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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 140
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Es scheint, daß er bis Weihnachten 1808 in Memel blieb und dann nach Berlin zurückkehrte. Sein Umgang hier gestaltete sich im Einklang mit den Bekanntschaften, die er in Memel und Königsberg angeknüpft hatte, zugleich aber wandte er sich mit verdoppeltem Eifer seinen Büchern zu. Politik wurde gelesen, und die staatsökonomischen Sätze Adam Smiths, dessen berühmtes Buch vom »Reichtum der Nationen« auch das Geheimmittel enthalten sollte, wie dem ruinierten preußischen Staate wieder aufzuhelfen sei, wurde der Gegenstand der eingehendsten Studien und Debatten. Schon damals verhielt er sich mehr kritisch als bewundernd gegen das Buch, das die Hardenbergsche Schule zur Panazee für alle Übel stempeln wollte, und wurde nicht müde, auf den Unterschied zwischen einem reichen und freien England und einem armen und unterjochten Preußen hinzuweisen.

Er trieb diese Studien mit einem solchen Ernst und verfügte neben dem klarblickenden Geiste, den ihm die Natur gegeben, über ein so umfangreiches Wissen auf diesem schwierigen und bis dahin wenig kultivierten Gebiete, daß ihm, dem zweiundzwanzigjährigen Jünglinge, von Niebuhr – der nicht leicht in Verdacht kommen wird, aus Leichtsinn oder Übereilung gehandelt zu haben – im April 1809 ein Staatsratsposten angetragen wurde.Schon im Sommer 1808 (also wahrscheinlich noch in Memel) war ihm ein ähnlicher Antrag geworden. Er hatte ihn aber mit dem Bemerken abgelehnt, daß er zuvor mehr sehen und lernen wolle. Nur in Zeiten wie die damaligen, wo nichts so niedrig stand als das Anciennitätsprinzip, waren solche Dinge möglich. Die Sache war noch nicht entschieden, als der Schillsche Zug dazwischentrat und die Unterhandlungen zerschlug. Marwitz schloß sich dem Zuge an, und wiewohl er wenige Wochen später nach Berlin zurückkehrte, weil er das Kopflose des ganzen Unternehmens erkannt hatte, so wurden doch die einmal abgebrochenen Unterhandlungen nicht wieder aufgenommen.

Beinah unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Schillschen Zuge machte Marwitz die Bekanntschaft der Rahel Levin. Er war dem Prinzen Louis Ferdinand an ritterlichem Sinn, an Schönheit der Erscheinung, an künstlerischem Bedürfnis und vor allem auch in jenem Selbstgefühl verwandt, das neben anderen Vorurteilen auch das des Standes überwunden hatte, und so ergab sich diese Bekanntschaft mit einer Art von Folgerichtigkeit. Wie diese Bekanntschaft ihm selber zu hoher Befriedigung gereichte und ihm in schweren Tagen eine Stütze, in dunkeln Tagen ein Sonnenstrahl war, so haben auch wir uns dieses Freundschaftsverhältnisses zu freuen, weil wir dem Briefwechsel, der sich zwischen beiden entspann, das beste Teil alles dessen verdanken, was wir über den Charakter und selbst über die äußern Lebensschicksale Alexanders von der Marwitz wissen.

Ihre Bekanntschaft begann im Mai 1809, und noch vor Ablauf desselben Monats trennten sich die schnell Befreundeten wieder, um erst nach länger als Jahresfrist die alten Beziehungen abermals anzuknüpfen. Ein gegenseitiges Verständnis scheint sich fast augenblicklich zwischen ihnen gebildet zu haben. Schon am 13. Juli 1809 konnte Rahel schreiben: »Ich ging in den Park hinunter, schön waren Wiesen und Feld. Tausenderlei sah ich um mich her, und alles hätte ich Marwitz gern gezeigt; er war der letzte, den ich sah, der so etwas verstand.« Und um dieselbe Zeit schrieb sie an Fouqué: »Ich habe Marwitz nur vierzehn Tage gekannt, und mein ganzes Herz liebt ihn; seine Existenz ist ein Trost für mich. Sie wissen, er ist mit Varnhagen hin nach dem Krieg.«

Marwitz war »nach dem Krieg«. Er war Ende Mai nach Österreich gegangen, um an dem Kampfe gegen Napoleon teilzunehmen. Was ihn forttrieb, war ein Mannigfaches; zunächst die Nachricht, daß sein jüngerer Bruder EberhardAnton Eberhard Konstantin von der Marwitz ward am 2. September 1790 zu Berlin geboren. Er befand sich als Schüler, kaum sechzehn Jahre alt, in der École militaire, als die Franzosen ihren Einzug in Berlin hielten. Der Gouverneur der Anstalt schoß sich tot, der Vizegouverneur verlor den Kopf und überantwortete sich und seine Anstalt der Gnade der Sieger. Diese schwankten, wie sie sich den halberwachsenen Schülern dieses Militärinstituts gegenüber verhalten sollten, zogen aber schließlich das Sichere vor und machten sie zu Gefangenen. Unter diesen war auch Eberhard von der Marwitz. Er und ein befreundeter Mitschüler verabredeten Flucht und brachen zusammen auf. Vorher schon hatten sie sich ein Pferd zu verschaffen gewußt und passierten glücklich das Tor. Ohne alle Rast setzten sie ihren Weg fort, immer abwechselnd der eine zu Fuß, der andere zu Pferde, so daß sie schon nach vierundzwanzig Stunden die zwanzig Meilen bis Lenzen an der Elbe und über die mecklenburgische Grenze zurückgelegt hatten. Nach kurzem Aufenthalt wanderten sie weiter ins Holsteinsche. Erst hier waren sie in Sicherheit, aber das Pferd auch so ruiniert daß sie es verschenken und beide zu Fuß gehen mußten. In Kiel fanden sie ein Fischerboot, vertrauten sich in demselben dem Meere an und trafen, sechs Tage nachdem sie Berlin verlassen hatten, auf der Insel Rügen ein, wo der ältere Bruder eben sein »Freicorps« errichtete. Bei der bald erfolgenden Auflösung dieses Corps ging Eberhard von der Marwitz nach Österreich und trat als Cornet in das Chevau-légers-Regiment Klenau. Bei Regensburg (am 20. April) zeichnete er sich aus, bis der mörderische Tag von Aspern seiner so früh und so brav begonnenen Laufbahn ein Ziel setzte. Er erhielt an diesem denkwürdigen Tage gleich zu Beginne der Schlacht den Auftrag, mit einer Abteilung von zwanzig Reitern an das vom Feinde besetzte Dorf Aspern heranzujagen. Er gehorchte und machte die Attacke. Vierzig Schritte vor dem Dorfe traf ihn eine Kanonenkugel, tötete sein Pferd und verwundete ihn schwer am rechten Oberschenkel. Dieser Verwundung erlag er am 9. Oktober; am 10. ward er beerdigt. Eine Compagnie des 30. französischen Infanterieregiments gab bei der Gruft drei Salven, und der Stadtkommandant sowie vierzig französische und mehrere verwundete österreichische Offiziere geleiteten ihn zu Grabe. Er ruht auf dem Kirchhofe zu Nikolsburg in Mähren, »hingeopfert dem unsinnigen Befehle eines schwachköpfigen Untergenerals«, wie sein ältester Bruder in unerbittlicher Kritik schreibt. Ebendieser hat ihm auch auf dem Friedersdorfer Kirchhof einen Denkstein errichtet. , der seit 1808 in österreichischen Diensten stand, in der Schlacht bei Aspern schwer verwundet worden sei, dann aber sein Haß gegen Napoleon und mit ihm die Überzeugung, »daß« – um die Worte seines Bruders zu wiederholen – »die Freiheit das allein Wertvolle sei und alles Wissen in einem Sklavenlande nicht gedeihen, nicht echte Frucht treiben könne«. Zudem war die Teilnahme am Kampf halb Ehrensache für ihn geworden. Er hatte Schill verlassen, weil er das Kopf- und Planlose des Zuges sofort erkannt hatte, aber ebendadurch gleichzeitig die stillschweigende Pflicht auf sich genommen, jedem Unternehmen seine Kräfte zu leihen, das, mit ausreichenderen Mitteln begonnen, irgendwelche Aussicht auf Erfolg bieten konnte. Ein solches Unternehmen war der österreichische Krieg. Marwitz trat in das berühmte Chevau-légers-Regiment Graf Klenau ein, dasselbe Regiment, in dem sein Bruder gedient hatte, und machte die letzten Kämpfe des Krieges, die Schlachten bei Wagram und Znaim, mit. Auch nach dem Friedensschlusse blieb er bis zum Herbst 1810 in österreichischen Diensten. Gleich die ersten Wochen nach dem Frieden wurden ihm schwer vergällt. Krank war er nach Olmütz gekommen, wo er Quartier in einem Gasthofe nahm. Der Wirt, ein roher und heftiger Gesell, erging sich – aus Motiven, die nicht klargeworden sind, vermutlich aber ohne all und jede Veranlassung – in heftigen Insulten gegen Marwitz und drang endlich auf diesen ein. Marwitz zog den Degen zu seiner Verteidigung und stieß den Angreifer endlich nieder. Dieser Vorgang machte großes Aufsehen und auf Marwitz' Gemüt einen tiefen und nachhaltigen Eindruck. Denn wiewohl er nur Notwehr gebraucht und den Ausspruch der Gerichte sowohl wie die öffentliche Meinung für sich hatte, so suchte er doch seitdem die Reizbarkeit und den Jähzorn seines Charakters strenger zu bewachen.

Das Kriegsleben war etwas, wie es zu Marwitz' innerstem Wesen stimmte, aber das Garnisonsleben war wenig nach seinem Sinn. Alsbald fehlten die Anregungen, ohne die er, wenn der Krieg nicht seine Würfel warf, nicht leben konnte. Wie viele Leute gab es in Olmütz und Prag, die ihm ein Gespräch mit Johann von Müller, mit Niebuhr oder mit Rahel Levin hätten ersetzen können! Während des Waffenstillstandes, solange die Wiederaufnahme des Krieges noch eine Möglichkeit war, beschäftigten ihn militärische Gedanken, an deren Ausarbeitung er mit einer Raschheit und einem Scharfsinn ging, als habe irgendein Hauptquartier ihn großgezogen und nicht der Hörsaal oder der Salon. Er entwarf unter anderem ein Exposé, wie, bei Wiedereröffnung des Kampfes, die österreichische Armee zu operieren habe. Eine umfangreiche Arbeit. Über den strategischen Wert derselben schweig ich, sie entzieht sich der Kritik eines Laien, aber die Klarheit der Darstellung ist bewundernswert und fast mehr noch die kühne Selbständigkeit, die ihm die Idee eingab, durch eine weit ausholende Flankenbewegung der Napoleonischen Armee den Rücken abzugewinnen. Er drückte dies in folgenden Worten aus: »Eine veränderte Frontstellung muß unser strategisches Prinzip sein; Front gegen Osten oder Nordosten – so müssen wir den Angriff erwarten.«

Aber der Waffenstillstand führte zum Frieden, und mit dem Frieden schwand ihm, ganz abgesehen von jener Aufregung, die ihm Bedürfnis war, auch jene aufs Ganze und Große gerichtete Tätigkeit, deren er bedurfte. Das Einerlei des Dienstes fing an, ihn zu drücken. Eine Korrespondenz, darunter auch der Austausch einiger Briefe mit Rahel, war kein Ersatz für so vieles andere, was fehlte, und so nahm er denn den Abschied. Im Herbst 1810 war er wieder in Berlin.

Das alte Leben, das ihm so teuer war, nahm hier aufs neue seinen Anfang. Die Bücher, die Studien, der gesellige Verkehr, die Plauderei, die Friktion der Geister, das Blitzen der Gedanken – er hing an dieser Art der Existenz, und doch, wenn er sie hatte, genügte sie ihm nicht. Er kam zu keinem Glück, wenigstens damals nicht. Das Gegenwärtige immer klein findend, von der Zukunft und sich selbst das Höchste wollend, rang er einer Traumwelt nach und verlor die wirkliche Welt unter den Füßen. Er gehörte so recht zu denen, die den Genuß nicht genießen, weil sie selbst im Besitz des Höchsten und Liebsten die Vorstellung nicht aufgeben mögen, daß es noch ein Höheres und Lieberes gibt.

In diesem Sinne schreibt Rahel zu Anfang des Jahres 1811. »Und wie treiben's unsere Besten? Ruhm wollen sie, wollen zehren, ohne beizutragen, und – nichts kriegen sie. Besseres noch, so denken sie, werden sie finden, und – nichts finden sie. Statt ihren wahren Freunden selbst Freund zu sein, statt ihnen etwas zu leisten und sich des Glückes zu freuen, das sie durch Opfer und Guttat geschaffen, vergeuden sie ihre beste Kraft in der Beschäftigung mit ihren Plänen, im Kampf mit Phantomen. Marwitz hab ich dies noch nie gesagt, weil ich ihn zu sehr liebe und es zu persönlich würde

So klagte Rahel über ihren »liebsten Freund« in einer Zeit, wo täglicher Verkehr und rückhaltloses Vertrauen ihr die beste Gelegenheit gab, einen Einblick in die Vorgänge seines Herzens zu gewinnen.

»Er war des Lebens früh überdrüssig und durchaus ermüdet vom täglichen Einerlei, wenn das Gewaltigste sich nicht von Tage zu Tage jagte.« So beschreibt ihn sein älterer Bruder. Er war ruhelos, unbefriedigt, unglücklich. Aber wir würden ihm Unrecht tun, wenn wir dieses Unbefriedigtsein, diesen Lebensüberdruß, Erscheinungen, die mitunter an die krankhaften Stimmungen Heinrich von Kleists erinnern, ausschließlich auf Rechnung eines überreizten Gemütes setzen wollten. Er war allerdings unstet und ruhelos, weil er einem »Phantom« nachjagte, das sich nicht erreichen und erringen ließ, aber er litt auch in aller Wahrheit und Wirklichkeit unter der Wucht schwerer Schläge. Wenn sich eigene Schuld mit einmischte, um so schlimmer. Er hatte ein Recht, ernster dreinzuschauen als mancher andere. Die Schmach des Vaterlandes, die Eisenhand des Unterdrückers, das alles waren sehr wirkliche Dinge, die damals manches Herz mit Schwermut oder Fanatismus erfüllten. Vor Marwitz aber stand noch ein anderes: sein Traum brachte ihm die Gestalt des polternden, zornroten und dann so still und blaß gewordenen Wirts, und wenn die Gestalt verschwand, so zog an ihrer Statt das Bild einer schönen Frau herauf, zu der er sich mit glühender, immer wachsender Leidenschaft hingezogen fühlte. Der Tag ist noch nicht da, über dieses Verhältnis ausführlicher zu sprechen; vielleicht wird die Pietät gegen einen unserer gefeiertsten Namen es für immer verbieten. Zorn und Liebe, Gewissensangst und Leidenschaft rangen auf und ab in Marwitzens Herzen, und es hätte des heißen Verlangens nach Ruhm und Auszeichnung, nach einem unbestimmten Höchsten nicht bedurft um jene Rastlosigkeit zu schaffen, die zugleich ein Verlangen nach Ruhe war.

Im Mai 1811 ging Marwitz auf kurze Zeit nach Friedersdorf. Die Veranlassung dazu war nicht angetan, ihm die Heiterkeit zurückzugeben, deren er so sehr bedurfte. Das Eintreten des älteren Bruders für das ständische Recht hatte zu seiner Verurteilung geführt, und während er nach Spandau ging, um daselbst seine Haft anzutreten, trat der jüngere Bruder für ihn ein, um, wie fünf Jahre früher, die Verwaltung des Guts zu übernehmen. Dieser nur kurze Aufenthalt in Friedersdorf scheint eine Krisis für ihn gewesen zu sein. Während ihn die zwischen ihm und der Rahel in dieser Zeit gewechselten Briefe zunächst noch auf einem Höhepunkte der Schwermut und Ratlosigkeit zeigen, klärt sich gegen das Ende hin alles auf. Das Gewitter scheint vorüber, und wir blicken wieder in klaren Himmel. Einzelne Briefbruchstücke aus jener Zeit mögen diesen Übergang vom Trübsinn bis zur neu erwachenden Hoffnung zeigen.

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