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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 67
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Walchow

Ach, ich kenne dich noch, als hätt ich dich gestern verlassen,
Kenne das hangende Pfarrhaus noch, das Gärtchen, die Laube,
Schräg mit Latten benagelt.
Schmidt von Werneuchen
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt,
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt.
»Faust«

Von Langen, das wir nach einer Fahrt durchs Wustrausche Luch am Schluß unsres vorigen Kapitels glücklich erreichten, ist nur noch eine Viertelmeile bis Walchow.

Walchow ist Mittelpunkt des Rhinluches. In den Zeiten, die der Reformation vorausgingen und ihr unmittelbar folgten, war es ein adliges Gut, das den Wuthenows und Zietens gehörte. So bis 1638, wo die Kaiserlichen unter Gallas dieses Dorf, wie so viele andere des Ruppinschen Landes, in einen Aschenhaufen verwandelten. Nach dem Kriege verkauften die genannten beiden Familien ihre Anteile, die nun zunächst 1680 mit holländischen, 1699 mit pfälzischen Kolonisten besetzt wurden. Ein Jahrhundert später begann das Prosperieren. Jetzt ist Walchow reich oder doch wohlhabend.

Einen Beweis für ländliche Wohlhabenheit bietet der Kirchhof, und zwar in der Regel mehr als die Erscheinung der Dörfer selbst. Die neue Scheune kann gebaut worden sein, weil es nötig war oder die alte niederbrannte, das Kirchhofsdenkmal aber ist recht eigentlich ein Gegenstand des Luxus. Die Menschen müssen sehr pietätvoll, sehr eitel oder aber sehr wohlhabend sein, wenn sie mit dem geliebten Toten einen Teil ihres Besitzes teilen sollen. In Walchow hat der Dorfschulze seinem fünfzehnjährigen Sohne ein Monument errichtet, wie's dem Begräbnisplatz eines adeligen Hauses zur Zierde gereichen würde. In Front einer Tempelfaçade (der Giebel von dorischen Säulen getragen) steht auf hohem Postament ein Engel des Friedens; Zypressen und Blumenbeete ringsum. An der Wand des Tempels aber erblicken wir eine Bronzetafel mit folgender Inschrift:

Hier ruhet in Gott
Erdmann Friedrich Hölsche,
das letzte Kind seiner tiefgebeugten Eltern.

Die Sorge für dich war die frohe Arbeit unserer Tage. Die Freude an dir unser gemeinsames Glück, und unsere Hoffnung sah in dir des nahenden Alters Stütze. Du liebes Kind, nun gründen wir deiner Asche diese Wohnung. Mögest du sanft darinnen ruhn, mögen auch wir Trost empfangen an dieser Stätte und den Frieden auf Erden.

 

Die eigentliche Sehenswürdigkeit Walchows ist aber doch seine Pfarre. Hier wohnt Superintendent Kirchner, ein Sechziger, rüstig im Leben, im Amt und in der Wissenschaft. Fest und freundlich, gekleidet in den langen Rock des lutherischen Geistlichen, das angegraute Haar gescheitelt und in zwei Wellen über die Schläfe fallend, erinnerte mich sein Auftreten an das jener dänischen Pfarrherren, deren mir, während des vierundsechziger Krieges, so viele, von der Koldinger Bucht an bis hinauf an den Limfjord, bekannt geworden waren. »Wie Grundtvig«, war der erste Eindruck, den ich empfing, und dieser Eindruck blieb auch. In der Tat, eine frappante Ähnlichkeit zwischen dem nordischen und dem märkischen Manne: Strenggläubigkeit, nationale Begeisterung, Einkehr bei der Urzeit des eigenen Volkes, Hang, das Dunkel zu lichten, Vorliebe für Hypothesen und zuletzt Identifizierung damit. Grundtvig dabei mehr die Sagenüberbleibsel einfangend, die wie Sommerfäden von Heide zu Heide ziehen, Kirchner die Heide selbst durchforschend, bis sie Gräber und Urnen und in beiden ihre Geheimnisse herausgibt; der eine Dichter, der andere Archäolog; jener im Studium alter Lieder aus der geistigen Welt eine sachliche, dieser im Studium alter Waffen, Münzen etc. aus der sachlichen Welt eine geistige konstruierend. Und wirklich, Superintendent Kirchner ist nicht bloß ein Sammler nach Art so vieler seiner Amtsbrüder, die nur im Vorhofe der Wissenschaft, speziell der Altertumskunde, wohnen; er gelangt vielmehr zu Schlüssen aus dem Gesammelten, und hier liegt der Unterschied zwischen Wissenschaftlichkeit und Liebhaberei. Die Mappen, die Schubfächer, die Glaskästen sind ihm nicht Zweck, sondern nur Mittel zum Zweck, und der historische Sinn (samt jenem Bedürfnis, zu Resultaten zu kommen) erwies sich siegreich in ihm über die bloße Kuriositätenkrämerei. Denn auch die schönste bronzene Streitaxt, die zierlichste Feuersteinlanzenspitze, sie haben nur Anekdotenwert, wenn sie nicht den Wunsch anregen, den Charakter und das Wesen einer Epoche daraus kennenzulernen. Ob richtig, ist zunächst gleichgiltig. Der Weg zur Wahrheit ist mit Irrtümern gepflastert.

Ein Studierzimmer von mäßiger Ausdehnung, in das wir jetzt eingetreten, ist, wie Bibliothek, so auch Naturaliencabinet und Museum für nordische Altertümer. Es wurde mir vergönnt, in den Schätzen dieser nicht zahlreichen, aber sehr ausgezeichneten Kollektion eine Stunde lang schwelgen zu können, wobei sich mir der alte Satz bewahrheitete, daß Anfänger und Laien in kleinen Sammlungen am meisten zu lernen imstande sind. Museumsmassenschätze staunt man an und geht mit dem trostlosen Gefühl daran vorüber, »dieser 10 000 Dinge doch niemals Herr werden zu können«; wo hingegen nur 100 Dinge zu uns sprechen, lächelt uns von Anfang an die Möglichkeit eines Sieges. Und dieser Sieg wird uns sicher, wenn ein Kundiger abermals auszuscheiden und den verbleibenden Rest durch begleitende kleine Vorträge mehr und mehr zu veranschaulichen versteht. Es heißt dann immer aufs neue: »Du wirst dabei in einer Stunde mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei.« Und still dankbar klangen in meinem Herzen diese Worte nach.

Unter den Schätzen, die mir gezeigt wurden, waren folgende: 1. ein Tierkopf von Bronze (wahrscheinlich Ornament an dem Wagen eines Opferpriesters); 2. ein Sandalensporn von Bronze, gefunden bei Frankfurt a. O.; 3. ein goldener Fingerring, blank, gefunden in der Prignitz; 4. ein goldener Halsring, blank, fünf Zoll im Lichten, gefunden bei Walchow auf einer Torfwiese des vorgenannten Schulzen Hölsche (seltenes Exemplar; Goldwert zweiundvierzig Taler; leider bald nach dem Funde von einem »Untersucher« zerbrochen); 5. ein römischer Dukaten aus dem fünften Jahrhundert mit dem Bilde des Kaisers Zeno; im Sande der Uckermark gefunden; 6. eine Spindel von Bein; sie lag neben einem sieben Fuß langen Gerippe zwischen drei Eichenbohlen. (Spinnwörtel findet man oft, Spindeln selbst aber sehr selten.) Neben diesen Prachtstücken interessierte mich noch eine nicht geringe Zahl von Armringen, Broschen, Kelten, Paalstäben etc., die zwar in sich selbst keinen außergewöhnlichen Wert darstellten, diesen Mangel aber durch das Interesse, das der Fundort einflößte, mehr als ausglichen. Alle diese Gegenstände nämlich, einige vierzig, waren bei Templin in einem ausgetrockneten Wasserloche, elf Fuß tief, und zwar unter fünf horizontal liegenden Eichen, gefunden worden. Einerseits die verhältnismäßig große Zahl, andererseits der Umstand, daß sie bunt durcheinandergewürfelt an einer und derselben Stelle lagen, gibt ein Rätsel auf. Von einem Begräbnisplatze kann keine Rede sein. Superintendent Kirchner nimmt an, es sei hier ein römischer Händler mit seinem Karren voll Bronzeschmuck verunglückt.

Diese Hypothese führt mich auf die schriftstellerische Tätigkeit Kirchners. Sie geht in erster Reihe nach der märkischhistorischen Seite hin und hat in der Familiengeschichte der Arnims sowie namentlich auch in dem großen vierbändigen Werke »Die Kurfürstinnen und Königinnen von Brandenburg und Preußen« allgemein Anerkanntes geleistet. Was an dieser Stelle jedoch, und zwar weit über jene historischen Arbeiten hinaus, Erwähnung verdient – Erwähnung deshalb, weil es vielleicht bestimmt ist, dermaleinst epochemachend aufzutreten –, das ist Kirchners vor etwa zwanzig Jahren erschienenes Buch »Thors Donnerkeil und die steinernen Opfergeräte des nordgermanischen Heidentums«. Der Titel fügt hinzu: »zur Rechtfertigung der Volksüberlieferung gegen neuere Ansichten«.

Kirchner geht in diesem seinem Buche davon aus, daß die berühmte, zuerst von Nilsson in Stockholm aufgestellte, demnächst aber nicht bloß in Skandinavien, sondern in der gesamten wissenschaftlichen Welt akzeptierte Drei-Zeitalter-Einteilung (Stein-, Bronze- und Eisenepoche), das mindeste zu sagen, sehr anfechtbar sei. Worin er mit Ledebur übereinstimmt, der ebenfalls ausgesprochen hat, »daß das häufige Vorkommen von Steingerätschaften in gleichzeitig auch mit bronzenen und eisernen Gerätschaften ausgestatteten Gräbern unverkennbar auf die Mißlichkeit dieser Drei-Zeitalter-Einteilung hindeute«. Kirchner sucht in weiterem nachzuweisen, daß der Gebrauch der Steinwerkzeuge, nachdem diese durch Bronze und Eisen längst abgelöst gewesen seien, im germanischen Kultus noch lange fortbestanden habe, »etwa wie jetzt der Akt der Beschneidung seitens der Juden immer noch mit einem Steinmesser vollzogen werde«. Dieser Vergleich ist geistvoll und dient seinem Zwecke vorzüglich. Wieweit er zugleich das Richtige trifft, entzieht sich meinem Urteile, denn es würde gewagt sein, in dieser überaus schwierigen Frage vom Laienstandpunkt aus Partei nehmen zu wollen. Nur ein unbestimmtes Gefühl, das ich schon vor Jahren bei meinem ersten Besuche des Nordischen Museums in Kopenhagen hatte, mag auch heute wieder seinen Ausdruck finden. Es richtete sich ebenfalls gegen das vorerwähnte Dreiteilungsprinzip. Ich sagte mir: Alle diese kostbaren und kunstgerechten Bronzegegenstände können doch unmöglich als die Hervorbringungen eines barbarischen, in Künsten unerfahrenen Volkes angesehen werden, müssen vielmehr von den Küsten des Mittelmeeres oder von Gallien oder aber von den angrenzenden römischen Kolonien her in die germanischen Länder importiert worden sein. Ist dem aber so, sind es wirklich Importartikel, stehen sie mithin zu dem Kulturleben des sich ihrer bedienenden Volkes in keiner andern als einer rein äußerlichen und zufälligen Beziehung, so können sie kein eigentliches Einteilungsmotiv bilden und lassen es unstatthaft erscheinen, auf sie hin von einem Bronzezeitalter zu sprechen, dem ein Steinzeitalter vorausging und ein Eisenzeitalter folgte. Solche Rubrizierungen haben nur dann einen Sinn, wenn die Dinge, nach denen die Wissenschaft ihren Scheidungsprozeß veranstaltet, auf dem betreffenden Boden auch wirklich gewachsen und Ausdruck eines bestimmten höheren oder niederen Kulturgrades sind.

Und so wie damals steh ich auch heute noch zu dieser Frage, weil ich nach wie vor (wie auch Kirchner) alle diese kunstvolleren Gold- und Bronzegegenstände als Importartikel ansehe.Kirchner hebt auf Seite 30 seines obengenannten Buches hervor, daß ein Teil dieser Bronzen sehr wahrscheinlich von Künstlern und Handwerksmeistern herrühre, die, ursprünglich griechisch oder römisch, sich in Deutschland niedergelassen hatten. Dies hat viel für sich. Dergleichen geschah zu allen Zeiten, in alten und neuen. Anfang des vorigen Jahrhunderts kam Antoine Pesne von Paris nach Potsdam und begann, die Schlösser mit ausgezeichneten Bildern zu füllen. Nichtsdestoweniger würd es grundfalsch sein, den Kunst- und Kulturgrad des damaligen Preußens nach Pesne bemessen zu wollen. Alles, was er schuf, war, trotz der leiblichen Anwesenheit des Meisters in unsrem Lande, doch immer nur eine importierte Kunst. Unserer wirklichen Kunststufe entsprach damals Leygrebe, der Riesengrenadiere und Jagdhunde malte. Hat aber umgekehrt die skandinavische Forschung recht, die diese Bronzen als reguläre Schöpfungen der damaligen germanischen Kultur anzusehen scheint, so würde sich danach das Dreiteilungsprinzip als allerdings in größerem oder geringerem Maße gerechtfertigt herausstellen, aber doch zugleich auch bewiesen sein, daß wir uns das Sueven- und Semnonentum des dritten bis fünften Jahrhunderts abweichend von den Schilderungen des Tacitus und unseren darauf erwachsenen Anschauungen vorzustellen hätten. Die Germanen würden danach allermindestens ein Halbkulturvolk und in ihrer späteren Epoche mit einem künstlerischen Können ausgerüstet gewesen sein, das auch heute noch von Durchschnittsleistungen unseres deutschen Kunsthandwerkes nicht überflügelt wird.

Das letzte Schubfach war zugeschoben, die Brakteaten und römischen Münzen hatten wieder Ruh, und das Familienzimmer nahm uns auf zu Mahl und Geplauder. Über nah und fern ging es hin, in immer munterer werdender Rede, denn ich befand mich in einem »gereisten Hause«, darin nun die gemeinschaftlichen Erinnerungen an Skandinavien und Schottland, an die Belte, den Sund und den Kaledonischen Kanal frisch aufblühten. Das Boot glitt weiter über den Loch Lomond hin, Abbotsford und Melrose Abbey stiegen wieder vor uns auf, und im Gleichtakt zitierten wir aus Scotts herrlicher Dichtung: »If thou wouldst view fair Melrose aright« etc.

Meine von Jugend auf gehegte Vorliebe für diese stillen, geißblattumrankten Pfarrhäuser, deren Giebel auf den Kirchhof sieht – ich fühlte sie wieder lebendig werden und empfand deutlicher als je zuvor die geistige Bedeutung dieser Stätten. In der Tat, das Pfarrhaus ist nach dieser Seite hin dem Herrenhause weit überlegen, dessen Ansehen hinschwindet, seitdem der alten Familien immer weniger und der zu »Gutsbesitzern« emporsteigenden ländlichen und städtischen Parvenus immer mehr werden. Und noch ein anderes kommt hinzu. Der Adel, soweit er ums Dasein ringt, vermag kein Beispiel mehr zu geben oder wenigstens kein gutes, soweit er aber im Vollbesitz seines alten Könnens verblieben ist, entzieht er sich zu sehr erheblichem Teile der Dorfschaft und tritt aus dem engeren Zirkel in den weiter gezogenen des staatlichen Lebens ein.

Das Pfarrhaus aber bleibt daheim, wartet seines Gartens und okuliert den Kulturzweig auf den immer noch wilden Stamm.

Daß ich hier ein Ideal schildere, weiß ich. Aber es verwirklicht sich jezuweilen, und an vielen hundert Stellen wird ihm wenigstens nachgestrebt.

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