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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 151
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Der König und die Kattes

Der König hatte für den Sohn nur die Strenge des Gesetzes gehabt; anders für den Vater. Das Füllhorn seiner Gnade war über ihm. Er wußte wohl, was er dem Herzen und Namen desselben an Schmerz und Kränkung angetan hatte, und alle seine Bemühungen – Bemühungen, die sich zeitweilig in die Form von Zartheiten kleideten – gingen zehn Jahre lang unausgesetzt dahin, das Geschehene vergessen zu machen oder wenigstens nach Kräften auszugleichen. Freilich nur mit halbem Erfolg. Der alte Katte nahm alle diese Gnadenbezeugungen hin und dankte dafür und küßte seines gnädigen Königs Hand; aber die Freude des Daseins war aus seinem Leben gewichen, und eine Reihe von Briefen, die durchzusehen mir gestattet war, gibt in rührender Weise Zeugnis davon.

Aus der Reihe dieser Briefe will ich in nachstehendem zwei mitteilen, die, noch unter dem ersten Eindruck geschrieben, seitens des Generallieutenants an seinen Bruder, den Kammerpräsidenten von Katte zu Magdeburg, gerichtet wurden. Der erste dieser Briefe an die Gemahlin des Kammerpräsidenten lautet:

»Hochwohlgeborne Frau, sehr werteste Frau Schwester! Die betrübten Umstände, darin ich nach Gottes heiligem, unbegreiflichem Willen gesetzet worden bin, sind wohl mit keiner Feder zu beschreiben, und wenn ich nicht auf Gott sähe, so müßte ich vergehen.

Meine liebe Frau Schwester, considerieren Sie mein Elend. Ist es möglich, es auszustehen! Anfänglich wußte ich nicht, wo ich war. Keine Träne ist aus meinen Augen gekommen... Bei meiner Frau war Doktor, Priester und Feldscher. Bedenken Sie das Elend in meinem Hause. Wäre nicht die Herzogin und Prinzessin gekommen, meine Frau wäre uns unter den Händen geblieben. Gott vergelte es ihnen.

Ich möchte vor Trauer vergehen, wenn ich an meinen Sohn gedenke. Mein Sohn hat es vergeben; ich muß es auch tun. Man hat dem Könige die Sache größer gemacht; ihr Ende ist noch nicht da. Mein Sohn stehet vor dem gerechten Richter, und tröstet mich sein schönes Ende. Aber morgens und abends quälet mich sein Tod. Des Königs gnädige Briefe können ihn mir nicht wiedergeben.

Mein Sohn hat dem Major von Schack (der mit kommandiert gewesen) in seine Schreibtafel seinen Letzten Willen diktieret. Unter anderem soll der Kriegsrat Katt seine güldene Tabatière und einen Schimmel mit dem roten Sattel haben... Ich will soviel als möglich in allem seinen Letzten Willen erfüllen. Es ist seine letzte Bitte gewesen: ich wolle doch ja seine Schulden bezahlen, damit niemand über ihn seufze. Da dies nun aus einer noblen Seele kommt, werde ich nach Möglichkeit alles tun.

Meine liebe Frau Schwester, haben Sie doch Mitleid mit mir. Ich möchte vergehen, wenn ich an meinen Sohn gedenke. Gott hat mir gar zu schweres Kreuz auferlegt. Mein Gott, wie ist mir zumute. Der arme Wurm hat kaum vier Tage Zeit gehabt, sich zu präparieren; aber der barmherzige Gott hat Wunder an ihm erwiesen. Der sei gepreiset! Aber welche harte Wege führt mich mein Gott. Engels-Frau Schwester, grüßen Sie meinen Bruder und schicken Sie mir cito die Namen aller derer, so man es notifizieren muß. Ich kenne unsere Freundschaft nicht... Ich bin, meine Engels-Frau Schwester, anitzo in Tränen Ihr getreuer Diener H. H. Katt. Königsberg, 23. November 1730. Nachschrift: Lassen Sie sich doch von Herrn von Platen den Abschiedsbrief zeigen, den das arme Wurm unterwegs im Wirtshause auf Zettelpapier geschrieben hat.«

Der Brief, von dem der alte Generallieutenant hier spricht, ist der, den Katte am 3. November auf seiner Fahrt nach Küstrin im ersten Nachtquartier niederschrieb und den ich an betreffender Stelle mitgeteilt habe. Dem hier Vorstehenden nach scheint es fast, daß der Vater am 23. November das Abschiedsschreiben noch nicht in Händen hatte, wohl aber durch andere briefliche Mitteilungen aus Berlin von seiner Existenz unterrichtet war.

Der zweite Brief – wie der erste mit Trauerrand – ist vier Wochen später an den Kammerpräsidenten selbst gerichtet.

»Hochwohlgeborener Herr, wertester Herr Bruder! Ich bin Euch unendlich obligieret für Euer herzlich bezeugtes Mitleiden. Ja, mein lieber Bruder, Trost ist mir bei diesen betrübten Umständen höchst nötig; und obwohl der barmherzige Gott mir viel Gnade getan und bei meinem schweren Kreuz so viel Tröstliches gegeben hat, so will doch die natürliche Liebe sich noch nicht brechen, kann sich auch so bald nicht geben!

Ich weiß nicht, wie Gott mir alles solchergestalt zuführet, daß es mir zum Trost und Soulagement dienen muß.

1. Mein lieber Bruder, ist es nicht tröstlich, dieses schöne und exempelwürdige Ende?

2. Ist es nicht tröstlich, daß die Exekution in Küstrin hat geschehen müssen, um allen Leuten begreiflich zu machen, warum er ein Sacrifice?!

3. Ebenso, daß das Kriegsgericht ihm nicht das Leben abgesprochen, sondern des Königs Machtspruch.

4. Daß mein Sohn so généralement von aller Welt beklaget und bedauert wird. (Es ist étonnant was man hier für ihn tut. Die Menschen sprechen nur von ihm. Sein Portrait haben hier zwei Leute, eines davon der Maler, wo er zeichnen lernte. Dies Bildnis wird oft abgeholet, um kopiert zu werden. Der Maler hat noch einige Studienblätter, auf denen der Name meines Sohnes steht. Sie kaufen alles weg und zahlen, was er haben will. In den größten Häusern wird er bedauert, als ob ihnen ein Verwandter gestorben wäre.)

Der Kronprinz soll so wehmütig Abschied von ihm genommen haben.

Endlich schreibt mir der König so viel gnädige Briefe und bittet mich recht, mich zufriedenzugeben. Aber, mein lieber Bruder, hart ist es für einen Vater, sein Kind auf solche Art zu verlieren. Der König hat mir eine Information aus den Akten schicken lassen. Anfänglich habe ich sie nicht lesen wollen, aber nun möchte ich um nichts in der Welt, daß ich diese Information nicht hätte. Mein Herz möchte manchen Morgen vor Tränen vergehen, wenn ich an meinen lieben Sohn gedenke. Manche Zeit geht es, aber dann kommt wieder ein Stoß, so daß ich mich nicht fassen kann. Und doch, mein lieber Bruder, lasset uns den barmherzigen Gott und seine Zornrute in Demut küssen... Gott wird uns nicht verlassen. Was wir nicht erleben, wird er unsere Kinder genießen lassen. Mein Sohn hat mich einige Stunden vor seinem Ableben gebeten, unseren Albrecht nach Halle zu schicken und im Pädagogio in Gottesfurcht erziehen zu lassen. Er hätte Freylinghausens ›Theologia‹ viermal durchgehöret; die täte ihm an seinem Ende wohl. Ich möchte mich nicht so sehr betrüben über seinen Abschied. Er versicherte mir, daß er gewiß selig werde, und hat dem Prediger zum Zeugnis seines Glaubens die Hand gegeben. Nun, mein lieber Bruder, lebet wohl... Ich bin Euer getreuer Diener H. H. Katt. Königsberg, den 19. Dezember 1730. Nachschrift: Schreibet mir doch, ob Ihr meines Sohnes Brief an den König, an den Feldmarschall (von Wartensleben) und an mich habet. Auch die königliche Reprimande an das Kriegsgericht und seine eigene Sentenz.«


Das Recht und das Schwert

Die Hinrichtung Kattes, abgesehen von ihrer geschichtlichen Bedeutung, ist auch in ihrer Eigenschaft als Rechtsfall immer als eine cause célèbre betrachtet worden. War es Gesetz oder Willkür? War es Gerechtigkeit oder Grausamkeit? So steht die Frage. Unsere Zeit, einerseits in Verweichlichung, andererseits in Oberflächlichkeit, die nicht tief genug in den Fall eindringt, hat in dem Geschehenen einen Fleck auf dem blanken Schilde der Hohenzollern erkennen wollen. Ich meinerseits erkenne darin einen Schmuck, einen Edelstein. Daß es ein Blutkarneol ist, ändert nichts.

Entscheidend für die Beurteilung des Katte-Falles erscheint mir in erster Reihe die Frage: »Wie hat sich die damalige Zeit dazu gestellt?«

Lesen wir die zeitgenössischen Berichte, so kommt uns freilich der Eindruck, daß ein Zittern durch die halbe Welt gegangen sei. Sind wir aber aus dem »Sensationellen« der Erzählung erst heraus, beginnen wir zu sichten und zu sondern, so werden wir sehr bald gewahr, daß die tiefgehende, ganz unzweifelhaft vorhandene Bewegung der Gemüter nicht dem Katte-Fall, sondern dem begleitenden Kronprinzen-Falle gilt und daß man in solch ungeheurer Aufregung war nicht um des Geschehenen, sondern um des vielleicht noch zu Geschehenden willen. Wird das Schwert, das den Lieutenant von Katte traf, auch den Kronprinzen treffen? Das war es, was alle Schichten der Gesellschaft in Schrecken setzte. Von dem Augenblick an, wo diese Furcht aus den Gemütern gewichen war, war der Schrecken überhaupt dahin, und nur dem Umstande, daß die Schicksale Kattes und des Kronprinzen viele Wochen lang Hand in Hand gingen und fast identisch erschienen, nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß die Vorstellung: die Hinrichtung sei als etwas Außerordentliches oder gar Unerhörtes angesehen worden, jemals hat Platz greifen können.

Es liegt vielmehr umgekehrt, und weder in den Pöllnitzschen Memoiren noch in denen der Markgräfin findet sich, bei schärferer Prüfung, auch nur ein einziges dahin lautendes Wort. Es findet sich nicht und kann sich nicht finden: denn Hof, Adel, ArmeeWie die Armee über den Fall dachte, darüber geben die »Kriegsgerichtsprotokolle«, über die ich weiter oben ausführlich gesprochen, den besten Aufschluß. Das »Kriegsgericht« als Ganzes entschied in seiner Schlußsitzung am 28. Oktober allerdings für lebenslängliche Festungsstrafe. Liest man aber die einzelnen Protokolle, will sagen die Separatvota der fünf Ranggruppen durch, so ergibt sich, daß eine Majorität von neun Stimmen (die Majore, die Oberstlieutenants und die Obersten) für Tod und eine Minorität von sieben Stimmen (die Capitaine und die Generalmajore, dazu der Vorsitzende selbst) für lebenslängliche Festung stimmten. Der König, als er das Urteil schärfte, stieß also nur das Schlußurteil um, das unter dem hohen moralischen Ansehen der mildesten und vornehmsten: Achaz von der Schulenburg, General Graf Schwerin und General Graf Dönhoff, sich gebildet hatte, und griff auf die vorher dagewesene Majorität der Einzelstimmen zurück. fanden eben alles, was geschah, zwar streng, sehr streng vielleicht, aber schließlich doch nur in der Ordnung. Jedenfalls statthaft, zulässig. Ja, die Familie selbst, so tief erschüttert sie war (vergleiche die zwei vorstehenden Briefe), so bestimmt sie Begnadigung erwartet haben mochte, scheint den auf Tod lautenden Machtspruch des Königs in seinem Rechte keinen Augenblick angezweifelt zu haben.

 

Es ist nötig, so sagte ich, den Fall aus der damaligen Zeit heraus zu beurteilen, aber er besteht auch vor dem Urteil der unserigen, vorausgesetzt, daß unsere Zeit sich Zeit nimmt, auf die Spezialien des Falles einzugehen. Denn die Wandlung der Gesamtanschauungsweise, die die Weit seit 150 Jahren erfahren hat, ist doch nicht so groß und stark, als manche glauben möchten, und wenn nicht alle Zeichen trügen, so stehen wir eben jetzt wieder auf dem Punkt, uns einer zurückliegenden und schon überwunden geglaubten Strenge mehr zu nähern als immer weiter von ihr zu entfernen. Und ich setze hinzu: »Gott sei Dank«, ohne damit die Segnungen, die wir einer anderthalbhundertjährigen freiheitlichen Entwickelung verdanken, anzweifeln oder verkennen zu wollen.

Und so denn noch einmal: auch von unserem Standpunkt aus angesehen, war Katte nicht das Opfer einer Willkür oder Laune, sondern einer schweren selbsteigenen Schuld, indem er unter chevaleresken und in gewissem Sinne selbst unter loyalen Allüren (denn er diente seinem künftigen Herrn) in naiv-frivoler Weise durch alle Stadien des Hoch- und Landesverrates ging. Er war, um seines Kriegs- und Landesherrn eigene Worte zu zitieren, »dazu da, seinem Könige getreu und hold zu sein«, doppelt in seiner Eigenschaft als Offizier der Garde-Gensdarmes, die des Vorzugs genossen, »immadiatement an Seine Majestät Allerhöchste Person attachieret zu sein« – und was finden wir tatsächlich?

Der Kronprinz steckt in Schulden; Katte tut das Seine, diese Schulden zu mehren.

Der Kronprinz steckt in Debauchen; Katte geht ihm dabei mit Rat und Tat zur Hand.

Der Kronprinz steckt im Unglauben; Katte bestärkt ihn darin.

Der Kronprinz steckt in Komplotten mit seiner Mutter und seiner Schwester, mit fremden Höfen und GesandtenDiese Komplotte waren nichts weniger als harmloser Natur und nahmen auf die Lage des Königs und des Landes nicht die geringste Rücksicht. England (um nur einen Fall herauszugreifen) sollte helfen, und der englische Legationssekretär Guy Dickens ward ins Vertrauen gezogen. Er übernahm es auch, seinem Hofe Vorstellungen zu machen, brachte jedoch einen Refus zurück, »weil ein Sicheinmischen das Feuer an allen Ecken in Europa anzünden und die Brouillerien mit England nur noch stärker machen würde«. Man erkennt in dieser englischen Antwort sehr gut den starken und ernsten politischen Hintergrund, den der ganze Hergang hatte. , und Katte macht den Zwischenträger und zuletzt gar den Liebhaber.

Der Kronprinz will desertieren; Katte nimmt es in die Hand und hält ihm einen Vortrag »über die beste Weise des Gelingens«. Endlich rüstet er sich selber zur Desertion.

Das sind so einige der »species facti«; nur einige, aber gerade genug, um seinen König und Herrn mit allem Fug und Recht aussprechen zu lassen: »Und da denn dieser Katte mit der künftigen Sonne tramieret, auch mit fremden Ministern und Gesandten allemal durcheinandergestecket, er aber nicht davor gesetzet worden, mit dem Kronprinzen zu komplottieren, au contraire es Seiner Königlichen Majestät hätte angeben sollen, so wissen Seine Majestät nicht, was vor kahle Raisons das Kriegsrecht genommen und ihm das Leben nicht abgesprochen hat.«

Es ist nur eines, was uns in diesem Schreckensschauspiel – denn ein solches bleibt es – widerstrebt und widersteht: der König wechselt hier die Rolle mit dem Richter. Er läßt das Recht über die Gnade gehen. Und das soll nicht sein.

Wenn aber etwas damit versöhnen kann, so ist es das, daß er dies im eigenen Herzen empfunden hat. Hören wir noch einmal ihn selbst: »Wenn das Kriegsrecht dem Katten die Sentenz publizieret, so soll ihm gesagt werden, daß es Seiner Königlichen Majestät leid täte; es wäre aber besser, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.« Ein großartiges Wort, das ich nie gelesen habe (und ich habe es oft gelesen), ohne davon im Innersten erschüttert zu werden. Wer will nach dem noch von Biegung des Rechtes sprechen!

Es war ein grades Recht, freilich auch ein scharfes. Und das Schwert, das zuletzt diese Schärfe besiegelte – es existiert noch. Die Familie Katte selbst besitzt es, und auf dem alten Katten-Gute Vieritz, eine Meile von Wust, wird es bis diese Stunde aufbewahrt. Dreimal wurd es gebraucht, und drei Namen sind eingekritzelt. Der dritte und letzte aber heißt: Hans Hermann von Katte.

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