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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 280
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Alexander Anderssen, Fähnrich im 4. Ulanenregiment

Erschossen zu Thionville am 29. Oktober 1870

Alexander Anderssen, der Blondkopf, dessen die vorstehenden Zeilen erwähnten, ward am 19. November 1847 zu Berlin geboren. Mit dem zehnten Jahre kam er auf das Werdersche Gymnasium. Von frühauf zeigte er den Charakter, dem er bis zu seiner letzten Stunde treu blieb: er war nervös und energisch, lebhaft und verschlossen zugleich. »Nur nichts verraten« bildete die Devise seines Lebens, und Diskretion war die vornehmste seiner Tugenden. Gleichgiltig gegen Lob, war ihm der Tadel beinah erwünscht, sicherlich dann, wenn er ihm eingebildet oder wirklich das Gefühl seiner Unschuld entgegensetzen konnte. Mit Passion nahm er Dinge auf sich, die seine Kommilitonen verschuldet hatten; kam Strafe, so desto besser. Man kann von ihm sagen, daß er von Jugend auf die Leidenschaft des Martyriums besaß. All das kleidete ihm aber, weil es nichts Angeflogenes, sondern der Ausdruck seiner Natur war. Was vollends versöhnte, war, daß er nie feige umkehrte oder vor den Folgen seiner Handelsweise erschrak.

1867 verließ er Berlin, um in Heidelberg Jura zu studieren. Es waren die ersten Semester, und sie verliefen, wie erste Heidelberger Semester zu verlaufen pflegen. Pedelle und Nachtwächter wußten alsbald von ihm zu erzählen, mehr noch die Schauspielerinnen, insonderheit die, denen er sich gemüßigt sah seine Gunst zu entziehn. In einem allerschlimmsten Falle, der ihn dann schließlich auch bis an die Grenze der Relegation brachte, ging er so weit, sich auf die Brüstung des ersten Ranges zu schwingen und, höhnisch in den Applaus des enthusiastischen Hauses einstimmend, mit seinen Füßen Beifall zu klatschen.

Eine weitere Unterbrechung, die seine Studien erlitten, wenn von Unterbrechung überhaupt die Rede sein konnte, waren die Duelle, die gelegentlich in etwas zeitraubender Weise vor sich gingen. So ward eins derselben, das zwischen Königsberg und Heidelberg kontrahiert worden war, halben Weges, und zwar in Berlin, ausgefochten. Jeder Partner machte per Schnellzug achtzig Meilen; Rendezvous: Hasenheide. Man rieb sich den Schlaf aus den Augen und schoß sich. Die Kugeln gingen in die Luft. Aber wenn er seinen Gegner auch nicht getroffen hatte, so traf er dafür – eine Stunde später Unter den Linden – seinen Vater, der einigermaßen überrascht war, den im Heidelberger Kolleg Vermuteten an dieser Stelle zu finden.

Ein anderes Vorkommnis dieses Studienjahres mag hier noch erzählt werden, weil es das heitere Gegenstück zu jenem Unternehmen ist, das zwei Jahre später seinem Leben ein Ende machte. Wer sich der Müh unterziehen will, zwischen den beiden Fällen zu vergleichen, wird sie bis in die kleinsten Züge hinein gleich finden. Nur die Zeitläufte waren anders geworden. Und daran ging er zugrunde.

Der Sommer 1868 war der Pariser Ausstellungssommer. Ende Juni, an der Table d'hôte eines Heidelberger Hôtels sitzend, hörte er, wie der in den Salon tretende Oberkellner mit lauter Stimme anfragte: »Ein Zwei-Tage-Billet für Paris: Wer der Herren...« – »Ich«, klang es von der entgegengesetzten Seite der Tafel her, und eine Viertelstunde später (es war höchste Zeit) saß unser Studiosus juris bereits im Coupé und dampfte auf Paris zu. Wie er ging und stand, hatte er die Reise angetreten. Auch ohne Geld. Die paar Gulden, die er bei sich führte, waren schon verausgabt, eh er noch in den Pariser Ostbahnhof einfuhr. Er liebte es, alles vom Moment und seinem guten Glück abhängen zu lassen. Und siehe da, in Paris ließ es ihn nicht im Stich. Einer der ersten, denen er auf dem Boulevard des Italiens begegnete, war ein Heidelberger Freund, Sohn eines reichen Industriellen, der willfährig mit seiner Reisekasse aushalf, mutmaßlich auch seine Wohnung zur Verfügung stellte. Die erborgte Geldsumme wurde gewissenhaft geteilt und die eine Hälfte in Wäsche, Hut und Handschuhen, die andere in Cabfahrten und Soupers bei Véry und den Frères Provençaux angelegt. Ob er die Ausstellung besuchte, ist mindestens zweifelhaft. Am zweiten Tage war er pünktlich am Bahnhof, um die Rückreise anzutreten; plötzlich aber, ganz nach Art eines kühnen Hasardeurs, von der unbezwinglichen Neigung erfaßt, sein Glück noch einmal zu versuchen, trat er an den Schalter, ließ sein Billet abstempeln und blieb. Er mochte – und nicht ganz mit Unrecht – davon ausgehen, daß nur von seiten des Kassenmannes eine exakte Prüfung des Billets zu gewärtigen, von dem im Momente der Abfahrt aber die Contrôle fahrenden Schaffner nicht allzuviel Böses zu befürchten sei. Auf diesen Kalkül hin dehnte er seinen Pariser Aufenthalt um weitere drei Tage, will sagen bis zur Erschöpfung der letzten Ressourcen, aus, sah auch in bezug auf Conducteur-Contrôle seine Berechnungen glänzend gerechtfertigt und gelangte glücklich bis Straßburg. Hier erst, von der französischen auf die deutsche Bahn übergehend, wurde die Sache bemerkt und die Weiterfahrt verweigert. Aber so nah am Hafen wollt unser Freund sein Schiff nicht scheitern lassen. Er verließ den Perron, stellte sich auf die entgegengesetzte Seite der Wagenreihe, riß im Moment der Abfahrt eine Coupétür auf und sprang hinein. So kam er nach Karlsruhe, hungrig und keinen Kreuzer in der Tasche. Gleichviel, bis hierher reichten die Heidelberger Beziehungen, und – terra firma war wieder unter seinen Füßen.

Noch im selben Jahre, Herbst 1868, ging er, behufs Absolvierung seines Militärjahres, in die Heimat zurück. Er trat bei den Fürstenwalder Ulanen ein. Das kavalleristische Leben, das Reiten und Pistolenschießen, das Straffe des Dienstes und daneben die kecke, mit der Gefahr spielende Ungebundenheit der freien Stunden, das alles entsprach so recht dem Hange seiner Natur. Kein Wunder also, daß er am Schluß seines Volontairjahres erklärte, das Rechtsstudium aufgeben und die Frische des Daseins weiter genießen zu wollen. Er blieb Soldat, trat von den 3. (Fürstenwalder) zu den 4. (Schneidemühler) Ulanen über, machte seine Avantageurzeit durch und war bei Ausbruch des Siebziger Krieges Fähnrich im letztgenannten Regiment. Anfänglich bei der Ersatzschwadron verblieben, traf er erst am 15. September in der Metzer Zernierungslinie ein, machte Anfang Oktober eins der im Norden stattfindenden Gefechte mit, zeichnete sich durch Bravour aus und sollte am 16. Oktober vor der Front belobt und zum Offizier ernannt werden, als auf den Anruf des Regimentskommandeurs: »Fähnrich Anderssen!« die Antwort gegeben werden mußte: »Fehlt seit gestern«. Jener Schritt war geschehen, der nicht mehr zurück getan werden konnte und mit dem Tode endete. Im übrigen sei dem noch zu Erzählenden voraufgeschickt, daß er auch hier wieder auf dem Punkte stand, der leichtsinnig heraufbeschworenen Gefahr, voll echten Spielerglücks, zu entgehen. Eine Bagatelle entschied schließlich zu seinen Ungunsten. Hören wir, wie.

Das Regiment lag mit einigen Eskadrons in Garsch, zwischen Metz und Thionville. Hier befand sich auch Anderssen, der in dem Hause des Maires ein gutes Quartier gefunden hatte. Auch ein angenehmes, denn er stand auf bestem Fuß mit dem Wirt und allen Insassen des Hauses, besonders mit den Kindern, mit denen er, gütig und lebhaft, wie er war, zu spielen und zu scherzen liebte. Am 15. Oktober fuhr Mr. Bauer (Name des Maires) mit einem leichten Ackerwagen aus seinem Gehöft auf die Dorfstraße, und unsres Fähnrichs ansichtig werdend, der, rittlings auf einem Reisigbündel sitzend, eben Spielzeug für die Kinder schnitzte, rief er demselben zu:

»Wollen Sie mit?«

»Wohin?«

»Thionville.«

»Gewiß!«

Ehe zwei Minuten um waren, hatte der Angerufene, mit der ihm eigenen Raschheit des Entschlusses, die Kleider gewechselt und fuhr nun in blauer Blouse, neben seinem Quartiergeber sitzend, plaudernd und rauchend auf Thionville zu. Ohne Aufenthalt oder Schwierigkeit ging es über die Festungsbrücke fort in das Tor hinein, bis der Wagen inmitten der Stadt vor dem vielbesuchten Café Luxembourg hielt. Das Publikum desselben, so wenigstens haben später eingezogene Erkundigungen ergeben, scheint unsern Anderssen gleich von Anfang an in seiner Verkleidung erkannt, an dieser Entdeckung aber nicht den mindesten Anstoß genommen zu haben. Im Gegenteil. Mit Vorliebe wandte man sich ihm zu, eine Mitteilung, die alle diejenigen am wenigsten überraschen wird, die persönlich in der einen oder andern Eigenschaft auf dem Kriegsschauplatz anwesend waren. Denn gerade diese werden aus eigener Anschauung wissen, daß Heitres und friedlich Freundliches beständig in den furchtbaren Ernst des Krieges hineinwuchs und nur allzuoft in geradezu verführerischer Weise den einen oder andern Teil vergessen lassen konnte: dort steht dein Feind. Die Vorposten beispielsweise lebten sich kameradschaftlich miteinander ein, tranken sich zu, erwiesen sich kleine Dienste, bis dann plötzlich wieder – oft launenhaft und nach dem Voraufgegangenen durchaus unmotiviert – eine Gewehrsalve dazwischenfuhr und die Situation aufs neue klarlegte. So ähnlich scheinen die Dinge an jenem 15. Oktober auch in Thionville verlaufen zu sein. Der Nachteil, der der Stadt aus einem mit scharfem Appetit frühstückenden und mit der dame du comptoir lebhaft plaudernden Prussien erwachsen konnte, war gering, der Vorteil aber lag auf der Hand, denn man hörte doch dies und das und sah das ewige Einerlei der Tage durch einen Zwischenfall unterbrochen, der in seinem keck-abenteuerlichen Aufstutz nur um so unterhaltender wirkte. Die Nachrichten hierüber mögen nicht in allen Stücken zuverlässig sein, aber soviel wenigstens wird mit Bestimmtheit erzählt, daß die Café-Luxembourg-Gäste, unter scherzhaftem Hinweis auf seine Blouse, unsrem Fähnrich zugerufen hätten: »Passen Sie auf.« Er nahm es aber leicht und mocht es leichtnehmen, denn in der Tat, das Glück schien gewillt, für seinen Liebling noch einmal all und jedes zu tun. Nichts Störendes intervenierte, der Wagen fuhr wieder vor, Wirt und Einquartierung nahmen auf dem Vordersitz ihren alten Platz, und nach dem Café zurückgrüßend, fuhren beide die Straße hinunter auf das Metzer Tor zu, um noch vor Dunkelwerden Garsch zu erreichen. Alles ging gut; erst im letzten Moment gebar sich das Unheil. Hart am Tor, da, wo nach rechts hin die Straße in eine schmale, halb von der Stadtmauer gebildete Gasse abbiegt, stand ein Wirtshaus, aus dem der Lärm heiterer Gäste herüberklang. Einige standen an den offenen Fenstern und größten mit den Deckelkrügen. »Noch einen Abschiedstrunk«, rief Anderssen und legte die Hand auf die Leine. Der Maire war gutmütig genug, nachzugeben, man hielt, und im nächsten Moment waren beide mit unter den Gästen. Was hier nun geschah, ist unaufgeklärt geblieben; zehn Minuten später aber sah sich Anderssen als preußischer Spion und Mr. Bauer als sein Complice verhaftet. Die Bierhausbevölkerung war eben eine andere als die im Café Luxembourg. Im allgemeinen wird man sagen können: Alles wohletabliert Imperialistische trug uns im stillen Sympathien entgegen. Alles Gambettistisch-Republikanische stand gegen uns.

Unter dem Jubel Hunderter, die mit jedem Schritt anwuchsen, wurden die beiden Gefangenen nach dem Arresthause gebracht.

Am 24. trat ein Kriegsgericht zusammen, das über den Fall aburteilen sollte. Trotzdem diesseitig ein die »exzentrische Natur« des Angeklagten ebenso wahrheitsgemäß wie geflissentlich hervorhebendes Schreiben an den Kommandanten von Thionville, Oberst Turnier, gerichtet worden war, sah sich das Kriegsgericht dennoch nicht veranlaßt, eine mildere Beurteilung des Falles eintreten zu lassen. Es konnt es nicht, weder nach Lage des Gesetzes noch der Situation. Am 29. früh, am Tage nach der Kapitulation von Metz, wurde das auf »Tod durch Erschießung« lautende Urteil vollstreckt. Das gleiche Los traf seinen Wirt, Mr. Bauer. Alles, was noch zu erzählen bleibt, ergibt sich am besten aus einzelnen Schriftstücken, die vorliegen: zwei Briefe Anderssens an seinen Vater und ein amtliches Schreiben des Obersten Turnier an den Kommandanten des 4. Ulanenregiments. Ich gebe diese Schriftstücke:

 

»Lieber Papa! Ich schreibe Dir und wünsche, daß Du zuerst diesen Brief liest, um Mama vorbereiten zu können. Das Kriegsgericht hat gesprochen. Ich bin zum Tode verurteilt. Ich kann mir Deinen Kummer denken; ich fühle es recht, mein lieber Papa. Du bist stets so gut zu mir gewesen! Ich hab es Dir nie genügend gedankt. Es ging mir zu gut. Jetzt, wo ich in meiner Zelle sitze und diesen Brief auf den Knien schreibe, fühl ich erst, was ich an Euch verliere. Jetzt, wo es zu spät ist, erkenn ich, was Ihr mir gewesen seid. Es rührt mich, wenn ich daran denke, mit welcher Freude Du mir den geringsten Wunsch erfüllt hast und wie Mama für mich gesorgt. Wer hätte das gedacht, lieber Papa, als wir uns zuletzt auf dem Bahnhof in Berlin sahen, daß wir uns nie wiedersehen würden. Das ist eine schreckliche Strafe für mich!... Ich bin hier allein, ohne einen Menschen, der ein Herz für mich hat; welche Sehnsucht hab ich, Euch zu sehen. Ich hab an den Prokurator der Republik geschrieben, daß mir das Medaillon und zwei Briefe von Euch, die ich bei mir hatte, im Gefängnis gelassen würden. Man hat sie mir geschickt.... Die Stadt ist zerniert.... Es ist mir rätselhaft, wie ich auf diese Tollkühnheit gekommen bin.

Der Kommissar der Republik, ein Offizier der Garde mobile, besucht mich alle Tage und hat mir versprochen, Briefe, die ich verschlossen abschicken will (das heißt, ohne daß sie jemand vorher liest), für mich zu besorgen. Auch wird er die Sachen, die ich mitgebracht habe, Euch zukommen lassen. Es sind dies: Uhr, Kette mit Petschaft, Medaillon und Kompaß, eine Brieftasche, Notizbuch, Zigarrentasche und mein Taschenmesser, der vielgenannte ›Rippespeer‹. Wenn es nicht früher geht, werdet Ihr sie nach dem Kriege bekommen. Da das Geld, was ich mitgebracht habe, nicht reichen wird, so werd ich eine Bescheinigung zurücklassen für das, was man für mich ausgelegt hat. Sei so gut und gib meinen kleinen Revolver an Dr. Stich. Er soll ihn als Andenken behalten, den ›Rippespeer‹ auch. Meine andern Sachen werden Euch wohl vom Regimente zugeschickt oder später gegeben werden. Meinen letzten Brief hab ich am 15. geschrieben und Dich gebeten, mir eine neue Uniform zu schicken. Als ich den Brief schrieb, hab ich nicht gedacht, daß ich drei Stunden später in Thionville sein würde. Es ist merkwürdig, wie dieses Geschick so plötzlich über mich hereingebrochen ist. Wenn ich wenigstens vorher mir Zeit genommen hätte, nachzudenken und mich auf die Folgen gefaßt zu machen. Ich könnte wenigstens sagen, es sei meine Schuld. Es wär aber dann gar nicht passiert. Ich wundre mich selbst, daß ich keinen Menschen um Rat gefragt habe; man hätte mir doch entschieden abgeraten. Es ist aber auch möglich, daß ich es trotzdem getan hätte; dann würd ich mir noch mehr Vorwürfe machen. Ich kann mir nicht klarwerden darüber. Das Ganze ist nicht weniger sonderbar, als wenn ich jetzt plötzlich bei Euch sein würde. Was man nur bei meinem Regimente davon denkt! Auf alle Fälle wär ich noch vor das preußische Kriegsgericht gekommen. Es wär aber doch besser gewesen, ich hätte Euch wenigstens wiedergesehen.

Ich bin verurteilt worden nach dem Artikel 207, der wörtlich lautet: ›Est puni de mort tout ennemi, qui s'introduit déguisé dans une place de guerre‹ etc. Man hat keine mildernde Umstände anerkannt.

Ich nehme jetzt Abschied von Euch, meine lieben Eltern. Es ist mir recht traurig zumute. Ich weiß, daß Ihr mir verzeihen werdet. Es wäre so schön, wenn wir uns wiedersähen! Wenn ich aus dieser Lage gerettet worden wäre, ich hätte mich bemüht mich stets dankbar gegen Euch zu bezeugen. Es wird mir so schwer ums Herz, daß ich so weit von Euch auf so traurige Weise aus dem Leben scheiden muß. Dieser Brief ist wahrscheinlich der letzte, den Ihr von mir empfangt. Grüße alle Bekannte, Stich, Wilhelm, Wally und Anna. Es ist mir so schmerzlich, wenn ich Eure Bilder in dem Medaillon betrachte!

Ich danke Euch für alles Gute und alle Liebe, die Ihr mir bewiesen habt. Tröstet Euch, meine lieben Eltern. Ich habe noch zwei Briefe von Mama; ich lese sie oft; es gibt mir Trost. Nach dem Kriege werdet Ihr das Medaillon erhalten. Ich weiß noch, lieber Papa, als Du es mir gabst, sagtest Du: ›es sollte mir ein Talisman sein‹. Ich habe stets eine große Anhänglichkeit daran gehabt. Mama soll es behalten. Lebt wohl, lieber Papa und Mama, vergebt mir. Tröstet Euch. Seid gegrüßt von Eurem Sohn

Alexander Anderssen.«

 

Kurz vor seinem Tode schrieb er noch folgendes:

 

»Liebe Eltern! Das Urteil wird morgen, Sonnabend, den 29., vollstreckt. Es ist jetzt die Nacht vom 28. zum 29. Ich habe vor drei Stunden einen Brief an Euch geschrieben; der Kommissar der Republik hat ihn abgeholt. Ich danke Euch nochmals für Eure große Liebe zu mir. Herrn von S. habe ich gebeten, dafür zu sorgen, daß Ihr meine Sachen bekommt. Den kleinen Ring schenke ich Wally. Es ist der Stein aber verloren.

Nachschrift: Es ist Sonnabend, 29. Oktober, morgens fünfeinhalb Uhr. Um sechseinhalb Uhr ist die Exekution. Ich sage Euch noch einmal, eine Stunde vor meinem Tode, Lebewohl und bitte Euch, Euch bald zu trösten. Lebt wohl.

Euer Sohn Alexander Anderssen.«

 

Ich muß hier den Gang der Erzählung einen Augenblick unterbrechen. Diese Schriftstücke, in ihrer schlichten und tiefinnerlichen Abfassung, berühren mich auch heute wieder, wo ich sie zum Druck gebe, als wahre Musterstücke schönen Menschentums. Gleich schön in ihrem Kampf wie in ihrem Sieg. In dem ersten, längeren Brief noch ein Ringen, der Schmerz des Sich-losreißen-Müssens; in dem zweiten Brief und seiner Nachschrift die ganze Ruhe dessen, der überwunden hat. Von Heldenkomödie und Feigheitswinselei gleich fern, gönnen uns diese Zeilen einen Einblick in ein nobles und durch Todesbitterkeit geläutertes Herz.

Um sechseinhalb Uhr hielt der Wagen vor dem maison d'arrêt. Anderssen war fertig. Eine Zigarette anzündend, ein paar andere zu sich steckend, stieg er rasch in den Fiaker hinein. Angesichts des Todes hatte er ganz jene elastische Nervosität, jene Beherrschungskraft wiedergewonnen, die ihn von Jugend auf so sehr ausgezeichnet hatte. Die Aussagen des Gefangenwärters, des Exekutionskommandos, endlich des Kommandanten selbst lassen darüber keinen Zweifel. In dem Wallgraben angekommen, wo die Exekution stattfinden sollte, lehnte er Niederknien und Augenverbinden ab. Aufrecht stellte er sich vor die Gewehrläufe. »Gut schießen«, wandt er sich an die Mobilegarden-Sektion; »hierher«, und dabei legte er die Hand auf die Brust. Dann warf er mit der Linken die Zigarette in die Luft und rief: »Es lebe der König.« Von neun Kugeln durchbohrt, brach er zusammen.

Oberst Turnier richtete noch am selben Tage folgendes Schreiben an den Kommandeur des 4. Ulanenregiments:

 

»Mein Herr Oberst! Ich habe die Ehre, Sie wissen zu lassen, daß Fähnrich Anderssen vom 4. Ulanenregiment durch ein am 24. d. M. zusammengetretenes Kriegsgericht, und zwar gestützt auf Artikel 207 unsres Code militaire, zum Tode verurteilt worden ist. Mit ihm Mr. Bauer, der den Eintritt des jungen Offiziers in diese unsre Festung Thionville begünstigt hatte. Jede Vorschrift unsrer Militärgerichtsbarkeit ist innegehalten und heute früh das Urteil vollstreckt worden.

Wie ich schon die Ehre hatte, in einem Schreiben vom 21. d. M. Ihnen zu melden, ist Fähnrich Anderssen durch den Chefarzt unseres Militärhospitals sowohl im Gefängnis wie vor dem Kriegsgericht, dazu auch in den von ihm geschriebenen Briefen auf das aufmerksamste untersucht worden. Das Resultat dieser Untersuchung hat ergeben, daß der junge Offizier von dem Tag an, wo er seinen Fehltritt beging, bis zu dem, wo er dafür büßte, bei völligster und ruhigster Überlegung gewesen ist.

Fähnrich Anderssen hat im übrigen all die Zeit hindurch eine vorzügliche, ebenso passende wie würdige Haltung bewiesen und ist gestorben wie ein echter Soldat (il est mort en vrai soldat).

Ich bedaure, daß meine überaus schwierige Lage und die Macht der Umstände mir nicht gestattet haben, den Gang dieser furchtbaren Angelegenheit (de cette terrible affaire) aufzuhalten.

Empfangen Sie, mein Herr Oberst, die Versicherung meiner auszeichnendsten Gefühle.

Thionville, am 29. Oktober 70

Turnier,
Oberst und Erster Kommandant.«

 

Ende Februar – der Präliminarfriede war inzwischen geschlossen – wurde die Leiche ausgegraben, um nach Berlin übergeführt zu werden. Thionville hatte um diese Zeit bereits eine preußische Besatzung, vom 30. Regiment, wenn ich nicht irre. Die Erinnerung an den so jung und so brav Gestorbenen war noch in aller Herzen lebendig, und als der Kondukt durch die Straßen der Stadt ging, dem Eisenbahnhofe zu, schloß sich die ganze männliche Bevölkerung dem Militärkommando an, alle Frauen und Mädchen aber standen an den offenen Fenstern und folgten teilnahmsvoll dem langen Zuge. Tugend und Tapferkeit erobern jedes Herz, auch das des Feindes.

Am 10. März traf der Sarg hier ein und wurd in der Leichenhalle des Jerusalemer Kirchhofes niedergesetzt. Am 13. erfolgte die Bestattung. Das 2. Garde-Ulanen-Regiment gab das Ehren- und Geleitskommando, und über den niedergesenkten Sarg hin feuerten die Karabiner. Dann schloß sich das Grab. Jetzt steht es dicht in Efeu und Blumen, Zypressen ringsumher, und auf dem schräg liegenden, halb überwachsenen Marmorkreuze lesen wir: »Hier ruhet in Gott unser geliebter einziger Sohn, der Portepee-Fähnrich Alexander Anderssen, geboren den 19. November 1847, vom Feinde erschossen in Thionville den 29. Oktober 1870.«

Ruh aus, tapfres Herz.

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