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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 224
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Sacrow

Nach den Tagebuchaufzeichnungen
eines havelländischen LandgeistlichenDiese Aufzeichnungen sind im wesentlichen wörtlich wiedergegeben, nur selten gebot es sich, einzelne Worte, Namen, Sätze fortzulassen oder umgekehrt zur Erklärung einzuschalten. Alles trägt den Stempel des Ernstes, der Wahrheit und absoluter Phrasenlosigkeit. Das letztere führt zu einer gewissen Herbheit; nichts ist beschönigt, das Leben, eignes wie fremdes, gegeben, wie es war. Darin liegt aber, bei manchem ästhetisch Anfechtbaren, auch wieder der Wert dieser Notizen. Sie geben ein Zeit- und Sittenbild aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts; die Laxheit des Herrenhauses, die Kümmerlichkeit der Pfarren, beide finden eine gleich treffende Darstellung.

Erröten ließ er die bescheidne Schande
In ihrem ehrbar schonenden Gewande
Und zog der Lust den Schleier vom Gesicht.
Annette Droste-Hülshoff

Sacrow unter dem Grafen Hordt
von 1774 bis 1779

Sacrow, als ich dies Filial erhielt, befand sich im Besitze des schwedischen Grafen Hordt; seine Gemahlin war eine Gräfin Wachtmeister. Gleich nach Empfang meiner Vocation schrieb ich von Geltow aus an den Grafen und bat für Sacrow um sein Accessit. Es hieß in meinem Briefe: »Ich weiß, daß das Dorf Sacrow eine ecclesia vagans ist; ich respektiere diese Independenz und sehe die Collation als eine freie Gnade an. Wenn Euer Hochgeboren nichts mehr verlangen als einen Mann, der in seinem Dienste solide ist, so bin ich der Mann dazu... Ganz natürlich wäre hier der Ort, mich gegen die schwarze Kabale meines eigentlichen Pfarrdorfes zu verteidigen, weil es ihr doch gelungen ist, ihre Verleumdungen auch bis Sacrow auszudehnen. Die Zeit aber, die alles entdeckt, wird auch dieses aufdecken.«

Hierauf bekam ich folgende Antwort: »Euer Hochehrwürden an mich geschriebene Briefe habe ich richtig erhalten; da es aber noch lange Zeit hat, bis das Gnadenjahr um ist, so werden Sie mir wohl nicht verdenken, daß ich nicht eile. Unter der Zeit hoffe das Vergnügen zu haben, Sie persönlich kennenzulernen. Finde ich, was ich suche, nämlich einen wahren Seelsorger seiner Gemeinde, so wird die Vocation nicht lange ausbleiben. – Was die ›Kabale‹ anbetrifft, von der Sie sprechen, so ist mir dieselbe nicht nur unbekannt, sondern das Wort Kabale allein schon ist mir unerträglich, insonderheit in Sachen, wo man Gott sein Schicksal überlassen und von ihm erwarten muß, was er zu unserem Seelenheil bestimmt.«

Der Graf (so fährt das Tagebuch fort) schreibt von Seelenheil wie ein Pietist, wofür er auch in seiner Gegend gehalten wurde. Das Wort Schicksal, welches kein Hallenser verträgt, mag er verdauen. Er ärgert sich über den Ausdruck Kabale, wie mir Hofrat Brandhorst erzählt, bloß deshalb, weil es ihm seine eigene ehemalige Kabale zu Stockholm ins Gedächtnis ruft, worüber er öfter Gewissensvorwürfe haben soll.

Der 11. p. trinitatis führte mich zur Vakanzpredigt nach Sacrow. Ich predigte über die Sonntagsepistel und entwickelte den wahren Begriff der Bekehrung. Der Graf lobte mich ins Gesicht; die Gräfin bat sich die Predigt abschriftlich aus.

Während des Kaffees trat ein gemeiner Mann in den Saal. Er ward von der Herrschaft sehr freundlich bewillkommt, ihm ein Stuhl neben der Gräfin gesetzt und ein Glas Wein gereicht (mir nicht). »Kennen Sie diesen Mann?« – »Nein!« – »Es ist ein wahres Kind Gottes, der Weinmeister Reuter von Krampnitz. Lernen Sie ihn kennen.«

Ich erwartete nun des Grafen Erklärung über die Vocation. Allein er schwieg. Beim Abschied bat ich nochmals darum. »Ich werde Ihnen meine Meinung schriftlich melden.«

Ich ging ohne Freudigkeit weg, und diese Freudigkeit sollte mir auch nicht kommen, als endlich des Grafen Brief eintraf, in dem er mir einen Gehalt von sechzig Talern versprach, weil das Korn, das laut Matrikel der Stelle zugehört, so viel betrage. Dies war nicht richtig, es betrug mehr, und so schrieb ich denn, der Herr Graf möchte es entweder beim alten (Naturallieferung) belassen oder sich ans Oberconsistorium wenden. Wie sehr ich hierdurch den schwedischen Reichsgrafen aufgebracht und was er für böse Worte im Zorn gegen mich ausgestoßen, das hab ich wohl erfahren, mag es aber nicht niederschreiben.

(1775.) Der Graf war also mein Feind und suchte sich anderwärts zu helfen. Der Kandidat Korthym sollte sich ordinieren lassen – die Waisenhausdirektion widersetzte sich. Er (der Graf) bot es dem Prediger Hollmann in Uetz an, aber der war zu ehrlich, um im trüben zu fischen. Prediger Schmidt in Döberitz war bereit, wenn ihn der Graf wollte abholen und zurückfahren lassen. Aber der Graf wollte nicht plus, sondern minus. Endlich wandte er sich an den irrenden Ritter, Herrn Magister Kindleben, damals Prediger in Gladow, ein Mann von der schlechtesten Aufführung, der es mit Freuden annahm, aber bald seinen Posten niederlegte, um der öffentlichen Cassation zuvorzukommen.

Mit Anfang des August kam der Küster Wurm aus Sacrow zu mir, ein Mann, wie zum Küster gebaut, ohne den gewöhnlichen Nagel im Kopf. »Der Graf ist in der Enge«, sagte er, »jetzt ist es Zeit, schreiben Sie.« – »Ich! schreiben! der Graf hat unrecht.« – »Ja, das hat er; aber er ist doch ein großer Herr« (Wurm war vorher Bedienter des Grafen gewesen), »geben Sie nach.« – Und ich gab nach. Wir wurden einig. Ich ward nebst meiner Frau zu Tische gebeten. Nach Tisch standen der Graf und ich am Fenster. »Sie sind mein Mann, wir sind füreinander gemacht.« – »Ja«, sagte ich, »es sei so für meine Person. Mein Nachfolger bleibe ungebunden. Hier ist meine Hand.«

(1777.) Graf und Gräfin waren wenig hier. Sie lebten in Berlin. Nur einmal ist die Gräfin bei mir zum Abendmahl gegangen, am Sonntage vor der Predigt. Sie war ganz schlecht gekleidet, comme en négligé.

Es war auch in Berlin, wo sie am 13. Juli 1777 starb. Ihre Leiche wurde nach Sacrow gebracht. Über Stolpe kam sie und ward mit einer Fähre (die dazu angeschafft wurde und seit der Zeit da ist) übergesetzt. Ich war gegen sechs Uhr abends bestellt, und als ich kam, stand der Sarg schon im Salon und die Träger dabei. Ich ging hinauf zu ihm. »Wie wollen es der Herr Graf gehalten wissen?« – »Sie gehen mit dem Küster voran. Unterwegs wird nicht gesungen. Bei dem Grabe singen Sie: ›Jesus, meine Zuversicht‹. Dann tun Sie ein Gebet; darauf wird weitergesungen und das Grab zugeworfen.« Und so geschah es. Er hatte sich an einen Baum gelehnt und zog etliche Mal das Schnupftuch heraus. Nach vier Wochen bestellte Herr Lüdicke (Schreiber und Faktotum) eine Leichenpredigt, brachte auch den Lebenslauf. Ich hielt sie, aber der Graf war bei dem König. Niemand vergoß eine Träne. Es sah für eine Gräfin etwas kahl aus.

Die verstorbene Gräfin wurde den 16. Juni 1722 geboren. Ihr Vater war Graf Karl Wachtmeister, königlich schwedischer Admiral, und der Großvater Graf Johann Wachtmeister, Reichsrat und Großadmiral der ganzen schwedischen Flotte. Die Frau Mutter war Henriette Baronesse von Metsch und die Großmutter eine Gräfin Archenberg. – Im zwanzigsten Jahre ihres Alters ward sie mit dem Grafen Johann Ludwig Hordt, damals königlich schwedischer Oberst, jetzt königlich preußischer Generallieutenant und Gouverneur der Veste Spandau, Erbherr auf Sacrow, vermählt. In dieser Ehe hat sie vier Kinder geboren, davon nur noch der zweite Sohn lebt, Graf Karl Ludwig Hordt, geboren 1749, jetzt Lieutenant beim Regiment Prinz Leopold von Braunschweig zu Frankfurt an der Oder und Adjutant des Prinzen. In den letzten Jahren stand sie manche Schwachheit des Körpers aus. Es waren gichtische Zufälle, die ihren Tod beschleunigten. Von Person ansehnlich, hatte sie das ganze air de grandesse. Sie sah aus wie die Ernsthaftigkeit selbst. Daher stutzte ich, als sie einst von dem liederlichen Kindleben sagte: »Er war ein allerliebster Mann, sprach gut französisch und konnte einen recht zu lachen machen.« Es heißt, daß die Ehe keine glückliche war. Die fromme Miene hatte sie ganz und besuchte oft den Weinmeister Reuter.

Seit dieser Beerdigung habe ich den Grafen nicht wieder in Sacrow gesehen. Er war seit des Lentulus Abreise beständig bei dem König und ging 1778 mit zu Felde als Chef eines Freiregiments. Beim Ende des Krieges 1779 verzürnte er sich mit dem König, nahm seinen Abschied, wohnte zu Berlin und verkaufte Sacrow an den Baron von Fouqué, Sohn des berühmten Generals.

Man muß dem Grafen Hordt die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er das elende Sacrow umgeschaffen hat. Das schöne Wohnhaus, der ganze Plan des Gehöftes, des Gartens und des Dörfleins, alles kommt von ihm her. Wenn ich Sacrow jetzt mit dem von 1750 vergleiche, so kann ich sagen, Sacrow war damals ein Ratzenloch. Hordt kaufte es, wie man sagt, für 15 000 Taler, baute stark, erholte sich in der Heide und verkaufte es an Fouqué für 23 000 Taler, doch inclusive vielen Meublements. Der Gräfin Zimmer blieb in statu quo. Der Graf, wenn er in Sacrow war, lebte sehr eingezogen. In meinen Jahren habe ich keine fremde Seele bei ihm getroffen. Er mochte es nicht überflüssig haben. Gegen mich hat er sich geizig betragen. Nichts von Generosität habe ich von ihm aufzuweisen. Der Schreiber Lüdicke war sein Herz und Werkzeug, tätig und wirtschaftlich, übrigens falsch wie eine Schlange und dumm wie ein Schöps.

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