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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 174
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Die Geschichte vom alten Sparr hatte, seit meinen Kindertagen, immer den Zauber jener unbestimmten Linien für mich gehabt, die mehr ahnen lassen als geben, und, so seltsam es klingen mag, ich machte mich auf den Weg nach Prenden in einer gewissen Gehobenheit der Stimmung, als wanderte ich in altes, romantisches Land.

Und es ist auch ein romantisches Land, märkisch-romantisch.

Von Biesenthal aus – einem Städtchen, das seinerseits wie eine holprige Idylle in der Talrinne des Finow-Flusses liegt – haben wir noch eine halbe Meile, und diese halbe Meile führt durch eine Art Musterstück heimatlicher Landschaft. Wie Linien, die über ein Blatt gezogen sind, laufen zahlreiche Hügelreihen von Ost nach West, und da wir in senkrechter Linie gen Norden müssen, so haben wir das Terrain in vollkommener Wellenbewegung zu durchschreiten. Die Hügel sind von einer äußersten Sterilität, kaum eine Moosschicht hat sich darauf niedergelassen, und ihr ganzes Erscheinen erinnert lebhaft an die Sanddünen der Ostsee. Zwischen den Hügeln aber dehnt sich jedesmal ein grüner Streifen, aus dessen Mitte leise gekräuselte Wasserflächen, mal dunkel wie ein Teich, mal blau wie ein See, hervorblicken. Alles Lebendige scheint diese Öde zu meiden, keine Lerche wiegt sich in Lüften, kein Storch stolziert am Sumpf entlang, nur eine Krähe fliegt gleichgültig über die Landschaft hin, wie ein Bote zwischen dem vor uns liegenden Wald und dem Biesenthaler Kirchturm in unserm Rücken.

Die Krähe passiert diese Gegenden wie wir, sie wohnt nicht darin.

Ein halbstündiger Gang in dem mahlenden Sande hat uns endlich an eine tiefere Talschlucht geführt, und die andre Seite derselben hinaufsteigend, treten wir ein in die Stille des Waldes. Das Wellenterrain bleibt dasselbe, aber der Boden ist anders geworden, und die roten Fichtenstämme steigen in schlanker Schönheit auf, während das Fehlen alles Unterholzes einen Blick weit waldeinwärts gestattet und den grünen Moosteppich in überraschender Frische zeigt. Der Forst ist von großer Längenausdehnung, aber von wenig Tiefe. So sehen wir es denn bald wieder Lichter vor uns werden und fühlen jenen veränderten Luftzug, der den Ausgang des Waldes verrät. Eh wir ihn erreicht haben, hören wir ein leises Geräusch und gewahren, zu seiten eines dichten Brombeerbusches, einen Alten, der Reisig sammelt und die zerbrochenen Zweige auf seine Karre wirft. Neben ihm liegt ein alter Spaten, um Wurzeln auszugraben, und an der obersten Karrensprosse hängt ein Korb, drin er die fleischfarbenen Reizker und die gelben Pfefferlinge sammelt, die ihm sein gutes Glück als Zugabe beschert.

Der Alte selbst trägt Strohhut und Leinwandjacke und zeigt nichts Auffälliges als das Fehlen jeder Spur von Oberlippe. Mittlerweile hab ich ihm guten Tag geboten und frag ihn, ob er aus Prenden sei.

»Joa, ick bin ut Pren'n.«

»Ist es noch weit, Papa?«

»Nei, jlieks wenn Se 'rutkomen. Awers sehen künn'n Se nich; 't liggt in 'n Grunn.«

»Und ist ein Krug da?«

»Joa, twee. Een jlieks hier vöhrnan, wo Sparren sin Slott stunn.«

»Noch was zu sehen?«

»Veel nich. As ick in 't Dörp käm (ick bin nich bührtig von Pren'n), doa stunn noch veel. Awers nu nich mihr. Ick hebb mien'n Zickenstall von Oll-Sparren sin Slott bu't.«

»Und erzählen sich noch die Leute von ihm?«

»Joa, se vertellen noch veel. Un mine Fru seggt immer, de grote Steen, dicht an unsern Tuun, dat wihr Sparren sien Steen. Un vördem, so meent se, sinn ook vier iserne Krampen anwest, un an jede Kramp wihr wedder ne iserne Kett un an jede Kett een von Oll-Sparren sine Skloaven. Un ook en Linnenboom wihr doa. Awers nu is de Linn' wech, un de Krampen sinn ooch wech. Man bloot den groten Steen, den hebben se liggenloaten. He mücht wol en beeten to sweer sinn.«

»Sonst nichts, Papa?«

»Duch, duch. Se vertellen noch allerhann anner dumm Tüüch un dohn joa binah, as wenn he de Düwel selber west wihr. Se seggen, he föhr nich giern dörch 'n Sann, un wenn he sinen Mantel antrecken deih, denn wihr et mit eens as en groten Winn, un Kutsch un Pierd un allens geng heidi dörch de Luft. Mal eens verluhr sien Kutscher sien' Pietsch un wull sich büggen. Awers Oll-Sparr heel' em von hinnen her fast un seggte man bloot: ›Vergett nich, mien Söhn, wo du bist.‹ Un as de Kutscher den annern Dag durch Biesenthal torüggföhr, doa seech he, dat sien' Pietsch an 'n Biesenthalschen Kirchturm hängen deih. Awers ick glöv et nich. Ick bin nich bührtig vunn Pren'n.«

»Ich glaub es auch nicht, aber man kann doch nicht wissen.«

»Nei. weeten kann man't nich. Un se seggen ook, he spökt in dissen Wald, hier so rümmer. Un ick hebb ook all so watt hührt, as wie Pietschenknalln un Pruhsten un as ob een' vunn wiet aff lachen deih. Nei, weeten kann man't nich.«

»Adieu, Papa, und seht Euch vor.«

»Wovor?«

»Vor 'm alten Sparr.«

Er lachte und rief mir nach: »Nei, nei, de Sünn is joa noch an 'n Heben. Un he kümmt nich an helln lichten Dag.«Es ist sehr interessant, zu verfolgen, in welcher Art und nach welchen Gesetzen das Volk sich seine Helden ausstaffiert. Es verfährt dabei lediglich nach einem ihm innewohnenden romantischen Bedürfnis und ist gegen nichts gleichgültiger als gegen den wirklichen historischen Sachverhalt. Otto Christoph von Sparr war in den letzten zehn Jahren seines Lebens ein frommer Kriegsheld. Hätte seine Frömmigkeit nach außen hin in irgend etwas Wundersamem eklatiert, so würde diese eklatante Tat für das Sagenbedürfnis der Prendener Stoff und Anlehnung geboten haben; da Sparrs Frömmigkeit aber stille Wege ging und alles frappierend Wundersame vermied, so war sie für die Prendener so gut wie gar nicht da, die denn auch sein Leben um Züge befragten, die mehr in die Augen sprangen. Da hörten sie von Türkenzügen, vom Niederschießen des Marienkirchturms, von Kettenkugeln, von seinen sonstigen Wundern als Artilleriegeneral, und der Zauberer war fertig. Er hat nun Fausts Mantel und fährt, wie Derfflinger, über die Kirchtürme hin, an denen der eine die Peitsche des Kutschers, der andre die Teerbutte seines Wagens hängenläßt. Was den Stein mit den Krampen und Ketten und den vier Sklaven angeht, so ist es ersichtlich, daß das Reiterbild des Großen Kurfürsten, mit den vier Gefesselten am Sockel desselben, zu dieser wie zu ähnlichen Sagen Veranlassung gegeben hat.

Es war, wie der Alte gesagt hatte, Prenden versteckte sich. Aber in einiger Entfernung drehte sich eine Mühle langsam im Winde. Dort mußt es sein.

Und dort war es wirklich. Kaum daß ich die Mühle passiert hatte, so stand ich abermals an einem jener vielen Taleinschnitte, die hier das Hügelland durchziehen, und sah, über die Kronen der unten stehenden Bäume hinweg, in Dorf Prenden hinein. Ich werde dieses Anblicks nicht leicht vergessen. Nach rechts hin dehnte sich ein stiller, graublauer See mit breitem Sandufer, während sich zur Linken ein durch Gartenland und bestellte Äcker hinplätscherndes Fließ in Wald und Wiese verlor. Dazwischen aber – dem Lauf des Tales nicht folgend, sondern die Längslinie desselben quer durchschneidend – lag das Dorf, auf seinen zwei höchsten Punkten Schloß und Kirche tragend.

Die bunten Farben eines Herbsttages steigerten noch den Reiz des Bildes.

Ich durchschritt das Dorf, um zuerst die jenseits gelegene Kirche nach ihren etwaigen Schätzen zu durchforschen. Konnte nicht Edell Sparr ein Marmordenkmal im hohen Chor oder Emerentia von Seestedt einen Denkstein vor dem Altar haben? Die Hoffnung war gerechtfertigt, aber sie blieb unerfüllt, und ich habe selten einen freudloseren Platz betreten. Malerisch hatte mich die Kirche von der andern Seite des Hügels aus gegrüßt, nun erst sah ich, daß alles nicht viel andres als eine Landschaftscoulisse gewesen war. Das Innere kahl, der Kirchhof verödet und kein Andenken erfindbar als das eine, das sich der Feldmarschall selber gestiftet: zwei schöne Glocken, deren Inschriften unter einer Kruste von Schwalbenguano meiner Entzifferungskunst spotteten.

Und so hatt ich denn Einblick in eine Kirche getan, deren gesamter Kunstschmuck ein zerbrochener Rest eines Altarschnitzwerks und deren historisches Glanzstück, außer den zwei Glocken, eine vereinzelte Kriegsdenkmünze vom Jahre 1813 war.

Ich war enttäuscht, aber nicht verstimmt, denn Kirchhof und Kirche hatten als Musterstücke in ihrer Art zu mir gesprochen. Auch hatt ich bald der Öde vergessen, als die Dorfstraße mich wieder aufnahm. An hohen Stangen reiften die Saatbohnen für das nächste Jahr, und der eigentliche Baum an dieser Stelle schien der Holunderbaum zu sein, dessen schwarzrote Beerenbüschel über alle Zäune hingen. Diese selbst aber waren mehr in graue Flechten als in grünes Moos gekleidet, und der Rauch stieg langsam und mühevoll auf, als läg ein Druck auf allen Dächern.

So kam ich an den diesseitigen Krug, genau die Stelle, wo vordem die Einfahrt in den Schloßhof war. Die Krügerin berichtete mir ähnliches wie der alte Reisigsammler und fuhr dann, indem sie mich plaudernd an die Küchentüre führte, fort: »Hier links und rechts waren die Karpfenteiche, so weit das Kohlfeld reicht, und weiter hin, wo Sie den türkischen Weizen sehen, da fing der Obstgarten an. Dies hier herum war Hof. Mein Mann hat es gekauft: Krug und Schloß und Garten und alles, was auf und in der Erde ist.« Auf meine Frage, »ob viel in der Erde sei«, antwortete sie zustimmend und erzählte mir, daß nicht nur der Ziegenstall des alten Reisigsammlers, sondern auch die Wirtschaftsgebäude des Krügers aus dem bequemen Steinbruch des ehemaligen Sparren-Schlosses gebaut worden seien.

Ich trat nun in den Garten, um die Reste, die bis dahin der Spreng- und Grabekunst der Prendener gespottet haben mochten, in Augenschein zu nehmen. Anfangs empfing ich nur den Eindruck einer unentwirrbaren Masse, bald aber fand ich mich zurecht und konnte, mit Hülfe der nach zwei Seiten hin völlig intakt erhaltenen Fundamente, die Grundform des alten Schlosses unschwer verfolgen. Es scheint ein Gebäude von funfzig Fuß Länge und halb soviel Tiefe gewesen zu sein, an das sich nach der Hofseite hin ein Turm, wahrscheinlich der Treppenturm, anlehnte. Die schön gewölbten Keller sind noch teilweis im Gebrauch, ja, bis vor kurzem ließ sich das ganze Souterrain durchschreiten, und Küche und Waschküche (mit dem eingemauerten Kessel) waren unverkennbar. Die Festigkeit dieser Grundmauern ist ihre Rettung gewesen und ist es noch, sonst würden auch sie bald verschwunden sein, um als Stallgebäude wieder aufzuwachsen. Ein bescheidenes Maß von Schutz mag ihnen auch der Umstand gewähren, daß sie hoch mit Erdreich überschüttet sind, so daß Birnbäume darauf wachsen und Hagebuttensträucher eine Art lebendiger Hecke bilden.

Ich pflückte mir einen Zweig, an dem bereits die roten Beeren hingen, und steckt ihn an den Hut. Und als ich bald darauf wieder auf der Höhe des Hügels stand und noch einmal in das verschleiert darlegende Dorf zurückblickte, das jetzt, bei niedergehender Sonne, in wunderbaren Farben schwamm, klang, von der andern Hügelseite her, die Betglocke zu mir herüber. Es war eine der alten Sparren-Glocken, und es klang mir, als riefe sie mir einen Gruß nach und einen Dank für freundliches Gedenken.

Und nun trat ich, weiterschreitend, in den dunkel gewordenen Forst, und die Fichtenkronen neigten sich tief im Abendwind. Ein Rauschen ging voll und wachsend durch den Wald. Ich zuckte zusammen, halb in Lächeln und halb in Bangen, und murmelte vor mich hin: »Sparr kümmt – man kann et nich weeten.«

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