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Wandertage in Hellas

Isolde Kurz: Wandertage in Hellas - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
booktitleWandertage in Hellas
authorIsolde Kurz
year1913
firstpub1913
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleWandertage in Hellas
pages247
created20141227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Triest – Piraeus

KALT bläst der Wind aus dem Karstgebirge, zerfetzte graue Wolken ziehen über den Himmel, nur auf Schloss Miramar liegt Sonnenglanz, während wir durch den unruhigen Wellengang des Hafens von Triest ins offene Meer steuern.

Unser »Baron Beck« vom österreichischen Lloyd ist überfüllt mit Reisenden, die sich zum Orientalistenkongress nach Athen begeben. Da die Gelegenheit so einzig günstig ist, hat meine alte Schutzherrin Pallas Athene auch mich im Handumdrehen zur Orientalistin umgeschaffen und mich mit der Kongresskarte, vor der sich alle Riegel öffnen, auf dem »Baron Beck« eingeschifft. Zum Begleiter gab sie mir meinen alten Freund Ernestos, der mich in meiner Frühzeit die griechischen Dichter im Urtext lesen lehrte und mir schon damals den Traum von Griechenland träumen half. Als klassischer Philologe konnte er sich in aller Eile noch vor Abgang des Schiffes in den Besitz von so viel Neugriechisch setzen, als wir beide an Ort und Stelle brauchen werden.

4 Das Festland ist schon weit zurückgeblieben, aber meine alten Dolomiten leuchten mir noch in nie gesehenem Glanze, bis tief herab mit Schnee bedeckt. Gleich ungeheuren silbernen Riesenburgen stehen sie über der Küste und schauen uns noch stundenlang nach. Wie die letzte Abendsonne über ihnen versprüht, wird das Meer dunkelstahlblau mit weissen Schaumkronen. Links im Osten erscheint seltsam unwirklich der istrische Küstensaum mit dem dunklen Strich der niedrigen Bergwälder, hinter denen der Monte Maggiore aufragt, und dem Leuchtturm auf vorgeschobener Spitze; gegenüber in klarerer Zeichnung das gebirgige Ufer Italiens. Doch bevor die mit Ungeduld erwartete Küste von Dalmatien in Sicht kommt, versinkt alles in Dunkelheit.

Ein Blick in meine Kajüte hatte mir zeitig jede Hoffnung auf Nachtruhe benommen. Das Schiff war so voll, dass man unser viere in den engen Raum gepfercht hatte. Jetzt fand ich darin noch einen Turm von Hutschachteln allerneuesten Umfangs aufgebaut, jeden Zollbreit Fussboden mit Kleidungsstücken besät, und eine Luft, die nicht zu atmen war. Ich beschloss also, die Nacht auf Deck zu verbringen, und Freund Ernestos, in dessen Kajüte die Dinge nicht viel besser standen, leistete mir Gesellschaft. Um Mitternacht wurde der Wind so stark, die Feuchtigkeit so durchdringend, dass wir uns die Lehnstühle nach dem leeren unteren Schiffsraum, der als dritte Klasse benutzt wird, bringen liessen. Dort lagen nur wenige vermummte Gestalten, die ich zuerst für Säcke hielt, in der Ecke auf Pritschen umher. Doch nach einer 5 Stunde war auch dort der feuchtkalte Zugwind unerträglich geworden, und es blieb uns nichts übrig, als uns in unser Geschick und in unsere Kabinen zu fügen. Ich hatte noch einen Schwerttanz zwischen den aufgerichteten grossen Stahlspiessen der am Boden liegenden Hüte aufzuführen, ehe ich auf der Leiter mein Bett erklomm.

Durch überlautes Geschäker in triestinischem Italienisch vor der Zeit geweckt, bot sich mir der unerfreulichste Anblick: zwei Damen waren von der Seekrankheit stumm und regungslos niedergestreckt; die dritte Lärmende, die zu einer der Stillen sprach, hatte sich des gemeinsamen Waschgeräts und aller übrigen Gebrauchsgegenstände in einer Weise bemächtigt, die es unmöglich und auch nicht mehr wünschenswert machte, sich derselben gleichfalls zu bedienen. Meine höfliche Bitte um etwas Platz hatte eine unhöfliche Antwort und vermehrte Ausbreitung ihrerseits zur Folge. Keine Rettung, als den Ort zu räumen und mich ins Badekabinett zu flüchten, wohin mir bald eine Dame aus Berlin nachkam, die gleichfalls vor ihren Zellengenossinnen floh. Welche Aussicht auf die drei weiteren Nächte, die noch an Bord zu verbringen waren!

Der ganze Tag vergeht uns auf hoher See. Man sieht nichts als die schwarzblaue, geheimnisvolle Flut, die um das Schiff her durch den vorquellenden Schaum weisslich geädert erscheint, ein seltsamer Anblick, wie wenn farbiger Marmor flüssig geworden wäre. Um 11 Uhr nachts wird in Brindisi angelegt: viele Lichter am Quai, italienischer Hafenlärm, durchtönt vom Gesang deutscher Matrosen, dann wird eine Treppe 6 niedergelassen, und zu unserem Schrecken ergiesst sich noch ein ganzer Strom von Orientalisten in unser Schiff, die alle bis Patras mitfahren wollen, aber keine Kabinenplätze bekommen können. Esszimmer und Rauchsalon werden zu Schlafsälen für die Herren verwandelt; wo die Damen unterkommen, bleibt ein Rätsel. Ich quartiere mich im Badekabinett ein, wo mir der Stewart auf meine Bitte ein Brett mit Kissen über die Wanne legen lässt, weil ich unter keinen Umständen mehr mit der triestinischen Huldin in einem Raume schlafen will.

Das Gute hat ein solches Lager, dass man am Morgen nicht verschläft. Ich bin in der Frühe unter den ersten auf Deck und staune die Berge von Albanien an, die sich in herrlichen Formen zu unserer Linken erheben, lichter, zarter als irgend etwas je im Süden Gesehenes, wie aus zartgrauem Duft gewoben. In Santi Quaranta wird angelegt. Hier ist schon der Orient. Eine Menge Albanier in der bekannten malerischen Tracht kommen an Bord, ein gebundenes Lämmchen mit sich führend, das sie, wie ich fürchte, unterwegs zu verzehren gedenken, denn Ostern ist vor der Tür. Diese ganze bunte Welt wird unten in der dritten Klasse verstaut und verschwindet zunächst unseren Blicken.

Am Mittag erreichen wir die schöne Bucht von Korfu, die der stolze Pantokrator überragt. Bevor wir einfahren, erleben wir eine sonderbare Ueberraschung. Aus der Tiefe des Schiffes tauchen erst einzeln, dann in immer wachsender Anzahl korfiotische Bootsleute 7 und Träger auf, die uns geräuschvoll in italienischer Sprache ihre Dienste für die Landung anbieten. Es ist, als hätte das Meer sie auf unser Schiff gespien, denn wir sind noch weit vom Land, und man begreift nicht, wo sie herkommen. Als wir uns der Einfahrt nähern, hat ihr Ansturm etwas Betäubendes und so Gewalttätiges, dass man meinen könnte, wir seien von Piraten gekapert. Erst später in Griechenland, wo der gleiche Vorfall sich vor jeder Landung wiederholte, erfuhr ich, wie es die Leute mit Hilfe der Matrosen fertig bringen, sich an einem ausgehängten Seil schon auf hoher See in den fahrenden Dampfer einzuschwärzen.

Beim Ausbooten in Korfu wird das Drängen und Schreien dieser Wilden nur immer ärger; man muss achtgeben, dass man nicht von der Schiffstreppe ins Meer gestossen wird. Wir lassen uns zu Wagen, denn die Zeit ist knapp, in die schöne Phäakeninsel hineinführen. Die Fahrt geht zwischen üppigen Olivenhainen durch, doch scheint mir der vielbewunderte Oelbaum von Korfu nicht mächtiger als der im Lucchesischen. Grüne Wiesen und Weideplätze, von Agaven umsäumt, wechseln mit dürrem Ackergelände, dessen lockere, gelbliche Scholle aussieht, als wolle sie sich in Staub auflösen. An den Rainen blüht viel stark riechender Asphodelos, der aber bei weitem nicht die Höhe des römischen erreicht. Zuerst wird beim Achilleion haltgemacht, das wir nicht betreten können, weil die Kaiserflagge darüber weht. Darauf lässt man uns noch die Aussicht von Gasturi bewundern, und dann geht es im Trab nach der Spitze einer 8 Landzunge, die von einem dort aufgestellten alten Geschütz Canone heisst. Von hier aus zeigt man die Bucht, wo der Stromgott den vom Schwimmen erschöpften Odysseus freundlich ans Gestade rettete, und wo dann die königliche Jungfrau Nausikaa sich des Verstürmten erbarmte. Das reizende, ganz mit Zypressen bewachsene Felseninselchen Pontikonisi (Mäuseinsel), das zwischen dem offenen Meere und einer tiefen Einbuchtung gerade Canone gegenüber liegt, galt von alters her für das Phäakenschiff, das der Meergott zur Strafe für die Rettung des Odysseus auf der Heimkehr im Angesicht aller Phäaken versteinerte. Deutsche wollen darin auch Böcklins »Toteninsel« erkennen, die so viele Vorbilder in der Natur hat und doch ganz aus der Phantasie des Künstlers entsprungen ist. Eine hesperische Scholle, dieses Korfu oder Kerkyra, wie es jetzt wieder heisst, das mich wie ein abgesprengtes, verklärtes Stück Italien anmutet. Noch sehe ich nichts, das meiner erhabeneren Vorstellung von griechischer Landschaft entspräche.

Bei einem kleinen Ausgrabungsfeld neben einer Kirche wird noch einmal haltgemacht, und wir besichtigen auch den neuen Fund, den sie schon ins Museum verbracht haben: einen grotesken archaischen Gorgonenfries, der die griechische Kunst einmal von der Seite wilder Phantastik zeigt.

Mehr will die knappe Frist uns nicht gewähren. Der »Baron Beck« hat schon das erste Zeichen gegeben, und braune Phäakensöhne, die ihren ›ruderberühmten‹ Vorfahren Ehre machen, führen uns durch hohen Wogengang flink und sicher zu unserem Schiff zurück.

9 Langsam geht die Fahrt auf der schmalen Wasserstrasse zwischen der langgezogenen korfiotischen Küste, die im Vorüberfahren immer neue Gestalten annimmt, und den schönen Bergen von Epiros hin. Bis wir das offene Meer erreichen, sinkt schon der Abend.

Inzwischen ist es unten, wo die Albanier verstaut sind, lebendig und laut geworden. Solange es hell war, hockten sie schweigend am Boden und spielten Karten oder schliefen. Jetzt sind sie mit einemmal auf den Beinen und geben sich dem Genusse des Tanzes hin. Zuerst dreht sich nur ein Soldat zum rhythmischen Händeklatschen der anderen, bald aber tanzt ein ganzer Reigen junger Männer Hand in Hand, in langsamen Bewegungen, hinter denen man doch eine verhaltene Leidenschaft fühlt, zu halblautem Gesange. Alle anderen, Männer und Frauen, umstehen sie in gespannter Aufmerksamkeit, und wir Passagiere sehen unter der offenen Tür gleichfalls zu, bis uns der Brodem vertreibt, den diese zusammengekeilte, knoblauchduftende Menschheit ausströmt. Unterdessen sind die Sterne aufgegangen. Die Inseln Paxos und Antipaxos sind das letzte, was sich deutlich erkennen lässt.

Als Paxos in Sicht kam, sagte eine Stimme auf unserem Schiff: »Der grosse Pan ist tot!« und weckte in unseren Herzen das Echo der rätselhaften Klage, die einst über dieses Wasser erscholl. In den Tagen des Tiberius, wo das alternde Hellenentum in sich selbst erseufzte wie ein morscher Baum, der den ersten Axthieb spürt, da geschah es, dass ein griechisches Handelsschiff mit vielen Reisenden, das nach Italien wollte, plötzlich durch eine Windstille in der Nähe dieser 10 Inseln festgehalten wurde. Es war Abend wie heute, aber die meisten waren noch wach und tranken, als man plötzlich von Paxos her eine Stimme vernahm, die den Steuermann, einen Aegypter mit Namen Thamûs, anrief. Darüber verwunderten sich alle, und Thamûs, dem die Sache nicht geheuer war, gab erst auf den dritten Anruf Antwort, worauf es mit angestrengter Stimme herüberrief: »Wenn du Palodos vorüberkommst, so melde, dass der grosse Pan gestorben ist.« – Die an Bord befiel ein Schauder, und alle ratschlagten, ob das Gebot auszuführen sei oder nicht. Der Steuermann aber entschied, wenn der Wind günstig sei, so wolle er still an dem Ort vorüberfahren, trete aber eine Windstille ein, so wolle er tun, wie ihm geheissen sei. Als sie zur Stelle kamen, flaute der Wind von neuem ab, und alle Segel hingen schlaff, da rief der Steuermann Thamûs vom Hintersteven nach dem Lande: »Der grosse Pan ist gestorben!« Alsbald erhob sich ein gewaltiges Jammern und Stöhnen, mit Lauten des Erstaunens untermischt, nicht wie von einem einzelnen, sondern wie von einer ganzen Volksmenge. Der Vorfall, der durch die vielen Zeugen in Rom bald ruchbar wurde, verbreitete eine allgemeine Bestürzung, und selbst in das verschlossene Gemüt des sphinxenhaften Tiberius schlich das Grauen, dass er seine Philosophen zusammenrief, um mit ihnen über die Sache zu grübeln; denn was kann es für den Menschen Unheimlicheres geben, als wenn er seine Götter sterben sieht!

Mein Herz aber gab Antwort jener Stimme auf unserem Schiff und sagte:

Der grosse Pan ist nicht tot, der grosse Pan kann 11 niemals sterben. Habe ich ihn nicht selber so manchen Sommertag am glühenden Strande des Mittelmeers im Schilficht sitzen sehen und zugehört, wie er auf seiner Hirtenpfeife den Reigen des grossen Stirb und Werde spielt? Der grosse Pan lebt, nur dass er nicht mehr in bocksfüssigem Unverstand einhertollt mit Nymphen und Hirten. Schön und schreckhaft thront er, wie ihn Signorelli gemalt hat, den Sternenmantel um die Brust geschlagen, oben Gott und unten Tier. Die Jugend bringt ihm ihre Sehnsucht, und das Alter bringt ihm seine Leiden, alle Erinnerungen wollen zu ihm, und alle Träume suchen ihn, er aber lächelt sein unnennbares Lächeln und erwidert auf alles: Ich weiss es. Seine Augen blicken schmerzvoll, und eine tragische Glorie strahlt um sein Haupt, weil der Unvergängliche nur Vergänglichen das Leben gibt.« –

Mond und Sterne auf dem Jonischen Meer. Unsere Geschwindigkeit ist jetzt so gross, dass das Wasser reissender als der reissendste Strom an uns vorüberschiesst. Seine grossen Wogen sind schwarzblau, von weissem Schaum übergossen. Man könnte schwören, dass sie es sind, die so wild hinrasen, nicht wir, sie fordern unwiderstehlich zum Wettlauf auf, und man kommt taumelnd am Ende des Schiffes an, indes die eben durchgeschlüpfte Welle schon weit entfernt ist; wie der Augenblick dahinterbleibt mit dem, was eben noch unser war, während wir unaufhaltsam vorwärts ins Dunkle rasen.

Der leukadische Fels

Mehr eine Ahnung als ein Gesichtsbild taucht zu unserer Linken die Insel Leukas auf mit dem geisterhaften Felsen, in dessen Nähe Homer den Eingang zum 12 Hades kannte. Umschwirren ihn wohl soeben die Seelen der Freier, die Hermes mit erhobenem Stab zu den Asphodeloswiesen der Unterwelt führt? Oder wälzt die unter ihm brandende Welle die Leiche der Sappho mit sich, die hier von ihrem Liebesgram die Heilung fand? Wir brauchen es ja heute nicht zu wissen, dass auch der Todessprung der Lesbierin vom leukadischen Felsen in das Reich der Fabel gehört.

Die Erscheinung ist vorüber. Jetzt ist nichts mehr vorhanden als der hundertäugige Sternenhimmel und die nachtschwarze Woge, die unter uns hinrauscht.

Auch auf unserem Schiff ist schon alles zur Ruhe. Nur aus den Maschinenräumen dringt Licht, und oben flattre ich noch allein als nächtlicher Schemen auf dem Verdeck in Dunkelheit und wachsender Kälte. Vielleicht dass ich heute doch in der Kajüte schlafen kann, denn unsere Zahl hat sich vermindert. Ich öffne leise die Tür. Aber die Luft, die mir da entgegenschlägt, treibt mich alsbald wieder hinaus und in das Badekabinett. Ich besteige meine Pritsche auf der Wanne und denke an den göttlichen Dulder, der vor mir diese Wasser befahren hat und der manchesmal noch viel schlechter gebettet war.

Die aufgehende Sonne findet uns im Hafen von Patras, der von Dampfern und Seglern aller Nationen bedeckt ist. In der kühlen Morgenbeleuchtung erscheint das Meer grün mit weissen Kämmen. Drüben am ätolischen Ufer erhebt sich der schönste Berg, den ich jemals gesehen habe; seine Formen sind so kühn und edel, dass er das Auge nicht loslässt. Er heisst Warássowa, aber im Altertum trug er den Namen Chalkis, der 13 ihm besser stand. Neben ihm ragt ein zweiter, beinahe ebenso schöner, der Klókowa.

Bis ich auf Deck steige, sind unsere Reisebekannten schon alle verschwunden und mit ihnen die Mehrzahl der Passagiere, die sämtlich auf dem Landweg nach Athen wollen. Vor uns liegt jetzt der schönste Teil der Fahrt, die Umschiffung des Peloponnes, die wegen der Winde am berüchtigten Kap Matapan oder Tänaron von minder seefesten Reisenden lieber vermieden wird. Dies der Grund, warum wir nur noch wenige Köpfe an Bord sind – wenigstens scheint es so, da alle Kajüten der ersten und zweiten Klasse leer stehen. Aber was ist das für eine neue Gesellschaft, die mit einem Male die leeren Plätze auf Deck besetzt? Der Orient, den wir ganz vergessen hatten, ist aus dem Bauche des Schiffes ans Tageslicht gedrungen und macht sich breit, wo eben noch europäische Kultur geherrscht hat. Schlanke, kräftige Männer und schönäugige Frauen, in buntgestreifte Decken gehüllt, liegen auf allen Lehnstühlen und am Boden umher, ein Anblick voll Reiz, den man jedoch lieber aus der Entfernung bewundern möchte. Hätte ich nicht gesehen, mit welchen Strömen von Meerwasser die Schiffsjungen jeden Abend die Planken des Verdecks überfluten, so müsste ich mich fragen, wie der »Baron Beck« jemals wieder europäische Gesellschaft beherbergen soll. Es sind auswandernde Albanier mit ihren Familien, die in Konstantinopel Arbeit suchen. Möge ihnen das Schicksal günstig sein. Mit welcher Genügsamkeit sie leben, haben wir schon gestern durch die grosse Luke des Verdecks 14 beobachten können. Nur muss ich leider feststellen, dass das Lämmchen unterdessen verschwunden ist.

Mein Reisegefährte hat sich mit erhöhtem Eifer in Grammatik und Wörterbuch versenkt, seit in Kerkyra die ersten griechischen Laute sein Ohr erreichten. Ich suche mir den albanesenfreiesten Winkel im Schiff und bin für diesen ganzen Tag nur noch Auge.

Alles ist strahlend und tiefernst zugleich. Selbst das Meer ist noch schöner geworden, seitdem es sich das jonische nennt; die Wellenkronen heben sich in noch vollendeterer Form wie in dunklen Stahl getrieben, eine flüssige, immer wechselnde Metallplastik. Jonische Inseln, Vorhallen des Tempels Hellas. Durchsichtig und blassschimmernd wie Opale liegen sie da in ihrer Morgenschönheit, so fein von Form und so zart von Farbe, wie das gepriesene Schönheitsland Italien nichts Gleiches hat.

Für einen kurzen Augenblick ist Ithaka aufgetaucht; jetzt gleiten wir an Kephallenia hin und staunen lange das stilvoll kühne Bergprofil seiner südöstlichen Spitze an, das sich von beiden Seiten in gleichgeschwungenen Bogen nach dem Meere senkt und in der Mitte in einer breiten, turmartigen Erhöhung gipfelt. Dann erscheint Zante oder Zakynthos, bei Homer die »wälderreiche«, von hier aus fast kahl mit schroffer Gebirgskette und steilen Vorhügeln, und ihr gegenüber am elischen Ufer das Kap Chelonatas. Und nun für lange Zeit nichts mehr als Wasser und Himmel, bis die messenische Küste ins Meer heraustritt, vom Aegaleon gekrönt. Es geht der Insel Sphakteria und der Bucht von Navarin oder Pylos entgegen. Welch eine Gruppierung von mächtigen Inselmassen mit ausgewaschenen 15 Steilküsten, die Höhlen und Felsentore bilden, von flachgewölbten grünen Inselchen, von breiten und schmalen Wasserstrassen, von phantastisch gezackten, korallenähnlichen Klippen im Meer, um die ringsher eine weiss aufblitzende Brandung wogt. In diesem Gewässer wurde 1827 die Freiheit Neu-Griechenlands geboren; vielleicht fahren wir eben jetzt über Trümmer der zerstörten Türkenflotte hin. Am Festland ragt auf steiler Höhe ein altes Venetianerkastell mit derbem Mauerwerk und Zinnen. Navarin hiess der Ort noch im vorigen Jahrhundert, aber heute wieder mit seinem alten Namen Pylos. Dort hat man von alters her den Wohnsitz des greisen Nestor gesucht, doch von dem sandigen Gestade, das man nach Homer erwarten muss, ist wenigstens von hier aus nichts zu sehen. Schon halb im Dämmerungsschleier tauchen neue Berggestalten auf, die sich nicht mehr erkennen lassen. Das Dunkel sinkt, und das Meer wird öde. Aber oben sieht mit tausend Augen der Himmel von Hellas nieder.

Hast du es denn deinem Schicksal wirklich zugetraut, kleingläubiges Herz, dass es dir vergönnen würde, im Piraeus zu landen? Sahst du es nicht bis zum Augenblick der Abfahrt lauern, wie es dir schnell noch den Plan vereitle? Und als du auf hoher See schwammst, warst du nicht darauf gefasst, dass es sich noch als Schiffbruch neidisch zwischen dich und dein Ziel stelle? Siehe, kleingläubiges Herz, nun bist du schon in den griechischen Gewässern, und nur eine Nacht trennt dich noch vom Anblick Athens. Wenn dich jetzt noch etwas kränkt, so ist es nur der Gedanke, dass du zwischen Kap Malea und der Kythereinsel 16 durchfahren wirst, ohne sie zu sehen, von den myrtoischen Wellen in Schlummer gewiegt.

Aber wohl tut es doch, jetzt endlich in der vierten Nacht wieder einmal auf einem menschlichen Lager zu ruhen und im Alleinbesitz der Kajüte zu sein.

Zwar die Albanier, die immer ungebundener unser Schiff durchschwärmten, und deren Neugier so gross war, dass sie sogar, während wir speisten, die Köpfe durch die Fenster des Esssals streckten, schufen mir einiges Bedenken, denn es widerstrebte mir, die Kajütentür zu verriegeln. Aber ich schob meinen Schiffskoffer vor den offenen Ausgang, befahl meine Habe Gott und entschlummerte friedlich.

 


 

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