieser heitre Zug, in den sich selbst ein Anflug von Ironie mischen konnte, sprach sich auch sonst noch in ihrem Wesen aus. Einmal hatt ich Urlaub in meine westfälische Heimat genommen, schrieb von dorther und erhielt alsbald einige Zeilen, in denen es hieß: »Es freut mich, daß Sie so treulich an unser kleines und einsames Siethen denken, von dem ich Sie nur noch bitte, den lieben Ihrigen kein allzu sibirisches Bild entwerfen zu wollen.« Sie kannte die komisch-falschen Vorstellungen, die man wenigstens damals noch in Süd- und Westdeutschland von der Mark Brandenburg unterhielt, und widerstand dem Anreize nicht, diese Vorstellungen zu persiflieren.

Ja, sie hatte diesen humoristischen Zug, aber er streute doch nur ein weniges von Frohsinn und Heiterkeit über ihr Leben aus, und was sie, wenn wir über Feld gingen, am liebsten sah: ein weißes Mohnfeld mit ein paar roten Mohnblumen dazwischen – das war recht eigentlich sie selbst. Der Grundton ihrer Seele war elegisch und blieb es auch in ihrer glücklichsten Zeit.

In dieser standen wir jetzt, in jenen Wochen und Monaten, die der Gründung der Anstalt unmittelbar folgten, und wie jegliches um uns her gedieh, so gedieh auch Fräulein Johanna selbst. Es erschien uns oft, als ob ihr unter immer neuer Arbeit auch neue Kräfte kämen. Sie sah frisch aus, frischer als sonst, und als nach einjähriger Tätigkeit ihr Geburtstag unter Teilnahme vieler lieber Gäste gefeiert wurde, flüsterte mir eine Nachbarin zu: »Wie blühend Johanna aussieht.« Und es war so. Freilich täuschten diese blühenden Farben und bargen recht eigentlich die Gefahr, aber noch waren wir ahnungslos, und der Tag selbst verlief uns in ungestörter Freude. Die Kinder sangen ihre Lieder, und weil Johanna selber nicht singen konnte, sagte sie scherzend: »Ich könnte böse sein, keine Stimme zu haben.« – »Ach, du willst zuviel«, antwortete ihr ihr ehemaliger Lehrer und Erzieher in liebevollem Vorwurfe. »Man muß auch nicht alles haben wollen.« So vergingen die Stunden in schöner und gehobener Heiterkeit, was ihr aber im Laufe des Tages die größte Freude gemacht hatte, das waren ein paar Spätrosen gewesen, die man ihr, für den Geburtstagstisch, von den schon überschneiten Stämmen geschnitten hatte. Denn es war der 16. November.

Und der Winter verging, und der Frühling kam. Und als der Sommer da war, da war sie matt, so matt, daß sie, was sie sonst nicht kannte, zu klagen begann. Auch von ihrem Tode sprach sie häufiger und bestimmte, welches Lied an ihrem Grabe gesungen werden solle. So ging es durch Wochen und durch Monate hin. Aber freilich auch hoffnungsreichere Stunden kamen wieder, und als im Juli die Tante Schlabrendorf in Gröben auf ärztlichen Rat ins Wildbad reiste, gehorchte Johanna gern dem Wunsche der alten Gräfin und schloß sich ihr als Begleiterin an.

Anfangs erhielten wir nur gute Nachrichten, sehr gute sogar, und mit einer großen und beinah kindlichen Freudigkeit sprachen ihre Briefe von ihren Erlebnissen, auch von den Auszeichnungen und Ermutigungen, die man ihr hatte zuteil werden lassen. »Und so sehen Sie denn, wieviel Liebes mir begegnet ist.« – »Aber«, so hieß es eine Woche später, »es sind auch schwere Tage für mich angebrochen; ich habe sehen müssen, wie leicht es ist, mich aus der Sammlung heraus- und in die Zerstreuung hineinzubringen, und wie lieb ich noch die Welt habe. Die dunklen Tiefen unseres Herzens können uns ordentlich erschrecken, und ist kein anderer Trost als der einzig eine, daß Er, der diese Dunkeltiefen in aller Deutlichkeit erkennt, auch so viel Geduld und Liebe hat.« Und daran reihten sich dann Worte der Sehnsucht nach Siethen und dem ihr liebgewordenen Wirkungskreise.

Das war Anfang September. Aber schon am 6. hörten wir allerlei Beunruhigendes über ihr Befinden, und am 9. eilte Frau von Scharnhorst an das Krankenbett ihrer Tochter. Sie fand sie besser, als zu hoffen gewesen war, und ich empfing gleich danach einen Brief, der dies bestätigte: »Johanna ist noch recht schwach, aber alles Fiebers unerachtet ruhig. Meine Pflege besteht eigentlich in nichts andrem, als sie vor allem Störenden zu hüten. Ich sitze neben ihr und wehre die Fliegen und richte dann und wann ein beruhigendes Wort an sie. Bitten Sie Gott, daß er uns gnädig ist und seinen Willen tut nach seinem Rat und nicht nach unserem verkehrten Denken.«

Und dieser Rat und Wille war, daß sie von uns genommen werden sollte. Wenige Tage nachdem dieser Brief geschrieben, stellten sich heftige Fieberphantasien ein, in denen die Kranke wunderbare Gesichte hatte; sie sah Gott und Christum und sprach mit ihnen, und nach einer dieser Erscheinungen sagte sie fest und freudig: »Und wenn du gefragt wirst, ob die Herrlichkeit des Herren wirklich so groß sei, dann sage getrost und getreulich: ja.«

Wir aber waren daheim mit unseren Gedanken unausgesetzt um sie, geteilt zwischen Furcht und Hoffnung. Und auch am 13. Oktober abends versammelten wir uns, alt und jung, wieder in der erleuchteten Kirche zu Siethen und beteten unter vielen Tränen um Erhaltung ihres teuren Lebens. Aber um ebendiese Stunde ging ihre Seele in die ewige Heimat ein.

Ihre Hülle wurde nach Siethen übergeführt und im Beisein vieler Hunderte von nah und fern begraben. Auch das alte Fräulein von Görtzke kam von Großbeuthen her herüber und sagte bewegt: »Es war doch ein reich gesegneter Tag, an dem sie auf diese Erde kam.«

 

Alles, was der Mutter noch an Lebensfreude geblieben war, war nun dahin, und das einfache Haus, das seitens der Tochter vor wenig Jahren erst zum Troste Verwaister gegründet worden war, es war jetzt wie mitgegründet für sie. Denn sie war auch verwaist, eine verwaiste Mutter, und der Tochter zu folgen der einzige Wunsch noch, der ihr Herz erfüllte. Sie sehnte sich nach Wiedervereinigung mit ihr, und als der Todesjahrestag gefeiert werden sollte, sagte sie: »Mir ist, als ob wir heut ihren Geburtstag feierten. Ich fühle mich fremd und allein hier und möchte sie doch nicht wiedersehn auf dieser armen Erde.«

Von Aufgaben war ihr nur noch eine geblieben: Ausführung alles dessen, was der Tochter einst ein Wunsch gewesen. Und sie begann damit. Aber eh ein Jahr um war, unterbrach ein neuer Todesfall das eben erst Begonnene: die verwitwete Gräfin Schlabrendorf starb und hinterließ ihr, der Schwägerin, das Gröbener Erbe. Dies hätte nun unter Umständen eine Freude sein können, aber es entsprach wenig den Frau von Scharnhorstschen Ansprüchen und Neigungen, und von dem Augenblick an fast, wo sie das Erbe hatte, beschäftigte sie der Wunsch, es wieder los zu sein. Sie fühlte sich durch dasselbe nicht gefördert und gehoben, sondern nur beengt und gebunden in dem, was ihr einzig und allein noch in der Seele lag, und so kam sie zu dem Entschlusse, beide Güter zu verkaufen. Aber an wen? »Nur an einen Wohlhabenden«, so schrieb sie, »der meinen braven Leuten, wenn sie des Beistandes bedürftig sind, diesen Beistand auch leisten kann und leisten will – nur an einen wohlhabenden Mann von ehrenwerter und frommer Gesinnung will ich die Güter verkaufen, ohne Rücksicht auf einen höheren oder geringeren Preis.« Einen solchen Käufer glaubte sie schließlich in Herrn von Jagow-Rühstädt, Erbjägermeister der Kurmark Brandenburg, gefunden zu haben, der denn auch, nach längeren Unterhandlungen, die beiden Güter für die Summe von 120 000 Talern an sich brachte. Sie selbst erhob nur noch den Anspruch: in Gröben das Herrenhaus beziehen und es auf Lebenszeit als ihren Witwensitz ansehen zu dürfen. Diese Bedingung wurde gern erfüllt, und im Frühjahr 1860 erfolgte Frau von Scharnhorsts Übersiedlung aus dem Herrenhause zu Siethen in das zu Gröben. Es wurd ihr sehr schwer, dieser Umzug und Ortswechsel, und ich finde darüber in einem mir vorliegenden Schwesternbriefe das Folgende: »Frau von S. ließ mich rufen, und wir waren nun das letzte Mal in dem traulichen Siethner Herrenhause zusammen, in dem sie vierunddreißig Jahre lang in Segen gewirkt hatte. Sie war sehr ernst, las mit mir das zweiundvierzigste Hauptstück aus Thomas a Kempis' ›Nachfolge Christi‹ und rief dann ihre Leute herein, um sich von ihnen zu verabschieden. Alles weinte. Danach erhob sie sich, sah sich noch einmal in den alten Räumen um und ging endlich, meine Hand ergreifend, mit mir nach dem Asylhause hinüber. Da legte sie sich nieder, und erst als sie wieder Fassung gewonnen hatte, fuhr sie nach Gröben, das nun, wider ihren Willen, ihr neues Heim geworden war.«

In diesem lebte sie noch sieben Jahr, all jenen Aufgaben hingegeben, die die schöne Hinterlassenschaft ihrer Tochter Johanna bildeten. An die Stelle des alten Fachwerkhauses in Siethen, das fünf Jahre lang und länger als Zufluchts- und Pflegestätte gedient hatte, trat ein massiver Neubau, der den Namen »Tabea-Haus« erhielt, auf dem Kirchhof ebendaselbst entstand eine Grabkapelle nebst einer daran anschließenden geräumigen Leichenhalle, vor allem aber wurd ein Kapital angesammelt und deponiert, aus dem, nach Ablauf einer bestimmten Frist, ein Pfarrhaus und eine selbständige Siethner Pfarre gegründet werden sollte. Die Durchführung all dieser Pläne bot ihr das, was ihr ein immer einsamer werdendes Leben überhaupt noch bieten konnte: den Trost und die Freude der Arbeit. Ebenso wuchs ihre Liebe zu den Kindern, deren Heiterkeit sie suchte, wie der Fröstelnde die Sonne sucht.

Endlich aber war die Stunde da, nach der sie sich seit lange gesehnt. »Als ich von Siethen herüberkam und ihre Hand faßte, kannte sie mich nicht mehr; sie war ohne Bewußtsein. Der Geistliche las ihr, wie sie's in gesunden Tagen eigens gewollt hatte, Bibelsprüche vor, von denen sie den schönen Glauben unterhielt, daß dieselben auch ihren umnachteten Geist durchdringen, ihr Herz erheben und Trost und Heil ihr spenden müßten. Und unter diesen schönsten und schlichtesten Litaneien schlief sie hinüber.«

 

»An geistiger Bedeutung«, so darf ich brieflichen Mitteilungen entnehmen, »stand Frau von Scharnhorst der Gräfin Leo Schlabrendorf nach, aber sie war dieser an Gemüt und Zartheit überlegen. Und dieser Zartheit unerachtet auch an Originalität. Es war dies der Schlabrendorfsche Zug in ihr, etwas Geniales, Sprunghaftes und Blitzendes, das, so gemildert es auftrat, doch gelegentlich an den exzentrischen Vater erinnerte.

Ihrer Liebenswürdigkeit vermochte nicht leicht wer zu widerstehn, und Personen gegenüber, zu denen sie sich hingezogen fühlte, bezeigte sie sich von einer Anmut, von der schwer zu sagen war, ob sie mehr aus ihrer Gefühls- oder ihrer Denkart entsproß. Sie hatte den ganzen Zauber der Wahrhaftigkeit und einer christlich edlen Gesinnung.

Am ausgesprochensten aber erwies sich ihr Wesen in ihrer Pflichterfüllung und Hingebung, die vielfach den Charakter absoluter Selbstverleugnung an sich trug. Es war ihr Bedürfnis, ihr eignes Glück dem andrer zum Opfer zu bringen. Vielleicht (wenn dies je möglich ist) ging sie hierin um einen Schritt zu weit.«

Ein andrer Zug ihres Charakters war ihre Gleichgültigkeit gegen irdischen Besitz, ja fast ihre Verachtung desselben, und noch ihre letzten Lebensjahre gaben einen glänzenden Beweis davon. In derselben Stunde fast, in der seitens des Herrn von Jagow die Kaufsumme für Gröben und Siethen an sie gezahlt worden war, erschien ein Anverwandter von ihr, um ihr seine Verlegenheiten zu schildern. Verlegenheiten, die nicht klein waren und ungefähr wenigstens an die Höhe der eben empfangenen großen Summe heranreichten. Einen Augenblick zögerte sie, weil die Plötzlichkeit und Berechnetheit des Überfalls ihr eine nur zu begreifliche Mißstimmung bereitete, dann aber holte sie mit nervöser Hast alle die kaum erst in ihren Taschen untergebrachten Päckchen aus ebendiesen Taschen wieder hervor und schob sie hastig und stoßweise dem fast ebenso verdutzt wie glückselig und verhimmelnd Dastehenden zu, der aus jeder dieser Bewegungen entnehmen mußte, daß sie das Geld, aber freilich auch den Empfänger so bald wie möglich los zu sein wünsche.

Hieran knöpf ich noch, was ich den Aufzeichnungen einer schon an anderer Stelle zitierten Kaiserswerther Schwester entnehmen konnte: »Mit Frau von Scharnhorst zu verkehren oder sie zu kennen, ohne sie zu lieben, wäre für jeden Menschen unmöglich gewesen. Wenn eins unserer Kinder erkrankte, bestand sie darauf, die Nachtwachen mit uns zu teilen. Ein andermal, als Fräulein Johanna noch spät am Abend nach einem eine Stunde Wegs entfernten Dorfe gerufen wurde, wollte sie die Tochter bei so später Stunde den einsamen Weg nicht machen lassen, und als diese hinwiederum nicht abließ, auf die Hilfe hinzuweisen, die zu bringen ihre Pflicht sei, ging die Mutter selbst aller Tagesmüdigkeit unerachtet.

Unter dem vielen, was ihr oblag, war auch das Ökonomische, die gesamte Wirtschaftsführung, und es zählte mitunter zu den allerschwierigsten Aufgaben, alle Kranken und sonstigen Hausinsassen aus ihrer, der Frau von Scharnhorst, Küche mit zu versorgen. Als ich dann später selbst das Wirtschaftliche lernte, schien es mir mitunter, als verführe sie zu peinlich und akkurat und mache mir die Lehrzeit schwerer als nötig. Aber später hab ich einsehen gelernt, wie dankbar ich ihr gerade für diese strenge Schule zu sein hatte.

Schön war auch das an ihr, daß sie durch Enttäuschungen und Fälle von Vertrauensbruch – immer vorausgesetzt, daß es ein Sachliches war und nicht allerunmittelbarst ihre Person traf – in ihrem Allgemeinvertrauen nicht erschüttert wurde. Sie beklagte dann wohl das einzelne Vorkommnis, aber ließ es keinen Einfluß auf ihre nur auf Trost und Hilfe gerichteten Entschlüsse gewinnen.«

Selbstverständlich mischten sich auch menschliche Schwächen in ihr Tun, und das Nachstehende, das mir von andrer Seite her zugeht und ihrem Bildnis ein paar Schattentöne gibt, wird dasselbe nur um so sprechender und anziehender machen.

»Unzweifelhaft, Frau von S. war eine durchaus vornehme Natur und ausgerüstet mit allen Tugenden eines edlen und großmütigen Herzens. Aber eines fehlte ihr: die rechte Freudigkeit der Seele, was ich doch mehr als einmal als einen wirklichen Mangel empfunden habe. Sie stand nicht nur in der Melancholie, nein, sie pflegte sie direkt, und das alte Fräulein von Görtzke traf es durchaus, als sie mal in ihrer humoristisch-treuherzigen Weise sagte: ›Frau Johanna fühlt sich nur wohl, wenn sie neben ihrer alltäglichen Sorge noch ein ganz besonderes Unglück in der Tasche hat.‹ In der Tat, es war ihr von Jugendtagen an viel auferlegt worden, indessen doch nicht so viel, daß nicht ein glücklicheres Naturell es hätte bemeistern können. Sie wollt es aber nicht und suchte nur umgekehrt nach allem Bittren des Daseins, das für sie längst das Süße geworden war. In ihrem feinen Nervenleben auf jedes Kleinste reagierend, leicht empfindlich und verletzt und als echte Schlabrendorf auch Stimmungen und selbst Launen unterworfen, gelang es ihr nicht, zu jenem schönen Frieden der Seele durchzudringen, nach dem sie sich beständig sehnte. Sie verzieh Kränkungen völlig, aber sie vergaß sie nicht, und so blieb ihr beständig ein Stachel im Gemüte, der sein Wesen dadurch nicht einbüßte, daß er sich zumeist und in erster Reihe gegen sie selber richtete. So wurde sie denn, alles Kämpfens und Strebens unerachtet, von Jahr zu Jahr immer bitterer, und viele kleine Züge legen Zeugnis davon ab. Einer, als besonders charakteristisch, mag hier eine Stelle finden. Es existierten zwei Bilder von ihr, die der Düsseldorfer Professor Hildebrandt in den Tagen seiner und ihrer Jugend gemalt hatte. Das eine dieser Bilder besaß sie selbst, das andere war eine Kopie, die sich ihr Bruder, Graf Leo, bei demselben Maler bestellt hatte. Auch dies zweite Bild kam in ihren Besitz, als sie, nach dem Tod ihrer Schwägerin, der Gräfin Emilie von Schlabrendorf, die Gröbner Erbschaft angetreten. Aber davon ausgehend, daß ihr Andenken und Gedächtnis in keinem Herzen, ihre Siethner Gemeinde vielleicht ausgenommen, liebevoll fortleben werde, war es ihr widerwärtig, ihre Bilder in die Hände fremder und gleichgültiger Menschen übergehen zu sehen. Und so ließ sie denn im Sommer 66, in demselben Sommer, der ihrem Tode vorausging, beide Bilder wohlverpackt in eine Gondel bringen, stieg selbst hinein, fuhr mitten auf den Gröbner See hinauf und versenkte sie daselbst. Mit den Bildern zugleich allerhand Briefschaften und Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit.«

Auf dem Siethner Kirchhofe ruht sie neben der ihr voraufgegangenen Tochter, und die Schöpfungen beider umstehen ihr Grab. An den Schluß ihrer Lebensschilderung aber stell ich folgende Worte: »Zu dem seltenen Glück einer harmonischen Übereinstimmung in Lebensauffassung, häuslichem Verkehr und Freundesumgang gesellte sich hier als seltenste der Gnaden eine jeden Tag neu gesegnete Tätigkeit, eine Wirkungssphäre, wie sie sich einer stillen und hingebenden Liebe zwar nicht ohne Müh und Arbeit, aber doch ihrer ganzen Natur nach fast wie von selber erschloß.«

III
Gröben und Siethen jetzt

Herr Karl von Jagow, Erbjägermeister der Kurmark, hatte, wie hervorgehoben, Gröben und Siethen im Herbst 1859 erworben. Er blieb aber persönlich auf seiner väterlichen Besitzung Rühstädt bei Wilsnack in der Prignitz und übertrug die Verwaltung der beiden Teltow-Güter einem ausgezeichneten Landwirte, der denn auch ohne Verzug allerlei Verbesserungen einleitete. Diese waren in der Tat nötig geworden, da, seit dem Tode Graf Leos, alles zurückgegangen oder doch ins Stocken geraten war. Das Interesse der Frauen drehte sich eben um andere Fragen als landwirtschaftliche. Mit Wiesenkulturen und Bruchentwässerungen, an die sich bald auch eine lohnendere Behandlung der Forstreviere schloß, wurde begonnen, und in rascher Reihenfolge folgten Wirtschaftsgebäude, Tagelöhnerhäuser und Etablissements aller Art. Auch eine neue Brennerei ward als unerläßlich hergerichtet, da das, was sich aus alter Zeit her noch so nannte, kaum noch diesen Namen verdiente.

Zugleich aber war der Wunsch des Herrn von Jagow, eines Besitzes wieder los und ledig zu sein, der viel Anforderungen und wenig Erträge mit sich brachte, von Jahr zu Jahr gewachsen, und er verkaufte deshalb beide Güter im Jahre 79 für die Summe von 180 000 Talern an den Engroskaufmann Badewitz in Berlin. Seitens dieses letzteren ist, der kurzen Spanne Zeit unerachtet, bereits viel geschehen und (um nur eines zu nennen) ein geschmackvolles und modernen Ansprüchen mehr entsprechendes Herrenhaus in Siethen errichtet worden.


Gröben jetzt

Gröben gilt bei seinen Bewohnern und fast mehr noch bei seinen Sommerbesuchern als ein sehr hübsches Dorf. Ich kann aber dieser Auffassung, wenn es sich um mehr als seine bloße Lage handelt, nur bedingungsweise zustimmen. Gröben hat ein märkisches Durchschnittsansehen, ist ein Dorf wie andre mehr, und alles, was als bemerkenswert hübsch in seiner Erscheinung gelten kann, ist seine von einem hohen Fliedergebüsch, darin die Nachtigallen schlagen, umzirkte Kirche.

Diese Kirche wurde gegen Schluß des dreizehnten Jahrhunderts erbaut, und zwar aus Feldstein, wie die meisten unserer Dorfkirchen aus jener Epoche. Wie viele Wandlungen dieselbe während einer vielhundertjährigen Zeit erfahren hat, ist schwer festzustellen, und ich beschränke mich auf Hervorhebung der zuletzt erfolgten. Es war dies ein vollständiger Um- und Neubau, der in den fünfziger Jahren auf Veranlassung der Gräfin Schlabrendorf, gebornen von Ryssel, durch den damaligen Baumeister, jetzigen Geheimen Baurat Adler begonnen und 1860, zwei Jahre nach dem Tode der Gräfin, beendigt wurde. Baumeister Adler, bekanntlich auch Archäolog, hatte sich seiner Aufgabe pietätvoll unterzogen und nicht nur das alte Feldsteinmauerwerk aus dem dreizehnten Jahrhundert beibehalten, sondern auch alles neu Herzustellende, wie Kanzel An dieser in Portlandzement ausgeführten Kanzel befinden sich die Statuetten von Luther, Melanchthon und Calvin, was, unmittelbar vor Einweihung der Kirche, eine Controverse herbeiführte. Da Gröben, von den Tagen der Reformation an, immer lutherisch gewesen war, so protestierte der Geistliche, trotz seiner intimen Stellung zur Patronin, aufs entschiedenste gegen die Zulassung Calvins. Aber Frau von Scharnhorst bestand darauf und drang mit ihrem Willen durch. Es scheint mir indessen unzweifelhaft, daß der Geistliche (Pastor Henschke, Freund und Erzieher Fräulein Johannas) im Rechte war. Es würde doch beispielsweise sehr auffallen und dem entschiedensten Widerspruch aller reformierten Geistlichen begegnen, wenn seitens einer zufälligen Majorität unserer »Kolonie« plötzlich der Beschluß gefaßt werden sollte, die Statue Luthers an den Kanzeln unserer französisch-reformierten Kirchen anzubringen. , Altar, Taufe, dem frühgotischen Stile jener Epoche nachzubilden gewußt. In ebendiesem Stile wurde zuletzt auch eine jetzt rechts neben dem Altar hängende, vom Generallieutenant Grafen zu Dohna herrührende Tafel gestiftet, auf der wir folgender Inschrift in Goldbuchstaben auf dunklem Grunde begegnen: »Frau Gräfin Emilie von Schlabrendorf, geborne von Ryssel, stiftete durch Testamentslegat den Neubau der Kirche. Frau Johanna von Scharnhorst, geborne Gräfin von Schlabrendorf, ließ den Bau der Kirche ausführen und 1860 vollenden.«

Von so bemerkenswerter Schönheit alle diese Details sind, so werden sie doch an Interesse von dem übertroffen, was seitens des Baumeisters aus der alten Kirche mit in die neue hinübergenommen wurde: Grabsteine, Glasfenster, Schildereien.

An Grabsteinen war, als es an ein Abtragen und Niederreißen ging, eine Fülle vorhanden, die nur noch durch die Fülle von Särgen übertroffen wurde, die, dicht nebeneinander, in einer unterm Altar in Kreuzesform angelegten Gewölbereihe standen. Alle diese Gewölbe, weil sie mit Einsturz drohten, mußten zugeschüttet werden, und so kam es, daß uns verschiedene, mit mehr oder weniger interessanten Inschriften und Emblemen versehene Särge verlorengingen. Von den Grabsteinen dagegen sind uns an zehn oder zwölf erhalten geblieben, die, der Mehrzahl nach in den Chorumgang eingemauert, eine malerische Nischenwand hinter dem Altar bilden. Alle sind vorzüglich erhalten, und wenigstens eines derselben mag hier eingehender gedacht werden. Es ist dies der Grabstein eines jungen, schon in den Kirchenbuchauszügen erwähnten Schlabrendorfs, der bei Mollwitz fiel. Die Inschrift lautet: »Steh, Sterblicher, und betrachte die unvergängliche Kron, welche erlanget hat der hochwohlgeborene Ritter und Herr, Herr Johann Christian Siegmund von Schlabrendorf, Seiner Königlichen Majestät in Preußen bei dero Infanterie unter dem hochlöblichen Regiment Seiner Exzellenz des Herrn Generallieutenants von der Marwitz hochverdienter Lieutenant, Herr der Güter Gröben, Beuthen, Jütchendorf und Waßmannsdorf, welcher den 20. Dezember 1711 auf dem Hause Gröben geboren und den 10. April 1741 in der zwischen der preußischen und der österreichischen Armee bei Mollwitz in Schlesien vorgefallenen scharfen Aktion, in der auf seiten der Preußischen der Sieg geblieben, durch einen Musketenschuß, so ihn durch den Kopf getroffen, für Gottes, des Königs und des Vaterlandes Ehr und Rechte seinen Heldengeist aufgegeben, nachdem er sein Alter gebracht auf neunundzwanzig Jahr und vier Monat.«

Ein andrer Schlabrendorf, der fünfundfünfzig Jahre früher vor Ofen fiel und auch ebendaselbst begraben wurde, hat selbstverständlich keinen Grabstein in Gröben, sondern nur eine Gedächtnistafel, mit einer Malerei darüber. Man sieht einen Fluß (die Donau), an dessen Ufer hüben und drüben zwei bastionsartige Festungswerke: Pest und Ofen, liegen. Über dem einen Festungswerke steht eine große, rauchumhüllte Feuerkugel, die mutmaßlich als eine platzende Bombe gelten soll. Eine naive symbolische Darstellung eines durch Bombardement erlittenen Todes. Darunter steht: »Der hochedel geborene Herr, Herr Gustavus Albertus von Schlabrendorf, ist geboren Anno 1665 den 21. Juni, sein Leben aber hat er beschlossen am 15. Juli Anno 1686 als Fähnrich und tapfrer Soldat in Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht von Brandenburg Armee vor der Festung Ofen in Ungarn.

So griff der tapfre Held zugleich den Erbfeind an,
Sein unerschrockner Mut ließ seine Kraft nicht fallen,
Es war ihm nur zur Lust, Kartaunen hören knallen,
Und rühmet jedermann, was dieser Held getan.
Wohl, seine Tapferkeit nun auch sein Leben zeigt,
Das er fürs Vaterland beherzt hat hingegeben,
Es soll sein Nam und Ehr bei Mit- und Nachwelt leben,
Unsterblich der, des Ruhm bis an die Wolken steigt.«

Soviel über die Schildereien und Grabsteine. Wichtiger ist das schon erwähnte Glasfenster mit dem Schlabrendorfschen Wappen und der Bischofsmütze darüber, das mit großer Wahrscheinlichkeit als ein Geschenk des Havelberger Bischofs, Johann von Schlabrendorf, anzusehen ist. Außer seinem historischen Interesse hat es auch ein kunsthistorisches, insoweit es uns ein Beispiel (deren es wohl nicht allzu viele mehr geben dürfte) von der Art und Weise der zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts in unsrer Mark in Übung gewesenen Glasmalerei gibt.

Aus der Kirche schreiten wir nunmehr dem Dorfausgange zu, wohin der Kirchhof ums Jahr 1811 verlegt wurde. Schon das Jahr darauf empfing der neue Begräbnisplatz ein Sandsteinmonument, dessen auffallende Stattlichkeit sich bei der in den Kriegsjahren überall herrschenden Armut einzig und allein aus der Aufregung erklären läßt, die damals in Veranlassung eines besonderen Unglücks- und Todesfalles in der Gröbener Gemeinde hervorgerufen wurde. Noch jetzt lebt die Geschichte fort und wird mit mutmaßlichen Ausschmückungen wie folgt erzählt.

Es war die Zeit, wo wieder, wie alljährlich, das zu drei, vier Stämmen zusammengebolzte Floßholz in langer, langer Linie die Nuthe herunterkam, um erst bei Potsdam in die Havel und dann bei Havelberg in die Elbe zu gehn. Und wie gewöhnlich hatte man auch diesmal wieder allerlei Mannschaften an Bord kommandiert, die, mit Rudern und Stangen in der Hand, durch beständiges Abstoßen vom Ufer das Auf- und Festfahren des Floßholzes hindern mußten. Es waren ihrer elf, lauter junge Bursche von Trebbin und Thyrow her, darunter auch des Gröbener Kiezer-Schulzen ältester Sohn. Denn Gröben, trotzdem es nur ein kleines Dorf ist, hat doch ein wendisches Anhängsel, einen »Kiez«, auf dem die Fischer wohnen bis diesen Tag. Und auf dem Floße war gute Zeit, und immer die, die nicht Dienst hatten, hatten sich's bequem gemacht und lagen auf Strohbündeln in einer großen Bretterhütte. Da vergnügten sie sich und trieben allerlei Kurzweil und trieben es arg. Es war aber Sonntag, und um die neunte Stunde zog ein Wetter herauf, wie noch keines hier gewesen, und war ein Blitzen, als ob feurige Laken am Himmel hingen. Und einer, dem es bang ums Herz wurde, war vor die Hüttentür getreten und betete zu Gott, daß er sich ihrer erbarmen und ein Ende machen und ihnen den erlösenden Regen schicken möge. Denn es war ein Trockengewitter und noch kein Tropfen gefallen. Des Kiezer-Schulzen Sohn aber und ein Kossätensohn aus Thyrow, die verspotteten ihn und luden ihn wieder hinein (hell genug sei's ja), da wollten sie knöcheln. Und sie fingen auch an, und der Thyrower warf dreizehn, weil ihm der eine Würfel zersprang. Aber in selbem Augenblicke fuhr es auch nieder und warf Blitz und Schlag, und alles entsetzte sich und stob auseinander – alles, was in der Hütte gelegen hatte. Nur die beiden Spötter nicht, die lagen tot auf dem Floß und lagen da bis an den andern Morgen, wo man sie zu holen kam. Auch von Thyrow kamen welche. Des Kiezer-Schulzen Sohn aber kam auf den Gröbener Kirchhof und war der erste, den sie da begruben, und kriegte den Stein und die Inschrift darauf. –

Fast unmittelbar neben diesem Stein ist die Grabstätte Graf Leo Schlabrendorfs und seiner Gemahlin. Es ist ein umgitterter Platz, und der Sockel eines in Sandstein ausgeführten Kruzifixes, das zu Häupten beider Gräber steht, trägt folgende Doppelinschrift. Links: »Ernst Leopold Graf von Schlabrendorf zu Gröben, geboren 13. Mai 1794, gestorben 27. Juli 1851.« Rechts: »Karoline Christiane Emilie Gräfin von Schlabrendorf, geborne von Ryssel, geboren 4. Oktober 1797, gestorben 2. September 1858.«

Das Kruzifix ist einer süddeutschen Arbeit nachgebildet und zeichnet sich durch Stil und Schönheit aus. Seine vergoldeten Nägelköpfe fielen ein paar vorüberziehenden Strolchen zum Raube, die hier mit frecher Hand eine Verstümmlung übten; aber die Verstümmlung hat dem Heilandsbild in nichts geschadet, und nur ernster und ergreifender sprechen seitdem seine dunklen Male.

Siethen jetzt

Auch Siethen hat nur ein märkisches Durchschnittsansehen, verfügt aber, ebenso wie Gröben, über Denkmäler, alte und neue, von einem gewissen historischen Interesse. Dahin gehören die Kirche, der Kirchhof und vor allem auch die Stiftungen, die die beiden Scharnhorstschen Frauen, Mutter und Tochter, hier ins Leben riefen.

Unter diesen Stiftungen steht das 1855 interimistisch, in seiner gegenwärtigen Gestalt aber erst 1860 als Erziehungs- und Waisenhaus gegründete Tabea-Haus obenan. Es ist ein schlichtes, einstöckiges Gebäude, das baulich wenig auffällt. In einem Vorgarten spielen Kinder und überraschen ebensosehr durch den freundlichen Ausdruck ihrer Augen wie durch die Sauberkeit und Gleichförmigkeit ihrer Tracht. Über das Walten in diesem Hause, desgleichen über die Bestimmung, Einrichtung und Ausschmückung seiner Räume geh ich hinweg und begnüge mich, eines Bildes Erwähnung zu tun, das in dem in Front gelegenen Empfangszimmer hängt. Es ist ein von dem Maler Professor Remy herrührendes Bildnis Fräulein Johannas in Diakonissentracht, aus dem all das spricht, was ihr Wesen ausmachte: Güte, Demut, frommer Sinn und eine dem Irdischen bereits abgewandte Freudigkeit. Auch jene blühenden Farben fehlen nicht, die, mehr als damals geahnt, auf eine nur kurze Pilgerschaft hindeuteten.

Gegenüber dem Tabea-Hause liegt die (wie die gröbensche) wohl auch dem dreizehnten Jahrhundert entstammende Feldsteinkirche. Während aber die Gröbner in den fünfziger Jahren einen Neubau erfuhr, erfuhr die Siethner eine bloße Renovierung. Diese richtete sich unter anderm auch auf Wiederherstellung der sehr malerischen, aber zum Teil verblaßten und unscheinbar gewordenen Wappenschilde, die die Wandung der Emporen umkleideten und ungefähr einer Namensaufzählung aller Familien, mit denen die Schlabrendorfs einst versippt und verschwägert waren, entsprachen. Aus der Reihe dieser Familien nenn ich nur folgende: Pfuel, Hake, Katte, Waldenfels, Wuthenow, Schlieben, Putlitz, Krummensee, Burgsdorf, Schulenburg, Thümen, Blumenthal, Schöning, Arnim, Wedel, Bellin. Über minder gekannte geh ich hin und hebe nur noch hervor, daß es die beiden Cousinen Johanna von Scharnhorst und Agnes von Scharnhorst waren, die sich dieser mühevollen und Jahr und Tag in Anspruch nehmenden Arbeit unterzogen.

Aus der Kirche treten wir auf den schönen, im Schutze prächtiger Bäume gelegenen Kirchhof hinaus und werden an seiner nordwestlichen Einfassungsmauer eines ansehnlichen, in romanischem Stile gehaltenen Baues ansichtig, der unsere Neugier weckt. Auf unsre Frage hören wir, daß es die schon erwähnte Grabkapelle samt Leichenhalle sei, die Frau von Scharnhorst – auch darin einem von der Tochter geäußerten Wunsche wallfahrend – um das Jahr 60, und zwar unter Aufwand ziemlich bedeutender Mittel, errichtet habe. Zu Nutz und Frommen der Siethner, aber – nur in Absicht und Vorstellung. In Wirklichkeit ist noch kein Toter aus Siethen in diese Halle gestellt und noch kein Totengebet über ihn hin in der unmittelbar anstoßenden Kapelle gesprochen worden.

Und hier ist nunmehr die Stelle gegeben, wo Kritik geübt werden muß, ich weiß nicht, ob mehr an den Siethnern oder an den zwei frommen Frauen.

Dieser letzteren Tun und Wirken war unzweifelhaft in hohem Maße segensvoll und förderte nicht bloß, wie sich statistisch nachweisen ließe, jegliches Gute, sondern stimmte die Dorfbevölkerung auch zu ganz aufrichtigem und in mehr als einem Falle zu geradezu bewunderndem Dank. An dieser erfreulichen Hauptsache wird nichts geändert. Aber andrerseits gingen beide Damen in ihrem Hochfluge gelegentlich zu weit, und wie Kaiser Joseph einst dem österreichischen Volke mehr Aufklärung gab, als es haben wollte, so gaben hier die Scharnhorstschen Damen ihren Siethnern ein Maß von Fortschritt, Wohltat und Hilfe, das über das Verständnis und jedenfalls über Wunsch und Bedürfnis all derer hinausging, die dadurch beglückt werden sollten. Beide Damen verkannten die bäuerliche Natur, unterließen es, die Macht der Gewohnheit und Sitte gebührend in Rechnung zu stellen, und scheiterten deshalb in allem, was über die direkte persönliche Hilfe hinauslag und, im besten Sinne reformatorisch gemeint, aufs Allgemeine hin angesehen sein wollte.

Dies zeigte sich bei jeder ihrer Stiftungen: bei Grabkapelle, Leichenhalle, Tabea-Haus, und zwar in immer gleicher oder doch verwandter Weise.

Die Grabkapelle samt Leichenhalle war darauf berechnet, namentlich bei Typhusepidemien, vor den Gefahren der Ansteckung zu schützen. Aber das war lediglich im Sinne der Humanität und keineswegs im Sinne der Siethner gedacht. In Siethen verstieß es gegen das Herkommen, und jeder Tagelöhner und Büdner sagte: »Gefahr hin, Gefahr her. Es paßt sich nicht und ist schlecht und feige, solcher Gefahr aus dem Wege gehen zu wollen. Unser Vater oder Kind ist nun tot, ist uns genommen nach Gottes Willen, und ob wir's bequem haben oder nicht, dieser Tote, solang er über der Erde, gehört in unser Haus, und uns liegt es ob, an seinem Sarge zu wachen, unbekümmert darum, ob er uns nachzieht oder nicht.« Es mag dies vor dem Verstande schlecht bestehen, vor dem Herzen desto besser, und ich habe nicht den Mut, einer Gemeinde zu grollen, die lieber ihre Leichenhalle zerfallen sehn, als ihre Toten vor dem Begräbnis aus dem Auge lassen will.

Ein Ähnliches ist es mit dem Tabea-Haus. Es kommt – darin seine Bestimmung erfüllend – allerdings Armen- und Waisenkindern zugut, aber immer nur Waisenkindern aus dieser oder jener, oft sehr entfernten Stadtgemeinde, während noch kein Siethner Kind als Pflegling in das Haus aufgenommen werden konnte, selbst dann nicht, wenn beide Eltern weggestorben waren. Es ist eben in solchem Falle der nächsten Anverwandten Amt und Ehrensache, für die Verwaisten einzutreten, und sie würden sich mit einem nicht zu tilgenden Makel behaften, wenn sie sich dieser Pflicht entschlagen wollten.

Und ablehnend wie gegen Tabea-Haus und Leichenhalle verhalten sich die Siethner auch gegen die Wohltat einer selbständigen Pfarre, trotzdem ihnen, wie schon hervorgehoben, ein sehr bedeutendes und vollkommen ausreichendes Kapital zu diesem Zwecke zugesichert wurde. Hier spricht nun freilich außer Gewohnheit und Pietät auch noch ein drittes und viertes mit: Argwohn und unendliche Schlauheit. Aus Tradition und eigner Erfahrung weiß der Bauer, daß sich an jedes Geschenk über kurz oder lang eine Pflicht zu knüpfen pflegt, und dieser aus dem Wege zu gehn ist er unter allen Umständen entschlossen. Ein Pfarrhaus ist bewilligt worden, gut; aber es kann doch eine Zeit kommen, ja, sie muß kommen, diese Zeit, wo die Fenster im Pfarrhause schlecht, die Staketenzäune morsch und die Dachziegel bröcklig werden. Und wer tritt dann ein? von wem erwartet man dann die Hilfe? Natürlich von der neuen Kirchengemeinde, der der neukreierte Herr Pfarrer nunmehr vielleicht seit lange schon, seit einem Menschenalter und länger, in Ehren und Würden vorgestanden hat. Und das will der Bauer nicht. Er weiß nichts von timeo Danaos, aber er hat alle darin verborgene Weisheit und Vorsicht in seinem Gemüte, und jederzeit abgeneigt, den Beutel zu ziehen, auch wenn es sich erst um weit, weit ausstehende Dinge handelt, bleibt er lieber Filial, als daß er sich der Auszeichnung eines eignen Pfarrsitzes Während der Verhandlungen, die bereits vielfach über die Pfarrgründungsfrage stattgefunden haben, ist es bis jetzt ganz unmöglich gewesen, den Bauer aus dem Sattel zu heben. Auf die Bemerkung: »Und ihr werdet dann auch nicht länger nötig haben, eure Kinder bei Winterwetter eine halbe Meile weit zum Konfirmationsunterricht zu schicken«, antwortete man einmütig: »Ei, auf diese zwei Tage freuen sich ja die Kinder die ganze Woche; da haben sie Schlitterbahn und schneeballen sich und kommen immer frisch und munter nach Hause.« erfreuen sollte.

Der Kirchhof, auf den wir jetzt zurücktreten, ist reich an Steinen und Kreuzen, auf denen einzelne klangvolle Namen zu lesen sind. »Ernst Carl Leopold von Uslar-Gleichen« und an andrer Stelle: »Hier ruht Frau Clara von Chaumontet, geborne Gräfin zu Dohna.« Beide waren Scharnhorstsche Verwandte, die hier vom Tod überrascht oder doch zu früher Lebensstunde von ihm gebannt und festgehalten wurden.

Aber auch solche ruhen hier, die der Tod an diese Stelle nicht unerbittlich bannte, sondern die sich's umgekehrt als einen letzten Wunsch ausbaten, hier ruhen zu dürfen. » Ihrem Wunsche gemäß ruht hier Sophie Elisabeth Luise Honig, geboren zu Berlin den 17. März 1790, gestorben ebendaselbst den 21. November 1843.« Ihr Vater hatte Siethen bis Ende des Jahrhunderts besessen, und in Kindertagen hatte sie hier gespielt. Hier zwischen den Gräbern. Es war ihr in Erinnerung geblieben, und nun verlangte sie's nach dieser Stelle, der einzigen vielleicht, an der sie glücklich gewesen war.

Eine größre, von einem Eisengitter eingefaßte Grabstätte liegt in der Mitte des Kirchhofs, fast dem Tabea-Hause gegenüber. Es ist die Stätte, wo beide Johanna von Scharnhorsts, Mutter und Tochter, ruhn. Ein Steinkruzifix, wie das gröbensche, steht zu beider Häupten, und nur zu Füßen des Gekreuzigten erhebt sich an dieser Stelle noch eine zweite Figur: eine betende Maria. Blumen und Efeu wachsen über die Gräber hin, und Trauereschen umstehen das Gitter. In den Sockel des Kruzifixes aber sind folgende Namen und Daten eingetragen: »Johanna von Scharnhorst, geborne Gräfin von Schlabrendorf, geboren am 22. April 1803, gestorben am 6. Januar 1867.« Und links daneben: »Johanna von Scharnhorst, den 16. November 1825 zu Trier geboren, den 13. Oktober 1857 zu Wildbad dem Herrn entschlafen.«

Und nun nehmen wir Abschied und schreiten ohne weitre Säumnis aus dem Dorf auf die schmale Dammstelle zu, die, genau halben Wegs zwischen den Schwesterdörfern, eine mit wenig Bäumen bestandene Landenge bildet und nach rechts hin einen Blick auf den Siethner und nach links hin auf den Gröbener See gestattet.

In gleicher Schönheit breiten sich beide vor uns aus, aber während der mehr flachufrige Gröbener See sich endlos auszudehnen und erst am Horizont inmitten einer im blauen Dämmer daliegenden Hügelkette seinen Abschluß zu finden scheint, ist der Siethner enger und dichter umstellt, und die Parkbäume neigen sich über ihn und spiegeln sich darin. Auf beiden aber ruht derselbe Frieden und dieselbe Schwermut. Und diese Schwermut ist ihr Zauber. Ein matter Luftzug geht, und nur matter noch geht und klappert die Mühle. Die Wasserente taucht, und aus der Tannenschonung steigt ein Habicht auf, um die letzten Sonnenstrahlen einzusaugen – jetzt aber verflimmert es rot und golden im Gewölk, und im selben Augenblicke schießt er wieder ins Dunkel seiner Jungtannen nieder.

Auch die Mühle schweigt und der Wind. Und alles ist still.

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