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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Teil: Spreeland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Friedrichsfelde II

Ernst Gottlieb Woltersdorf

Verfolgt verlassen und verflucht,
Doch von dem Herrn hervorgesucht;
Ein Narr vor aller klugen Welt,
Bei dem die Weisheit Lager hält;
Verdrängt, verjagt, besiegt und ausgefegt,
Und doch ein Held, der Palmen trägt.
E. G. Woltersdorf

Prinz Louis Ferdinand, Prinz August – sie waren Friedrichsfelder Schloßkinder; aber auch die Pfarre stellte ihren Mann: am 31. Mai 1725 wurde Ernst Gottlieb Woltersdorf in ihr geboren. Auch ein Streiter, auch gefallen (wie der Saalfelder Prinz) auf dem Felde der Ehren. Ein Weltkind der eine, ein Gotteskind der andre.

Ernst Gottliebs Vater war Gabriel Lukas Woltersdorf. Über ihn zunächst ein kurzes Wort.


Gabriel Lukas Woltersdorf

Gabriel Lukas W., der neunzehn Jahre lang das Friedrichsfelder Pfarramt bekleidete, wurde den 10. November 1687 zu Kyritz geboren, wo sein Vater als Rektor amtierte. Gleich einem alten Edelmann konnte Gabriel Lukas Namen und Stand seiner Familie bis ins siebente Glied hinauf verfolgen. Es waren sämtlich Prignitz-Ruppiner. Und zwar:

Anton Woltersdorf (damals noch Woltersdorp), geboren 1430.

Johann Woltersdorf, Potinken- oder Pantinenmacher, geboren 1460.

Joachim Woltersdorf, Goldschmied in Ruppin, geboren 1496.

Joachim Woltersdorf II., Tuchmacher, Gildemeister und Vorsteher der Klosterkirche zu Ruppin, geboren 1530.

Gabriel Woltersdorf I., Pastor und Inspektor zu Ruppin.

Gabriel Woltersdorf II., Pastor und Inspektor zu Zehdenick.

Gabriel Woltersdorf III., Pastor und Rektor zu Kyritz.

Unser Gabriel Lukas, des Letztgenannten Sohn, studierte von 1711 an in Halle, das um jene Zeit »das Herz war, dessen Schläge man weit und breit fühlte«. August Hermann Francke stand eben damals in der Blüte seines Wirkens, »dieser Mann der Demut und Wahrhaftigkeit, der sich rühmen durfte, daß von den 6000 Studenten, die während zweimal zehn Jahren in Halle studiert hatten, Tausende von erweckten Predigern ins deutsche Vaterland ausgegangen seien«. Unter diesen erweckten Predigern war auch Gabriel Lukas Woltersdorf. Er blieb bis zuletzt eine Leuchte für seine Kinder und seine Gemeinde.

1716 erhielt er durch einen vom Könige gutgeheißenen Machtspruch des kirchlich gesinnten Markgrafen Albrecht die Friedrichsfelder Pfarre, die bis dahin der alte Samuel Donner innegehabt hatte. Samuel Donner war schon fünfundvierzig Jahr im Amt und wollte von Adjunktur oder gar Entlassung nichts wissen. Er remonstrierte deshalb und glaubte dies um so mehr zu dürfen, als er die Friedrichsfelder Pfarre als eine Erbpfarre betrachtete. Denn schon sein Vater und Großvater waren Prediger ebendaselbst gewesen. Er wurd aber durch den Markgrafen energisch abgewiesen. Der Entscheid lautete:

»Da sich sowohl bei der Lokalvisitation als auch sonsten mehr als zuviel erwiesen hat, wie schlecht Supplikant bis dahero seinem Amte vorgestanden und wie wenig die ihm anvertraute Gemeinde durch ihn erbauet worden, so stehet ihm auch gar nicht an, eine dergleichen ungegründete Vorstellung gegen die von Seiner Königlichen Majestät so nötig gefundene Bestimmung zu tun. Und wie er damit gänzlich abgewiesen, ihm sein Unfug auch nachdrücklich hiermit verwiesen wird, so hat er es außerdem noch einzig und allein der königlichen Gnade zu danken, daß er wegen seiner in der ihm anvertrauten Amt- und Seelensorge bezeugten strafbaren Nachlässigkeit nicht noch schärfer angesehen wird.«

Dieser Bescheid, wie sich denken läßt, ging dem armen Samuel Donner sehr zu Herzen, und er starb wenige Tage später in Berlin am Schlagfluß. In seine Stelle rückte nunmehr Gabriel Lukas Woltersdorf ein.

Das wichtigste kirchliche Vorkommnis innerhalb seiner Friedrichsfelder Amtsjahre war die Einführung des sogenannten »Simultaneums«, also der Gleichberechtigung der Reformierten in Benutzung der lutherischen Kirche.

Hiergegen scheint sich nun Gabriel Lukas in Gemeinschaft mit seinem Berliner Propste Roloff anfänglich aufgelehnt zu haben, welcher letztere nicht nur vorstellig wurde, sondern auch von »unüberwindlichen Schwierigkeiten« sprach. Auf diese Vorstellung erhielt er einen zweifachen Bescheid, einen amtlichen und einen königlich- persönlichen. Der amtliche Bescheid lautete: »Wohlehrwürdiger, lieber Getreuer. Ich habe Eure Vorstellung vom 8. dieses, in der Ihr meint, daß das Simultaneum in der Kirche zu Friedrichsfelde nicht könne introduziert werden, erhalten, und ist Euch darauf in Antwort, daß Ich Euer Einwenden nur vor Possen halte. Ich halte beide Religionen einerlei zu sein und finde keinen Unterschied. Will also, daß es bei meiner Ordre verbleiben soll.«

Der Erlaß ist datiert »Wusterhausen, den 10. Sept. 1726«, und hinzugefügt war von des Königs eigner Hand: »Der Unterschied zwischen unseren beiden evangelischen Religionen ist wahrlich ein Pfaffengezänk, denn äußerlich ist wohl ein großer Unterschied, wenn man es aber examinieret, so ist es derselbige Glaube in allen Stücken, sowohl in der Gnadenwahl als im heiligen Abendmahl. Nur auf die Kanzel, da machen sie eine Sauce, eine saurer als die andere. Gott verzeih allen Pfaffen, denn die werden Rechenschaft geben am Gericht Gottes, daß sie Schulratzen aufwiegeln, um das wahre Werk Gottes in Uneinigkeit zu bringen. Was aber wahrhaft geistliche Prediger sind, solche, die sagen, daß man sich soll einer den andern dulden und nur Christi Ruhm vermehren, die werden gewiß selig. Denn es wird nicht heißen: Bist du lutherisch oder bist du reformiert?, sondern es wird heißen: Hast du meine Gebote gehalten oder bist du bloß ein braver Disputator gewesen? Es wird heißen: Weg mit die letzten zum Teufel ins Feuer, aber die meine Gebote gehalten, kommt zu mir in mein Reich. Gott geb uns allen seine Gnade und geb allen seinen evangelischen Kindern, daß sie mögen seine Gebote halten und daß Gott möge zum Teufel schicken alle die, die Uneinigkeit verursachen. Friedrich Wilhelm.«

Es braucht wohl nicht erst versichert zu werden, daß diesem königlichen Erlaß die Einführung des Simultaneums auf dem Fuße folgte.

Dies war 1726. Im Jahre 1735 erhielt Gabriel Lukas W. eine Vocation nach Berlin und wurde Prediger an der Sankt-Georgen-Kirche daselbst, während der Prediger ebendieser Sankt-Georgen-Kirche nach Friedrichsfelde hin versetzt wurde. Natürlich empfand letzterer dies als eine Degradation und führte sich deshalb mit folgenden Worten in Friedrichsfelde ein:

Gott grüß euch, ihr lieben Bauern,
Ich werd hier nicht lange dauern,
Drum seht mich nur mit Rechten an –
Ich heiße Daniel Schoenemann.

Er hielt auch Wort und legte im selben Jahre noch sein Friedrichsfelder Pfarramt nieder.

Ernst Gottlieb Woltersdorf

Ernst Gottlieb W. wurde, wie schon eingangs hervorgehoben, am 31. Mai 1725 in Friedrichsfelde geboren. Er blieb daselbst bis zur Übersiedlung seines Vaters nach Berlin, also bis zu seinem zehnten Lebensjahre, besuchte danach das Graue Kloster und ging mit siebzehn Jahren zum Studium der Theologie nach Halle. »Es war dort eben noch« – so schreibt Pastor Besser – »das letzte der sieben fetten Jahre. Man konnte den Samen reiner Lehre noch ziemlich reichlich einsammeln. Die Hungerzeit des Rationalismus meldete sich eben erst durch ihre vordersten Posten.« Besonders war es Baumgarten (Kirchengeschichte), der das Herz unseres jungen Theologen mit Liebe und Verehrung füllte; Unterricht, den er in den unteren Schulen des Franckeschen Waisenhauses erteilte, sicherte ihm den Unterhalt. Sein Christentum, nach seinem eigenen Bekenntnis, blieb indessen damals ein rein äußerliches. »Ich hatte noch keinen Geschmack an der Erlösung durchs Blut Christi;... Gott kam mir aber zu Hilfe und warf mich in ein sehr tiefes Gefühl meines unergründlichen Seelenverderbens. Da saß ich an den Wassern zu Babel und weinete, wenn ich an Zion gedachte.«

1744 im Frühjahr, erst neunzehn Jahr alt, hatte er seine Studien beendigt. Er trat – durch viele Arbeit körperlich erschüttert – eine Reise an, suchte christliche Prediger und Gottesmänner auf und zeigte damals eine große Neigung, zu den Herrenhutern überzutreten. Dies unterblieb jedoch. 1744 im Spätherbst wurd er Vikar in Zerrenthin bei Prenzlau, wo er empfinden lernte, »wie schwer sich's predigt, wenn niemand hören will«. Zwei Jahre später (1746) kam er als Hauslehrer des jungen Grafen von Promnitz nach Drehna in der Niederlausitz, wo er nunmehr mit großem Erfolge zu predigen begann. Sein Predigereifer und die ihm daraus entspringende Kraft waren so groß, daß er in verhältnismäßig kurzer Zeit die wendische Sprache lernte, um den Spreewaldwenden das Evangelium predigen zu können.

1748 erhielt er einen Ruf nach Bunzlau. Es hieß anfänglich: er sei zu jung. Am zwanzigsten Sonntage nach Trinitatis aber predigte er über den Text: »Der Herr sprach zu mir: Sage nicht: › Ich bin zu jung‹, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dir heiße«, mit solcher Gewalt, daß er die ganze Gemeinde mit sich fortriß. Bald hatte die Kirche nicht Raum genug für die, die kamen, und unter freiem Himmel, im Bunzlauer Stadtwald, mußte er nunmehr predigen. »Es schien, als ob das Feuer Christi die ganze Stadt anzünden wollte.« Dabei blieb er voll körperlicher und geistiger Frische. 1749 verlobte er sich mit Johanna Sabina, Tochter des Pastors Zietelmann zu Flieth bei Prenzlau; im Mai trafen sich die jungen Brautleute in Berlin, wo neun Söhne (darunter bereits drei Pastoren), eine Tochter und drei Schwiegertöchter des alten Pastors Woltersdorf sich zur Hochzeitsfeier versammelt hatten. Der Vater segnete das Paar ein, das bald darauf in die Bunzlauer Pfarrwohnung einzog.

Die junge Frau brachte Glück und empfing es. Aber die Flitterwochen müssen doch anders gewesen sein, wie heutzutage Flitterwochen zu sein pflegen. Alles junge Glück der Liebe schloß eine immer wachsende geistliche und geistige Tätigkeit so wenig aus, daß im Jahre 1751 bereits zwei starke Bände »Evangelische Psalmen« vorlagen, die Zeugnis ablegten von dem schöpferischen Drang des jungen Geistlichen. Sie waren, beinah 200 an der Zahl, mit nur wenig Ausnahmen ein Produkt der letzten drei Jahre. Über die Art, wie dieselben entstanden, lassen wir ihn selber sprechen:

»Was den Ursprung dieser Lieder betrifft, so kann ich wohl mit Wahrheit sagen: ich habe sie von dem Herrn empfangen. Sonst würd ich auch in meinem Gewissen keine Freiheit haben, sie drucken zu lassen... Gott hat mir von Natur eine Neigung zur Poesie gegeben. Schon in meiner Kindheit fing ich an, Verse zu machen. Aber erst als ich des seligen Lehr und nach einiger Zeit auch des seligen Lau ›Leben und letzte Stunden‹ in die Hände bekam, ging etwas in mir vor. Von dieser Zeit an ist der Trieb, dem Herrn Lieder zu dichten, in mir recht aufgewachet. Ja, er ist von Zeit zu Zeit immer stärker worden, daß er sich auch besonders in meinem Amt, in welchem ihn die vielen überhäuften Geschäfte sonst hätten ersticken müssen, so vermehret hat, daß ich oft selbst nicht gewußt, wie es zugegangen. Ich kann nichts anders sagen, als daß ich's für eine augenscheinliche Erhöhung meines Gebets ansehen muß.

Oft hab ich an nichts weniger gedacht, als Verse zu machen. Aber es fiel mir plötzlich ins Gemüt und regte sich ein Trieb, daß ich die Feder ergreifen mußte. Ein andermal hatt ich keine Lust; aber es war, als müßt ich wider Willen schreiben. Zuweilen war ich von vieler Arbeit ganz entkräftet, allein es wurde mir eine Materie so lebendig und floß so ungezwungen und ohne Müh in die Feder, daß es schien, ich könnte das Schreiben nicht lassen. Ja, ich muß gestehen, daß mir's oft wie ein Brand im Herzen gewesen, und mehrmalen mußt ich mich mit Gewalt zurückziehen, damit ich mich nicht übernähme oder meine Natur zu sehr schwächete. Wollt ich zuweilen drei Verse schreiben, so wurden gleich zwölf, fünfzehn oder gar dreißig daraus. Manches Mal konnte die Feder dem schnellen Zuflusse nicht einmal folgen. Oft mußt ich's, wenn ich so hintereinander geschrieben, erst überlesen, um zu wissen, was es wär, und mich dann selbst wundern, daß das da stund, was ich fand. Und so sind diese langen Lieder der ersten Sammlung entstanden. Ich nahm mir vor, ein Lied in gewöhnlicher Größe zu schreiben, aber wenn ich hineinkam, sind oft vierzig, fünfzig, hundert, zweihundert und mehr Verse fertig geworden.«

Er fährt dann fort:

»Was ich in so großer Geschwindigkeit niedergeschrieben, ich hab es hinterher vielmal durchgelesen, einiges oft umgeschmolzen, anderes lange liegenlassen; aber das ist wahr, daß ich anderes, das so recht aus dem Herzen gequollen, nie geändert habe. Die Ursach ist, weil das am ersten und natürlichsten wieder in die Herzen hineinfließet, was ohne Zwang herausgeströmet ist... Fraget nur die Dichter dieser Welt, ob sich nicht Ähnliches bei ihnen findet, wenn sich ein poetisches Feuer bei ihnen reget. Und was soll nicht erst der herrliche Geist des lebendigen Gottes tun, wenn er die natürlichen Triebe zur Dichtkunst mit seinen Kräften anfeuert!

Es bleibt mir eine unumstößliche Wahrheit, daß alle vernünftigen Regeln der Dichtkunst sehr gut sind und von einem Dichter nach seiner Gelegenheit mit großem Nutzen gebraucht werden können, daß aber dennoch das Göttliche in der Dichtkunst nicht anders als auf den Knien gelernt werden kann. Denn wenn der Geist aller Geister das Herz des Poeten nicht entflammt, so weiß ich nicht, ob ich die erhabenste Poesie überhaupt noch eine göttliche nennen kann... Die Heiden haben von ihren toten Götzen treulich gesungen. Aber so viele Dichter unter den Christen wissen von ihrem lebendigen Gott, von dem Gott aller Götter, ja von ihrem Mensch gewordenen Gott, der am Kreuz in seinem Blute für sie gestorben, nichts zu sagen. Sie holen lieber vermoderte Stücke von den verfaulten Götzen der Heiden und schmücken sie, dem Gott Israels zum Hohn... Ein berühmter Günther will lieber der Venus zu Ehren als zum Ruhm des Kreuzes singen; aber die Reime Hans Sachsens machen alle Werke Günthers zuschanden, weil doch so manche Seele daran selig glauben kann.«

Soweit er selbst. Man muß es ihm lassen, daß er seine Sache gut zu führen weiß; bescheiden und bewußt – jedes an rechter Stelle. Dabei kann einem aufmerksamen Leser nicht entgehen, daß er in dieser Rechenschaftsablegung alle die Punkte in den Vordergrund stellt, über die die Meinungen auseinandergehen können. Er war eben ein christlicher »Improvisator«, ja, in allen Ehren sei es gesagt, eine Art von Psychographendichter und ließ die Feder laufen. Wir kommen an anderer Stelle darauf zurück.

Alles, was wir aus ihm zitiert haben, ist einer Vorrede entnommen, die er im Jahre 1750 schrieb. Er war damals fünfundzwanzig Jahr alt, predigte seit sechs Jahren und war im Amte seit drei, hatte Frau und Kind und konnt auf eine literarische Tätigkeit zurückblicken, die bereits damals über 200 Lieder umfaßte, mehrere davon über 200 Strophen lang. Eine Produktionskraft, die wohl kein anderer deutscher Dichter aufzuweisen hat, auch nicht die Meistersänger, an deren Dichtungsart die didaktische Weise Woltersdorfs am meisten erinnert.

Seine poetische Tätigkeit war übrigens im großen und ganzen mit 1750 abgeschlossen. Es waren ihm noch elf Lebensjahre beschieden, aber die Mühen und Sorgen des Amtes wurden doch so übermächtig, daß selbst sein lebendiger Strom versiegte. Er trat 1755 an die Spitze des nach dem halleschen Vorbild errichteten Bunzlauer Waisenhauses und wirkte daran noch eine Zeitlang in Segen, bis sein schwacher Körper unter der Last zusammenbrach. Sein Biograph schreibt: »Man darf sagen, er hatte sich im Dienst des Herrn verzehrt.«

Der 17. Dezember 1761 war sein letzter Tag. Die Schmerzen nahmen zu, seine Klagen ab. Als seine Frau mit einem seiner Kinder weinend am Bette stand, sagte er mit Glaubensfreudigkeit: »Wenn du keinen anderen Kummer hast als diesen!« Und dann lag er still. Abends aber redete er viel, jedoch so leise, daß sich nur einzelne Liedesworte verstehen ließen. Um die sechste Stunde war er tot. Er war sanft eingeschlafen.

Das Waisenhaus verlor viel, und der Jammer der eben zum Konfirmandenunterricht versammelten Kinder erfüllte das Pfarrhaus. In allen Häusern der Stadt war Wehklagen. Am 22. Dezember hielt ihm sein Herzensfreund, David Gottlieb Seidel, die Leichenpredigt und sprach »von der gegründeten Hoffnung eines Lehrers, der einen lautern Sinn beweiset, wenn er auch über Macht beschweret ist«.

»Über Macht« war Woltersdorf beschweret gewesen; nun war er frei. Für seine Witwe und seine sechs Kinder sorgte der Herr, indem er Seelen erweckte, die sich ihrer Dürftigkeit annahmen. Es wurde seine Zuversicht erfüllet, die er oft aussprach, wenn er sein letztes Stück Brot mit den Armen teilte.

So starb Woltersdorf, erst sechsunddreißig Jahr alt. Er hatte ein äußerlich armes, innerlich desto reicheres Leben geführt. Wie in vielem, so war er auch in der Anspruchslosigkeit und Stille seines Lebensganges, in dem Fehlen alles dessen, was man als romantisch-frappant bezeichnen kann, den Herrenhutern verwandt. Er protestiert zwar gegen diese Gemeinschaft und sagt: »Allen Dingen, die in Leben und Lehre dem Worte Gottes zuwider sind, bin ich von Herzen feind, weshalb ich den Plan der herrnhutischen Gemeine, wie er jetzt ist, nimmermehr werde billigen können.« Aber trotz dieses Protestes, der gewiß aufrichtig gemeint und wohlbegründet ist, ist doch unverkennbar, daß seine Dichtung unter Zinzendorfschem Einfluß heranwuchs. Er gebraucht wie dieser die stark sinnlichen Reden von Turteltauben und Nachtigallen, von dem süßen Blut des Erlösers und von der Herrlichkeit seiner Blutrubinen. Er verteidigt auch diese Ausdrucksweise: »Die Herzen sollen durch die Sinne bewegt werden, und nur das eine ist zu fordern, daß kein schwulstiges, unanständiges oder gar lächerliches Wesen dabei zutage komme.« Im übrigen scheint er sich selber nur eine Durchschnittsbegabung zugeschrieben zu haben. »Ich habe«, so schreibt er, »nicht eine große Zierlichkeit und Pracht, sondern eine fließende und bewegliche Deutlichkeit erwählet, damit mich jedermann, auch zur Not ein Kind, verstehen möchte. Das macht zwar kein sonderliches Ansehen, ist aber desto nutzbarer. Wir sollen unserm Erlöser nicht allein die Gelehrten und Großen zuführen, sondern unter den Geringen und Einfältigen wuchert sein Evangelium am meisten. Allzu hohe Lieder nutzen niemandem oder doch nur wenigen.«

So er selbst. Die Urteile Neurer über den Wert seiner Dichtungen weichen erheblich voneinander ab. Koch schreibt: »Woltersdorf ist ein lebendiges Zeugnis der dichtenden Kraft des heiligen Geistes in der lutherischen Kirche«, wogegen Hagenbach nicht nur an der Weitschweifigkeit seiner Lieder, die wegen ihrer Länge nie gesungen werden können, Anstoß nimmt, sondern auch »Fluß und Guß, mit einem Wort, die rechte Rundung und Vollendung in ihnen vermißt«. Selbst R. Besser, in seinem »Leben E. G. Woltersdorfs«, kann nicht umhin, auf eine gewisse Unselbständigkeit Woltersdorfs hinzuweisen, und sagt in seiner anschaulichen Ausdrucksweise: »Er suchte, wie eine Hopfenrebe, stets gern einen tragenden Halt für seine Dichtungen.«

Wir selbst haben die besten seiner Dichtungen mit Freudigkeit und nicht ohne Erhebung gelesen. Wie schön beispielsweise sind folgende Strophen:

Wer ist der Braut des Lammes gleich?
Wer ist so arm? und wer so reich?
Wer ist so häßlich und so schön?
Wem kann's so wohl und übel gehn?
Lamm Gottes, du und deine sel'ge Schar
Sind Mensch' und Engeln wunderbar.

Verfolgt, verlassen und verflucht,
Doch von dem Herrn hervorgesucht;
Ein Narr vor aller klugen Welt,
Bei dem die Weisheit Lager hält;
Verdrängt, verjagt, besiegt und ausgelegt
Und doch ein Held, der Palmen trägt.

Das ist der Gottheit Wunderwerk
Und seines Herzens Augenmerk:
Ein Meisterstück, aus nichts gemacht,
So weit hat's Christi Blut gebracht;
Hier forscht und betet an ihr Seraphim,
Bewundert uns und danket ihm.

Auch in diesen Strophen mag sich ein starkes Anlehnen an einzelne Vorbilder aus dem hallensisch-pietistischen Dichterkreise nachweisen lassen, aber der Laie wird dadurch wenig gestört werden. Seine Laienschaft kommt ihm und dem Dichter zustatten. Das Maß unseres Wissens bestimmt auch das unsrer Ansprüche. Je lebendiger jemand die großen Originale, die Kraft- und Kernlieder deutscher Nation, gegenwärtig hat, desto ablehnender wird er sich gegen Lieder verhalten, die für sein geübtes Ohr eben nur ein Widerklang sind. Wer indessen weniger bewandert darin ist, wird leichter befriedigt sein. In der weltlichen Dichtung sehen wir Ähnliches. Wer den Heine nicht kennt, erfreut sich auch an den Nachbildungen desselben, wer ihn kennt, verhält sich gegensätzlich gegen alles, was heinisiert.

Gewiß – und damit schließen wir – ist Woltersdorf nicht den großen Gestalten unter unsren Kirchenlieddichtern zuzuzählen, dazu war er zu wenig eine Kraftnatur. Im Gegenteil, etwas Krankhaftes zieht sich durch sein Leben und spiegelt sich auch in seiner dichterischen Hyperproduktion. Aber zweierlei muß ihm verbleiben, und während er immer als ein Musterbeispiel für den wunderbaren Einfluß »des geistigen Fluidums über die träge Masse« dastehen wird, wird er andrerseits, wenigstens provinziell und lokal, eine hervorragende Bedeutung auf seinem speziellen Gebiete beanspruchen dürfen. Mark Brandenburg hat auf dem Gebiete des Kirchenliedes keinen Besseren aufzuweisen, auch wohl keinen, der sich neben ihm behaupten könnte.

Schloß Friedrichsfelde steht noch, wie es 1719 und 1735 aufgeführt wurde, das alte Pfarrhaus aber, abgelöst durch einen unmittelbar neben ihm entstandenen Neubau, ist längst hinüber. Ein Garten füllt jetzt den Platz, wo das alte stand, und ein Birnbaum blüht jeden 31. Mai an derselben Stelle, wo Woltersdorf, der Dichter, geboren wurde.

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