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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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4. Andreas Fromm
Hispan'sche Mönche, öffnet mir die Tür!...
Laßt hier mich ruhn, bis Glockenton mich weckt.
Platen

In der Epoche des »gelehrten Ruppin« war es, daß Andreas Fromm, nicht der gekannteste, aber höchstwahrscheinlich der gelehrteste Mann, den die Ruppiner Lande hervorgebracht haben, um 1615 geboren wurde, nach einigen in der Stadt Ruppin selbst, nach andern in dem benachbarten Dorfe Plänitz. Ich lasse gleich eingangs folgen, was ich über den Lebensgang dieses mit der Kirchengeschichte der Mark in engem Zusammenhange stehenden Mannes in Erfahrung bringen konnte. Dieser Lebensgang, wie fast immer bei Künstlern und Gelehrten, zeigt im großen und ganzen keine Verkettung äußerlich interessanter Lebensschicksale. Fromms hervorragende Teilnahme jedoch an den theologischen Streitigkeiten der Paul-Gerhardt-Zeit, sein Übertritt zum Katholizismus, um diesen Streitigkeiten zu entgehen, endlich seine angebliche, wenn auch durchaus nicht erwiesene Verfasserschaft der »Lehninschen Weissagung« machen sein Leben zu einem Gegenstande, der Anspruch darauf hat, an dieser Stelle beschrieben zu werden.

Andreas Fromm, nachdem er die lateinische Schule in Ruppin und Perleberg, schließlich das »Graue Kloster« in Berlin besucht hatte, studierte Theologie in Frankfurt und Wittenberg, wurde Rektor in Alt-Damm, bald darauf Professor der Philosophie am Gymnasium zu Alt-Stettin und sah sich 1651 plötzlich und ohne vorgängige Schritte seinerseits von Berlin aus als Propst an die Petri-Kirche berufen. Er nahm auch an. Mitglieder des Berlin-Cöllner Magistrats hatten ihn wenige Monate früher, während eines Besuches in der Hauptstadt, im Hause seines Vetters, des Archidiakonus Johannes Fromm, kennengelernt, und der Eindruck, den er bei dieser verhältnismäßig flüchtigen Begegnung gemacht hatte, war bedeutend genug gewesen, um bei eintretender Vakanz sich seiner in erster Reihe zu erinnern.

Unser Fromm trat, bewillkommt von Magistrat und Gemeinde, in sein neues Amt ein; drei Jahre später, 1654, ward er zum Mitgliede des geistlichen Konsistoriums ernannt, das damals aus dem Ersten Konsistorialrat Johann George Reinhardt (nicht zu verwechseln mit dem starren Lutheraner, Archidiakonus Elias Sigismund Reinhart), aus dem Hofprediger Stosch, dem Kammergerichtsrat Seidel und Andreas Fromm bestand. Gottfried Schardius war Protonotar.

Die ersten Jahre vergingen verhältnismäßig in Frieden, die von ihm gehegten Erwartungen erfüllten sich, und alle gleichzeitigen Zeugnisse sprechen sich in hohem Maße günstig über seine Gaben und seine Wirksamkeit als Prediger und Seelsorger aus. Er übernahm freiwillig den Religionsunterricht in den oberen Klassen des Cöllnischen Gymnasiums, benutzte die wöchentlichen Betstunden, die Bibel vorzulegen und zu erklären, stellte mit seinen Geistlichen Disputationen an und erwies sich dabei, mehr als es den Eiferern hüben und drüben lieb war, als ein Mann des Friedens, der Versöhnung und des schönen Maßes, dem es am Herzen lag, das echt biblische Christentum an die Stelle des schroff-lutherischen und schroff-calvinistischen zu setzen.In einem Gutachten, das der Kurfürst eingefordert hatte, schrieb er im wesentlichen wie folgt: »Ew. Kurfürstliche Durchlaucht fragen, welchergestalt die lang desiderierte christlich-brüderliche Verträglichkeit gestiftet werden könne. Ich hatte dafür, das würde helfen, daß beide Teile eine Zeitlang das Streiten ließen, legten beiderseits ihre Partikular-Konfessionen eine Weile an die Seite, nähmen die Bibel und gingen damit zurück in die ersten 500 Jahre der Christenheit, täten, als wenn sie zu derselben Zeit lebten, da diese Spaltung noch nicht war, setzten sich in Demut zu den Füßen der bewährtesten heiligen Väter... und suchten aus der Väter Lehren, nach Anweisung des Vicentii Lirinensis, das zusammen, quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est, womit dann zum Beispiel fortfallen würde, was Augustinus über Gnadenwahl und Prädestination Hartes gesagt hat... Täte man so, man würde in kurzer Zeit von Luther und Calvin und ›Formula Concordiae‹ wenig mehr hören, und was die neuen Lehrer auseinandergepredigt haben, das würde Gott durch die alten Lehrer bald wieder zusammenbringen.« Als Lutheraner geboren und erzogen, stand er freilich innerhalb der lutherischen Kirche, aber ohne von der Unantastbarkeit einzelner den Streit nährender und zum Teil erst in nach-lutherischer Zeit vereinbarten Glaubenssätze durchdrungen zu sein. Die »Formula Concordiae«, die von den wittenbergischen Ultras als Palladium der reinen Lehre verehrt und als ein rechter Prüfstein für das volle Maß der Rechtgläubigkeit angesehen ward, erschien ihm lediglich als eine unselige Scheidewand zwischen Lutheranern und Calvinisten. Er glaubte, wenn nicht an eine Verschmelzung, so doch an eine Versöhnung der beiden Konfessionen, an die Möglichkeit eines einträchtigen Nebeneinandergehens und beklagte deshalb die unerbittliche Rechthaberei der Lutheraner, deren Starrsinn (um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, wo der Streit neu aufzuleben begann) die Möglichkeit einer Ausgleichung oder auch nur eines gegenseitigem Sichgeltenlassens immer weiter hinausrückte.

Widerstand nun schon dieser Starrsinn überhaupt seiner ganzen, zu Nachgiebigkeit und Kompromiß geneigten Natur, so widerstrebten ihm ganz besonders die Formen, in denen lutherischerseits der Streit geführt wurde. Die Wittenberger, die »Formula-Concordiae«-Männer, die damals noch keineswegs die Unterdrückten waren und eher Zwang übten als litten, die Wittenberger, sag ich, waren ihm einfach zu derb, und ihre Parteischriften erfüllten ihn mit Abneigung und Unbehagen. Titel wie: »Eine unzeitige, abgeschmackige, falsche Prophetenfeige und synkretistische, dicke, fette Generallüge, welche sich neuerdings eingefunden hat etc.« waren damals in der polemischen Literatur der Wittenberger an der Tagesordnung, und Ausrufe wie: »Die Calixtiner sind verdammt« wurden allsonntäglich auf den Berliner Kanzeln gehört. Diakonus Heintzelmann an der Nikolaikirche, einer der größten Eiferer, predigte damals wörtlich: »So verdammen wir denn die Papisten, die Calvinisten und auch die Helmstädter. Mit einem Worte, wer nicht lutherisch ist, der ist verflucht.« Das war nicht ein Auftreten, das dem feineren Sinn unseres Fromm gefallen konnte; Gesinnung wie Sprache waren ihm ein Schmerz und ein Greuel, und er schrieb, als ihm jene Heintzelmannschen Worte hinterbracht worden waren, an den Hofprediger Bergius: »Ach, lieber Gott, wo will doch solche Teufelei endlich hinaus.«

Keineswegs geneigt, wegen einzelner offener Fragen rundab mit dem Luthertum zu brechen, aber verletzt durch die Art, in der sich das orthodoxe Luthertum tagtäglich äußerte, bildete sich bei ihm wie von selbst eine gewisse Hinneigung zu den Reformierten aus. Sie waren die feineren Leute und deshalb seinem Wesen näher verwandt. Man kann auch heute noch, innerhalb der politischen Welt, vielfach dasselbe beobachten. Konservative wie Liberale, die zufällig in ihrem zunächst gelegenen Kreise nur gröblich gearteten Elementen ihrer eigenen Partei begegnen, ziehen es vor, in Leben und Gesellschaft mit ihren Gegnern zu verkehren, sobald sie wahrnehmen, daß diese Gegner ihnen in Form und Sitte näher verwandt sind. Die Verschiedenartigkeit der Ansichten kann zwischen feineren Naturen unter Umständen zu einem Bindemittel werden, aber grob und fein schließen einander aus. So ähnlich war es mit unserm Fromm. Das Maßvollere, das dem Schmähen und Schimpfen Abgeneigtere, das die Calvinisten (was sonst auch ihre Mängel sein mochten) vor den zelotischen Wittenbergern auszeichnete, tat seiner Natur wohl, und aus dieser Empfindung heraus gestaltete sich alsbald ein Freundschaftsverhältnis zu einigen der reformierten Geistlichen, ganz besonders zum Hofprediger Stosch. Leider sollte dasselbe nicht zu seinem Glücke führen. Die vertraulichen Briefe, die er durch Jahre hin an Stosch richtete und die alle darauf hinausliefen, den Eigensinn und die Untoleranz der Wittenberger zu verurteilen, entschieden später, als das Verhältnis zwischen den Freunden sich zu trüben begann, über sein Schicksal.

Diese Trübung des Verhältnisses konnte aber schließlich kaum ausbleiben, ja der Entwickelungsgang, den der Kirchenstreit in unserem Lande nahm, führte direkt darauf hin. Wir werden sehen wie.

Die Lutheraner hatten, um ein schon oben gebrauchtes Wort zu wiederholen, eine Reihe von Jahren hindurch eher Zwang geübt als Zwang gelitten. Aber dies änderte sich. Auf die siegreichen Jahre der »Formula Concordiae« folgten die bittern Jahre des »Revers«, mit dem es in Kürze die nachstehende Bewandtnis hatte. Der Kurfürst, der Zänkereien müde, deren tiefere Bedeutung er nicht einsah, entschloß sich zu einem energischen Vorgehen gegen den immer lauter werdenden Unfrieden in der Kirche. Er erließ Edikte »gegen das unnötige Eifern, Gezänk und Disputieren der Geistlichen auf den Kanzeln«, Edikte, zu deren Inhalt und sachlicher Berechtigung die Geistlichen sich durch Unterzeichnung eines Reverses bekennen mußten.Solche »Reverse« existieren in verschiedener Fassung. Eine Formel lautete wie folgt: »Daß Wir Endes benannte Prediger bei der Lutherischen Kirchen zu Berlin in Unserm Lehr-Ambte bey den Glaubens- und Lebens-Lehren, und namentlich auch in denen zwischen Uns und den Reformirten schwebenden streittigen Puneten bey Dr. Lutheri Meinung und Erklärung, wie selbige in ›Augustana Confessione‹ und deren Apologia enthalten, und demnach auch in Gemeinschaft der Allgemeinen Lutherischen Kirchen beständig zu bleiben gemeint seien, jedoch aber bei Tractirung der gedachten Controversien Uns zugleich unverbrüchlich halten wollen, wie in den Churft. Brandenburgischen Edictis de anno 1614, 1622 und 1664 Uns anbefohlen ist. Solches thun wir mit diesem eigenhändig unterschriebenen Revers angeloben, urkunden und bekennen.« Der Schritt war vielleicht unvermeidlich und das Harte, was darin lag, zum guten Teile wohlverdient, dennoch war es ein Zwang, der auf einen Schlag die ganze Sachlage umgestaltete und aus denen, die bis dahin die Drückenden gewesen waren, plötzlich die Gedrückten machte. Ein Notschrei ging durch das Land, Städte- und Ständeversammlungen protestierten gegen die kurfürstliche Forderung, aber ohne Erfolg. Der Kurfürst bestand auf den Revers. Viele unterzeichneten; andere weigerten sich, legten ihr Amt nieder und gingen außer Landes. Unter diesen letztem war beispielsweise Paul Gerhardt.

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