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Wandertage in Hellas

Isolde Kurz: Wandertage in Hellas - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
booktitleWandertage in Hellas
authorIsolde Kurz
year1913
firstpub1913
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleWandertage in Hellas
pages247
created20141227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Menidhi-Acharnä

Nun geht all unser Trachten auf Menidhi. Ueber den Zeitpunkt der Tänze sind die Meinungen geteilt, und es heisst achthaben, dass uns die Frauen von Menidhi nicht denselben Streich spielen wie die von Eleusis. Auf den 30. März endlich, der unserem 12. April entspricht, wird die Sache für sicher angesagt, und der Morgen findet uns unterwegs nach Menidhi, einem Dörflein in der attischen Ebene, dem alten Acharnä, dessen Namen es sich neuerdings in der Amtssprache wieder zugelegt hat.

Der Bahnzug ist abermals erstaunlich überfüllt, doch sind es diesmal hauptsächlich Athener, die sich das Fest ansehen wollen. Für die Kyría schafft das Publikum im Innern Platz, während der Kyrios in den vorgelagerten Gang zwischen eine Menge athenischer Männer eingeklemmt wird, deren einer ihn sofort in ein Gespräch über die »Acharner« des Aristophanes verwickelt. Trotz der Hitze und Enge ist an Luft kein Mangel, es stehen alle Fenster und Türen offen, durch die der Wind gewaltig saust. Die Griechen sind das 90 einzige Volk, das sich nicht vor Zugluft fürchtet; im Tram hat man zuweilen den Eindruck, man könnte hinausgeweht werden, wenn man nicht so fest verpackt sässe, und auch in den Speisehäusern hat die Art, wie für nachdrücklichste Lüftung gesorgt wird, oft meine stille Bewunderung erregt.

Im Abteil sind zuletzt nur noch Damen, weil die Herren nach und nach alle ihre Plätze abgetreten haben. Mir gegenüber sitzt eine schöne junge Mutter mit ihrem Wickelkind im Arm, das mit vielen Bändern ganz steif auf ein in Spitzen verhülltes Brett geschnürt ist. So oft es zu weinen anfangen will, schwingt sie es trällernd in der Luft, bis es gänzlich betäubt ist und blöde lächelt, zum grossen Wohlgefallen der anderen Anwesenden. Ich möchte gerne um Schonung für das arme schwache Köpfchen bitten, aber ein Gott hat mir die Zunge versiegelt, was wahrscheinlich gut ist.

In Menidhi-Acharnä wimmelt es von Menschen, und die Strassen sind festlich geschmückt. Vor der Kirche liegen auf Tischen und Ständen grosse Wachskerzen aufgestapelt, aus denen die Frommen sich je nach Vermögen und Herzensdrang eine dickere oder dünnere aussuchen, die gleich in der Kirche aufgesteckt wird, während die Teller mit den Nickelmünzen sich immer höher auffüllen. Rechts und links von der Kirchentür drängen sich die Acharnerinnen in reichem Putz; ihre langen, seltsam geformten Jacken und die breiten Schürzen sind farbig gestickt, sie haben gleichfalls gestickte Kopftücher, die Kinn und Mund mit verhüllen, und um den Hals tragen sie prächtiges, überreiches Goldgehänge, das bei mancher bis zum Gürtel 91 hinabreicht. »Gib Achtung im Gedräng, dass keiner dir von deinem Goldschmuck stiehlt,« sagt schon im Aristophanes der alte Acharner zu seiner Tochter.

In einem offenen Bretterverschlag hart neben der Kirche werden ganz unbefangen während der Messe Schafe abgehäutet und ausgeweidet, und mit Fug erinnert einer unserer Fahrtgenossen daran, dass auch im alten Griechenland das Schlachten und Häuten mit zum Gottesdienst gehörte. Drüben an der Strassenecke kann man auch gleich den Fortgang der Opferhandlung beobachten. Da werden im Freien ganze Schafe geröstet. Einige sind schon gar und können angeschnitten und verkostet werden, während man andere eben an die Spiesse steckt. In Bracciano bei Rom sah ich einmal ein ganzes geröstetes Schwein öffentlich aufgestellt wie beim Gastmahl des Trimalchio. Aber der Anblick war bei weitem nicht so abschreckend, weil das Tier seine vierfüssige Gestalt behalten hatte. Den Schafen von Menidhi aber waren die Vorderbeine abgelöst und der ausgestreckte Leib fest zusammengeschnürt; was sich da mit bleckenden Zähnen über dem Feuer drehte, sah so kannibalisch aus, dass wir augenblicklich die Flucht ergriffen, mit dem innigen Wunsch, der Mégas Aléxandros möge uns so bald keinen Lammsbraten mehr vorsetzen.

Da sich nun zuerst noch eine langwierige Prozession abspielen soll und der Reigen auf drei Uhr nachmittags verschoben ist, werden wir es müde, in dem Gewühl der Gassen zwischen den Tischen mit landesüblichen Süssigkeiten und den Karren voll Orangen herumzuschlendern, denn Sehenswürdigkeiten gibt es in 92 Menidhi keine. Das Dörflein ist etwa so gebaut wie italienische Dörfer gleichen Umfangs, nur viel armseliger. Um die Zeit bis zum Nachmittag hinzubringen, besuchen wir das Kuppelgrab, das eine halbe Stunde von Menidhi in der Ebene liegt. Der Weg führt über den Bahndamm in die Felder hinaus. Eine Anzahl kleiner Jungen, zu denen sich unterwegs als Chorführer ein Alter gesellt, haben sich von selbst als Führer angeschlossen, und im Gehen geben sie uns unaufgefordert Sprachunterricht nach der Berlitz-Methode. Wenn ich mich z. B. nach einem Hufeisen bücke, um es mit abergläubischem Eifer zu mir zu stecken, so sind sie gleich von allen Seiten um mich her und schreien mir zu: pétalon! pétalon! bis ich folgsam wiederholt habe: pétalon. Dann huscht eine Eidechse von der besonders grossen, im Süden heimischen Art, die der Kyrios noch nicht gesehen hat, über den Weg, und gleich ruft es im Chorus: savrá! savrá! So wird uns von allem, was uns unterwegs aufstösst, Baum und Blume, Pferd und Wagen, alsbald die Benennung vorgesagt, dass wir uns vorkommen, wie Adam im Paradiese, da er noch nichts zu tun hatte, als jegliches Ding zu benamsen.

Akademie der Wissenschaften, Athen

Auf der grossen Wiese beim Eingang des Grabes wird die kleine Gesellschaft entlassen, der Alte nimmt den Lohn für sie in Empfang, den er gerecht verteilt, und entfernt sich gleichfalls. Was kann man besseres tun, nachdem das leere Innere des Gewölbes besichtigt ist, dessen Schätze längst in das Nationalmuseum gebracht sind, als die Ledertasche öffnen und auf der grünen, mit tausend Blumen bestreuten Festtafel inmitten der weiten attischen Ebene, auf die Parnes und 93 Hymettos herunterblicken, unsere Mahlzeit ausbreiten? Dein Wohl, namenloser Heros, der du unsichtbar dieses Ehrengrab bewohnst, und verarge es uns nicht, wenn wir dir mit aller schuldigen Ehrfurcht die Knochen und die Schalen zurücklassen.

Es ist die Mittagszeit, wo der grosse Pan schläft. Auf der glühenden Ebene herrscht tiefes Schweigen, kein Wagen rollt mehr auf der Strasse, selbst der immer sausende Wind hat sich gelegt, den Schlummer des Gottes nicht zu stören. Auch den beiden einzigen Zeugen seiner Mittagsrast werden die Augen schwer, und jedes sucht sich ein bequemes Plätzchen am warmen Busen der attischen Erde, um von tausend Blumen und Kräutlein umduftet auszuruhen. Erst das Rattern der wieder erwachten Automobile und das Rollen der »Susten«Zweirädrige Karren, ähnlich dem italienischen Barroccio, ein sehr beliebtes Verkehrsmittel., die auf der Landstrasse von Athen unter Wolken Staubes herankommen, mahnt uns wieder an das Fest in Menidhi.

Ich will gleich verraten, dass der Ostertanz von Menidhi eine Enttäuschung war, ich kann wohl sagen, die einzige auf der ganzen Reise. Es gab nichts zu bewundern als die schönen Gestalten und Trachten, die wir schon am Morgen gesehen hatten. Von einem Tanze kann man überhaupt nicht sprechen, es war nur ein langsamer Ringelreihen, ohne Rhythmus und ohne Leben. Die Frauen, darunter auch solche von reiferen Jahren, hielten sich bei den Händen gefasst, ein paar kleine Mädchen machten den Schluss, und so schoben sie sich in einem weiten Kreise, den ihnen Soldaten 94 freihielten, von den Zuschauern umdrängt, ohne Musik, mit schüchternen, befangenen Bewegungen bald nach der rechten, bald nach der linken Seite, bis drei Männer, leider in städtischer Tracht, sich zu ihnen gesellten, wovon zwei als Musikanten vorangingen, der dritte die vorderste Frau an den Händen erfasste und rascher nachzog. Es schien, als sollte jetzt die Gebundenheit sich lösen, der Vortänzer warf in rhythmischen Abständen die Arme in die Luft und machte einen verzückten, wirbelnden Sprung, was sich freilich zu der modernen Kleidung befremdend ausnahm; man erwartete dann jedesmal, dass jetzt das unterdrückte Temperament sich Luft mache, doch gleich fiel alles in die alte Blödigkeit zurück. Einige von den Frauen waren ganz heimliche Glut, und alle hatten strahlende, tiefbewegte Gesichter, ohne doch den inneren Vorgang durch die Bewegung zum Ausdruck bringen zu können. So hatte der Anblick etwas Unerlöstes, mich beinahe Quälendes. Uralt müssen diese Tänze sein: es gibt auf der Akropolis ein archaisches Relief, Hermes, die Nymphen anführend, das eine genaue Darstellung des Tanzes von Menidhi ist. Der Gott geht musizierend voran, die Nymphen halten sich seitwärts schreitend bei den Händen gefasst, sie tragen gleichfalls gestickte Gewänder, freilich von plastischer Durchsichtigkeit, und die letzte zieht ebenso ein kleines Mädchen nach sich wie die Frauen von Menidhi.

Später überzeugte ich mich aus der Schilderung von Augenzeugen, dass die Reigentänze doch nicht überall die gleichen sind, und dass der berühmte Ostertanz von Megara, den sie die »Woge« nennen, ein ganz 95 anderes Gepräge haben muss als der von Menidhi-Acharnä. Die Eintönigkeit wirkte so entnervend, dass es eine Wohltat war, als endlich der Zug pfiff, der uns nach Athen zurückbringen sollte.

Für den Monstretee, zu dem Frau Sophie Schliemann mit grossartiger Gastlichkeit sämtliche Kongressmitglieder in Bausch und Bogen eingeladen hatte, kamen wir zu spät und konnten nur noch einen eiligen Rundgang durch den berühmten Marmorpalast Ilíu Mélathron machen, während der Strom der Gäste, unter ihnen der griechische Thronfolger und die Spitzen der athenischen Gesellschaft, sich schon dem Ausgang zuschob.

Dagegen blühte uns am späten Abend noch die Aufführung des »König Oedipus« in neugriechischer Uebersetzung, die Athen den Orientalisten im städtischen Theater zum besten gab und bei der sich der Träger der Titelrolle den warmen Dank der Zuschauer verdiente.

 


 

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