Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Fontane >

Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
Schließen

Navigation:

Rechts der Spree

Buch

Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde,
Was fang ich an!
Th. Storm

Zwei Meilen nördlich von Berlin liegt das Dorf Buch, reich an Landschaftsbildern aller Art, aber noch reicher an historischen Erinnerungen. Einer unserer Lustgartenomnibusse führt den Reiselustigen über Pankow und Schönhausen bis an die Grenze von Französisch-Buchholz, etwa halber Weg; wir aber, in jenem stolzen Wandergefühl, das sich nach Strapazen sehnt, haben den Omnibus verschmäht und treffen erst mit der untergehenden Sonne vor Buch ein.

Gleich der Eintritt ins Dorf ist malerisch. Eine Feldsteinbrücke wölbt sich über ein Wässerchen, das schäumend einen Bergabhang herniederkommt, die Häuser steigen in leiser Schlängellinie bergan, und nach links hin, als woll er das Dorf in seinen Arm nehmen, zieht sich, waldartig, ein ausgedehnter Park. Anders nach rechts hin, wo sich Wiesen und Felder dehnen, deren Stille nur von Zeit zu Zeit das Rasseln eines vorüberfahrenden Eisenbahnzuges unterbricht.

Wir haben die Feldsteinbrücke passiert und die Mitte des Dorfes erreicht. Hier begegnen wir endlich einem seit einer halben Stunde herangesehnten Bilde. Krippen lehnen sich an die Wand, ein Planwagen steht zur Seite, drauf ein Spitz die Wache hält, und von über der Tür des Hauses her grüßt uns das Wörtchen »Gasthaus«. Einige Stufen führen uns in den Flur und der Flur wieder in die Küche, drin ein Dutzend Hände geschäftig ist und das überkochende Wasser eben in die Herdflamme zischt. Unbestimmte Vorstellungen von einem »Hier ist es gut sein« erfüllen unser Herz; aber alle Zimmer im Hause sind bereits vergeben (eine Hochzeit ist im Dorf), und so haben wir uns schließlich noch zu beglückwünschen, uns von der freundlichen Frau Wirtin ein Abendbrot und ein Strohlager samt ein paar Decken zugestanden zu sehn.

Und nun beurlauben wir uns, um unsern ersten Gang in den Park zu machen.

Die Zeit des Sonnenuntergangs ist die geeignetste dazu – die grauen Schleier des Abends sind es, die diesem Parke kleiden. Wo Springquellen hoch in die Luft steigen und des Lichts bedürfen, um in allen Farben zu schillern, wo Blumenvierecks in den Rasen eingewoben sind oder Statuen in den grünen Nischen stehen, da mag es geraten sein, um Morgen- oder Mittagszeit auf und ab zu schreiten. Aber ein solcher Park ist nicht der, in den wir eben eingetreten sind. Nicht Kaskaden und Fontainen sind hier zu Haus, kein Bach rieselt und plätschert über Steine hinweg, als liefen spielende Kinder durch den Garten, ein stiller und breiter Graben nur durchschneidet ihn und dehnt sich aus, als wär es ein Teich. Die Buche hängt ihr Gezweige tief in das Wasser nieder, und die Tanne streut ihre Schuppenäpfel über die Kiesgänge hin. Alles Bunte fehlt. Die Rüsternalleen, die sich wie Kirchenschiffe wölben, erscheinen nicht wie Weg und Steg in die freie Natur hinaus, sondern wie Gitter und Spaliere gegen dieselbe. Dieser Park hat zu lachen verlernt. Wenn das Sonnenlicht auf ihn fällt und ihn erheitern will, ist es wie eine Witwe, die man mit Bändern und Blumen schmückt.

Es war neun, als wir aus dem Park in das Wirtshaus zurückkehrten und uns an den gedeckten Tisch setzten, der unsrer schon wartete. Bald danach erschien auch die Magd, um unser Nachtlager herzurichten. Ein paar nach oben gekehrte Stühle gaben die Schrägung, eine Schütte Stroh ward ausgebreitet, und zwei große rote Deckbetten, deren jedes mich an eine dicke, wulstige Päonie gemahnte, vollendeten den Hoch- und Tiefbau, darin wir eine halbe Stunde später versanken.

Müdigkeit sorgte für Schlaf, und statt unsrer Träume sei hier die Geschichte Buchs und seiner vier alten Familien: der Röbel, Pöllnitz, Viereck und Voß, erzählt.

Zunächst ein Wort über die Röbels.

Die Röbels

Die Röbels kamen etwa gleichzeitig mit den Askaniern in die Mark und gehörten einem Geschlecht an, das sehr wahrscheinlich von der am Müritz-See gelegenen Stadt Röbel (im Mecklenburgischen) seinen Namen führte. Schon im Landbuche von 1375 genannt, waren sie später im Norden und Nordosten von Berlin ansehnlich begütert und besaßen allda die samt und sonders im jetzigen niederbarnimschen Kreise gelegenen Ortschaften: Schönfließ und Schöneiche, Birkholz und Blankenburg, Wartenberg, Hohenschönhausen und Buch.

In teilweisem Besitze dieses letztren finden wir sie schon vor Beginn der hohenzollerschen Zeit, aber erst um 1541 kam das ganze Dorf Buch in ihre Hände.

Das war unter Hans von Röbel. Derselbe war kurbrandenburgischer Rat und gehörte mit zu den eifrigsten Anhängern und Beförderern der Reformation.

Ebendesselben Geistes waren seine zwei Söhne Joachim und Zacharias von Röbel, von denen der erstere, der mit einer Hedwig von Krummensee vermählte Joachim, die freundschaftlichsten Beziehungen zu Philipp Melanchthon unterhielt. Diese Beziehungen waren der Art, daß der Reformator (und zwar allem Anscheine nach wiederholentlich) auf Besuch nach Buch kam und zwei Kinder Joachims von R. über die Taufe hielt. Er machte bei dieser Gelegenheit der Kirche zu Buch ein aus den Werken Luthers bestehendes Geschenk, zehn Bände, in deren zehnten Band er einen Paulinischen Spruch aus dem Brief an die Kolosser: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern, und singet dem Herrn in eurem Herzen«, eigenhändig eingetragen hat. Darunter die Jahreszahl 1559. Dieses Geschenk ist bis diesen Tag das Wertstück und die Zierde des Bucher Kirchenarchivs. Allerdings scheinen nicht alle Mitglieder der damaligen Röbelschen Familie von gleich ausgesprochener Kirchlichkeit gewesen zu sein. Einige waren Lebemänner, insonderheit Andreas von Röbel, ein am Hofe zu Cölln a. d. Spree hochangesehener Gast. Und zwar hochangesehen wegen seines adligen Zechens.. Erst um 1577, als er zur Bekleidung eines geistlichen Ehrenamtes an den Havelberger Dom berufen wurde, schien es nötig, ihn einen Enthaltsamkeitsrevers unterzeichnen zu lassen. In diesem hieß es: »... Und so will ich denn bei jeder Mahlzeit mit zwei ziemlichen Bechern Biers und Weins zufrieden sein. Sollt ich das aber übertreten und einmal trunken befunden werden, so will ich mich in der Küche einstellen und mir vierzig Streiche weniger eins (wie dem heiligen Apostel Paulus geschehen ist) von denen, so Ihro Kurfürstliche Gnaden dazu verordnen werden, mit der Rute geben lassen.

Joachim von Röbel war aber auch ein Kriegsheld und bracht es zu den höchsten militärischen Ehren in brandenburgischen, sächsischen und zuletzt auch in kaiserlichen Diensten. Er zeichnete sich namentlich in der blutigen Schlacht bei Sievershausen aus, in der Moritz von Sachsen fiel. Im Jahre 1572 besuchte er, als kaiserlicher Feldmarschall, seinen Bruder Zacharias von Röbel, der damals in der Festung Spandau kommandierte. Bei dieser Anwesenheit verschied er im siebenundfünfzigsten Jahre seines Alters und ward in der Spandauer Nikolaikirche beigesetzt. Drei Jahre später, 1575, starb auch sein Bruder. Ein beiden errichtetes Denkmal bewahrt ihre Namen in obengenannter Kirche. Beide sind gleich gewaffnet, in Plattenrüstung mit Schwert und Morgenstern. Dazu folgende, die Kriegstaten Joachims von Röbel verherrlichenden Reime:

Der edel und viel kühne Held
Joachim von Röbel, ich dir meld,
Von Jugend auf mit gutem Rat
Gar manche Schlacht besuchet hat.
In Holstein, Fünen, Kopenhagen,
In Ungarn, Frankreich tat er's wagen,
Der Graf von Oldenburg sein' Mut
Gespürt; der Sachs ihm auch war gut:

Zum Wacht- und Rittmeister ihn macht';
Feldmarschall ihn vor Magd'burg bracht.
Clauß Die »Klaus« in Tirol, um deren Besitz sich auf Kurfürst Moritz' Zuge nach Innsbruck ein heftiger Kampf entspann. er auch half nehmen ein,
In Ungarn Feldmarschall sollt sein.
Feldmarschall im Braunschweiger Land
War er, braucht' ritterlich sein' Hand;
Da Herzog Moritz fiel, der Held,
Feldmarschall er war kühn im Feld.
Feldmarschall er vor Gotha kam,
Kurfürst August ihn mit sich nahm.

Ein Sohn dieses Feldmarschalls Joachim von R. war Ehrentreich von Röbel, der, neben Stipendien und anderen zahlreichen Stiftungen, auch ein »Röbelsches Erbbegräbnis«, und zwar in der Marienkirche zu Berlin, errichtete. Dasselbe zeigt die vor einem Kruzifix knienden lebensgroßen Figuren Ehrentreichs selbst und seiner Gemahlin Anna von Göllnitz, gestorben 1630. Jener – ein wohlbeleibter Herr mit stattlichem Bart – trägt die Ritterrüstung des siebzehnten Jahrhunderts, diese die kleidsam Frauentracht jener Zeit: ein langes Gewand mit weiten, faltigen Ärmeln und eine Flügelhaube. Auch eines andern Röbel noch, der sich im siebzehnten Jahrhundert auszeichnete, möcht ich hier flüchtig und in einer Anmerkung wenigstens erwähnen dürfen. Es war dies der Oberst Dietrich von Röbel auf Hohenschönhausen, der, »durch den sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. mit Führung eines Regiments zu Fuß begnadigt, an der Spitze dieses Regiments mit vor Wien und Ofen war und unterschiedenen Campagnen und Battalgen beiwohnte«. Des Krieges endlich müde, zog er sich um 1690 oder doch nicht viel später auf sein väterliches Gut (Hohenschönhausen) zurück und begann daselbst die kleine Steinkirche zu schmücken. Zu Helm und Schild einer mutmaßlich längst zurückliegenden Epoche hing er die Fahnen und Feldzeichen seines sächsischen Regiments und bekleidete die Wandung der Empore mit den Wappenschildern aller ihm durch Heirat verwandt gewordenen Familien: der Sparrs und Flanß', der Pfuels und Arnims und insonderheit der jetzt ausgestorbenen, aber im siebzehnten Jahrhundert über den ganzen Barnim hin reich begüterten Krummensees. Soviel über die Röbels. Von den andern drei Familien an andrer Stelle.

Die Sonne weckt uns bei guter Zeit. Das rote Deckbett hat uns mit all seiner Schwere nicht sonderlich gedrückt, und aufspringend eilen wir ans Fenster und lassen den Sommermorgen ein. Auch das Frühstück kommt, und die Lindenbäume draußen sorgen für Duft und Klang. Ein Blick noch auf das Strohlager, den Schauplatz unseres stillen Muts, und wir treten in die Dorfgasse hinaus, um zunächst dem Schlosse drüben unsern Frühbesuch zu machen.

Das Schloß zu Buch ist ein Flügelbau von jener einfachen Art, wie das vorige Jahrhundert ihrer so viele auf unsern märkischen Rittergütern entstehen sah. Sie haben einen gemeinsamen Familienzug, und wenn sich das vor uns liegende Schloß von ähnlichen Bauten unterscheidet, so ist es durch nichts als durch eine noch größere Einfachheit. Aller Schmuck scheint geflissentlich vermieden. Keine Säulen, kein Fries, kein Fenstersims; nicht Turm, nicht Erker, ja selbst die Rampe fehlt, die sonst wohl den Eindruck der Stattlichkeit schafft oder steigert. Ein paar Arabesken schnörkeln sich um die Tür, und ein halbes Dutzend Orangenbäume fassen den Kiesplatz ein. Alles schlicht, und doch hat man das bestimmte Gefühl, daß hier Reichtum und Vornehmheit ihre Stätte haben. Das Haus gleicht einem einfachen Kleid, einfach und altmodisch, aber der Park, der es einfaßt, ist wie ein reicher Mantel, der die Frage nach dem Schnitt des Kleides verstummen macht.

Und dieser Eindruck wiederholt sich im Innern. Aller bürgerliche Komfort fehlt, ebenso die kleinen Niedlichkeiten, in deren Hervorbringung die Neuzeit so verschwenderisch gewesen; aber diese Nippes fehlen nur, weil das Herz des Besitzers an andern Dingen hing oder weil er in feinem Sinn empfand, daß das Moderne zu dem historisch Überlieferten nicht passen würde.

Wir haben unsern Umgang vollendet und treten wieder in den Park hinaus. Einer der vielen Laubengänge desselben führt uns bis an die nahe gelegene Kirche.

Diese Kirche zu Buch ist ein ziemlich auffälliges Bauwerk. In einer alten Beschreibung Berlins und seiner Umgegend wird sie die »schöne Kirche« genannt, ein Ausspruch, der wohl nur in Zeiten möglich war, in denen man aufrichtig glaubte, durch Laternen- und Butterglockentürme die gotischen Formen unsrer alten Feldsteinkirchen ersetzen oder gar noch verbessern zu können. Alles, was dieser Bucher Kirche zugestanden werden darf, ist Stattlichkeit und ein gewisser malerischer Reiz. Ihre Grundform bildet ein griechisches Kreuz, aus dessen Mitte sich eine merkwürdige Mischung von gegliedertem Kuppel- und Etagenturm erhebt. Versuch ich eine Beschreibung. Jeder kennt jene Garten- und Speisepavillons, die sich in den Parkanlagen des vorigen Jahrhunderts so vielfach vorfinden und meist aus sechs oder acht ein gewölbtes Dach tragenden korinthischen Säulen bestehn. Denke man sich nun drei solcher Pavillons in Verjüngung übereinandergestellt und den untersten Pavillon kreuzartig erweitert, so hat man im wesentlichen ein Bild der Bucher Kirche. Nur eines kommt noch hinzu: rotgetünchte Wandflächen füllen den Raum zwischen den weißen Säulen und Pfeilern aus und stellen dadurch ein gestreiftes Ganze her, das am ehesten vielleicht an die holländischen Bauten aus dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts erinnert.

Ehe wir in die Kirche selbst eintreten, steigen wir einige Treppenstufen hinab in die Gruft, die sich unter dem Ostflügel der Kirche befindet und in mehr als einer Beziehung ein Interesse verdient. Diese Gruft oder doch wenigstens ein Teil derselben ist wahrscheinlich ein Überrest der alten Kirche, die hier stand, eine Voraussetzung, die sich darauf stützt, daß ein Sarg aus dem Jahr 1679 vorhanden ist während die gegenwärtige Kirche nicht vor 1727 beendigt war.

Die Gruft besteht aus zwei gewölbten Räumen, die durch eine offene Tür miteinander in Verbindung stehen. Der hintere Raum ist wahrscheinlich älter und empfängt so wenig Licht, daß man eine Kerze anzünden muß, um irgend etwas sehen zu können. Alles, was mehr in Front liegt, ist hell und geräumig. Beide Teile haben übrigens das gemeinsam, daß die darin aufgestellten Toten zu Mumien werden. Die hintere Gruftkammer beherbergt nur einen einzigen Sarg, in dem vorderen Gewölbe dagegen befinden sich einundzwanzig Särge, von denen vierzehn zur Linken und sieben zur Rechten stehen; dazwischen ein Gang. In den vierzehn Särgen zur Linken sind Mitglieder der Familie Viereck (darunter der Minister und seine beiden Frauen) beigesetzt, die sieben Särge zur Rechten aber umschließen Mitglieder der Familie Voß.

Wodurch die Mumifizierung erfolgt, ist noch nicht aufgeklärt. Vielleicht ist es die Trockenheit und mehr noch eine beständige leise Bewegung der Luft, was diese Erscheinung hervorruft. Die mumifizierten Körper sehen weiß aus, sind verhältnismäßig wenig eingedörrt und zeigen noch eine gewisse Elastizität von Haut und Fleisch. Der hier zuletzt Beigesetzte ist der Staatsminister Otto Karl Friedrich von Voß. In den Sargdeckel ist eine Metalltafel eingelegt, die einfach die Namen und Daten (geboren den 8. Juni 1755 etc.) gibt. Es ist dies derselbe Otto Karl Friedrich von Voß, der zur Zeit der Hardenbergschen Verwaltung, insonderheit aber in den Jahren, die den Befreiungskriegen folgten, aufs entschiedenste die Prinzipien und Interessen einer konservativen Politik vertrat. Unmittelbar nach dem Tode Hardenbergs wurde Voß Präsident des Staatsrats und des Staatsministeriums. Er überarbeitete sich, erkältete sich während einer Feuersbrunst, die gerade damals in Buch ausbrach, und zog sich einen Rückfall zu, als er nach längerer Zeit wieder seinen ersten Vortrag beim Könige hielt, zu dem er nicht anders als in Schuhen und Strümpfen hatte gehen wollen. Sein Tod war die Folge davon. Er starb am 30. Januar 1823.

Der schwere eichene Sarg, der sich in dem älteren, lichtlosen Gewölbe befindet, steht gemeinhin offen. Der danebenliegende Deckel ist mit einer Unmenge von schwarzen Nägelchen beschlagen, die sich bei näherer Untersuchung zugleich als Inschrift des Sarges erweisen. Die Entzifferung ist aber so schwierig, daß ich nur für annähernde Richtigkeit bürgen kann. Die Inschrift lautet: »Der hoch-hochwohlgeborne Herr, Herr Gerhard Bernhard Freiherr von Pöllnitz, Erbherr auf Reschau in Preußen, auf Buch, Karow und Birkholz in der Mark, kurfürstlich brandenburgischer Geheimer Kriegsrat, General-Wachtmeister und Oberstallmeister, Oberster im Dragonerregiment Mörner, residierte in Berlin, Cölln und Friedrichswerder; geboren 1617, gestorben den 2. August 1679.« Der völlig mumifizierte Körper, der am ehesten einem mit einer elastischen Ledermasse überzogenen Skelette gleicht, ist völlig unbekleidet und nur mit einem graumelierten Domino zugedeckt, an dem noch Hunderte von aufgenähten Silberschuppen glitzern. Der Schädel ist groß und prächtig geformt, das Gesicht aber klein und auf feine Formen deutend. Die Stirn zeigt eine Fraktur des Schädelknochens, wie es heißt, infolge eines Säbelhiebes, den der Freiherr in einer der Schlachten des Dreißigjährigen Krieges empfing. Das Nasenbein ist lädiert. Das geschah bei folgender Gelegenheit. Die Franzosen, kurze Zeit nach der Jenaer Schlacht, kamen auch nach Buch und drangen in die Kirche. Voll Übermut schleppten sie den Mumienkörper des Freiherrn aus der Gruft nach oben und begannen allerlei frivole Spiele mit ihm. Bei der Gelegenheit fiel er um und brach das Nasenbein. In einem andere märkischen Dorfe (Kampehl, in der Grafschaft Ruppin) kam eine ähnliche Geschichte vor. Übermütige Franzosen schafften die Mumie des Herrn von Kalbutz aus der Gruft in die Kirche und begannen, in höllischer Blasphemie, ihn als Gekreuzigten auf den Altar zu stellen. Einem der Übeltäter indes mochte das Herz dabei schlagen. Als er beschäftigt war, die linke Hand festzunageln, fiel der erhobene Mumienarm zurück und gab dem unten stehenden Franzosen einen Backenstreich. Dieser fiel leblos um; Schreck und Gewissen hatten ihn getötet. (Ich bin seitdem in der Kampehler Kirche gewesen und kann diese Geschichte leider nicht bestätigen. Herr von Kalbutz liegt mit gefalteten Händen da, die Finger beider Hände wie in eins zusammengewachsen. Im übrigen erzählte mir der Küster von der großen Popularität dieser Mumie; Handwerksburschen aus aller Herren Länder, die durch Kampehl zögen, ermangelten nicht, sich den Herrn von Kalbutz anzusehn, den sie alle als ein Kuriosum der Mark Brandenburg kennen.) In der Tat, es ist ein mehr denn fragliches Glück, in dieser Form der Nachwelt erhalten zu werden, und wir begreifen völlig diejenigen Mitglieder der Voßschen Familie, die sich ein Begrabenwerden in »ihrer Mumiengruft« eigens verraten. Gerhard Bernhard von Pöllnitz ist übrigens nicht, wie gelegentlich geschieht, mit dem Touristen, Kammerherrn und Memoirenschreiber Karl Ludwig von Pöllnitz zu verwechseln, den Friedrich der Große durch die Worte: »ein infamer Kerl, dem man nicht trauen muß; divertissant beim Essen, hernach einsperren«, zu charakterisieren versucht hat und dessen Memoiren gegenüber es doch wahr bleibt, »daß sie leichter zu tadeln als zu entbehren sind«. Gerhard Bernhard von Pöllnitz war der Großvater des Memoirenschreibers und, wie es sich für einen General und Oberstallmeister geziemt, mehr ausgezeichnet mit dem Degen als mit der Feder.

Ein Zweifel, den nichtsdestoweniger der Freiherr Truchseß von Waldburg gegen den Mut und die soldatische Ehre des Oberstallmeister erhob, führte zu einem der seltsamsten Duelle, die je gefochten wurden. Die beiden Gegner trafen sich (1664) auf dem sogenannten »Ochsengrieß«, einer Wiese in der Nähe von Wien. Die weite Reise war nötig, weil die vielen Duelle, die damals am brandenburgischen Hofe vorkamen, zu den allerschärfsten Erlassen gegen den Zweikampf geführt hatten. Das Duell sollte zu Pferde stattfinden und die Kugeln in möglichstes Nähe a tempo gewechselt werden. Der Oberstallmeister ritt an den Freiherrn Truchseß heran und fragte ihn, ob er gesagt habe: er habe ihn (den Pöllnitz) kujoniert und keine Satisfaktion bekommen können. Truchseß antwortete: »Ja, das habe ich gesagt.« Darauf wurden die Pistolen abgefeuert und in Gegenwart der Sekundanten frisch geladen. Pöllnitz fragte voll Courtoisie: »ob man die Pferde wechseln wolle«, was Truchseß ablehnte. Man ritt nun in lebhaftem Schritt aneinander heran und schoß auf nächste Distance. Die Kugel des Truchseß streifte den Oberstallmeister über den Bauch, die Kugel des letzteren aber traf den Truchseß tödlich. Er sank zur Seite und hielt sich mühsam im Sattel. Pöllnitz fragte ihn jetzt: »Müsset Ihr nunmehro nicht zugestehen, daß Ihr mir Unrecht getan und meine Ehre ohne Grund gekränket habt?«, worauf Truchseß erwiderte: »Ich hab Euch Unrecht getan und bitte, daß Ihr mir vergeben wollt.« Man nahm den Truchseß aus dem Sattel und legte ihn auf den Rasen. Der Oberstallmeister kniete an seiner Seite nieder und sprach dem Sterbenden aus Gottes Wort christlichen Trost zu, bis er verschied.

 

Wir verlassen nun die Gruft und treten in die Kirche. Sie zeigt sich geräumig, lichtvoll und von einer Einfachheit, die nach der Überladenheit der Façaden angenehm überrascht. Es fehlt aller vergoldete Zierat, aber das Eichenschnitzwerk an Kanzel und Altar ersetzt ihn mehr als genügend. In der Mitte wölbt sich die Kuppel, und nur der Bilderschmuck, den man an dieser Stelle wenigstens versucht hat, hebt die gute Totalwirkung der inneren Kirche zum Teil wieder auf. Ein Moses mit den zwei Sinaitafeln auf seinen Knien und eine büßende Magdalena, die den Fuß auf Drachen und Totenkopf setzt, sind Leistungen, die auf eine wenig ruhmreiche Stufe vaterländischer Kunst zurückweisen.

Der Ostflügel bildet einen »hohen Chor«. Altar und Kanzel trennen ihn von dem Hauptteile der Kirche völlig ab, und nur zwei Treppen zur Rechten und Linken unterhalten die nötige Verbindung. Es scheint, daß es Absicht des Baumeisters war, hier Raum für ein Camposanto, für eine marmorne Gedächtnishalle, zu schaffen, eine Vermutung, die dadurch bestätigt wird, daß sich die bereits beschriebene Gruft gerad unter diesem Teile der Kirche befindet. Den Intentionen des Baumeisters ist aber nur einmal entsprochen worden. Ein einziges, allerdings sehr reiches und prächtiges Grabmonument erhebt sich an dieser Stelle: das von Glume herrührende Marmordenkmal des Ministers von Viereck. Zieht man den Geschmack jener Zeit in Erwägung, der in dem Hange nach geistreicher Symbolik vielleicht etwas zu weit ging, so muß man zugestehen, daß es eine ganz vortreffliche Arbeit ist. Die Gestalten, aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sind folgende: der Tod mit der Sichel und ein Engel mit dem Palmzweig, wozu sich dann, von der andern Seite her, eine weibliche Figur mit einer weit geöffneten Leuchte gesellt, unzweifelhaft um das »Licht der Aufklärung« anzudeuten, das wenigstens zu der Zeit, als das Denkmal angefertigt ward – etwa ein Jahrzehnt nach dem Tode von Vierecks –, als unerläßliches Requisit eines preußischen Kultusministers angesehen wurde. Die Büste des Ministers krönt das Ganze; darunter sein und seiner beiden Frauen Wappen und unter diesen wiederum eine lateinische Inschrift in Goldbuchstaben, die, wie sich denken läßt, nur bei den Verdiensten des illustren Mannes verweilt und keinen Nachklang enthält von jener Reprimande König Friedrich Wilhelms I., die da lautete: »Geheimer Rat von Viereck soll sich meritieret machen, nicht zu viel à L'hombre spielen, diligent und prompt in seiner Arbeit sein, nicht so langsam und faul, wie er bisher gewesen

Der Unterschied zwischen preußischen Cabinetsordres und Grabschriften war immer groß.

 

Noch eine Stelle bleibt, an die wir heranzutreten haben. Unter der Kuppel, inmitten der Kirche, bemerken wir eine Vertiefung, als seien hier die Ziegel, womit der Fußboden gepflastert ist, zu einem bestimmten Zweck herausgenommen und später wieder eingemauert worden. Es wirkt als habe die Absicht bestanden, einen Grabstein in diese Vertiefung einzulegen. Und in der Tat, wir stehen hier an einer Gruft. An ebendieser Stelle wurde die schöne Julie von Voß, bekannt unter dem Namen der Gräfin Ingenheim, beigesetzt.

Eine Darstellung ihres Lebens oder doch wenigstens ihrer Beziehungen zu König Friedrich Wilhelm II. ermöglicht sich seit 1876, seit welchem Jahre die Tagebuchblätter vorliegen, die durch die Gräfin von Voß, Oberhofmeisterin am preußischen Hof und Tante Juliens, während eines Zeitraums von beinah siebzig Jahren, von 1745 bis 1814, niedergeschrieben wurden.

Julie von Voß

Julie von Voß, Tochter des Geheimen Justizrats und ehemaligen Gesandten am königlich dänischen Hofe, Friedrich Christoph Hieronymus von Voß, Herrn auf Buch, Karow etc., wurde den 24. Juli 1766 zu Buch geboren. Nach dem Kirchenbuche zu Buch. In ebendiesem Kirchenbuche wird sie jedoch nicht Julie von Voß, sondern Elisabeth Amalie von Voß genannt. Diese Namen finden sich zweimal vor, bei Gelegenheit ihrer Geburt (1766) und ihres Todes (1789). Woher es kommt, daß sie trotzdem als Julie von Voß fortlebt, ist bis zur Zeit nicht aufgeklärt. Ich würde, gestützt auf das Kirchenbuch, im Texte den Namen Amalie wiederhergestellt haben, wenn sich nicht in den Tagebuchblättern ihrer Tante, der Oberhofmeisterin, der Name Julie beständig wiederholte.

Über ihre Jugend und Erziehung verlautet nichts, und wir hören erst von ihr, als sie 1783 auf den Wunsch der alten Königin Elisabeth Christine, Gemahlin Friedrichs des Großen, an den Schönhauser Hof ebendieser alten Königin kam.

Julie von Voß war eine Schönheit im Genre Tizians, schlank und voll zugleich, von schönen Formen und feinen Zügen, blendend, aber von einer marmorähnlichen Blässe, die noch durch ein überaus reiches rötlichblondes Haar gehoben wurde. Bei Hofe hatte sie den Beinamen Ceres, sehr wahrscheinlich um dieses üppigen goldnen Haares willen, in dessen Schmuck auch die Bilder Eins dieser Bilder befindet sich im Schloß zu Buch, ein anderes im Ingenheimschen Schlosse zu Seeburg, im Mansfelder Seekreise. Ein drittes Bild, in Pastell ausgeführt, besaß eine vor kurzem in dem hohen Alter von über neunzig Jahren verstorbene Frau von Häseler. Im Hause derselben hab ich es oft gesehen. Die Gräfin trug auf demselben ein Morgenkostüm, eine Art Tüllspenzer mit vielen krausgetollten Kragen. Durch die Fülle blonden Haares zog sich ein schwarzes Samtband. Augen und Teint sehr schön. Dies Portrait rührte von Frau von Sydow, einer Freundin der Ingenheim, her. sie darstellen, die noch von ihr erhalten sind.

Es paßte zu dieser ihrer Erscheinung, daß sie eine Vorliebe für alles Englische und eine Abneigung gegen alles Französische hatte, was ihr denn auch seitens der französischen Memoirenschriftsteller jener Epoche, Mirabeau an der Spitze, nachgetragen wurde. Der ihr oft gemachte Vorwurf der »Anglomanie« traf sie jedoch durchaus nicht; sie vermied es nur nach Möglichkeit, sich der damals allgemein üblichen französischen Sprache zu bedienen.

Der Prinz von Preußen, später König Friedrich Wilhelm II., zeigte sich allem Anscheine nach gleich vom ersten Augenblick an enchantiert, denn schon wenige Monate nach dem Erscheinen Juliens am Hofe begegnen wir im Tagebuch ihrer Tante den folgenden Aufzeichnungen.


1784 und 1785

»Julie gefällt dem Prinzen mehr, als mir lieb ist. Er spricht viel von ihr. Ich fürchte, sie ist nicht unempfindlich für seine Bewundrung, und sie wird sich durch ein solches Gefühl nur selbst unglücklich machen.« Einige Wochen später: »Die Prinzessin von Preußen ist eifersüchtig auf Julie.« Endlich im Dezember 84: »Ich hatte eine lange Unterredung mit dem Prinzen und hielt ihm sein Unrecht vor, Julie mit seiner Leidenschaft zu verfolgen; ich sagte ihm, daß er sie dadurch nur unglücklich machen werde, ja, ich sagte ihm meine ganze Meinung und die ganze Wahrheit mit allem Ernst. Er versprach mir, sein Benehmen zu ändern und alles zu tun, was ich wollte. Er hatte später noch eine Explikation mit Julie selbst, und ich weiß, daß sie ihm Vorwürfe gemacht hat, und mit Recht, daß er ihrem Ruf auf eine unverzeihliche Weise schade. Auch kam er sehr traurig und niedergeschlagen von ihr zurück. Ich sagte ihm noch einmal ernstlich, er müsse dieser Sache ein Ende machen, und er gelobte es mir.«

Eine gewisse Zeit scheint der Prinz sein Versprechen auch wirklich gehalten zu haben, aber nicht auf lange. Schon im Frühjahr 85 ist die Oberhofmeisterin aufs neue beunruhigt und schreibt:

»Der Prinz spricht wieder mehr mit Julie; das muß aufhören. Im Grunde fürcht ich vor allem, daß sie selbst sich innerlich nicht recht von ihm frei machen kann.« Und einige Wochen später: »Der Prinz kommt ewig zur alten Königin nach Schönhausen, und ich weiß, das alles geschieht doch nur wegen Julie. Ich besorge, er gibt sie noch nicht ganz auf und sinnt nur darüber nach, ob es gar keine Hoffnung mehr für ihn gebe. Wenn nur nicht, trotz all seiner Versprechungen, diese Sache sich doch noch zum Unheil wendet! Man müßte Julie durchaus vom Hofe entfernen.«


1786

Das Jahr 86 war das entscheidende. Hier sind auch die Tagebuchaufzeichnungen am zahlreichsten. Es werden wiederholentlich von seiten des Prinzen Rückzugsversprechungen gemacht, aber nur, um sie gleich darauf durch die Tat zu widerlegen.

» März 86. Der Prinz tut mir leid; aber trotz seiner Leidenschaft für Julie macht er sich doch von der Liaison mit seiner sogenannten Freundin (der Rietz, späteren Lichtenau) nicht los. – Der Prinz ist unglaublich zerstreut; seine Neigung nimmt seine Gedanken ganz gefangen. – Der Prinz kam zum Diner nach Schönhausen und schien nichts zu sehen als Julie. – Ich habe das Gefühl, als finge die Sache da wieder an, wo sie mit Mühe zum Abschluß gekommen war.

April 86. Der Prinz kam zu Tische, nachher machte er es möglich, mit ihr zu sprechen. Nach einigen Worten verlor sie die Fassung und brach in Tränen aus. Ich verstehe das alles nicht mehr. – Der Prinz weiß sich nicht recht zu beherrschen, er ist eifersüchtig und aufgeregt, sobald Julie einmal nicht da ist oder sich ihr jemand nähert. – Ich habe den Prinzen an das erinnert, was er seit einiger Zeit zu vergessen scheint, und er versprach es von neuem. Er ist doch sehr gut! Gott gebe, daß es so bleibt, wenn er erst König ist.

Mai 86. Der arme Prinz, er ist schrecklich unglücklich. Heute kam er wieder, und als er Julie sah, schien er so glücklich! – Der Prinz kommt ewig zur Königin; was soll man tun? Es wird immer schlimmer mit ihm, und Julie dauert mich furchtbar. – Mir scheint seine Leidenschaft täglich zu steigen. Er kommt jetzt oft für den ganzen Tag nach Schönhausen und hat nur das einzige im Kopf.«

Die Oberhofmeisterin, davon ausgehend, daß eine Trennung vielleicht helfen werde, setzte nunmehr einen dreimonatlichen Urlaub für ihre Nichte durch, und diese verließ Berlin. Aber es führte zu nichts. Der Prinz und Julie korrespondierten, und als der Urlaub abgelaufen und Julie wieder zurück war, schrieb die Oberhofmeisterin in ihr Tagebuch: »Es ist alles beim alten.«

Diese Notiz ist vom 15. August 1786. Zwei Tage später starb Friedrich, und der Prinz von Preußen war nun König. Huldigungen, Feste, Geschäfte dringen auf ihn ein, aber seine Gefühle für Julie von Voß bleiben dieselben. Schon eine Woche nach dem Regierungsantritt verkehrt er wieder in Schönhausen und setzt seine Bewerbungen fort.

»August 86. Der König kommt, sooft er kann, zur Königinwitwe nach Schönhausen und geht dann mit Julie im Garten spazieren. Sie ist still und zurückhaltend, was mich freut und in etwas beruhigt. – Die Prinzessinnen tun dem König einen sehr unerlaubten Gefallen, indem sie ihn immer mit Julie zusammenbringen. Sie schicken die Königin voraus und beschäftigen sie, nur damit er mit meiner Nichte gehen und mit ihr sprechen kann. Das ist ein schlechtes Spiel. Der König hat der Prinzessin Friederike eine Zulage und ihr außerdem noch die kleine Viereck zur Hofdame gegeben, einzig und allein um Julien eine Freude zu machen, deren Freundin sie ist.

Oktober 86. Der König kam und wollte mit mir sprechen, aber er ist so ganz voll von dem einzigen Gedanken, daß er nichts weiter hört und sieht. Ich gestehe, daß ich jetzt alle Geduld mit ihm verliere und diesen Zustand unerlaubt und unverzeihlich finde. – Die Königin will gern in die Stadt zurück; der König will aber, sie soll noch in Schönhausen bleiben, bloß wegen seiner geliebten Spaziergänge mit Julie. Ich bin ganz ratlos und unglücklich über dies immer erneute Anknüpfen einer ganz unmöglichen Sache!

November 86. Alles bemächtigt sich dieser unglücklichen Angelegenheit; so möchte man, um nur eins zu nennen, Julie zum Schein verheiraten. Es ist schrecklich, wie alles bemüht ist, sie zu ihrem Verderben zu drängen. Sie tut mir furchtbar leid. – Ich seh es jetzt deutlich, sie liebt den König trotz all ihres Leugnens; sie kann nicht mehr von ihm lassen und ist, was auch geschehen mag, nicht mehr von ihm loszureißen. Es grämt mich schrecklich. – Heute kam er en surprise zum Essen. Er verfolgt seinen Zweck ohne Rast und Ruh. – Ich fürchte den Einfluß dieser ewigen Gespräche des Königs mit ihr, er will und will sie bestricken, und immer setzt er sich an ihren Tisch. Das mißfällt mir ganz unbeschreiblich von ihm. – Meine arme Nichte hat mir ihr Herz ausgeschüttet; ach, ich fürchte, es ist eine unaufhaltsame Sache. – Der König geht heute nach Potsdam. Er kam vorher zu uns und war unruhig, weil er Julie nicht zu sehen bekam. Er liebt sie toller und leidenschaftlicher als je.

Dezember 86. Nach Tisch sprach der König lange mit meiner Nichte; ach, ich fürchte, es nimmt ein trauriges Ende für sie und für die Ehre der Familie. – Ich hab es immer und immer gesagt: man hätte sie nicht bei Hofe lassen sollen. – Der König kompromittiert sich aufs höchste. Um seiner selbst willen möcht ich, er könnt ein Mann sein und sich besinnen. – Wie immer setzt der König sich beim Tee neben Julie; könnte dies ewige Zusammensein doch abgewendet werden. – Mit dem König in der Kirche. Die Predigt von Spalding war so schön, so ganz wie für meine Nichte gemacht. Aber es scheint, sie will nichts mehr hören, was sie zur Pflicht zurückruft. Ich habe keinen Einfluß mehr auf sie. Die Kannenberg Gräfin Kannenberg war die fungierende Oberhofmeisterin, während Frau von Voß, zu dieser Zeit wenigstens, nur in ihrer Eigenschaft als Gemahlin des Oberhofmeisters par courtoisie diesen Titel führte. läßt sie gewähren, die ihr am nächsten steht, und ich habe leider nicht das Recht und die Macht, einzugreifen. – Julie scheint sehr traurig; ihr Bruder ist angekommen und hat wohl noch einen letzten Versuch gemacht, ihr ins Gewissen zu reden. – Der König scheint nur glücklich zu sein, wenn er sie sieht. Wo sie ist, sieht er niemand als sie, spricht nur mit ihr und hat nichts anderes mehr im Kopf als seine Leidenschaft. Ich sehe die Sache dem schlimmsten Ende mit Gewalt zugehen, muß dabeistehen und kann sie nicht aufhalten. – Auch die Prinzessin Friederike scheint jetzt das nahende Unglück zu ahnen und ist sehr traurig. Sie ist jetzt zwanzig Jahr alt und steht dem Vater am nächsten. Sie fühlt ganz, wie seine und unsre Ehre bedroht ist. – Der König klagte mir, meine Nichte behandle ihn schlecht; er sei fast mit ihr brouilliert; aber dennoch spricht er leider immerfort mit ihr. – Er saß allein mit ihr im Cabinet der alten Königin; sie scheint in Wahrheit nicht mehr sehr grausam zu sein; das empört mich, und Gott allein weiß, wie unglücklich und trostlos ich über diese Sache bin. – Sack predigte heute schön, aber schwermütig. Die Sache mit Julie und die Wendung, die sie nimmt, zehrt an ihm. – Heut war Hofkonzert. Der König verließ das Konzert, um zur kranken Prinzessin zu gehen, weil meine Nichte dort war. Diese Leidenschaft läßt ihn alles andere vergessen und jede Rücksicht verlieren. – Das Benehmen des Königs ist unverzeihlich. Immer verfolgt er sie mit den Augen und spricht nur mit ihr. Es wäre besser, sie verließe auch jetzt noch den Hof. – Gott weiß, bis zu welchem Grade es mich bekümmert und grämt, den König auf dem direkten Wege zu einem so großen Unrecht zu sehn, zu einem Unrecht, das unsere Familie überdem so entehrt. – Heute kam nun endlich, was ich lange gefürchtet hatte: meine Nichte warf sich in meine Arme, um mir zu sagen, daß ihr Schicksal entschieden sei; sie wolle dem König angehören, aus Pflicht für ihn und aus Liebe zu ihm. Ich gesteh, ich finde sie so furchtbar zu beklagen, daß ich kein Wort mehr habe, sie zu verdammen; sie wird bald genug namenlos unglücklich sein, denn ihr Gewissen wird sie nie mehr Ruh und Frieden finden lassen.«

So zogen sich die Dinge noch eine Weile hin. In den Tagebuchblättern immer dieselben Klagen. Eine Zeitlang spielte der König den Gleichgültigen oder war es wirklich, und ein Eifersuchtsgefühl, das dadurch in des Fräuleins Seele geweckt wurde, beschleunigte den Liebesroman. Sie zeigte sich von dieser Zeit an weniger ablehnend und drang nur noch auf Erfüllung einzelner Bedingungen. Diese Bedingungen waren: die regierende Königin gibt ihre schriftliche Einwilligung zu der Verbindung; zweitens Antrauung zur linken Hand, und drittens, die Rietz samt ihren Kindern verläßt Berlin für immer. In die beiden ersten Punkte willigte der König sofort, aber den dritten Punkt wollt er nicht zugestehn. Die Rietz blieb. Am 25. oder 26. Mai 1787 erfolgte die Trauung zur linken Hand und wurde wahrscheinlich durch Johann Friedrich Zöllner, damals Diakonus an Sankt Marien, in der Charlottenburger Schloßkapelle vollzogen. In der Regel wird bei dieser Gelegenheit versichert »diese Trauung sei seitens des Berliner Konsistoriums, und zwar unter Berufung auf die von Melanchthon erlaubte Doppelehe Philipps des Großmütigen von Hessen, für zulässig erklärt worden«. Die stete Wiederkehr dieser Versicherung hat den Konsistorialpräsidenten Hegel veranlaßt, unterm 27. April 1876 eine Erklärung abzugeben, in der ausgesprochen wird, »daß weder die gründlichsten Recherchen in der Registratur des Königlichen Konsistoriums, im Geheimen Staatsarchiv, im Geheimen Ministerialarchiv und Königlichen Hausarchiv noch auch anderweite Forschungen und Erkundigungen irgend etwas zur Begründung obiger Ansicht (Gutheißung der Trauung durch das Konsistorium) ergeben haben.« Es läßt sich in der Tat annehmen, daß Leopold von Ranke das Richtige getroffen hat, als er in seinem Werke »Die deutschen Mächte und der Fürstenbund. Deutsche Geschichte von 1780 bis 1790« wörtlich sagte: »In neueren Zeiten ist die Behauptung aufgetaucht, das Konsistorium habe in aller Form seine Einwilligung zu dieser Verbindung ausgesprochen; vergeblich hat man nach einem Aktenstück dieser Art gesucht; wahrscheinlich ist dabei der Kreis privater Besprechung nicht überschritten worden


1787

» Juni 87. Meine Nichte sagte mir heute unter Tränen, seit acht Tagen sei sie mit dem Könige heimlich getraut, bat mich aber, es zu verschweigen. Es betrübt mich tief, und ich kann mich mit dem besten Willen eines Gefühls von Abscheu und Widerwillen gegen eine Sache nicht erwehren, die so unerlaubt ist, man mag an Scheingründen dafür angeben, was man will. Ihr Gewissen wird es ihr schon genugsam sagen und wird nicht wieder ruhig werden. – Sie hat lange widerstanden, aber sie liebt den König leidenschaftlich, und nachdem sie ihm ihr Herz gegeben hatte, ließ sie sich vollends von ihm überreden. Trotz ihres schweren Fehltritts bleibt sie dennoch ein edler, der Achtung nicht unwerter Charakter, und ich weiß wohl, sie ist zu rechtschaffen, als daß sie nach einem solchen Fall jemals wieder glücklich sein könnte.

August 87. Der König ist nach Schlesien abgereist, und Julie sagt mir, sie wolle morgen nach Berlin, um zu kommunizieren, dann zu ihren Verwandten auf das Land gehen, von dort aus aber um ihre Entlassung bitten und nicht wiederkommen. Sie könne es nicht länger aushalten, auf diese Art weiterzuleben. Ebendasselbe hat sie dem Könige geschrieben. – Julie reiste heut ab, was mich sehr ergriff. – Sie schreibt, daß sie sich eine Stiftsstelle kaufen wolle, und bittet um vierzehn Tage Nachurlaub. Die alte Königin weiß nicht, was sie davon denken soll. Trotz allem Vorgefallenen ahnt sie nichts. – Ich sah heute Julie in Berlin; sie hatte Antwort vom König, der sehr zufrieden damit ist, daß sie den Hof verlassen will. Aber das Ganze bleibt doch schrecklich traurig, und das arme Kind jammert mich sehr. – Ich fürchte, die Encke (Rietz-Lichtenau) wird Julie noch viel Kummer bereiten. Julie ist heute mit ihren Verwandten aufs Land abgereist. Am Hof ahnt man nicht, daß sie nicht wiederkommt.

September 87. Ein heut eingetroffner Brief meiner armen Nichte an die Königinwitwe bittet um ihren Abschied und sagt: »sie habe eine Stelle im Stift Wolmirstedt gekauft«. Die Königin gewährte die Entlassung sogleich und nahm es sehr gut auf. Julie hat auch an die Kannenberg geschrieben. Gräfin Kannenberg las mir den Brief meiner Nichte vor, in welchem sie zu verstehen gibt, warum sie geht. Die Kannenberg ist ihre Tante und jammert nun sehr. Aber ich wiederhole nur das eine: man hätte sie retten können, wenn man es zur rechten Zeit gewollt hätte. All mein Reden damals war aber umsonst. – Meine Nichte schreibt mir aus Brandenburg: sie gehe den 9. nach Potsdam und bäte Gott, ihr beizustehn in dem neuen Leben, das sie erwarte. Gott wolle sich ihrer annehmen; es ist ein schwerer Schritt, den sie jetzt tun muß, die Sache vor der Welt zu bravieren.

November 87. Julie hat den Namen einer Gräfin Ingenheim bekommen.«

Sie war nun Gräfin Ingenheim. Aber es war dadurch wenig für sie gewonnen, trotzdem man sie, dem Könige zuliebe, mit Auszeichnungen überschüttete. Bitterkeiten gingen nebenher. »Die Anne schreibt mir: sie fühle sich sehr unglücklich. Die Encke tut ihr tausend Herzleid an und hat denselben Einfluß wie früher auf den König.«

» Dezember 87. Julie ist unwohl und kann das Bett nicht verlassen, die Prinzessin Friederike und die Prinzessin von Braunschweig haben mit dem König in ihrem Zimmer an ihrem Bett gegessen. Das ist doch stark!«


1788

» Januar 88. Ball beim König, wo der Kronprinz Julie zum ersten Mal als Gräfin Ingenheim sah, was für beide ein sehr unangenehmer Augenblick war. Die Unglückliche, welche peinliche Stellung für sie. – Alle Höfe (es gab deren, außer dem eigentlichen, wenigstens noch vier: den der alten Königin, der regierenden Königin, des Prinzen Heinrich, des Prinzen Ferdinand) sehen sie. Sie ist überall. Ich begreife das nicht.

Februar 88. Die alte Königin hatte großes Diner und frug den König, ob sie die Ingenheim einladen solle. Natürlich sagte er ja, und so kam sie zum Diner. Ich find es höchst unrecht von der Königin, sie einzuladen, bloß um dem Könige damit zu schmeicheln. Abends aber spielte sie doch nicht Lotto mit den Herrschaften, sondern mit dem Hofstaat im vorderen Zimmer. Bei Tafel wurde sie dem König gegenübergesetzt. – Die alte Königin lud wieder die Ingenheim ein. Ich finde, sie benimmt sich in dieser Sache so unwürdig und schwach wie nur möglich.«

In den letzten Tagen des Jahres (am 21. Dezember 88) heißt es: »Die Ingenheim bat mich sehr, ihr in der nun nahen Stunde beizustehn. Auch der König bat mich den folgenden Tag darum, und ich brachte es nicht übers Herz, nein zu sagen.«


1789

Am 2. Januar 1789 genas die Ingenheim eines Sohnes. Der König war sehr erfreut. Unterm 4. Januar heißt es im Tagebuch: »Das Kind wurde heute getauft. Der König hielt es selbst über die Taufe, und es empfing die Namen Gustav Adolf Wilhelm. Juliens Bruder (der spätere Minister), der Minister von Bischofswerder und ich waren die Paten. Der König selbst war fast den ganzen Tag bei der Kranken. Es ist wahr, er ist wirklich der beste Prinz, den man auf der ganzen Welt finden kann. Leider nur, daß er so willensschwach, so ohne Energie und zuweilen so heftig ist.«

Im Anfang ging alles gut mit der jungen Wöchnerin; aber sie schonte sich nicht genug, verließ das Bett zu früh und erkältete sich aufs heftigste. Dabei war der Einfluß der Rietz ihre beständige Sorge, trotzdem es nicht an Aufmerksamkeiten und Geschenken von seiten des Königs fehlte. So sandte er ihr ein kleines Etui mit 50 000 Talern und sein mit den schönsten Brillanten besetztes Portrait. Zum 5. Februar war eine große Cour angesagt, und Julie wollte dabei nicht fehlen. »Ich fürchte, daß sie sich schadet«, schreibt die Oberhofmeisterin am selben Tage. Am 24. Februar heißt es dann: »Julie hat Fieber und Husten«, und schon am 5. März: »Ich kann nicht sagen, wie weh es mir tut. Man fürchtet die galoppierende Schwindsucht. Der König ist außer sich.« Am 25. starb sie. »Welch ein Tag des Unglücks! Um acht Uhr abends verschied die arme Julie. Kein Mensch ahnte die nahe Gefahr. Ich ging erst am Abend zu ihr, aber die Prinzessin Friederike, die bei ihr war, redete mir ab; ›sie sei zu angegriffen‹. Und so hab ich sie nicht mehr gesehn. Ich beweine sie recht von Herzen, und alle beweinen sie mit mir. Es ist furchtbar rasch gegangen. Sie starb im Schloß, in demselben Zimmer, in dem ihr Kind geboren wurde.«

Der König war in Verzweiflung und konnte sich nicht trösten und beruhigen. Auch gebrach es nicht an allgemeiner Teilnahme, ja das Volk wollte sich's nicht ausreden lassen, daß sie durch ein Glas Limonade vergiftet worden sei, weshalb der König, als er von diesem Verdachte hörte, die Obduktion befahl. Diese bewies die Grundlosigkeit des Gerüchtes; ihre Lunge war krank, und daran war sie gestorben.

Am 1. April erfolgte die Überführung der Leiche nach Buch. Ihr letzter Wunsch war gewesen, »nicht in der Mumiengruft der Familie beigesetzt zu werden«, und so bereitete man ihr das Grab unter der Kirchenkuppel, in der Nähe des Altars.

Überall in Buch begegnet man den Spuren der schönen Gräfin, aber nirgends ihrem Namen. Wie in Familien, wo das Lieblingskind starb, Eltern und Geschwister übereinkommen, den Namen desselben nie mehr auszusprechen, so auch hier. Eine Gruft ist da, aber es fehlt der Stein; aus reichem goldenen Rahmen heraus blickt ein Frauenbild, aber die Kastellanin nennt den Namen nicht, und nur das Wappen zu Füßen des Bildes gibt einen wenigstens andeutungsweisen Aufschluß.

Und nun treten wir von dem Bilde hinweg und noch einmal in den Park hinaus.

Eine seiner dunklen Alleen führt an einen abgeschiedenen Platz, auf dem Edeltannen ein Oval bilden. Inmitten desselben erhebt sich ein Monument mit einem Reliefbild in Front: der Engel des Todes hüllt eine Sterbende in sein Gewand, und ihr Antlitz lächelt während ein Kranz von Rosen ihrer Hand entsinkt.

»Soror optima, amica patriae«, so lautet die Inschrift. Aber der Name der geliebten Schwester fehlt.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.