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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 172
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Prenden

Es scheint ein langes, stilles Ach zu wohnen
In diesen Lüften, die sich leise regen.
Platen

Otto Christoph war ein lichterfeldischer Sparr.

Wenn dieser Aufsatz, der einen kurzen Lebensabriß des Feldmarschalls beabsichtigt, dennoch den Namen des Nachbargutes Prenden als Überschrift trägt so geschieht es, weil dieses Besitztum, mehr als irgendein anderes, mit dem Leben Otto Christophs verbunden ist. Es war sein Lieblingsaufenthalt, und hier starb er, wie denn auch Prenden – nachdem das Elend des Dreißigjährigen Krieges den Sparrs ihren alten Besitz geraubt hatte – zuerst wieder als ein kurfürstliches Geschenk in die Hände der Familie, und zwar unseres Otto Christoph, zurückgelangte.


Otto Christoph von Sparr

wurde mutmaßlich 1605 aus der Ehe Arndts von Sparr mit Emerentia von SeestedtArndt von Sparr war dreimal vermählt, und zwar: mit Edell von Sparr, gestorben im Kindbett am 13. November 1599, mit Emerentia von Seestedt und mit Katharina von Ribbeck. Nach Angabe des Sparrschen Biographen König wäre Otto Christoph ein Sohn der Edell Sparr gewesen; Theodor von Mörner aber hat in seinem vorzüglichen Werke: »Märkische Kriegs-Obersten des siebenzehnten Jahrhunderts«, diese Königsche Angabe widerlegt. auf dem Schlosse zu Lichterfelde geboren.

Die Jugend Otto Christophs hüllt sich in Dunkel. Ob er sich im Parke zu Lichterfelde oder im Garten zu Prenden – dessen Mitbesitzer sein Vater war – umhertummelte, ob er im Hause des letzteren oder in der benachbarten Hauptstadt erzogen wurde, was und wo er war, als die ersten jener Gewitterwolken heraufzogen, die dann dreißig Jahre lang über dem unglücklichen Lande stehen sollten – darüber verlautet nichts und wird auch in Zukunft wenig verlauten, denn es war eine eiserne Zeit, die wenig schrieb und am wenigsten bei Jugendgeschichten verweilte. Annehmen aber dürfen wir, daß die Erziehung unseres Sparr eine sorgfältige war, da wir im weiteren zu zeigen haben werden, daß er keinesweges jenen abenteuernden Naturen zugehörte, die, voll Mut und Rücksichtslosigkeit, auf dem Boden des Krieges rasch emporwuchsen, sondern umgekehrt in Wissenschaften glänzte, die ihn befähigten, Befestigungen zu leiten und Feldzugspläne zu entwerfen. Ein im Auftrage des Kurfürsten von ihm angefertigtes Memorial über »Kriegsführung gegen die Türken« ist ein Meisterstück einfach klarer Darstellung, und unter den verschiedenen Städten, an deren Befestigung er erfolgreich gearbeitet, werden Peitz, Hamm, Berlin und Magdeburg vornehmlich genannt. König rühmt von ihm, daß er fortgesetzt habe, was in der Kriegsbaukunst siebzig oder achtzig Jahre vor ihm durch Rochus von Lynar begonnen worden sei.

Wahrscheinlich um 1626 trat er, wie so viele andere Märkische vom Adel, in die Dienste des Kaisers. Den Forschungen Theodor von Mörners ist es geglückt, auch über diesen weit zurückliegenden Abschnitt einiges Licht zu verbreiten und unseren Otto Christoph, zumal während des letzten Jahrzehnts des Dreißigjährigen Krieges, auf seinen Kreuzundquerzügen in Pommern, in der Mark, im Westfälischen und am Rhein zu begleiten. Wir leisten aber darauf Verzicht, jenen Forschungen an dieser Stelle zu folgen, und begnügen uns damit, hervorzuheben, daß unser Sparr die Lützener Schlacht wahrscheinlich als kaiserlicher Hauptmann mitmachte. Fünf Jahre später erblicken wir ihn in bestimmterer Gestalt bei einem versuchten, aber mißglückten Sturm auf Stargard und im selben Jahre noch (1637) als Kommandanten von Landsberg an der Warthe. Der Klagen über ihn, namentlich von seiten der Küstriner Regierung, waren damals viele: »Er habe die Regalien angetastet, sich das kurfürstliche Metzkorn angemaßt, ohne Zahlung zu leisten, habe die Zollrolle bedroht, den Mühlenmeister unschuldig in Ketten gelegt und 1000 Schafe aus der kurfürstlichen Schäferei zu Kartzig weggetrieben.« Anklagen, die, bei der sicherlich nicht angeborenen Rauf- und Raublust unseres Sparr, nur aufs neue zeigen, wie der Krieg seine eignen Gesetze hat, zumal der Dreißigjährige, dem ja Zeit gegeben war, seinen Kodex zu schreiben und einzubürgern.

Endlich kam der Frieden, und Deutschland suchte sich wieder an einen Zustand zu gewöhnen, an den es kaum noch geglaubt hatte.

Kurfürst Friedrich Wilhelm, dessen Jugend in das wildeste Treiben des Krieges gefallen war, nahm aus den Wunden und Wirren jener Zeit eine Lehre mit in den Frieden hinüber, und zwar die: »daß ein Land verloren sei, das sich nicht selbst zu schützen wisse«. Und mit dieser Lehre zugleich die Überzeugung, daß dieser Schutz nur aus einem hervorwachse, aus einem schlagfertigen und zuverlässigen Heere. Unter diesem Gesichtspunkte begann er den Wiederaufbau seines verwüsteten Landes. An Soldaten war kein Mangel, aber sie waren mehr eine Last als ein Segen, solange die Führer fehlten, um ihnen Halt und Ordnung zu geben. Diese Einsicht führte von seiten des Kurfürsten zur Anwerbung von Generalen, die sich im schwedischen oder kaiserlichen Dienst ausgezeichnet hatten. Joachim Hasso von Schapelow, George Derfflinger, Joachim von Görtzke, Otto Christoph von Sparr, alle traten zu beinahe gleicher Zeit in die Dienste des Kurfürsten über und verblieben darin, reich geehrt durch ihren Krieges- und Landesherrn, bis an ihr Ende. Die Schicksale Görtzkes und Sparrs zeigen viel Übereinstimmendes. Beide reich begüterten Familien des Landes Barnim angehörig, verloren sie diese Güter während langer Kriegsläufte, kehrten endlich, nach zwanzig- oder dreißigjähriger Abwesenheit, in den Dienst ihres Landesherrn zurück und brachten es, an derselben Stelle fast, wo sie geboren waren, zu neuem reichen Besitz und immer wachsenden Ehren.

Die Verhandlungen mit Sparr begannen 1649 und führten rasch zum Ziele. Aber erst 1651 erfolgte sein wirklicher Eintritt in das neugebildete Heer.

Die nun folgenden Jahre seines kurfürstlichen Dienstes zerfallen in eine Kriegs- und Friedensepoche. Den Mittelpunkt jener, von 1651 bis 1657, bildete der Polnisch-Schwedische Krieg. Wir werden bei den Ereignissen desselben einen Augenblick zu verweilen haben.

In Schweden war Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken der Königin Christine als erwählter König gefolgt und nahm mit Leidenschaft die Idee auf, die, seit fast einem halben Jahrhundert, die schwedische Politik bestimmt hatte: die Gründung eines Baltischen Reiches. Pommern, Preußen und die jetzt speziell so genannten Ostseeprovinzen sollten teils erst erobert, teils fester dem schwedischen Reich eingefügt werden. Es war eine Machterweiterung vor allem auf Kosten Polens, und Karl Gustav suchte sich dazu des brandenburgischen Beistandes zu versichern. Der Kurfürst lehnte jedoch, solange er noch freie Hand hatte, das ihm zugemutete Bündnis ab und zog in seinen preußischen Provinzen ein Heer zusammen, dessen nächster Zweck eine bewaffnete Neutralität war. In Wirklichkeit aber kam die Aufstellung dieses Heeres einem Bündnisse mit Polen gegen Schweden gleich. Das Heer selbst war ansehnlich. Es bestand aus 26 800 Mann mit vierunddreißig Geschützen und hatte in Otto Christoph von Sparr seinen obersten Befehlshaber.

So standen die Dinge im Sommer 1656.

Wenige Monate jedoch änderten die Sachlage. Dem raschen Vordringen Karl Gustavs hatte sich das schlecht gerüstete Polen fast ohne Widerstand unterworfen, Johann Kasimir war aus Warschau geflohen, und die schwedische Kriegswelle, wenig geneigt, sich in ihrem Siegeslaufe hemmen zu lassen, schickte sich eben an, das vom brandenburgischen Heere besetzte Preußen zu überschwemmen. Jetzt war für den Kurfürsten der Moment gegeben, den Kampf gegen das herausfordernde Schweden aufzunehmen, aber voll Mißtrauen in seines Landes Kraft, das damals noch keine glänzende Kriegsprobe bestanden hatte, vermied er den angebotenen Kampf und löste das stille Bündnis mit Polen, um dafür in ein offenes Bündnis mit Schweden gegen Polen einzutreten. Was er ein Jahr vorher den schwedischen Bitten abgeschlagen hatte, gewährte er jetzt rasch und rückhaltlos den schwedischen Drohungen. Er gab dabei dem Gebote der Klugheit nach, vielleicht in stiller Voraussicht, daß die Stunde der Rückzahlung kommen und alte und neue Kränkung quittmachen werde.

Der Kurfürst, von seinem Standpunkt aus, war im Rechte, politisch im Rechte, das Bündnis mit Schweden zu schließen; die Polen aber hatten, von ihrem Standpunkt aus, mindestens ein gleiches Recht, dies Bündnis als Abfall anzuklagen. Und war es nun Entrüstung über ebendiesen Abfall oder war es das Gefühl einer verdoppelten Gefahr, gleichviel, dasselbe Volk, das sich beinahe widerstandslos niedergeworfen hatte, als das Kriegsgewitter über dasselbe hingezogen war, stand jetzt plötzlich aufrecht da, wie ein Ährenfeld, das der Sturm gebeugt, aber nicht gebrochen hat. Und so sahen sich denn die vereinigten Schweden und Brandenburger einem stärkeren Feinde gegenüber, als er vor seiner ersten Niederwerfung gewesen war. Die Zahl des in Nähe der Hauptstadt aufgestellten polnischen Heeres wird verschieden angegeben und schwankt in den zeitgenössischen Berichten zwischen 40 000 und 200 000 Mann. Wahrscheinlich waren es 50 000, eher mehr als weniger. Am 18. Juli 1656 kam es zu der berühmten dreitägigen Schlacht von Warschau.

Versuch ich es, gestützt auf ein zum Teil widersprechendes Material, ein einigermaßen übersichtliches Schlachtbild zu geben.

Die Polen, so scheint es, hatten eine befestigte Hügelposition inne, zahlreiche Artillerie vor der Front, einiges Fußvolk am linken und rechten Flügel und große Reitermassen im Zentrum, auf einem die ganze Stellung beherrschenden Plateau. Dies Plateau bildete den Schlüssel. Aber es erschien doppelt schwierig, sich desselben zu bemächtigen, da sich am Abhang ein dichtes Gehölz hinzog, das feindlicherseits mit den besten Fußtruppen besetzt worden war. Gehölz und Plateau deckten und unterstützten sich gegenseitig. Nur drei Wege boten sich für den Angriff:

ein Frontalangriff gegen die beiden Flügel,

oder eine Umgehung der feindlichen Stellung überhaupt,

oder drittens eine Durchbrechung des Zentrums.

Alle drei Wege wurden versucht.

Das schwedisch-brandenburgische Heer – wahrscheinlich um etwas schwächer als das Heer Johann Kasimirs – stand in entsprechender Dreiteilung dieser formidablen Position der Polen gegenüber. Der Angriff wurde beschlossen. Am rechten Hügel kommandierte Karl Gustav die Schweden, am linken der Kurfürst eine aus Schweden und Brandenburgern gemischte Truppe, im Zentrum aber hielt Generalfeldzeugmeister von Sparr mit zwei schwedischen und fünf brandenburgischen Regimentern, einschließlich der gesamten Artillerie. Unter ihm kommandierten Graf Josias von Waldeck und Joachim Rüdiger von der Goltz. Die Schweden trugen zur Unterscheidung ein Büschel Stroh am Hut, und das Feldgeschrei war: »In Gottes Namen!«

So begann die Schlacht.

Am ersten Tage (18. Juli) schritten der rechte und linke Flügel zum Angriff. Aber beide Angriffe, wiewohl mit größter Bravour und unter persönlicher Anführung von König und Kurfürst ausgeführt, wurden zurückgeschlagen. Die feindliche Hügelstellung, durch Redouten doppelt fest, schien uneinnehmbar.

Am zweiten Tage versuchten die Schweden und Brandenburger eine Umgehung; aber die Polen kamen den Angreifern zuvor, und nachdem, in veränderter Schlachtstellung, um eine Dorfgasse lange gekämpft worden war, kehrten beide Armeen in ihre früheren Positionen zurück. Dieses Scheitern aller Anstrengungen auf seiten der Verbündeten mochte den Mut der ohnehin siegessichren Polen heben, und ihre zahlreiche Reiterei ging nunmehr zum Angriff über. Vom Plateau herabsausend, an dem Gehölz vorüber, in welchem der Hauptteil ihrer Infanterie steckte, suchten sie die Schlachtreihe der Verbündeten zu durchbrechen. Aber dieser Angriff wurde von dem Zentrum unter Sparr zurückgeschlagen und mißlang ebenso, wie am Tage vorher der schwedisch-brandenburgische Angriff auf die feindlichen Flügelpositionen mißlungen war.

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