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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 47
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Die Friedensjahre
(von 1815 bis 1848)

Am 2. November 1815 trat das Regiment den Rückmarsch in die Heimat an; es marschierte über Brüssel, Köln, Braunschweig, Magdeburg nach Breslau und Neiße. In diesen Garnisonen wurde die Demobilisierung ausgeführt.

1817 trat das Regiment aus dem 6. (schlesischen) Armeecorps in das 3. (brandenburgische) über und wurde nach Frankfurt a. O. hin gelegt. In Frankfurt und Umgegend stand das Regiment drei Jahr und rückte erst im September 1820 in seine neuen Garnisonen Ruppin und Prenzlau ein.

Die Regimentskommandeure der Vierundzwanziger waren von 1815 bis 1848 die folgenden: Oberstlieutenant von Laurens bis 1816, Oberst von Romberg bis 1821, Oberst von Petery bis 1834, Oberst von Wulffen bis 1838, Oberst Chlebus bis 1844, Oberst Ehrhardt bis 1848. – 1824 wurde der Erbgroßherzog Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin Chef des Regiments, 1842 der Sohn Paul Friedrichs, der jetzt regierende Großherzog Friedrich Franz.


Das 24. Regiment im Jahre 1848 und 1849

Am 24. Februar 1848 erfolgte die »Februarrevolution«, und in weniger als drei Wochen zog das revolutionäre Wetter über ganz Europa hin. Überall fand es reichlichen Zündstoff, und überall schlug es ein. Auch bei uns. Es war eben nicht alles so, wie's sein sollte. Die Zusagen von 1815 waren unerfüllt geblieben, ein Druck war da, eine Luft, die das freie Atmen hinderte. Auch die Besten, wenn sie nicht Unzufriedene waren, waren wenigstens unbefriedigt.

Aus dieser Stimmung heraus erwuchs unser »18. März«. Ohne den stillen Vorschub, den das gesamte Volksgefühl den Krawallern von Fach leistete, wäre dieser Tag nicht möglich gewesen.

Die junge Freiheit war geboren. Aber sie konnte ihren unmittelbaren Ursprung nicht verleugnen, und mit jedem Tage wurd es klarer, daß sie von der Gasse stammte. Das vielzitierte »Schaumspritzen« eines freiheitlichen Geistes wurde mehr und mehr unbequem, und die hohe Libertas trug das Kleid des Rehbergers. Unser Regiment war es, dem damals die Aufgabe zufiel, die Ausschreitungen der Hauptstadt im Zaume zu halten, weniger durch direktes Eingreifen als einfach durch seine Gegenwart. Die Übermütigsten wußten, daß wenigstens ein loyaler Faktor da war, mit dessen 3000 Bajonetten gerechnet sein wollte.

Sehr bald nach dem »18. März« waren unsere Vierundzwanziger in die Hauptstadt eingerückt und hatten in den Kasernen des 2. Garderegiments und der Gardeartillerie Quartiere bezogen. Speziell diese Kasernen waren wohl mit Rücksicht auf die nahe gelegene »Oranienburger Vorstadt« gewählt worden. Der Sicherheitsdienst befand sich in den Händen der Bürgerwehr, und nur einige wichtigere Punkte wurden unseren Vierundzwanzigern zugewiesen. Unter diesen das Zeughaus.

Ebendieses war auch am 14. Juni wieder durch eine Füsiliercompagnie Vierundzwanziger besetzt worden, als sich am Nachmittage genannten Tages jene Ereignisse vorbereiteten, die unter dem Namen der »Zeughaussturm« bekannt geworden sind. Ein sehr lehrreiches Kapitel in der Geschichte der Revolutionen, zugleich ein treffliches Beispiel dafür, daß Unternehmungen von einer nicht wegzudisputierenden historischen Bedeutung oft nicht bloß durch die zweifelhaftesten, sondern auch geradezu durch die kümmerlichsten Mittel in Szene gesetzt werden. 100 oder 200 verwegene Bursche, Bursche, die, was auch kommen möge, nur zu gewinnen haben, rottieren sich zusammen, und in weniger als einer halben Stunde sind aus den 200 zwanzigtausend geworden. Aber diese zwanzigtausend sind au fond nichts als eine Täuschung. Jeder will sehen und hören und vielleicht hinterher ein wenig renommieren, das ist alles; er denkt nicht daran, Hand anzulegen, wenn's Ernst wird, er will nicht kämpfen oder sich persönlich Gefahren aussetzen, er will nur mit schreien und möglichst mit unnütz sein, während die andern die Kastanien aus dem Feuer holen. Diese »andern« aber sind immer nur wenige. Wer dies im Auge hat, der wird solcher Bewegungen in der Regel leicht Herr werden, und meistens ohne große Opfer hüben und drüben; aber an diesem freien Blicke gebricht es in revolutionären Zeiten fast immer. Jeder ist angekränkelt, jeder erkennt der Auflehnung ein bescheidenes Maß von Berechtigung zu oder setzt auch wohl Mißtrauen in die Mittel und Wege, mit denen er in den Kampf eintreten soll. So wird die Entschlußkraft gebrochen. Das Schlimmste tuen dann schließlich noch die »Berater«. Unter diesen sind immer einige, die mit der Angst des eigenen Herzens die Herzen derer, bei denen die Entscheidung liegt, anzustecken wissen. Mitunter sind es auch Mitverschworene.

So war es am 14. Juni. Geschwätz, Zureden und, als alles nicht ausreichte, direkte Lüge brachen, ohne daß ein Schuß gefallen wäre, den Widerstand der Zeughausverteidiger, und die jubelnde Menge trat ein. Aber nicht lange sollte sie sich dieses Sieges erfreuen. Das mittlerweile gesammelte 1. Bataillon Vierundzwanziger erhielt Befehl, das Zeughaus wiederzunehmen, und vom Kupfergraben wie zugleich vom Kastanienwäldchen aus rückten alle vier Compagnien gegen dasselbe vor. Die Menge wich, und durch sie hindurch drangen jetzt die Hauptleute von Brause und von Stülpnagel in das Zeughaus ein, säuberten den Hof, nahmen in der obersten Etage dem Gesindel die bereits geraubten Waffen wieder ab und jagten dasselbe die Treppe hinunter oder zu den Fenstern hinaus. In Zeit von zwei Stunden war alles beendet und die Ordnung der Dinge wiederhergestellt.

 

So der Juni 1848. Ernster, bedeutsamer waren die Maiereignisse des folgenden Jahres, insonderheit

der Straßenkampf in Dresden.

Hier stand man einer wirklichen revolutionären Macht gegenüber. Auf diese Kerntruppe der Revolution paßte nicht mehr das, was ich vorstehend von bloßen Krawallern und Tunichtguten gesagt habe, hier befehdeten sich zwei Prinzipien, von denen jedes seine Truppen ins Feld stellte. Die Ereignisse von damals sind halb vergessen, sie sollten es nicht sein. Sie gaben uns einen Vorgeschmack von dem, was kommen wird.

Am 3. Mai war der Aufstand in Dresden ausgebrochen. An der Spitze standen Tzschirner, Todt, Heubner, Bakunin. Die Barrikaden (so wird erzählt) waren nach Anleitung Sempers errichtet, die revolutionäre Armee selbst aber bestand aus Turner-, Künstler- und Studentencorps, aus Teilen der Schützengilde, der Bürgerwehr, aus formierten Abteilungen militärisch eingeübter Bergleute und aus Umsturzmännern von Fach, namentlich Polen. Es handelte sich also nicht um »Gesindel«, das bekämpft werden sollte, sondern, wie schon hervorgehoben, um eine Elitetruppe, die nach Intellekt, Wissen und bürgerlicher Stellung erheblich höher stand als die uckermärkischen Füsiliere, die hier unsrerseits in den Kampf eintraten. Je bestimmter ich auf seiten dieser letztren stehe, desto freier auch darf ich es aussprechen, daß nichts falscher und ungerechter ist, als auf die Scharen des Maiaufstandes verächtlich herabzublicken. Die Schuld lag bei den Führern. Und auch hier ist noch zu sichten. Neben Ehrgeizigen und Böswilligen standen aufrichtig begeisterte Leute. Eine Republik herstellen wollen ist nicht notwendig eine Dummheit, am wenigsten eine Gemeinheit.

Das sächsische Militär war nicht stark genug, den Aufstand zu unterdrücken. Am 5. oder 6. Mai gingen deshalb von Berlin aus das 1. und das Füsilierbataillon vom Alexander-Regiment nach Dresden ab, um die sächsischen Truppen in ihrem Kampfe zu unterstützen. In der Nacht vom 7. zum 8. folgte unser vierundzwanziger Füsilierbataillon. Am 8. früh traf es in Neustadt-Dresden ein und rückte um ein Uhr mittags zur Ablösung der verschiedenen Détachements des Alexander-Regiments über die Elbbrücke. Die halbe Altstadt war um diese Zeit bereits zurückerobert, aber in der im Besitz der Insurgenten verbliebenen Hälfte steigerte sich der Widerstand, besonders am Altmarkt und in dem zwischen der Wilsdruffer-, Scheffel- und Schloßgasse gelegenen Häusercarré.

Unsere Füsiliere begannen den Kampf sofort, aber der Hauptangriff wurde doch bis zum 9. morgens verschoben.

Die 9. Compagnie (rechter Flügel) ging in der Frühe genannten Tages mit allen drei Zügen vor. Hauptmann von Malotki nahm das Postgebäude, Lieutenant von Glasenapp das Engelsche Haus, Lieutenant von Horn eine starke Barrikade an der Scheffel- und Wallstraßen-Ecke.

Die 10. Compagnie (linker Flügel) setzte sich vom Neuen Markt her in den Besitz des Café Français und avancierte von hier aus gegen die ebenfalls mit Insurgenten besetzte Kreuzkirche.

Die 11. und 12. Compagnie (Zentrum) arbeiteten sich in den Häusern der Sporer- und Schössergasse gegen den Altmarkt vor, während andre Abteilungen, bei denen sich der Bataillonskommandeur Major Schrötter befand, die Hauptstraße hielten und die hier errichteten, mit der roten Fahne geschmückten Barrikaden wegnahmen.

Die Hauptaktion hatte die 9. Compagnie. Noch geraume Zeit nachher bot das Postgebäude samt den angrenzenden Baulichkeiten ein deutliches Bild des Kampfes, der hier getobt hatte. Die Verluste der Insurgenten waren groß, der ganze Hergang aber, rein auf seinen militärischen Gehalt hin angesehen, hatte deutlich gezeigt, welches Widerstandes eine Stadt fähig ist, wenn sie den guten Willen hat, jeden Fußbreit Erde zu verteidigen.


Der Straßenkampf in Iserlohn
17. Mai 1849

Am 11. Mai verließ unser Füsilierbataillon Dresden und vereinigte sich mit den andern Bataillonen des Regiments, um den inzwischen an einigen Orten Westfalens ausgebrochenen Aufstand niederzuschlagen. Das führte am 17. Mai zu dem Straßenkampfe von Iserlohn. Unsere Bataillone stürmten von drei Seiten her gegen die Stadt, nahmen die Barrikaden im ersten Anlauf und drangen in den Straßen, trotz lebhaften Feuers aus den angrenzenden Häusern, ohne Aufenthalt vor. Eine der Barrikaden, die von der 4. Compagnie erstürmt wurde, war aus Postwagen erbaut, andre waren mit Geschützen versehen. An die Spitze der 12. Compagnie hatte sich der Kommandeur des Füsilierbataillons, Oberstlieutenant Schrötter, gestellt; seiner Truppe weit vorauf, traf ihn eine Kugel, und tödlich getroffen sank er aus dem Sattel. Diesen Schuß hatten die Aufständischen teuer zu bezahlen. Das Haus ward erstürmt und von drei Seiten her der Marktplatz erreicht. Die Feder sträubt sich, die Zahl der Opfer anzugeben. Auf seiten des Regiments waren nur zwei Tote, darunter Oberstlieutenant SchrötterOberstlieutenant Schrötter ward auf dem Iserlohner Kirchhof beigesetzt. In der Garnisonkirche zu Prenzlau ist ihm seitens der Kreisstände der Uckermark eine marmorne Gedächtnistafel errichtet worden. Für sein brillantes Verhalten in Dresden war ihm ein Regiment zugedacht; die Ernennung, als sie in Iserlohn eintraf, fand ihn bereits tot. .


Der Feldzug in Pfalz und Baden

Inzwischen hatten sich die badenschen und zum Teil auch die bayerischen Truppen (soweit sie in der Rheinpfalz standen) dem Aufstande angeschlossen. An die Stelle ihrer Offiziere, die mit kaum nennenswerten Ausnahmen ihrem Eide treu blieben, traten vielfach Revolutionärs vom Fach. Mieroslawski übernahm die Oberleitung.

Drei Corps setzten sich zur Bekämpfung der Aufständischen in Marsch. Das erste dieser Corps wurde vom General von Hirschfeld, das zweite vom General Graf Gröben, das dritte, aus deutschen Kontingenten gemischte, vom Generallieutenant von Peucker kommandiert. Den Oberbefehl über diese Armee übernahm der damalige Prinz von Preußen.

Unsere Vierundzwanziger kamen zum Hirschfeldschen Corps. Es war mehr ein Marschieren als ein Bataillieren, und zuletzt, als die Murg-Linie seitens der Aufständischen erreicht war, setzten sie sich, um einen letzten entschlossenen Widerstand zu versuchen. Dies führte am 29. und 30. Juni zu den ziemlich blutigen Gefechten bei Kuppenheim, von denen das eine diesseits, das andre jenseits der Murg geschlagen wurde. An dem Gefechte diesseits der Murg (29.) nahmen unsere Musketierbataillone, an dem Gefechte jenseits der Murg (30.) unsere Füsiliere teil. Besonders zeichnete sich am 29. das 2. Bataillon aus. »Das Erscheinen des 2. Bataillons 24. Regiments war entscheidend. Die Freudigkeit, mit der es ins Gefecht ging, ist über alles Lob erhaben, und bald war auch das verlorengegangene TerrainDas Gefecht bei Kuppenheim stand eine Zeitlang nicht allzu günstig für uns. Die badenschen Truppen, auch einige Freischärlerabteilungen, schlugen sich gut, dazu war Mieroslawskis Begabung unzweifelhaft. (Unsere neunundvierziger Kriegführung ist überhaupt mannigfach getadelt worden und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. Aber die Schwierigkeiten waren groß, und über alles genialisch Feldherrliche hinaus wurden die Gemüter damals von der Frage beherrscht: »Wie nah sind wir den badisch-militärischen Zuständen oder wie weitab von ihnen?« Die Treue bedeutete alles, die Strategie wenig. Das will erwogen sein.) und noch mehr gewonnen. Der Feind zog eilig über die Murg nach Kuppenheim ab.«

Die verschiedenen Gefechte, die am 30. Juni stattfanden, entschieden über das Schicksal der Insurgentenarmee. Ein Teil warf sich nach Rastatt hinein, das sich bis zum 23. Juli hielt. Der Rest zerstob in alle Winde.

Damit war der Feldzug abgeschlossen, unsere Vierundzwanziger aber wurden dem Okkupationscorps zugeteilt, das bis November 1850 in Baden verblieb.

 

Die Verluste in allen Kämpfen des Jahres 49 (Dresden, Iserlohn, Baden) stellten sich für unser Regiment wie folgt:

Dresden: 6 Tote, 13 Verwundete.
Iserlohn: 2 Tote, 4 Verwundete.
Baden: 3 Tote, 18 Verwundete.

Damals hatten diese Zahlen ein Gewicht; jetzt blicken sie uns bescheiden an. Bei Vionville gab es Sekunden, die mehr kosteten als alle diese Kämpfe zusammengenommen.

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