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Wandertage in Hellas

Isolde Kurz: Wandertage in Hellas - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
booktitleWandertage in Hellas
authorIsolde Kurz
year1913
firstpub1913
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleWandertage in Hellas
pages247
created20141227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Chalkis

Und jetzt dem tiefblauen Euripos entgegen! Bis Schimatari geht es auf dem alten Wege zurück, dort zweigt eine Bahnlinie nach Chalkis ab. Bereitet euch, Augen, und seid wacker, gleich werdet ihr im Vorüberfahren den Strand von Aulis sehen. Hier ist schon der schmale Sund mit den nahen jenseitigen Gebirgszügen, aus denen der herrliche Dyrphis im Schneehermelin stolz wie ein König heraustritt . . . Station Wathy-Aulis . . . Ein armes Fischerdorf von flachem Wiesenland und etwas Oelwaldung umgeben. Hier lagerte das Heer Agamemnons müssig am Strand, als die beleidigte Artemis durch den Wind von Norden die Ausfahrt hemmte. Nein, hier lagert es noch und wird hier lagern, so lange die Wellen des Sundes rauschen, durch eine Stärkere als Artemis, durch die Dichtkunst hier auf immer festgebannt. Wir wollen gar nicht fragen, ob die kleine Bucht Raum hat für Agamemnons tausend Schiffe. Wir wollen dem Homer glauben, wie ihm die Griechen glaubten. Es ist so schön, dass es Dinge gibt, an denen man nicht zu zweifeln braucht.

228 Landeinwärts liegt die Wiese, auf der sie Iphigenia zur Opferung führten; von dem Heiligtum der Artemis, das dort in Wirklichkeit gestanden hat, sind die Spuren gefunden. Dieser schmale Sandstreifen unterhalb der hängenden Wiese könnte die Rennbahn des Achilleus gewesen sein, wo der Schnellfüssige im vollen Waffenschmuck mit einem Viergespann um die Wette rannte. Vorüber. Wir fahren in Bogenlinien längs der steilen, vielzerklüfteten Küste an grösseren und kleineren Ausbuchtungen hin, die sich für das Auge wundersam ineinander verschieben, über den Wassern erscheint traumhaft eine Stadt mit langer Brücke nach dem Festland herüber, sie verschwindet und liegt dann gerade vor uns. Hart vor der Drehbrücke, die Euböa mit Böotien verbindet, hält der Zug.

Station Chalkis . . . Zu Fuss schreiten wir über das Meer, das hier, von alters her noch künstlich verengt, nur die Breite eines mässig breiten Flusses hat, und finden im Hotel Euripos einen Wirt mit gewaschenen Händen und leidliche, auf europäische Bedürfnisse eingerichtete Zimmer. Und welche Wohltat, endlich sich an der reinlich gedeckten Tafel des Hestiatorion Palirrhia von dem langen Tag und der notgedrungenen Enthaltsamkeit in Theben an einem wohlzubereiteten Pilaw und gutem, ungeharztem Weine zu erholen.

Eine wundervolle Sternennacht legte sich über die Insel. Unter der Eisenbrücke trieb der Euripos seine grossen, grünen Wellen mit der Schnelligkeit des reissendsten Stromes hin. Ihre Strömung ging von Norden nach Süden. Aber wie ward mir des anderen Morgens, als ich wieder auf der Brücke stand und nun 229 dieselben Wasser ganz langsam in der umgekehrten Richtung fliessen sah! Führerin Pallas Athene, ist es eine Täuschung meiner Sinne, oder können Ströme rückwärts fliessen?

Es ist keine Sinnestäuschung, wird mir zur Antwort, der Euripos fliesst wirklich rückwärts. Nicht umsonst war er den Alten das Sinnbild der Veränderlichkeit.

– Und die Ursache dieser Wechselströmung?

– Darüber hat sich schon Aristoteles den Kopf zerbrochen; die Sage erzählte sogar, er sei aus Verdruss, dass er das Rätsel nicht lösen konnte, gestorben. Die heutige Naturforschung hat es gelöst, aber die Erklärung ist sehr verwickelt. Gezeiten, Winde, Zuflüsse, alles mögliche wirkt auf die Strömung ein, die von einmal im Tag bis zu viermal in der Stunde wechseln kann. Aber siehe, wie an Ort und Stelle wieder einmal die Dichtung zu Ehren kommt. Heute zürnt keine Göttin, und doch muss der Dampfer, der nach Norden will, in Chalkis geduldig auf den Augenblick des Umschlags warten. Durfte da nicht in heroischer Zeit die Gottheit Menschenopfer fordern, um Wind und Wellen zu besänftigen? . . .

Während wir noch stehen, schrillt das Zeichen, die Brücke wird geräumt und öffnet sich, um ein stattliches Dampfschiff durchzulassen, das mit dem sanfter nordwärts gleitenden Strome langsam nach dem Golf von Atalanta hinauszieht.

In Chalkis bewährt sich mir aufs neue der Spruch, dass man, um den Dichter zu verstehen, in Dichters Lande gehen muss. Bisher hatte ich es stets für ein erzwungenes Auskunftsmittel des Euripides gehalten, dass 230 er in der »Iphigenie in Aulis« den stillen böotischen Strand mit den Bewohnerinnen von Chalkis als Chor bevölkert hat, denn ich hatte mir eine Meerenge ungefähr wie die von Messina dazwischen gedacht. Jetzt glaube ich ihm gerne, dass die neugierigen Mädchen in Scharen herübergeströmt sind, um die kriegerische Jugend von Hellas im Waffenschmuck zu sehen, wie sie es vorkommenden Falls auch heute tun würden.

Nirgends überblickt man den wechselreichen Sund so schön wie von dem Mauerkranz des Felsenkastells Karábaba, das sich jenseits der Brücke am böotischen Ufer auf einer steilen, nur mit Disteln und Asphodelos bewachsenen Höhe erhebt. Eine unbegreifliche Arbeit hat das Meer getan, indem es das ganze Land zu lauter Inseln, Halbinseln, Buchten, Vorgebirgen und Felsenzungen ausschnitt und alle Lücken bis an den Fuss der Schneegebirge mit seinem edelsteinblauen Wasser füllte. Im Sunde wimmelt ein Heer weisser Segel wie die Flotte Agamemnons. Tiefe Bläue über uns und unter uns. Die Insel scheint gar nicht im Wasser, sondern im Aether zu schwimmen. Seit dem Mittelalter und noch bis in meine Kindertage hinein hiess sie, vielleicht nach der Euriposbrücke, Negroponte. Damit war sie ausgelöscht aus dem Buche des Ruhms und für den Geist nicht mehr vorhanden. Wie schön steht ihr der alte Name Euböa wieder, wenn er auch Évvia gesprochen wird; er bringt etwas von der alten Zeit zurück, von den Städten Chalkis und Eretria und dem Kap Artemision, das die erste Schlappe der Perser sah.

Das heutige Chalkis hat saubere Strassen, eine vom Meer umspülte venetianische Festung, zwei Kirchen, 231 einen schrecklich übelriechenden Markt und ein Museum. Aber wer möchte den göttlichen Vormittag im geschlossenen Raume verbringen? Lieber widmen wir den Rest unserer Zeit der Quelle Arethusa, die Euripides die »ruhmreiche« nennt. Karren mit Wasserfässern rollen auf der Strasse vorüber und künden ihre Nähe von weitem an. Zwanzig Minuten südlich springt sie unterhalb des Uferwegs aus dem Felsen und rinnt als kleines Bächlein ins Meer. Ihr gewiss einst prächtiges Quellhaus scheint durch ein Naturereignis zerstört zu sein, vielleicht durch jenes Erdbeben, das die Arethusa vorübergehend verschüttet haben soll. Noch ragt ein von der Bergwand abgerissener Fels mit eingearbeiteten Stufen steil in die Luft, fast wie eine steinerne Leiter anzusehen. Ein Fischer macht uns darauf aufmerksam, dass ein Teil ihres Wassers im Meere nicht weit vom Strand als kleiner Springquell wieder in die Höhe steigt. Ist sie wohl gar dieselbe Arethusa, die in ihren jungen Tagen vor dem verliebten Stromgott Alpheios her durch das ganze Meer bis nach Sizilien entfloh, und will sie uns durch ihr Wiederaufhüpfen kundtun, dass ihr Gewässer noch immer mit der Salzflut zu kämpfen wagt? Dann wollen wir ihr von ihrem alten Freier erzählen, der bei Olympia unsere Huldigung empfangen hat.

Zuletzt erklettern wir noch im hellen Mittagsbrand den über der Quelle aufsteigenden schroffen Wathrowuni (Stufenberg) von seiner steilsten Seite, um unter Gestrüpp und Steinen nach den Resten einer alten Pelasgerstadt zu suchen, von denen unser Baedeker weiss. Allein wir finden nichts dergleichen, nur einen 232 herrlichen, wieder ganz neuen Blick über den vielgeteilten saphirnen Sund und das zerschnittene Land. Und drüben am böotischen Ufer steht auf erhöhtem Wiesengrunde ein weissschimmerndes, sonnbestrahltes Zeltlager wie ein Nachspuk aus den Tagen des Agamemnon.

Auf der Rückreise stiegen die Mythen, die uns auf Schritt und Tritt begleitet hatten, auch noch zu uns in den Eisenbahnwagen. Wir fuhren diesmal dritter Klasse, um die Sprache aus dem Volksmund zu hören. Ein blonder junger Matrose aus Malea gab sich Mühe, uns aufs beste zu unterhalten, indem er von den Taten des Theseus und den Irrfahrten des Odysseus erzählte, und ein schwarzer, unbegreiflich schmutziger Junge drängte sich mit Feuereifer ins Gespräch, wobei ihm die Funkelaugen fast aus dem Kopfe schossen. Auch eine Frau aus dem Volke, die auf einem tiefblau gefärbten Schaffell sass und einen langen Bengel von sieben Jahren zärtlich auf dem Schosse hielt, während ihr dreijähriges Mädchen unbeachtet daneben sass – wieder ein Zeichen von dem geringeren Ansehen des schwachen Geschlechts auf dem halborientalischen Boden – hörte voll Andacht zu. Ganz nebenher entschlüpfte dem jungen Mann die Mitteilung, dass er soben von der Beerdigung seines Vaters zurückkehre, eines Fischers, der vor zwei Tagen im Euripos ertrunken sei. Dabei veränderte sich seine freundlich lächelnde Miene keinen Augenblick, und er setzte die Unterhaltung fort, wo sie stehengeblieben war. Ein sprechender Zug der griechischen Volkssitte, die es als Verstoss gegen die Gastfreundschaft betrachten würde, 233 dem Fremden durch eine Aeusserung der Trauer die Stimmung zu stören.

Bei Einbruch der Dämmerung sind wir wieder in der vertrauten attischen Ebene. Die Marmorbrüche des Pentelikon blicken in geisterhafter Weiße durchs Fenster, auf der anderen Seite zeichnet sich der vielgekerbte Parnes in den Himmel, seine wie von Künstlerhand geschnittene Silhouette von einer flüssigen Goldlinie umzogen. Und die Seele grüsst die bekannten Berggestalten, die kühn und mild sind wie die Gesänge des Sophokles, mit einem Glücksgefühl, als ob es unsere Heimatberge wären!

 


 

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