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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 99
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Lucera

die Sarazenenkolonie der Hohenstaufen in Apulien

1874

Seit langen Jahren hatte ich den Wunsch, Lucera, Manfredonia und den Garganus in Apulien zu besuchen, jenen weltberühmten Pilgerberg am Adriatischen Meere, das Hagion Oros des Abendlandes. Erst im Monat Mai des Jahres 1874 konnte ich meinen Plan ausführen.

Meine Gefährten auf der schönen Fahrt durch Apulien waren mein Bruder und Rafael Mariano von Capua, den wir, von Rom kommend, der Verabredung gemäß in Caserta aufnahmen.

Manchem Deutschen ist der Name dieses talentvollen jungen Mannes bekannt als eines der wärmsten Verehrer Deutschlands und seiner Kultur. Oft hat er als solcher seine Stimme erhoben. Die besten Artikel im «Diritto», der angesehenen Zeitung, welche die deutschen Sympathien unumwunden bekennt und das Bündnis Italiens mit Deutschland verficht, stammen aus seiner Feder oder aus der seines geistreichen Freundes Maraini, des Eigentümers desselben Journals. Mariano ist Schüler Veras, des Hauptes und Stifters der Hegelschen Schule in Neapel. Er hat eine Reihe von Schriften und Abhandlungen in französischer und italienischer Sprache verfaßt, von denen besondere Auszeichnung verdient seine kritische Beleuchtung der modernen italienischen Philosophie – eine Schrift, die er meinem verehrten Lehrer Karl Rosenkranz gewidmet hat.

Vera selbst hat, soviel ich weiß, noch keine angemessene Würdigung seiner Verdienste in Deutschland gefunden, und doch ist die Schule der Hegelianer, die er gegründet hat, schon ein Faktor in der modernen Kultur Italiens. Alles, was hier der Theologie und Scholastik das Bewußtsein, die Selbsttat des freien Geistes entgegenstellt, und was dem reformatorischen Gedanken Deutschlands eine Bahn zu öffnen sucht, um jenes in religiösem Indifferentismus versunkene Land moralisch zu erneuern und zu befreien, hat seinen Ausdruck zum großen Teil in der Schule Veras gefunden. Ich traf auf meiner apulischen Reise dessen begeisterte Schüler und somit auch leidenschaftliche Freunde Deutschlands selbst am Adriatischen Meer in Barletta und Trani.

Am 15. Mai fuhren wir von Caserta über Benevent nach Foggia: eine herrliche Fahrt durch das Berggebiet der Flüsse Volturno und Calore, wo die geschichtlichen Gestalten aus dem großen Drama des Untergangs der Hohenstaufen überall der Phantasie entgegentreten: die Märsche des Heeres Karls von Anjou, zumal bei Telese, dann das Schlachtfeld bei Benevent.

Je näher man Foggia kommt, nachdem man jenes Berggebiet verlassen hat, desto übersichtlicher breitet sich vor den Blicken der Tavoliere di Puglia aus, der Tummelplatz italischer Hirten und Herden seit unvordenklichen Zeiten. Er dehnt sich bis zum Adriatischen Meere fort, aber dieses ist noch nicht sichtbar; denn es liegt viele Millien weit von Foggia entfernt und wird von einer Bodenaufschwellung verdeckt.

Schon stundenlang hat man eine lang hingestreckte azurblaue Gebirgsmasse vor sich, die sich nordostwärts wie eine riesige Felsenmauer hinzieht. Dies ist der Garganus, das vorläufige Ziel unserer Fahrt.

Gegen Westen umstellt diese apulische Ebene ein Halbkreis von Hügeln und Höhen, die der Apennin aussendet; sie scheiden die Wassergebiete des Candelaro und Cervaro von dem des nordwärts strömenden Fortore. Man sieht auf ihnen viele Städte und Kastelle. Zwei davon betrachten wir von fern mit der lebhaftesten Aufmerksamkeit, Troja und Lucera, jenes ein Denkmal der byzantinischen Herrschaft in Apulien, dieses die berühmte Sarazenen-Kolonie der Hohenstaufen.

Foggia liegt schon im Tavoliere, in ganz flacher Gegend. Es ist die Hauptstadt der Capitanata und war schon im Mittelalter eine der ansehnlichsten Städte Apuliens. Sie verdankt dem Kaiser Friedrich II. ihre Bedeutung. Sie war seine bevorzugte Residenz in jenem Lande. Nicht die Schönheit der Natur, sondern ihre geographische Lage machte sie für ihn wichtig. Zwar kann die Umgebung Foggias ohne Mühe in das schönste Gartenland umgeschaffen werden, und rings breitet sich ein weiter und glänzender Horizont aus; aber doch liegt die Stadt schon in der fast baumlosen und wasserarmen Ebene des Tavoliere, wo die Sonnenglut vom Mai bis zum Oktober geradezu unerträglich sein muß. Mit wenigen Schritten befindet man sich hier in einer von Herden bevölkerten grasbedeckten Einöde, die man erst stundenlang durchzieht, ehe man an den Golf von Sipontum und Manfredonia oder in die üppigen Gefilde von Cerignola, Canosa und Barletta gelangt. Jedoch Foggia war schon in der Hohenstaufen-Zeit ein Knotenpunkt der großen Straßen, die nach Ancona, Neapel und Rom, nach Bari und Brindisi führen. Heute ist es der Zentralpunkt ebenso vieler Eisenbahnen, und diese Lage macht die Stadt zu einem der Stapelplätze für den Handel und Verkehr Süditaliens, daher sie im raschen Emporblühen begriffen ist und einer bedeutenden Zukunft entgegengeht.

Gerade in den Tagen unserer Anwesenheit war die Stadt in voller Bewegung, weil eine industrielle und agrarische Ausstellung eröffnet werden sollte, wozu man ein großes Gebäude aufgeführt hatte. Der Eröffnung sollte der Kronprinz Umberto beiwohnen. Es scheint überhaupt, daß man Foggia zu einem landwirtschaftlichen Mittelpunkt Süditaliens machen will. Die Fülle aller Naturprodukte der Provinz strömt hier auf den Markt, und der Kaufmannstand ist sehr zahlreich. Heute hat Foggia bereits 30 000 Einwohner und ist ein großer schön gebauter Ort mit modern aussehenden Straßen und Plätzen, die stets vom Gewühl des Volkes belebt sind.

Das Mittelalter ist hier bis auf einige Kirchen verschwunden, unter denen der Dom Santa Maria als ein merkwürdiges Gebäude des 13. Jahrhunderts hervorragt. Von dem großen Schloß und Residenzpalast Friedrichs II. hat sich nur ein dürftiger Überrest erhalten, eingemauert in der Fassade eines Privathauses. Es ist ein Bogen romanischen Stils. Wo er auf den Pfeilern ansetzt, stehen zwei Kaiser-Adler von Stein. Die wohlerhaltene Inschrift auf einer Marmortafel besagt, daß Friedrich II. diesen Palast im Jahre 1223 erbauen ließ: «Hoc Fieri Jussit Fredericus Cesar Ut Urbs Sit Fogia Regalis Sedes Inclita Imperialis.» Der Baumeister desselben hieß Bartholomäus, wie das eine andere Inschrift besagt: «Sic Cesar Fieri Jussit Opus Istum Proto Bartholomäus Sic Construxit Illud.» Eine dritte lautet: «A. Ab Incarnatione MCCXXIII. M. Junii XI. Ind. R. Dno. N. Frederico Imperatore R. Sep. Aug. A. III. Et Rege Sicilie A. XXVI. Hoc Opus Feliciter Inceptum Est Prephato Dno. Precipiente.»

Mit tiefer Erregung wird jeder Deutsche vor diesem letzten Rest des kaiserlichen Palastes stehen, in welchem der genialste der Hohenstaufen so oft wohnte, versenkt in seine das Abendland und Morgenland umfassenden Herrscherideen und ratschlagend mit seinem vertrauten Kanzler Piero delle Vigne über die Pläne und Mittel für seinen ungeheuren Kampf mit den Guelfen Italiens und dem römischen Papsttum. Im Jahre 1241 starb in diesem Palast die Gemahlin des Kaisers, Isabella von England. Sie wurde nicht in Foggia, sondern in der Krypta des Doms zu Andria begraben, wo auch die zweite Gemahlin Friedrichs, Jolantha von Jerusalem, ihre Gruft gefunden hatte.

So oft die vielen Kriege es gestatteten, die ihn rastlos hin und her von den Alpen bis nach Sizilien trieben und immer wieder aus seinem geliebten Paradies Apulien entführten, wohnte der große Kaiser in seinem Palast zu Foggia. Sein erstes in dieser Stadt erlassenes Schreiben ist aus dem Februar 1221. Sodann verlebte er die Monate Mai und Juni des Jahres 1225 dort in seinem neugebauten Schlosse. Von 1228 an sind es nur wenige Jahre, in denen seine dortige Anwesenheit nicht durch Urkunden festgestellt werden kann. Von Foggia aus konnte er seine andern Residenzen, seine Jagd- und Lustschlösser in Apulien leicht erreichen, wie Andria, wie das herrliche Castel del Monte, und die auf der andern Seite gelegenen Schlösser in Fiorentino und Lucera.

Es war außer dem Vergnügen der Jagd wohl die ausgezeichnete Lage des Orts, welche auch die Nachfolger Friedrichs bewog, denselben als Residenz auszuzeichnen. Sowohl Manfred, welcher die Stadt dem Papst entriß, als auch später sein Besieger Karl von Anjou waren oft in Foggia. Karl I. erbaute sich dort in der Nähe ein Jagdschloß («in pantano»); er vermählte in der Kathedrale seine Tochter Beatrix mit Philipp, dem Sohne des Kaisers von Konstantinopel Balduin, und er starb auch in dieser Stadt.

Wir mieteten einen Wagen, der uns zunächst nach Lucera und dann von dort zurück an den Golf von Manfredonia bringen sollte.

Lucera ist nur zwei Stunden von Foggia entfernt. Die vortreffliche Straße führt dorthin durch die meilenweite Ebene, bis diese allmählich zu einer Hügelreihe aufsteigt. Wir kamen nur an wenigen Villen und Meierhöfen vorüber in unbelebter Landschaft, deren Horizont in der Ferne prachtvolle Gebirge umschließen, während zur Linken auf grünen Höhen sich das byzantinische Troja zeigt. Auf unserer Fahrt begegneten wir nur einem Trupp von Polizeisoldaten, welche auf Wagen sitzende Verbrecher begleiteten, die ihr Urteil vor dem Tribunal in Lucera empfangen hatten. Sonst war die Straße vollkommen tot. Nach mehr als einer Stunde steigt sie leise an.

Lucera selbst liegt auf einer Höhe, welche, einem Vorgebirge ähnlich, sich aus dem Flachland erhebt und an einigen Stellen schroff in dasselbe niederfällt. Dieser den Tavoliere Apuliens abschließende und beherrschende Höhenzug forderte durch seine Natur zur Erbauung einer festen Stadt auf; so entstand im Altertum das samnitische Lucera Apulorum. Nach dem Falle des römischen Reichs war dieser Ort erst gotisch, dann ein Zankapfel zwischen Byzantinern und Langobarden. Den Herzögen in Benevent entrissen ihn die Normannen. Endlich machte Friedrich II. dieselbe Stadt zur stärksten Burg seines Königreichs.

Sie lag vor uns als ein ansehnlicher Ort (von etwa 15 000 Einwohnern) auf dem von Weinreben und Fruchtbäumen grünenden Hügel, mit Resten der alten Stadtmauer, mit einigen Türmen der Feudalzeit und mit kleinen Kirchenkuppeln in buntschillernden Farben, die uns nur deshalb arabisch anmuteten, weil wir eben wußten, daß Lucera achtzig Jahre lang von den Sarazenen Siziliens bewohnt gewesen war. Wir hätten durch die Porta di Foggia in die Stadt und ihre Hauptstraße einfahren sollen, aber diese war nicht passierbar, weil man sie neu pflasterte; wir fuhren deshalb um die Stadtmauer und durch die Porta di Troja in Lucera ein.

Drinnen empfing uns jene Stille historischer Landstädte Italiens, deren Zauber so wunderbar anmutet und nirgends in der Welt seinesgleichen hat. Die warme sonnige Luft weht und wittert vom Hauche der Vergangenheit; die Zeiten und Kulturen, welche nicht mehr sind, strömen aus ihren Monumenten eine elektrische Kraft aus: es ist Magnetismus der Geschichte. Nichts Nebelhaftes und Romantisches hier wie im Norden. Alles Ereignis liegt so ruhig und klar vor der Phantasie wie die blaue Ferne dort und die purpurnen Berge am Horizont.

Lucera, mit freundlichen Straßen und Plätzen, die meist eng und klein sind, ist wie die meisten süditalienischen Orte gebaut und wie solche fast durchweg weiß übertüncht. Der Süditaliener liebt nicht, wie der Lateiner, die schwärzliche Naturfarbe des Steins an den Häusern; er überweißt sie, unbekümmert um den blendenden Sonnenreflex. Dadurch geschieht es, daß der Charakter altertümlicher Gebäude von der Tünche verschleiert wird. Es ist, wie wenn man vornehme Möbel mit Leinwand überzieht. Die bedauerliche Manie, ehrwürdige alte Paläste mit weißer Farbe anzustreichen, ist jetzt in Italien allgemein und als Mißverstand des gegenwärtigen Triebes der Erneuerung zu erklären. In Bari fand ich den malerischen Palast des Großrichters Roberto vom einst mächtigen Geschlecht der Chyurlia – er war der richterliche Henker Konradins – mit Kalk angestrichen und dadurch aller architektonischen Wirkung beraubt. Dieselbe Wut des Übertünchens ist seit dem Jahre 1871 auch in Rom eingedrungen, wo schon manche alten Paläste ihre historische Patina verloren haben. Es fehlt nur noch, daß man das Colosseum und die Engelsburg von Kopf bis zu Füßen weiß anstreicht; dann würde das alte Rom recht schön und nagelneu aussehen.

Im übrigen darf man sich nicht vorstellen, daß Lucera einen besonders fremdartigen oder altertümlichen Eindruck macht. Der moderne Stil ist auch in dieser apulischen Stadt längst zur Macht gelangt. Aber ihre Kirchen und Klöster und die bewunderungswürdigen Trümmer des Kastells sind Denkmäler alter Zeiten von originalem Gepräge.

Die berühmte Sarazenenburg steht nur eine Viertelstunde von der Stadt entfernt. Der Anblick ihrer langen, hohen und gewaltigen Mauern von tiefbrauner Farbe und ihrer Türme, die noch zum Teil aufrecht stehen, macht eine großartige Wirkung, zumal sich dieses Schloß in feierlicher Einsamkeit auf einer kahlen Höhe erhebt, deren Abhänge, von Gras bekleidet oder gelbe Steinflächen darbietend, in kühnen oder langen Linien sich niedersenken. Als noch alle zwanzig Türme und die Umfassungsmauern ganz aufrecht standen, muß diese Burg eine Festung ersten Ranges gewesen sein; sie war der Schlüssel Apuliens und der Stützpunkt der hohenstaufischen Herrschaft in Süditalien, sowohl zu Friedrichs II. als zu Manfreds und Konradins Zeit.

Die Anlage derselben ist folgende. Die Hochfläche des Hügels umschließt eine Umfassungsmauer aus Ziegeln und Steinen, aus welcher sich fünfzehn rechteckige Türme in gleicher Entfernung voneinander erheben. Dies war die Zitadelle über das befestigte arabische Quartier. An sie schloß sich nach der Stadtseite zu, eine Ecke einnehmend, der Kern der Festung, die Schloßburg oder der Palast des Kaisers, worin derselbe wohnte, so oft er in Lucera war, oder wo der sarazenische Burgvogt seine Wohnung hatte.

Diese Burg war in einem vollkommenen Viereck gebaut. Sie stand der Stadt Lucera zugewendet; ein Graben mit Fallbrücken verteidigte ihren Eingang nebst mehreren Türmen, von denen zwei runde Form hatten. Von diesen beiden ist der eine Turmkoloß fast vollständig erhalten. Der Zugang zur Burg überhaupt lag auf der Stadtseite, denn auf den andern Seiten fällt der Hügel schroff und unzugänglich ab.

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