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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 169
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Valentin von Massow

Valentin von Massow ward am 24. März 1793 zu Berlin geboren. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung und teilte diese sowie den Unterricht der Haus- und Privatlehrer mit dem Grafen Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dem späteren Ministerpräsidenten, dessen Erziehung König Friedrich Wilhelm der Dritte 1797 dem Obermarschall von Massow anvertraut hatte. Außer dem Grafen von Brandenburg war der zweite Bruder unseres Valentin, der spätere Hausminister von Massow, der einzige Gefährte seiner Knabenzeit.

Dreizehn Jahre alt, machte er als Junker im Regiment Rudorf-Husaren die unglückliche Campagne von 1806 mit, wurde bei Lübeck gefangen und auf Ehrenwort in die Heimat entlassen. Das band ihn bis zum Tilsiter Frieden. Nach dem Friedensschlusse seines Versprechens ledig, trat er ins brandenburgische Husarenregiment und war im März 1812 mit unter den 300 Offizieren, die den Abschied nahmen, um nicht unter den Fahnen Frankreichs kämpfen zu müssen. Die Mehrzahl jener 300 trat bekanntlich in russischen Dienst. Unser Massow aber begab sich mit zwei gleichgesinnten Freunden: von Barner und von Scharnhorst (Sohn des Generals), nach England und von da nach Spanien. Er focht unter Wellington und wurde vor Burgos durch einen Lanzenstich in die Lunge lebensgefährlich verwundet. Er genas indes und kehrte 1813 nach Preußen zurück. Er trat hier bei den braunen Husaren ein, die damals der Oberst von Blücher, Sohn des Feldmarschalls, kommandierte, und machte in diesem Regimente die Kämpfe jenes schlachtenreichen Sommers und Herbstes mit. Am Schluß des Jahres ward er in den Generalstab versetzt. 1815 befand er sich im Hauptquartier des Fürsten Blücher, dessen Kommunikationen mit Wellington vor und während der Schlacht bei Belle-Alliance durch unsern Massow vermittelt wurden. Welch besserer Vertrauensmann hätte sich finden lassen als eben er, der schon drei Jahre früher unter den Augen des Herzogs gefochten hatte und dessen volle Kenntnis des Englischen ihn ohnehin empfahl.

Der Niederwerfung Napoleons folgte bekanntlich eine Besetzung Frankreichs durch englische und preußische Truppen. Den Oberbefehl über dieselben führte Herzog Wellington, in dessen unmittelbare Umgebung unser Massow kommandiert wurde. Drei Jahre lang verblieb er in dieser Stellung, in der er sich die Zuneigung und das besondere Vertrauen »des Siegesherzogs« zu erwerben wußte. Die Berichte, die Massow während dieser drei Jahre von Paris und Cambray erstattete und die nicht nur militärischen, sondern auch allgemein politischen Inhalts waren, werden noch im Großen Generalstabe aufbewahrt und gelten für ausgezeichnete Leistungen.

Bei Ablauf der Okkupation nach Berlin zurückgerufen, ward er gegen Ende des Jahres 1818 zum Flügeladjutanten König Friedrich Wilhelms III. ernannt und stieg, in unmittelbarer Nähe des Königs verbleibend, von Stufe zu Stufe, bis er, nach langwieriger Krankheit, im Jahre 1843 seinen Abschied nahm und sich in die ländliche Stille von Steinhöfel zurückzog.

Hier trieb er mit Eifer Landwirtschaft, erweiterte das Schloß, verschönerte den Park und steigerte den Wert des Familienerbes. Dabei war er in weiten Kreisen ein Tröster der Betrübten, ein Wohltäter der Leidenden, ein weiser Ratgeber aller, die ihm vertrauend ihr Herz öffneten.

 

Die Ruhe ländlicher Zurückgezogenheit war ihm lieb geworden. Nur einmal noch ward er ihr entrissen, um auf kurze Zeit die Stille von Steinhöfel mit dem Lärm von London zu vertauschen.

Der Eiserne Herzog war am 14. September 1852 auf seinem Schlosse Walmer Castle bei Dover gestorben, und auf den 15. November war sein feierliches Begräbnis festgesetzt. Fast alle europäischen Armeen schickten Deputationen, um »den Feldmarschall der sieben Reiche« auf seinem letzten Gange zu begleiten; die preußische Deputation aber bestand aus Graf Nostitz, General von Scharnhorst und unsrem Massow, der in Veranlassung dieser Deputierung zum Generallieutenant ernannt worden war. So folgte dieser denn dem Sarge des großen Feldherrn, unter dessen Augen er vierzig Jahre früher zuerst das Hochgefühl des Sieges kennengelernt hatte, und neben ihm schritt General Scharnhorst, der, von gleichem Haß gegen die Napoleonische Familie erfüllt, mit ihm nach England gegangen war, um, wo immer es sei, den Unterdrücker seines Vaterlandes zu bekämpfen. Beide waren der Fahne Wellingtons gefolgt nun folgten beide seinem Sarge.

Und welch Leichengefolge das! Ein schönes Gedicht George Hesekiels hat diesen Zug beschrieben:

– ein Leichengefolge schließt sich an,
So wie's gehabt noch kein Untertan!
Von sieben Monarchen ist's deputiert,
Für die er den Stab des Feldmarschalls geführt,
Die Feldzeichen, die mit Trauerflor wehn,
Vertreten die Trauer von sieben Armeen:
Rußland, Preußen und Österreich,
Sie klagen heut mit dem britischen Reich,
Niederland, Spanien und Portugal
Begraben in London den Feldmarschall.
Aus hundert Fahnen das Leichentuch,
Das England um seinen Lord Herzog schlug,
Der sich ein Grab in Sankt Paul ersiegt,
Wo Nelson in Lorbeer begraben liegt.

Massow, der durch Jahre hin dem »Old Duke« so persönlich nahegestanden hatte, war in London mit besonderer Auszeichnung empfangen worden; jetzt, nach der feierlichen Beisetzung, kehrte er aus dem Gewoge der Weltstadt in die ländliche Stille zurück. Aber eine tiefere Stille harrte seiner bereits. Es war beschlossen, daß er dem Siegesherzoge nach wenig mehr als Jahresfrist in die Ruhe des Grabes folgen sollte. Am 11. Januar 1854 erkrankte er, und am 18. entschlief er als ein ernster und gläubiger Christ.

Auf dem Kirchhofe zu Steinhöfel ruht er, und ein Granitstein gibt die Daten seines Lebens und Todes.

Er war nie vermählt. Steinhöfel fiel an seinen Bruder, den Hausminister, und nach dessen Ableben an den ältesten Sohn desselben, den Rittmeister Valentin von Massow.

Steinhöfel ist ein schönes und reizend gelegenes Gut. Es liegt an der Stelle, wo der breite Sandgürtel, der sich nördlich von Fürstenwalde hinzieht, in ein frischeres und fruchtbareres Terrain übergeht. Das Schloß hat in der Schinkelschen Zeit eine Renovierung erfahren. Interessante, halb landschaftlich, halb architektonisch gehaltene Bilder von Fr. Gilly, die sich bis diesen Tag in einem der Wohnzimmer vorfinden, zeigen uns deutlich, wie die ursprüngliche äußere Anlage war. Die innere Einrichtung stammt aus der Zeit des Generallieutenants Valentin von Massow und seines Vaters, des Obermarschalls. Nur unter den Portraits sind einige älteren Datums.

Aus der gesamten Reihe derselben mach ich die folgenden namhaft:

1. Cabinetsminister von Blumenthal; unter dem Großen Kurfürsten brandenburgischer Gesandter in Paris.

2. Feldmarschall von Flans, geboren 1664, gestorben 1748, besonderer Liebling und Jagdgenosse Friedrich Wilhelms I. (Diese beiden Portraits, namentlich das erstere, von vorzüglichem Kunstwert.)

3. General von Massow, aus der Zeit Friedrich Wilhelms I.

4. von Massow, Minister unter Friedrich II.

5. Seine Gemahlin.

6. von Massow, Obermarschall unter Friedrich Wilhelm II. und III.

7. Seine Gemahlin.

8. von Massow, Hausminister unter Friedrich Wilhelm IV.

9. Seine Gemahlin.

10. Generallieutenant Valentin von Massow als junger Mann in Zivil.

Außer diesen Portraits interessieren namentlich einige von Schinkel und Fr. Gilly herrührende, Schloß und Park von Steinhöfel in ihrer früheren Gestalt wiedergebende Gouachebilder. Sieben an der Zahl, und zwar zwei von Schinkel, fünf von Gilly. Sie sind ohne Datum, doch läßt sich mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß die Gillyschen Blätter zwischen 1795 und 1800, die Schinkelschen um 1805, gleich nach Schinkels Rückkehr aus Italien, gemalt wurden.

Die zwei Schinkelschen Bilder sind folgende:

1. »La maison du vigneron et vendange à Steinhoeffel«. Es ist eine Spätnachmittags-Beleuchtung. Eine Gruppe rechts sitzt im Schatten der Bäume, auf das laubumrankte Winzerhaus aber, sowie auf den freien Platz davor, fällt ein mildes, heiteres Sonnenlicht. Winzer und Bäuerinnen tanzen einen Rund- und Ringelreihn. In der weinumrankten Vorhalle des Winzerhauses und auf der Treppe, die zu dieser Vorhalle hinaufführt, stehen plaudernde Paare und ein Paar Fiedler, die zum Tanze spielen. Ein reizendes Bild. In seiner derb heiteren Stimmung niederländisch, in Beleuchtung und Farbenton italienisch und insofern allerdings einer gewissen realistischen Wahrheit entbehrend.

2. »La vigne de Steinhoeffel«.

Dies Bild ist ruhiger als das erste, aber vielleicht noch hübscher und anziehender. Es ist dasselbe Haus, nur mit dem Unterschiede, daß man mehr die Giebel- als die Frontseite sieht. Die Sonne geht eben unter, und ein rotbrauner Ton liegt über dem Ganzen. Zwei Bäuerinnen kehren mit Fruchtkörben heim. An der sonnenbeschienenen, rotbraunen Gartenmauer steht eine kurzgeschürzte Winzerin in grünem Friesrock und rotem Mieder und reicht einem auf der niedrigen Mauer stehenden Winzer die abgeschnittenen schweren Trauben zu. Edeltannen und Silberpappeln im Hintergrund. Das Ganze in Auffassung und Beleuchtungston durchaus italienisch.

Die fünf GillyschenFriedrich Gilly, Sohn des Oberbaurates David Gilly, wurde 1771 zu Berlin geboren und zählte zu den talentvollsten Schülern seines Vaters, den er an Bedeutung übertraf. Wenig befriedigt durch den Halb- oder Pseudoklassizismus seiner Epoche, stand er, als einer der ersten, in der Reihe deren, die damals beflissen waren, auf die hellenische Kunst zurückzugehn. Aber leider war es ihm nur vergönnt, in einer großen Zahl von unausgeführt gebliebenen Entwürfen seiner künstlerischen Überzeugung Ausdruck zu geben. Für monumentale Werke großen Stils hatte die damalige preußische Hauptstadt weder den Sinn noch die Mittel. So muß G. denn nach dem beurteilt werden, was er gewollt. Seine Skizzen sind damals und später viel bewundert worden, von keinem mehr als von Schinkel, der eine Zeitlang in Gillys Atelier tätig war und jederzeit den Einfluß anerkannt hat, den des jugendlichen Meisters Anschauungen auf seine Kunstrichtung ausgeübt haben. Wie Thorwaldsen um ebendieselbe Zeit freudig hervorzuheben pflegte, daß er Carstens die »entscheidende Anregung« verdanke, so nannte Schinkel den jungen Gilly den »Schöpfer alles dessen, was er sei«. Friedrich Gilly starb bereits 1800, neunundzwanzig Jahre alt. Unter seinen Arbeiten befinden sich auch Aquarellskizzen zu einem Denkmale Friedrichs des Großen aus dem Jahre 1797 und Aufnahmen des Marienburger Schlosses aus dem Jahre 1799. (David Gilly, der Vater, wurde 1745 zu Schwedt a. O. geboren und überlebte den Sohn um acht Jahre. Er starb 1808 zu Berlin.) Blätter haben mit den Schinkelschen nicht die geringste Ähnlichkeit. Sie führen alle fünf die gemeinschaftliche Unterschrift: »Vue de Steinhoeffel« und zeigen

1. das Schloß, wie es sich vor etwa achtzig Jahren präsentierte, wenn man von der Dorfgasse her in den Park einbog;

2. das Schloß vom Park aus;

3. das japanische Häuschen im Park, nach dem Friedrich Wilhelm III. das Paretzer aufführen ließ;

4. und 5. eine Baum- und eine Wasserpartie (Cascade) aus dem Park.

Wenn auf den zwei Schinkelschen Blättern Saftgrün und Rotbraun vorherrschen und ihnen Kraft und Frische geben, so sind auf den Gillyschen Blättern Weiß und ein helles Wassergrün die vorherrschenden Farben. Die Schinkelschen machen den Eindruck moderner, sehr farbenkräftiger Aquarelle, während die Gillyschen wie Federzeichnungen wirken, die mit dünnen und unkräftigen Wasserfarben hinterher fein und sinnig getuscht wurden.

Interessanter noch als diese Bilder und vielleicht überhaupt das Bemerkenswerteste, was sich an Kunstschätzen beziehungsweise Kuriositäten in Steinhöfel vorfindet, ist ein andrer einfacher Bilderrahmen, der statt eines Bildes ein vergilbtes Quartblatt Papier umfaßt. Dies Quartblatt Papier, auf beiden Seiten beschrieben (weshalb der Rahmen hinten und vorn ein Glas hat), ist das Konzept eines in Versen abgefaßten Briefes, den Kronprinz Friedrich von Königsberg aus im August 1739 an Voltaire richtete. Im einundzwanzigsten Bande der Œuvres complètes, dem fünften der »Correspondance«, findet sich dieser Versebrief abgedruckt.

 

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