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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 300
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Werneuchen

Wenn vor des Pfarrhofs kleinen Zellen
Nun bald die Lindenknospen schwellen,
Wenn Vögel in den Ahornhecken
Die weißen Eierchen verstecken,
Dann kommst du, unsres Glückes froh,
Im Hute von geflochtnem Stroh,
Zu atmen hier, voll Veilchenduft,
Werneuchens reine Frühlingsluft.
Schmidt von Werneuchen

Inmitten des Barnim, halben Wegs zwischen Berlin und Eberswalde, liegt das Städtchen Werneuchen. Ich sage Städtchen, um dem Lokalpatriotismus einzelner seiner Bewohner nicht zu nahe zu treten, die das Beiwort »Stadt« für ironische Übertreibung und die Bezeichnung »Flecken« als Mangel an Respekt ansehen möchten. Ich hüte mich weislich vor jeder Parteiergreifung und verweigere nicht minder, an dem über die Herstammung des Wortes »Werneuchen« ausgebrochenen Kampfe teilzunehmen. Alles, was an Erbitterung auf dem Felde der vergleichenden Sprachforschung nur jemals zutage getreten ist, ist auch hier wieder sichtbar geworden, und die Partei »Bernau«, wiewohl mehrmals geschlagen, steht der Partei »Warnow« immer noch voll ungebrochenen Mutes gegenüber. Werneuchen ist Klein-Bernau, sagen die einen und deduzieren etwa wie folgt: Klein-Bernau = Bernäuchen, und Bernäuchen = Werneuchen. Mitnichten, erwidern die andern. Werneuchen ist Klein-Warnow, Klein-Warnow = Warnowichen, und Warnowichen = Werneuchen.

Werneuchen gehörte wie Zossen, Trebbin, Baruth u. a. m. zu jenen bevorzugten Ortern, die sich ohne besonderes Verdienst, in jener kurzen Epoche, die zwischen dem Sandweg und dem Schienenweg lag und die man das Chaussee-Interregnum nennen könnte, zu einer gewissen Reputation emporarbeiteten. Und vielleicht wurde dies Grund und Ursach, daß man, als das eherne Zeitalter der Eisenbahnen wirklich anbrach, den Ruin Werneuchens für gekommen hielt und vor seiner Zukunft (denn die Bahn nahm eine andere Richtung) erzitterte. Man hatte sich daran gewöhnt, Werneuchen und Passagierstube für identisch anzusehen; nun beseitigte man diese mit einem Federstrich, und die Frage trat bang an jedes Herz: »Was bleibt noch übrig? was wird?« Aber die Dinge kamen anders, als man gedacht hatte; die Furcht war, wie immer, schlimmer gewesen als die Sache selbst, und Werneuchen blieb im wesentlichen, was es vorher gewesen war. Die Fruchtbarkeit der Äcker und der Fleiß der Bewohner deckten alsbald das Defizit, wenn überhaupt ein solches entstand, und der freundlichen Häuschen mit Ziegeldach und grünen Jalousien wurden nicht weniger, sondern mehr.

In der Tat, Werneuchen gewährt den Anblick eines sauberen und an Wohlhabenheit immer wachsenden Städtchens. Aber es ist doch nicht das heutige Klein-Warnow oder Klein-Bernau, wohin ich den Leser zu führen gedenke, vielmehr gehen wir um siebzig Jahr in seiner Geschichte zurück und rüsten uns zu einem Besuch in dem alten Werneuchen, wie es zu Anfang dieses Jahrhunderts war.

Auch damals war es ein freundlicher Ort, aber die Chaussee, die noch gar nicht vorhanden oder doch erst im Bau begriffen war, hatte noch nicht Zeit gehabt, die Fensterladen mit dem roten Anstrich und den eingeschnittenen Herzen zu verdrängen, und die Strohdächer mit ihrem Storchennest und ihren schief stehenden Schornsteinen überhoben den Besucher – trotz der zwei Bürgermeister, die Werneuchen damals hatte – der jetzt so heikel gewordenen Frage von »Dorf oder Stadt«. Keine Schützengilde parodierte zu jener Zeit mit Sang und Klang durch die Straßen, und wenn draußen in Wald oder Feld ein Schuß fiel, so wußte man, daß es die Büchse des Försters sei, der am Gamen-Grunde, hart an der Stelle, wo der Weg nach Freienwalde hin abzweigt, sein unter Tannen geborgenes Häuschen hatte.

Keine Schützengilde gab es, auch keinen Veteranenverein, aber etwas anderes, eine Kuriosität, ein Restchen Mittelalter und Femgericht, das sich aus unvordenklicher Zeit, allen Einflüssen des nivellierenden achtzehnten Jahrhunderts zum Trotz, an diesem stillen Ort erhalten hatte. Dies Femgericht im kleinen war die sogenannte »Wröh«. Zu festgesetzten Zeiten, aber immer nur im Sommer, versammelten sich die Bürger-Bauern auf einem von alten Linden überschatteten Platze, der ziemlich in der Mitte zwischen dem Pfarrhaus und der Kirchhofsmauer gelegen war. Unter den Bäumen dieses Platzes, nach der Kirchhofsseite hin, lagen vier abgeplattete Feldsteine, die man durch aufgelegte Bretter in ebenso viele Bänke verwandelte, wenn eine »Wröh« abgehalten werden sollte. Was in alten Zeiten in diesen Geschwornengerichten besprochen und bestimmt ward, ob jemals ein Werneuchener Bürger-Bauer das bekannte Messer in den Baum am Kreuzweg gebohrt oder nicht, wird wohl nie mehr zur Kunde der Nachwelt gelangen, unsere Kenntnis über die Sitzungen der Werneuchener »Wröh« datiert erst aus den unromantischen Zeiten des Allgemeinen Landrechts, wo ganz Werneuchen und natürlich auch die »Wröh« unter die stille Superintendenz eines Magistrats und der schon vorerwähnten Doppel-Bürgermeisterei gekommen war. Die Gerichtsbarkeit der »Wröh« war eine durchaus enge geworden und beschränkte sich darauf, in wöchentlichen oder monatlichen Sitzungen den Schadenersatz festzustellen, den das Vieh des einen Bürgers oder Bauern den Feldern oder sonstigem Besitztum des andern zugefügt hatte. Stimmenmehrheit entschied, und ohne Streit oder weiteren Appell wurden die Dinge geregelt. Die letzten dreißig Jahre haben uns in den »Schiedsgerichten« etwas Ähnliches wiedergebracht, aber was dieser trefflichen Neuschöpfung im Vergleich zu jener alten fehlt, ist die fremd und mystisch klingende Bezeichnung, und wir begreifen vollkommen den Stolz eines Werneucheners, der von den Zeiten der »Wröh« spricht wie ein Lübecker von der Hansa und ihrer Ostseeherrschaft.

Im Sommer 1809 hatte Werneuchen noch seinen Lindenplatz zwischen Pfarrhaus und Kirchhof und, was mehr sagen will, auch noch die vier Feldsteine und sein »Wröh«. Wir kommen aber nicht in heißer Junischwüle von Berlin, um einer Sitzung des letzten Ausläufers der Feme voll Schweigen und Ehrerbietung beizuwohnen – wir haben ein andres Ziel vor Augen: einen Besuch in der Pfarre.

Dorf Blumberg liegt längst hinter uns und nun auch Seefeld und Löhme, zwei Zwillingsdörfer, die von hüben und drüben ihre völlig gleichen Kirchturmspitzen im Wasser des Löhme-Sees spiegeln. Aber der Werneuchner Kirchturm neckt uns noch immer, und ermüdet vom langen Marsche, halten wir inne, stützen uns, nach hinten übergebogen, auf unseren Stock und lüften mit der Linken den Hut, um uns die Stirne vom Winde kühlen zu lassen. Da plötzlich ist es, als hörten wir etwas wie Peitschenknall und Pferdeschnaufen, und zurückblickend bemerken wir einen offenen Wagen, der, den Sand des Weges aufwirbelnd, in raschem Trab uns folgt. Und im nächsten Augenblicke schon ist er so nahe, daß wir seine Insassen bequemlichst zählen können. Es sind ihrer fünf. Vorne der Kutscher mit zwei blondköpfigen Jungen und dahinter, auf dem eigentlichen Sitze des Wagens – der in vier Lederriemen hängt und bei jeder Bewegung hin- und herschaukelt –, ein wohlgenährtes Ehepaar, allem Anscheine nach zwischen dreißig und vierzig. Die Frau hält einen aufgespannten Regenschirm, den sie mit vielem Geschick à deux mains zu gebrauchen weiß, indem sie das rote Dach als Schutz gegen die Sonne, den Griff aber als Krückstock benutzt, um die beiden Jungen in Ordnung zu halten, die des eng zugemessenen Raumes halber in beständiger Fehde sind und aller Contrôle zum Trotz ihren still erbitterten Kampf mit den Ellenbogen fortsetzen. Zwischen der Sitzbank und dem schrägen Hinterteile des Wagenkorbs ist noch ein leerer Raum, und unsere Kenntnis ähnlicher Fuhrwerke läßt uns erraten, daß hier ein Häcksel- oder Futtersack verborgen sein müsse, der schließlich nichts dagegen haben würde, wenn wir uns entschlössen, die letzte Viertelmeile des Wegs auf seinem Polster zurückzulegen. Und wirklich, wir schwingen uns hinein, und unsere Tarnkappe hervorziehend, unser selbstverständliches und allerwichtigstes Reisenecessaire, sitzen wir jetzt unbemerkt auf dem Häckselsack und werden zu glücklichen Zeugen all der kleinen Erziehungs- und Unterhaltungsszenen, die sich mehr und mehr zu einer gemütlichen Familienkomödie gestalten.

Unmittelbar vor uns, auf einer für unsere Füße frei gebliebenen Stelle, liegt ein Spielzeug, jenes mit Glöckchen und Schellen behängte Blechinstrument, das unter dem Namen der »Janitschar« das Entzücken aller Kinderherzen bildet. Der Raum ist so eng, daß wir's trotz äußerster Vorsicht nicht vermeiden können, die Glöckchen gelegentlich zu berühren, und jedesmal, wenn es klingelt und tingelt, drehen sich alle fünf Köpfe nach uns um, in leiser Ahnung, daß es auf dem Häckselsacke nicht ganz richtig sei. Diese Kopfwendungen, die der starken Frau jedesmal äußerst schwer werden, geben uns eine gute Gelegenheit, unsere bis dahin nur von Rücken und Seite her gesehene Reisegesellschaft auch en face kennenzulernen und uns über den Ausdruck des Behagens als eines charakteristischen Familienzuges zu vergewissern. Die beiden Jungen sind unzweifelhaft Zwillinge; der Mutter, einer hübschen blonden Frau, rollen die Schweißtropfen wie Freudentränen von der Stirn, und ihr Ehegemahl zur Rechten zeigt uns jenes wohlbekannte, aus Würdigkeit und Sonnenbrand zusammengesetzte Gesicht, das alle ländliche Beamte zu haben pflegen, denen der Dienst in der Amts- und Gerichtsstube die Zeit zu Schnepfen- und Entenjagd nicht allzusehr verkürzt. Und so fehlt denn nichts mehr als die namentliche Vorstellung: Amtsaktuarius Bernhard aus Löhme nebst Frau und Familie, die sich gleich nach Tisch auf den Weg gemacht haben, um dem befreundeten Pfarrhause zu Werneuchen, wo heute Geburtstag ist, einen Besuch abzustatten.

Die beiden Braunen traben tüchtig weiter, der kleine Streit zwischen dem Ehepaar, ob »Pät Ulrich« heute neun oder erst acht Jahre geworden sei, ist endlich, selbstverständlich zugunsten der Frauenansicht, entschieden, und der seit einer Viertelstunde seine Peitsche »Gewehr bei Fuß« habende Kutscher nimmt sie jetzt wieder in die Hand, um, angetan mit allen Abzeichen seiner Würde, in Werneuchen einzufahren. Schon holpert und stolpert der Wagen auf dem tief ausgefahrenen Steinpflaster, der Kutscher knallt oder streicht mit bemerkenswerter Eleganz die Stechfliegen von dem Hals der Pferde, das rote Dach des Regenschirms wird eingezogen, und nur einmal noch fährt die Schirmkrücke mit einem energischen »Sitz gerade« in den Rücken des linken Jungen. In demselben Augenblick aber, wo der Getroffene zusammenfährt, hält auch der Wagen schon vor der Werneuchener Pfarre.

Von unserm Versteck her haben wir Zeit, das Haus zu mustern. Es ist ein Fachwerkbau mit gelbem Anstrich und kleinen Fenstern, sein einziger Schmuck der geräumige Vordergiebel und ein paar alte Kastanienbäume, deren hohe Kronen das ganze Haus in Schutz zu nehmen scheinen. Die Haustüre steht offen und gönnt einen Blick auf den kühlen fliesengedeckten Flur; aber niemand erscheint auf ihm, um die Gäste willkommen zu heißen. Die beiden Jungen haben endlich das Terrain rekognosziert und kommen mit einer barfüßigen alten Frau zurück, die sie hinten im Garten mit Unkrautjäten beschäftigt fanden. In ziemlich dienstlichem Tone poltert der Amtsaktuarius ein paar seiner Fragen heraus; aber bald ergibt sich's, daß die Jätefrau taub ist und es am geratensten sein dürfte, die Gesamtkosten der Unterhaltung ihr zuzuschieben. »Alles ausgeflogen... Alles in 'n Wald... Ulekens Geburtstag.« Diese Worte genügen völlig. Unser Amtsaktuarius ist lange genug in dem Werneuchener Pfarrhaus aus- und eingegangen, um zu wissen, wo der Pfarrer seine Lieblingsplätze hat, und der Alten zum Zeichen völligen Eingeweihtseins einen kurzen Gruß zunickend, läßt er im nächsten Augenblicke weitertraben. Als der Wagen etwas heftig anrückt, fall ich nach hinten über und stoße so stark an die Janitschar, daß sämtliche Glocken zu klingen anfangen. Aber alles ist bereits in solcher Aufregung, daß niemand mehr darauf achtet, welcher Mittagsspuk da hinten sein Wesen treibt.

Bis zum Gamen-Grund ist eine halbe Stunde. Wir sind eben in den Fahrweg eingebogen, der nach Freienwalde hin abzweigt, und halten alsbald an einem Waldpfade, den wir in seinen Windungen durch das Gehölz hin deutlich verfolgen können. Quellen sickern im Moos. Elsen und anderes Laubholz mischt sich unter die Tannen, und erfrischende Kühle weht uns an.

»Oh, da singen sie schon. Wußt ich doch, daß wir sie finden würden« – mit diesen Worten, die fast wie Selbstgratulation klingen, eilt der Amtsaktuar von rechts her auf die linke Seite hinüber, um bei der bevorstehenden Landung seiner Ehehälfte nach Kräften behilflich zu sein. Im Vertrauen auf die Gutgeartetheit der Pferde wird statt des direkten Weges über das linke Vorderrad der Umweg über den Deichseltritt gewählt; wir aber, als wir diese Vorkehrungen glücklich getroffen sehn, schwingen uns, die linke Hand auf dem Wagenkorbe, mit raschem Ruck in den Fahrweg hinein und eilen der Aktuarfamilie voraus in die Waldestiefe hinein.

Da haben wir sie. Mitten auf einem Rain, den hochstämmige Tannen einschließen, scheinen die Elfen an hellem Nachmittag ihre Spiele zu treiben. Ein Dutzend Kinder, groß und klein und mit allerhand Kränzen im Haar, tanzen den Ringelreihen, während inmitten ihres Kreises ein Blondkopf steht und mit seiner Weidenrute hierhin und dorthin zeigt als wär es ein Zauberstab. Abwärts davon, in einer Vertiefung unter den Bäumen, qualmt und knistert ein Feuer, an dessen Rande, neben anderem Topfwerk, eine jener weitbauchigen braunen Kannen steht, die den Namen ihrer schlesischen Vaterstadt ruhmreich über die Welt getragen haben; dahinter aber, auf einer natürlichen Bank, sitzt pastor loci, kenntlich durch Haltung und Sammetkäpsel, und reicht seiner neben ihm stehenden jungen Frau die Hand. »Es ist gut so«, scheint seine freundliche Miene zu sagen, und die Glückliche, glücklich in seinem Besitze, neigt sich und küßt ihm die Stirn, auf einen kurzen Augenblick unbekümmert um Kannen und Kinder und um das brodelnde Wasser, das eben zischend in die Flamme fährt. Wir stehen noch im Bann dieser reizenden Szene, da knickt es dicht neben uns im Unterholz, und das rasche, laut-ängstliche Atmen einer Asthmatischen läßt keinen Zweifel darüber, wer im Anzuge sei. Wirklich, ihre Zwillinge vorauf, den Ehgemahl mit der Janitschar unmittelbar hinter sich, ist die Frau Amtsaktuar auf die Waldwiese getreten. Und vor ihrer Erscheinung ist der Zauber entflohen. Der Ringelreihen schweigt, die Werneuchner Dorfjugend hat ihr Elfentum abgestreift, und das gesamte junge Volk stürzt mit Jubelgeschrei den Ankommenden entgegen.

Wir sind nicht Zeugen der Begrüßungsszene, die nun folgt, sehen nicht, wie der reizende Blondkopf, der noch eben auf einem Elsenstumpfe stand, das bewunderte Geschenk aus den Händen seines Paten entgegennimmt, und beteiligen uns noch weniger an »Hirsch und Jäger« oder gar an dem Wettkampfe, der abschließend zwischen den Horatiern oder Curiatiern von Werneuchen und Löhme zur Aufführung kommt – wir gönnen den Alten am Feuer ihr Geplauder und den Kindern im Wald ihre Lust und gesellen uns ihnen erst wieder, als sie gegen Abend, unermüdet vom Singen und Springen, ihren Heimmarsch antreten. Halben Weges zwischen dem Garnen-Grund und Werneuchen begegnen wir ihnen und lassen den phantastischen Zug an uns vorüberziehn. Voran Klein-Ulrich, der Held des Tages. Unmittelbar hinter ihm die Zwillinge, von denen einer auf einem Kaffeetrichter bläst. Und nun der Fahnenträger, einen Birkenbusch vor sich. Andre folgen mit zinnernen Bechern und blechernen Löffeln – alles in allem ein Bacchuszug aus jenen Regionen, wo das Besingkraut an die Stelle des Weinlaubs tritt.

Neben dem Zuge her mahlt der Löhmer Amtswagen. Unsere stattliche Freundin, die seit dem Abendgange durchs Korn, auf dem sie sich verlobte, nie mehr einen Spaziergang wagte, thront mit dem Ausdruck wachsenden Behagens auf ihrem Wagensitz, und gelegentliche Zurufe, die sich auch jetzt noch auf nicht abzureichende Distance der Erziehung ihrer Zwillinge widmen, geben ihr mehr Befriedigung als Verdruß. Eine kurze Strecke hinter dem Zuge folgen die Männer in lebhaftem Gespräch, und der Amtsaktuar, der die Berliner Zeitung hält, rektifiziert die rechte Flügelaufstellung bei Wagram, »ein Fehler, den er dem Erzherzog Karl nie zugetraut hätte«. Neben ihnen her aber, gleich unangefochten durch die Fehler bei Wagram wie durch die Korrekturen des Amtsaktuars, trottet Boncœur, aller Liebling und Vertraute, mit einem so ehrlichen Pudelgesicht, als hab er's jedem einzelnen versprochen, für verlorene Tücher und Schuhbänder mit seiner Person aufkommen zu wollen.

Dämmerung liegt auf der Dorfstraße. Die Spielgefährten schlüpfen rechts und links in Hof und Türe, während unsere Freunde vor der Pfarre halten.

Die Sterne ziehen herauf, und es wird still in Dorf und Haus.

 

So sah es im Sommer 1809 in Werneuchen aus, allwo der vielgenannte »Pastor Schmidt von Werneuchen« damals im Amte war. Ich glaubte den Mann, dem diese Darstellung gilt, nicht besser einführen zu können als durch ein Bild, das ihn uns in Wald und Feld und im Kreise der Seinen zeigt. Eine kindliche Natur, hing sein Herz an dem Stilleben der Familie.

Bevor ich seine Charakteristik versuche, schick ich eine Zusammenstellung des biographischen Materials vorauf, das ich über den äußerlichen Gang seines Lebens erhalten konnte.

Friedrich Wilhelm August Schmidt, genannt Schmidt von Werneuchen, wurde den 23. März (nicht Mai) 1764 in dem reizend gelegenen Dorfe FahrlandVergleiche »Fahrland« und »Die Fahrlander Chronik« in Band III der »Wanderungen«. Diese Fahrland-Kapitel wurden später geschrieben als das vorstehende Werneuchner und enthalten allerlei Details über die Schmidt von Werneuchenschen Eltern. bei Potsdam geboren. Sein Vater war Pfarrer daselbst. Von den glücklichen Tagen seiner Kindheit erzählt uns eine seiner gelungensten Idyllen: »An das Dorf Fahrland«:

Ach, ich kenne dich noch, als hätt ich dich gestern verlassen;
Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach.
Wo die treuste der Mütter die erste Nahrung mir schenkte.

Es scheint, daß er den Vater frühzeitig verlor, denn er kam schon um 1775 auf das Schindlersche Waisenhaus nach Berlin, wo der spätere, gleichfalls als Dichter ausgezeichnete Staatsrat Friedrich August von Stägemann, eines uckermärkischen Predigers Sohn, sein Mitschüler war. Ob er, wie dieser, auf dem »Grauen Kloster« oder aber auf einer anderen Schule seine Gymnasialbildung vollendete, konnt ich nicht ersehen. Etwa um 1785 ging er nach Halle, daselbst Theologie zu studieren. Seine Lage muß um jene Zeit eine ziemlich bedrängte gewesen sein, wie die Anfangszeilen einer poetischen Epistel an seinen Freund Christian Heinrich Schultze, Prediger in Döberitz, vermuten lassen. Diese lauten:

Du, mir teuer, seit bei magrer Krume
Und beim Wasserglas der Freundschaft Band
Uns umschlungen an der Saale Strand etc.

Anfangs der neunziger Jahre scheint er die Stellung als Prediger am Berliner Invalidenhause erhalten zu haben. In diese Zeit fällt auch seine Verlobung mit seiner geliebten, in vielen Liedern gefeierten Henriette, mit der er dann 1795 die glücklichste Ehe schloß. 1796 erhielt er die Werneuchner Pfarre. Die Jahre vor und kurz nach seiner Verheiratung bilden auch die Epoche seines frischesten poetischen Schaffens. Die Lieder »An Henriette« gehören selbstverständlich dieser Zeit an, aber auch seine Vorliebe für das Beschreibende zeigte sich schon damals, vor allem der ihn charakterisierende Hang für das Abmalen jener Natur, die ihm vor der Tür lag, die er stündlich um ihre Eigenart befragen konnte. Den Wunsch, seine Werneuchner Pfarre mit einer anderen zu vertauschen, scheint er nie gehabt zu haben. Sein Wesen war Genügsamkeit, Zufriedenheit mit dem Lose, das ihm gefallen. Eine Reihe von Kindern ward ihm geboren; sie waren der Sonnenschein des Hauses. Den jüngsten Knaben, Ulrich, verlor er frühzeitig; kurz vorher oder nachher starb auch die Mutter. Mit ihr begrub er die Freudigkeit seines Herzens. Eine Reihe von Liedern verrät uns, wie tief er ihren Tod beklagte. Später vermählte er sich zum zweiten Male. Seine zweite Gattin überlebte ihn und errichtete ihm das Denkmal, ein gußeisernes Kreuz, auf dem Werneuchner Kirchhof, das, von einem schlichten Holzgitter eingefaßt, folgende Inschrift trägt: »F. W. A. Schmidt, Prediger zu Werneuchen und Freudenberg, geboren den 23. März 1764, gestorben den 26. April 1838.« Rückseite: »Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.« Ihm zur Seite ruhen, unter überwachsenen Efeuhügeln, seine erste Gattin (Henriette) und sein Lieblingssohn Ulrich.

Diesen kurzen biographischen Notizen laß ich eine Reihe mir zugegangener kleiner Mitteilungen folgen, ohne weitere Zutat von meiner Seite.

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