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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg - Kapitel 118
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg, Band I
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Albrecht Daniel Thaer

Ehre jedem Heldentume,
Dreimal Ehre deinem Ruhme,
Aller Taten beste Tat
Ist: Keime pflanzen für künftige Saat.

Albrecht Daniel Thaer wurde am 14. Mai 1752 zu Celle geboren. Sein Vater, Hofmedikus ebendaselbst, stammte aus Liebenwerda in Sachsen; seine Mutter war die Tochter des Landrentmeisters Saffe zu Celle. Seine ersten Studien machte Albrecht Thaer auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, aber er verfuhr dabei in so unregelmäßiger Art und Weise, daß er, um ihn selbst zu zitieren, »im sechzehnten Jahre französisch und englisch sprechen konnte, aber kein Wort lateinisch verstand«. Die Lehrer ließen es eben gehen. Endlich entdeckte er sich dem Rektor des Gymnasiums, nahm Privatstunden und holte in einem einzigen Jahre alles Versäumte so völlig nach, daß er, abermals ein Jahr später, imstande war, nach Göttingen zur Universität abzugehen.

Sein ganzes Wesen damals, im Gegensatz zu seinen reiferen Jahren, war genialisch und exzentrisch; er hatte etwas Wunderkindartiges an Gaben wie an Unarten. Mit großem Eifer wandt er sich der Medizin zu und schien namentlich bestimmt, in der Chirurgie Bedeutendes zu leisten. Er verweilte tagelang, das Seziermesser in der Hand, auf dem anatomischen Saal, sah aber bei der ersten Operation, der er beiwohnte, daß er seltsamerweise wohl zum Anatomen am leblosen, aber nie und nimmer zum Chirurgen am lebendigen Organismus bestimmt sein könne, denn er fiel in Ohnmacht – eine Erscheinung, die sich wiederholte, sooft er den Versuch machte, die angebotene Scheu zu überwinden. Er wählte nun Pathologie, hörte Collegia bei den berühmten Professoren Schröder und Baldinger, die beide ein ganz besonderes Vertrauen zu ihm faßten, und genoß, trotz seiner noch knabenhaften Erscheinung, ein solches Ansehen bei alt und jung, daß kein erheblicher Krankheitsfall vorkam, bei dem er nicht zu Rate gezogen worden wäre. Dies gab ihm, neben vielem Selbstgefühl, auch eine besondere Position, eine Art Mittelstellung zwischen Lehrern und Schülern.

Den eigentlich studentischen Kreisen, namentlich seinen speziellen Fachgenossen, wurd er immer fremder, und nur Bücher, philosophische Studien und philosophische Freunde schienen ihm eines vertrauteren Umgangs wert. Unter den letzteren nahm Johann Anton Leisewitz, der Dichter des »Julius von Tarent«, den ersten Rang ein. Thaer selbst schreibt darüber: »Unsere Seelen waren in beständigem Einklang, fast hatten wir nur ein Herz.« Ihre Freundschaft wurzelte, neben den Beziehungen des Herzens, in gleichen Interessen und Bestrebungen, und wiewohl Thaer, nach unbedeutenden ersten Versuchen, die noch in seine Schulzeit fielen, die dichterische Produktion nicht als sein eigentliches Feld erkannt hatte, so war er doch, neben philosophischem Scharfblick, mit so viel ästhetischer Fühlung ausgerüstet, daß er dem dichterisch produktiven Freunde als Kritiker hoch willkommen war. Sie lebten drei Jahre mit- und nebeneinander; auch nachdem beide Göttingen verlassen (1774), bestand ihr Freundschaftsverhältnis fort, und die wenigen Briefe, die, aus einer gewiß sehr lebhaften Korrespondenz zwischen den beiden, noch jetzt existieren, geben Auskunft darüber, welchen Einfluß Leisewitz dem kritischen Freunde auf seine Arbeiten gestattete. Einer dieser aufbewahrten Briefe enthält eine sehr eingehende Kritik des »Julius von Tarent«, und ein aufmerksames Verfolgen des berühmten Trauerspiels in seiner gegenwärtigen Gestalt zeigt zur Genüge, wie bereitwillig die wohlmotivierten Bemerkungen Thaers von dem Freunde und Dichter benutzt worden sind.

Aus dieser Zeit studentischen Zusammenlebens mit Leisewitz datieren aber noch andere Arbeiten Thaers, die ihn uns nicht nur auf kritischem, sondern auch auf produktivem Gebiete zeigen, freilich auf einem der Kritik verwandten, auf dem der philosophisch-theologischen Untersuchung. Thaer selbst schreibt über diese später in etwas veränderter Gestalt so berühmt gewordene Arbeit: »Ich erschuf mir damals – gleich wenig mit den Orthodoxen wie mit den neuern sogenannten ›Berliner Theologen‹ einverstanden – ein selbständiges religionsphilosophisches System und brachte es flüchtig zu Papier. Es ward wider meinen Willen abgeschrieben, fiel in die Hände eines großen Mannes, der den Stil etwas umänderte und einen Teil davon, als Fragment eines unbekannten Verfassers, herausgab. Bis jetzt wissen es nur drei lebende Menschen, daß ich der Urheber bin.« In diesen Worten Thaers wird weder Lessing genannt noch mit Bestimmtheit angegeben, welches der »Fragmente eines Wolfenbüttelschen Unbekannten« Thaer für sich in Anspruch nimmt; es ist aber nach den scharfsichtigen und sehr eingehenden Untersuchungen W. Körtes, des Thaerschen Anverwandten und Biographen, sehr wahrscheinlich, daß die kleine, bis dahin Lessing zugeschriebene Schrift »Über die Erziehung des Menschengeschlechts« eine Jugendarbeit Albrecht Thaers ist, die, von Leisewitz an Lessing übergeben, von diesem teils überarbeitet, teils fortgesetzt wurde.

Fast gleichzeitig mit diesem Aufsatze schrieb Thaer seine Doktordissertation. Sie erschien 1774 zu Göttingen unter dem Titel: »De actione systematis nervosi in febribus«. Bald darauf kehrte er in seine Vaterstadt Celle zurück, um sich daselbst als praktischer Arzt niederzulassen.

Hier hatte er zunächst durch eine harte Schule zu gehen. Weder gefiel die Stadt ihm noch er der Stadt. Ihm erschien alles klein, beschränkt, krähwinklig; er erschien allen eitel und eingebildet. Seine Jugend und das noch Unentwickelte seiner Erscheinung ließen ihn, bei den Ansprüchen, die er erhob, fast in komischem Lichte erscheinen, und an die Stelle der Auszeichnungen, die ihm in Göttingen so reich zuteil geworden waren, traten nun Kränkungen. Der Prophet galt nichts in der Heimat.

Jahre vergingen in Unmut und Unbefriedigtheit, aber seine bedeutende ärztliche Begabung drang doch endlich siegreich durch, und vor Ablauf von fünf oder sechs Jahren sah er sich, als der bedeutendste Arzt in Celle, hochgeehrt und von allen gesucht. Sein alter Vater, der noch weiter praktizierte, fand einst Gelegenheit, sich von dem wachsenden Ruhme des Sohnes zu überzeugen. Jener nämlich begegnete, als er eben seine Krankenbesuche beginnen wollte, einem Bauer auf der Treppe, und folgendes Zwiegespräch griff Platz:

»Zu wem will Er?«

»Is woll de Doktor Thaer to Huus? Ick bin krank un möcht em spräken.«

»Ich bin der Doktor Thaer.«

»Ja, he is de olle; ick will abersch den jungschen spräken, de is klöger

Vater Thaer lachte und gönnte dem Sohn seinen Triumph.

Um diese Zeit etwa hatte Thaer auch in Gemeinschaft mit Leisewitz seine erste Reise nach Berlin gemacht und Spalding, Mendelssohn, Engel, Nicolai, Madame Bamberger (»eine Frau, die über die abstraktesten Materien der Philosophie rosenfarbenes Licht und Grazie zu verbreiten weiß«) kennengelernt. Es war von einer Übersiedelung nach Berlin die Rede, aber es zerschlug sich wieder. Bald nach seiner Rückkehr nach Celle lernte er Philippine von Willich, eine Tochter des Vizepräsidenten am Oberappellationsgericht zu Celle, Georg Wilhelm von Willich, kennen, und nachdem er das Glück gehabt hatte, sie von einer schweren Krankheit wiederherzustellen, erfolgte 1785 die Verlobung und im folgenden Jahre die Vermählung des jungen Paares. Thaer war damals Stadtphysikus und Hofmedikus und genoß eines großen ärztlichen Ansehens.

Aber sein ärztliches Wirken genügte ihm nicht. Er hatte in seiner Dissertation die Heilkunst als das Herrlichste, Angenehmste, ja, innerhalb aller menschlichen Bestrebungen Nützlichste gepriesen; je mehr er jedoch fortschritt, desto zweifelhafter erschien ihm der Anspruch auf das Lob, das er gespendet, und desto mehr beschlich ihn die Vorstellung, daß eine andere, segensreichere Kunst dasein müsse, herrlicher, nützlicher, heilender als die Heilkunst. Nach dieser Kunst begann sein Herz zu suchen. Er fand sie. Aber erst allmählich und von Stufe zu Stufe.

Als diese schönste, segensreichste Heilkunst erschien ihm der Ackerbau. Ihrem Dienste beschloß er sich zu widmen. Von kleinen Anfängen ging er aus.

Er hatte sich in Celle ein geräumiges Haus mit einem sehr großen Hofraum gekauft, welchen er zu einem kleinen Garten benutzte. Er wandte sich alsbald mit Vorliebe der Blumenzucht zu und bezeigte ein besonderes Geschick und eine glückliche Hand im Variieren von Nelken und Aurikeln. Es sprach sich hierin schon dieselbe Neigung für das »Prinzip der Kreuzung« aus, das er später, innerhalb der Tierwelt, so glänzend durchführte.

Der kleine Raum hinterm Hause genügte dem »Hofmedikus« bald nicht mehr; er kaufte einen größeren, vor dem Tore gelegenen Garten mit einem daranstoßenden Kamp von meist dürrem Flugsandboden, aber mit schönen Gruppen alter Eichen und Buchen besetzt. Garten und Kamp umfaßten sechzehn Morgen, und der Bebauung und Verschönerung dieses Fleckchens Erde waren von nun an alle seine Mußestunden gewidmet. Akazien, Lärchenbäume, Pappeln wurden gepflanzt; Weißdorn- und Buchenhecken zogen sich als lebendiger Zaun um die Anlage, Rasenflächen wurden geschaffen und Obstbaumplantagen angelegt. Dazwischen Fruchtsträucher aller Art. Gartenbau trat an die Stelle der Pflege von Nelken und Aurikeln – aus dem Blumisten war ein Gärtner geworden.

So ging es eine Weile. Aber wie ihm das Blumenbeet zu beschränkt geworden war, so wurd ihm jetzt der Garten, trotz seiner relativen Größe, zu klein. Er kaufte deshalb in kurzer Zeit noch so viele Ländereien hinzu, daß alles zusammen eine zwar bescheidene, aber ziemlich anständige Wirtschaft ausmachen konnte. Diese Wirtschaft lag nur eine Viertelstunde vor dem Tore, zog sich am Aller-Fluß entlang und umfaßte ohngefähr 110 Morgen unterm Pfluge und 18 Morgen natürliche Wiesen. Da er kein Wirtschaftsgebäude vorfand, so entwarf er einen Plan zu einem »Gehöft« und ließ Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude nach seinem eigenen Plane aufführen. Er hatte dabei überall nur das Zweckmäßige, nirgends die Eleganz im Auge und verfuhr ganz nach der Regel des M. P. Cato: »Baue dein Gehöft so, daß es weder den Gebäuden an Ländereien noch den Ländereien an Gebäuden fehlt.« Der Boden bestand aus Lehm und Sand; drei Arbeitspferde und vierzehn Kühe wurden angeschafft und zwei Knechte und zwei Mägde in Dienst genommen.

So war Thaer, nachdem er die Stadien des Blumisten und Gärtners durchgemacht hatte, zum Landwirt geworden. Er blieb noch Arzt, sogar ein vielbeschäftigter, vielfach ausgezeichneter (1786 ward er zum Leibarzt des Königs Georg III. ernannt), aber sein Herz, sein Sinnen und Trachten gehörte der »Wirtschaft« draußen, und die Sommermonate pflegte er, samt seiner Familie, auf dem »Gute« zu wohnen. Sein Leben war ein sehr angestrengtes; die Frühstunden von vier bis sieben und der Spätabend gehörten seinen landwirtschaftlichen Studien, der Tag seinem ärztlichen Beruf. Nur die Passion half über alles hinweg.

Es lag ihm zunächst daran, seiner Umgebung augenscheinlich darzutun, daß es einen Ackerbau gebe, der vollkommener und ergiebiger sei als der, welchen man im Celleschen Felde betreibe. Er wollte durch sein eignes Beispiel zeigen, wie man den Ackerbau, mit höchstem Unrecht, nur als ein Handwerk, ja oft noch geringer ansehe, in der Meinung, daß weniger Kunst dazu gehöre, einen Acker zu bestellen als einen Schuh zu machen. Er wollte die Betreibung dieses wichtigen, verwickelten, dieses unerschöpflich künstlichen Gewerbes zu wohlverdienten Ehren bringen. Er stellte sich bei seiner kleinen Wirtschaft einen doppelten Zweck: den zum Teil widerstrebenden Boden in eine möglichst hohe Kulturstufe zu heben und vor allem eine Experimentalwirtschaft zu seiner eignen Belehrung und Förderung zur Hand zu haben.

Selbstdenkend, aber auch Rat nicht verschmähend, wie gute Bücher oder bewährte Landwirte ihn boten, ging er ans Werk. Er belächelte die Bauernweisheit, die damals, häufiger noch als jetzt, sich in dem Satze gefiel: »Ein günstiger Regen ist besser als alles Geschreibse der Federfuchser«, und zu seinen Lieblingssätzen gehörte der Ausspruch Zimmermanns: »Ein Trommelschläger, der in zwanzig Schlachten trommelte, weiß doch weniger vom Kriege wie König Friedrich, als er eine gewonnen hatte.« Gegen die Trommelschläger, die in zwanzig Schlachten getrommelt, zog Thaer jetzt zu Felde; auch seine ärztliche Praxis mochte ihm gezeigt haben, daß es mit der »Erfahrung« untergeordneter Naturen ein eigen Ding sei und daß sie nur da belehre, wo eine Neigung vorhanden sei, sich belehren zu lassen. Wo diese Neigung fehlt, glauben die Männer der Erfahrung wohl an Tücken der Natur, aber nie an Fehler des Systems.

Thaer begann, die Anfänge einer rationellen Landwirtschaft in seinem Kopfe allmählich auszuarbeiten, und fing mit der Aufstellung gewisser Probleme an. Das erste Problem, dessen Lösung er zustrebte, war folgendes:

die größte Masse zur tierischen Nahrung geeigneter Pflanzen auf einer bestimmten Fläche Landes zu gewinnen.

Das zweite, nicht minder wichtige Problem bestand darin:

die verschiedenen Fruchtkräfte jedes Bodens für die verschiedenen, dieser Fruchtkräfte bedürftigen Fruchtarten soviel als möglich und in einer der Regeneration des Absorbierten günstigen Wechselfolge zu benutzen. Also die Brache entbehrlich zu machen.

Die Lösung des ersten Problems fand er im Anbau der Futtergewächse, ganz besonders der Kartoffel, die Lösung des zweiten Problems in der seitdem siegreich durchgedrungenen »Lehre von der Fruchtfolge«.

Für die Kartoffel trat er überall in die Schranken und widerlegte alte Vorurteile. Er wies darauf hin, daß die Irländer die stärksten und ältesten Kartoffelesser und zugleich, unter allen europäischen Racen, vielleicht die gesundeste, kräftigste und schönste seien; und dem Grafen Podewils, der ihn auf diesem Gebiete freundlich bekämpfte, antwortete er in späteren Jahren: »Der Herr Graf ist mein sehr verehrter Freund, aber der Kartoffelbau ist mein Kind.«

Seine Lehre von der »Fruchtfolge« stieß anfangs auf vielen Widerspruch, und da er seine eigenen Felder danach bestellte, prophezeite man ihm, daß seine Äcker nach vier Jahren völlig ausgezogen sein würden. Thaer ließ sich das nicht anfechten. Schon Friedrich der Große hatte sich seinerzeit für ein rationelles, aber konstantes Tragen der Felder ausgesprochen und den Widerspruch mit den Worten zurückgewiesen: »Seh Er doch nur sein Gartenbeet an, wie das alljährlich trägt.« Thaer war gewillt, die treffende Bemerkung des Königs sich selber gesagt sein zu lassen. Er überzeugte sich alsbald, daß der Acker nicht dadurch ausgezogen wird, daß man ihn alljährlich tragen läßt, sondern dadurch, daß man ihn nicht das tragen läßt, was er zur Wiederherstellung seiner Kräfte bedarf. Es führte das später zu dem Axiom, daß den Acker, wie den Menschen, nichts so sehr entnerve und aussauge als das Nichtstun, das Nichttragen. Aber auf das richtige, das ihm passende Tragen kommt es an.

Das System des Fruchtwechsels, das, um es zu wiederholen, die Brache entbehrlich machte, trat nunmehr siegreich ins Leben, wiewohl zunächst nur mangelhaft und weitab von dem Grade von Vollkommenheit, dem es später entgegenging. Thaer überzeugte sich alsbald, daß es mit dem bloßen Saat- und Fruchtwechsel an und für sich nicht getan sei, daß vielmehr eine genaue Kenntnis des Bodens vorausgehen müsse, um die für eine bestimmte Örtlichkeit jedesmal vorteilhafteste Produktion von vornherein feststellen zu können. Wenn mancher Landwirt immerfort klagte, »daß sein Lein fast alljährlich mißrate«, so lachte Thaer, daß der Betreffende, ohne alle Not, unverbesserlich darauf aus sei, seinen Lein selber bauen zu wollen, und setzte hinzu: »Ein Landwirt, der alles baut, was er braucht, ist ein Schneider, der sich seine Schuhe selber macht.« Thaer verlangte von jedem Boden etwas, aber er verlangte nicht alles von allem. Wo kein Lein wachsen wollte, da gab er es auf, einen kümmerlichen Ertrag desselben zu erzwingen, und den Boden genau untersuchend, der eine Leinernte verweigerte, stellte er nunmehr fest: auf einem Boden von der und der Beschaffenheit hat sich der Fruchtwechsel in dem und dem Kreise zu drehen, unter Ausschluß von Lein. Glücklicherweise begann eben damals die Wissenschaft, welche ganz besonders zur Bodenkenntnis hinführt, die Chemie, sich zu jener Stufe hoher Ausbildung zu erheben, auf der wir sie jetzt erblicken. Thaer widmete ihr die größte Aufmerksamkeit, und die chemische Zusammensetzung der verschiedensten Bodenarten mit ihrer speziellen Tragfähigkeit oder Unfähigkeit vergleichend, glückte es ihm, seine speziellen Erfahrungen zu allgemeinen Gesetzen zu erheben. Die Frucht aller dieser seiner Anstrengungen war, daß er auch seine schlechtesten Felder nutzbar zu machen wußte und jeden Boden, nach Verhältnis seiner Güte und seines Wertes, bei kluger Bewirtschaftung für einträglich erklärte.

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