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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 98
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Karl von Anjou hat die Leiche seines berühmten Feindes mit eigenen Augen gesehen, ehe er sie bestatten ließ, und er hat sich nicht auf das Schlachtfeld und zu der Stelle hinbemüht, wo sie gefunden worden war, sondern der Tote wurde, als die kostbarste Trophäe des Sieges, nach seinem Lager gebracht. In dessen Nähe ließ ihn Karl begraben, wie ich annehme, absichtlich nahe bei der Stadt, im Angesicht vieler Zeugen, um dem gefährlichen Wahne zu begegnen, daß Manfred noch lebe und vom Schlachtfelde entronnen sei.

Die volkstümliche Tradition bezeichnet aber den Ponte de' Leprosi als die Stelle des Grabmales, und es ist eher glaublich, daß die Berechnungen der Gelehrten irren, als daß die Erinnerung des Volks sich täuschte. Wenigstens war die Bestattung eines so erlauchten Königs unter so merkwürdigen Umständen ein Ereignis, welches sich und den Ort, wo sie auf freiem Felde geschah, dem Gedächtnis der Beneventer tief einprägen mußte. Sie bewahrten diese Stelle sicherlich in Erinnerung, auch nachdem später der rohe Erzbischof von Cosenza das Steinmal hatte auseinanderwerfen, die Gebeine Manfreds ausgraben und fern irgendwo am Ufer des Verde (das ist der Liris) hatte hinwerfen lassen.

Für den Ponte de' Leprosi spricht, so scheint es mir wenigstens, selbst der Name oder die Bestimmung des Lokals, denn dort lagen eine Kirche und ein Hospital der Aussätzigen (Leprosi). Es müßte freilich nachgewiesen werden, was ich nicht weiß aber glaube, daß dieses Hospital schon zu Manfreds Zeiten bestand; dann aber konnte irgendein fanatischer Priester Karl von Anjou den Rat gegeben haben, den als Ketzer von der Kirche verfluchten König dort neben den Aussätzigen zu begraben. Über diese Brücke führte zu jener Zeit noch die Via Appia; es konnten daher alle, die dort des Weges zogen, das Steinmal sehen, worunter der einst so furchtbare Feind des Papsttums bestattet lag.

Die Brücke liegt eine Viertelstunde unterhalb der Stadt. Ein Weg geht neben antiken Ruinen und durch Gartenland hinab zu der kleinen Kirche S. Cosimo, hinter welcher einige Mühlen am Flusse Sabato stehen. Über diesen führt die lange steinerne Brücke, deren Grundmauern und Bogen zum Teil noch antik sind. Fragt man dort die Leute nach dem Ré Manfredi, so wird man von ihnen naiverweise eine steinerne Mühle als sein Grab bezeichnen hören. Hier fließt also der Sabato und nicht der Calore; aber nur zehn Minuten weiter abwärts ergießt sich jener in diesen, in einem schönen mit hohen Pappeln geschmückten Tale, wo dann der schon ansehnliche Fluß an sanften Höhen weiterzieht.

Die Erinnerung an Manfred ist in Benevent nicht erloschen. überhaupt wacht jetzt in allen Städten Süditaliens, welche monumentale Beziehungen zu den Hohenstaufen haben, das Andenken an diese großen Kämpfer gegen die Alleingewalt des Papsttums wieder auf. In vielen Städten Apuliens sind heute Plätze und Straßen mit Namen der Hohenstaufen genannt. Und auch in diesem bis vor kurzem noch päpstlichen Benevent las ich mit Genugtuung an der Ecke eines Hauses neben dem Kastell den Namen «Piazza Ré Manfred».

Die Burg schützt die schwächste Stelle der Stadt. Ursprünglich stand sie unweit der Porta Summa über den Stadtmauern, welche später hier abgetragen wurden. Ein avignonischer Papst, Johann XXII., erbaute dieses Kastell im Jahre 1321, sowohl um die Bürgerschaft im Zaume zu halten, als um den Rektoren einen geschützten Wohnsitz zu geben. Die Legaten hatten bisher im alten Palast der langobardischen Fürsten mitten in der Stadt gewohnt, wo sie bei Aufständen des Volks oftmals genötigt wurden, sich in das Kloster Santa Sofia zu flüchten. Im Eingangstor der Burg liest man die in der Wand eingemauerte Inschrift: «Anno Domini MCCCXXI. Tpe: Dni Johis. PP. XXII. Inceptum Fuit Hoc Castrum Quod Construi Fecit Ven. Vir. Dns. Guilelmus De Balaeto.» Andere Inschriften sind durch Übertünchung unlesbar geworden.

Die kleine Burg macht den Eindruck eher eines Turmes als einer wirklichen Festung. Sie wurde im 18. Jahrhundert durch einen Umbau so stark verändert, daß nur noch ein Teil der Anlage aus der Zeit Johanns des XXII. übrig geblieben ist. Dieser hat die Gestalt eines stumpfen, viereckigen Turms mit gotischem Gesims und gleichen Fenstern. Das Material ist gelblicher Kalkstein; der Bau aus sauber geglätteten und fest gefügten Quadern so vorzüglich, daß er antik aussieht. Ursprünglich bildete dieser Turm zugleich ein Durchgangstor der Straße, welches später vermauert wurde. Man hat dasselbe gegenwärtig wieder frei gemacht, und so ist der Durchgang eben erst an den Tag gekommen: ein Tonnengewölbe von so fester und zugleich schöner Ausführung, daß ich es beim ersten Anblick für römischen Ursprungs gehalten habe, bis der Vergleich mit dem Mauerwerk der Burg überhaupt mich von meinem Irrtum überzeugte. Eine Wendeltreppe von Stein führte daraus zu dem obern Geschoß; sie ist erst bis zur Hälfte vom Schutt befreit.

Vor dem Kastell steht auf einer Säule ein altertümlicher steinerner Löwe. Eine Inschrift nennt diese Figur unsinnigerweise das Sinnbild der Wachsamkeit, Majestät und Stärke des alten Samnitervolkes, und sagt, daß dieselbe unter Trümmern der Burg gefunden und im Jahre 1640 zu Ehren des Papstes Urban VIII. vom Senat und Volk Benevents aufgerichtet worden sei.

Der Löwe scheint ein Werk des hohen Mittelalters zu sein: er zierte wohl die Burg der Langobardenfürsten; denn daß eine solche hier vorhanden war, ist sehr wahrscheinlich. Reste von Gemäuer unter der Plattform des Kastells und viele Marmorstücke, die bei der Aufmauerung des Hügels verwendet worden sind, lehren, daß die Burg über den Trümmern antiker Bauten steht.

Dort wohnten die Kardinallegaten noch länger als fünfhundert Jahre, wie jene im Schlosse zu Avignon. Ein halbes Jahrtausend ist ein recht ansehnlicher Zeitraum für die Fortdauer eines so kleinen Zustandes, als ihn diese inselartig abgeschlossene römische Priesterkolonie darbietet. Vorübergehend haben sich einige eroberungslustige Könige Neapels, wie Ladislaus und Alfonso von Aragon, Benevents bemächtigt, aber die Päpste stellten den Besitz dieser Stadt immer wieder her, und selbst Karl V., welcher sie im Jahre 1527 besetzen ließ, vermochte nicht sie festzuhalten und mit Neapel zu vereinigen.

So dauerten hier die Verhältnisse fort, bis die französische Revolution das Königreich Neapel umwälzte. Im Jahre 1799 wurde Benevent der parthenopäischen Republik einverleibt; dann gab es Napoleon als Fürstentum an Talleyrand. Die Restauration im Jahre 1815 lieferte es wieder der Kirche aus, und erst in unserer Zeit erlosch hier deren Gewalt. Ein Dekret Garibaldis, welches wenige Freischaren und die Erhebung der nationalen Partei in der Stadt zu schneller Ausführung brachten, erklärte im Jahre 186o die Regierung des Papstes für abgeschafft. Durch allgemeine Abstimmung vollzog sodann Benevent seine Einverleibung in das Königreich Italien. Die letzte Umwälzung dieses alten langobardischen Fürstentums bewirkte demnach durch einen seltsamen Zufall ein Bandenführer mit langobardischem Namen, dessen Vorfahren in demselben Volke zu suchen sind, dem einst die Arichis, Romuald, Grimoald und Garibald angehört hatten.

Heute bewohnt den Palast des ehemaligen Kardinallegaten der Präfekt der Provinz Benevent, und schwerlich werden die vertriebenen Monsignori jemals wieder dort ihren Einzug halten.

Die Stadt ist aus einem langen Scheintode aufgewacht, aus ihrer Vereinsamung erlöst und dem gemeinsamen Vaterlande zurückgegeben. Man mag sich vorstellen, wie hier, unter so langer und ausschließlicher Verwaltung von Priestern, alles bürgerliche Leben verfallen und dumpfe Grabesstille sich darüber verbreiten mußte. Jahrhunderte hindurch waren die einzigen Ereignisse öffentlicher Teilnahme für Benevent nur der Wechsel des Kardinallegaten auf der Burg und des Erzbischofs in der Kathedrale. Dogana und Polizei sperrten die Stadt von dem Königreich Italien ab; weder Handel noch Industrie konnten sich emporschwingen, und selbst der große Reichtum an Wasserkraft, welchen zwei ansehnliche Ströme darbieten, ist bis auf den heutigen Tag unbenutzt geblieben. Feldbau und Weinkultur (der Tauraso Benevents ist in ganz Apulien berühmt) sind die einzigen Erwerbsquellen des Volks.

Ein großer Teil der Einwohner, deren man etwa 18 000 zählt, besteht aus Ackerbauern. Bei meiner letzten Anwesenheit erfuhr ich dies auf folgende Weise. Des Morgens um zwei Uhr weckte mich in dem schmutzigen Gasthause der Stadt am Corso (die Wirtschaft ist dort noch langobardisch zu nennen) ein Lärmen auf der Straße. Ich hörte Volk von allen Seiten zusammenlaufen, schreien, Namen rufen und das Getöse flutgleich strömen und wachsen. Ich trat an das Fenster und sah auf das Gewühl hinab, doch niemand antwortete auf meine Fragen. Später erklärte man mir die Ursache dieses Zusammenlaufs. Es sind die Feldarbeiter, die sich in der Frühe erheben, sich am Dom sammeln und dann massenweise zu ihren friedlichen Geschäften aufbrechen. Weil nun diese Ackerbauer mit ihren Tieren nicht im Felde, sondern in der Stadt selbst wohnen, sind die Straßen derselben so schmutzig.

Der Schmutz ist hier sprichwörtlich. Ich fand Straßenviertel, zumal rings um die Stadtmauer her, die ich kaum zu durchschreiten wagte. Aber im ganzen ist Benevent doch besser als sein Ruf, und jedenfalls ist ein Fortschritt sichtbar. Der Corso, welcher sich von der Brücke des Calore aufwärts nach dem Kastell hinzieht, hat einige schöne Gebäude, und es gibt Paläste aus der Spätrenaissance reicher Patrizierfamilien, wie der Simeoni und Pacca. Aus der letzten stammte der bekannte Kardinal, welcher Pius VI. in die Gefangenschaft begleitete und über sein Exil Memoiren geschrieben hat. Die Häuser sind in der Regel einstöckig gebaut, wahrscheinlich aus Rücksicht auf den besseren Widerstand bei Erdbeben, von denen Benevent mehrmals heimgesucht worden ist. Die ärgsten Verwüstungen richtete das Erdbeben im Jahre 1688 an; denn damals wurde fast die ganze Stadt zerstört, so daß ihr mittelalterlicher Baustil verschwunden ist. Die Klöster sind aufgehoben. In dem ehemaligen Jesuitenhause, einem sehr großen Gebäude, hat man seit kurzem ein Schülerkollegium eingerichtet, welches den Namen Giannone trägt. Dieser berühmte Geschichtschreiber Neapels war nicht in Benevent, sondern in dem kleinen Ort Ischitella am Vorgebirge Garganus geboren. Es fehlt an Lehranstalten. Denn unter der päpstlichen Regierung wurde nur für das Priesterseminar gesorgt, welches noch in dem dafür errichteten Palast am Platze Papiniano besteht.

Ich suchte die öffentliche Bibliothek auf; man wies mich in ein altes graues Haus in einer entsetzlich schmutzigen Gasse, wo ich eine kleine Büchersammlung vorfand, die einen mäßigen Saal füllt. Darin saß einsiedlerisch der Bibliothekar, ein Geistlicher; ich glaube, daß seine tiefe Ruhe nur selten gestört wird. Die Bibliothek gehört dem Erzbistum. Benevent besitzt außer ihr einen literarischen Schatz von großer Wichtigkeit, das Archiv der Kathedrale, eine an langobardischen Urkunden und Handschriften reiche Quelle mittelalterlicher Geschichte.

Aus diesen Urkunden hat der Kardinal Stefano Borgia zum Teil das Material für seine Geschichte Benevents gezogen. Dieses Werk, welches zu Rom im Jahre 1763 erschien, ist, außer den Arbeiten Pellegrinos, noch immer das umfassendste, was wir über Benevent besitzen, obwohl eine formlose Kompilation und den heutigen Forderungen der Wissenschaft nicht mehr genügend.

Während Borgia wesentlich die kirchliche Geschichte behandelte, beschäftigten sich zu derselben Zeit Antiquare mit dem Studium der Altertümer der Stadt, und so entstand der im Jahre 1754 in Rom gedruckte «Thesaurus Antiquitatum Beneventanarum», zwei Bände in Folio. Sein Herausgeber war der Canonicus Johannes de Vita. Der erste Teil dieser Arbeit ist der römischen, der zweite der langobardischen und mittelalterlichen Epoche gewidmet. Auch dieses Werk enthält ein schätzbares Material, aber ihm fehlt Kritik und wirkliche Gelehrsamkeit.

Weil es, nach meinen langen Erfahrungen, kaum einen irgend namhaften noch so kleinen Ort in Italien gibt, der nicht unter seinen lebenden Bürgern einen Antiquar als verkörperte Chronik der Vaterstadt aufzuweisen hätte, so war es eine meiner ersten Bemühungen, in Benevent diesen «genius loci» aufzusuchen. Man führte mich durch viele finstere Winkel und Gassen in ein Haus von patrizischem Aussehen, und hier kam mir der Gesuchte entgegen, ein alter Mann, welcher sich mühsam auf Krücken fortbewegte. Hr. Colle de Vita ist aus der Familie jenes verdienten Herausgebers der Altertümer Benevents, und so haben sich die gelehrten Überlieferungen seines Hauses in ihm fortgeerbt. Die Kenntnisse dieses Antiquars von allen Epochen der Stadtgeschichte und ihren Lokalen und Monumenten sind so gründlich, daß wohl kein anderer Bürger mit ihm wetteifern kann. Seit seiner Kindheit hat er die Denkmäler seiner Vaterstadt durchforscht und alles darauf Bezügliche zu sammeln gesucht. Sein größter Stolz und Schatz scheint ein antiker Sarkophag zu sein, den er in einem kellerartigen Verschlage aufbewahrt, wo ich ihn, doch nur im Halbdunkel, gesehen habe.

Solche Antiquare sind die natürlichen Erzeugnisse ihrer von Ruinen, Inschriften und Erinnerungen erfüllten Städte; oft sind sie Patrizier, häufiger Geistliche. Sie lassen selten ein zusammenhängendes Werk zurück, denn wer würde diesen Druck bezahlen? Sie schreiben Dissertationen. Mitten in der Unwissenheit, welche sie umgibt, steht doch immer um sie her ein teilnehmendes, lernendes mitwissendes Häuflein von Adepten, unter welchen niemals ein Canonicus fehlen wird. Wenn der wackere Antiquar, das Orakel seiner Vaterstadt, tot und begraben ist, so ist in der Regel schon ein anderer da, der seinen bestaubten Lehnsessel einnimmt.

Auf meine Frage nach einem Münzkabinett in Benevent sagte mir Herr Colle de Vita: daß sich die einzige Sammlung dieser Art, zumal von langobardischen Münzen, im Privatbesitze des Marchese Pedicini befunden habe, und daß dieselbe unglücklicherweise im Jahre 1857 gestohlen und spurlos verschwunden sei. Herr de Vita hat den Katalog davon veröffentlicht, und dieser ist keineswegs sehr reich an Nummern.

Ich lernte noch einen Pfleger der Geschichte Benevents kennen, den ich aber nicht Antiquar nennen darf. Er ist ein jüngerer Mann, der Advokat Graf Isernia. Er schreibt gegenwärtig die Zivilgeschichte seiner Vaterstadt, wovon ich das erste Heft sah. Es ist schon aller Anerkennung wert, daß sich in Benevent selbst eine Buchhandlung bereit gefunden hat, diese Arbeit zu drucken. Wie Graf Isernia mir sagte, beabsichtigt er nur eine übersichtliche Darstellung der Geschichte der Stadt zu geben. Es ist aber sehr wünschenswert, daß die gesamte Geschichte der Langobarden Süditaliens aus den Quellen neu bearbeitet werde.

Benevent hat im Altertum einen großen Juristen hervorgebracht, Papinian, der hier geboren sein soll. Seinen Namen trägt ein Platz der Stadt. Im Mittelalter war sie der Geburtsort eines andern berühmten Juristen, Rofred, eines genialen Mannes aus langobardischem Geschlecht, wie das sein Name beweist; er diente lange Zeit dem Kaiser Friedrich II. als Sekretär, bis er sich von der Kurie gewinnen ließ und in den Dienst des Papstes trat.

Drei Päpste waren Beneventer von Geburt: Felix IV. Fimbrius, Victor III., ein Prinz des langobardischen Fürstenhauses, und Gregor VIII. vom Geschlecht Morra.

Die Historiographie in Benevent ist durch einige Chronisten vertreten, einen Ungenannten, welcher die kurze Geschichte des Klosters Santa Sofia schrieb, und durch den Notar Falco, der im 12. Jahrhundert eine schätzenswerte Chronik verfaßt hat.

Der größte Ruhm der Stadt im Mittelalter ist Paul Warnefried, oder Paul Diaconus. Dieser ausgezeichnete Mann stammte zwar aus einer langobardischen Familie Friauls, aber er kam von Pavia an den Hof nach Benevent, wohin ihn entweder der Untergang des Desiderius trieb oder seine gelehrte Schülerin Adalberga, dieses Königs Tochter, berief. Denn nach dem Falle des langobardischen Throns in Pavia fanden Patrioten dieses Volkes nur in Benevent ein Asyl, und dort lebte auch Warnefried mehrere Jahre, bis er Benediktiner in Monte Cassino wurde. Er söhnte sich jedoch mit den neuen Verhältnissen unter der Frankendynastie aus; Karl der Große selbst berief ihn an seinen Hof als Zierde des Gelehrtenkreises, den er dort versammelte. Nach mehreren daselbst zugebrachten Jahren kehrte Warnefried nach Monte Cassino zurück. Dort starb er, nachdem er den Tod seines Beschützers Arichis im Jahre 787 erlebt hatte. In der Stille jenes Klosters, welches von Langobarden erfüllt war, und wo er vielleicht selbst den ehemaligen König dieses Volkes, den ihm befreundeten Rachis noch als Mönch umhergehen gesehen hatte, schrieb Warnefried die Geschichte der Langobarden. Er setzte in dieser seiner politisch untergehenden Nation ein dauerndes, ganz unschätzbares Denkmal. Denn ohne sein aus Sagen, Liedern, Traditionen und vielen seither verlornen Schriften geschöpftes Werk würde uns heute die Geschichte dieses merkwürdigen deutschen Volksstammes, welcher Italien umgewandelt hat, und aus dessen Vermischung mit den Lateinern die italienische Nation entstanden ist, fast gänzlich unbekannt geblieben sein.

Langobardische Geschlechter und Namen erfüllten das ganze Mittelalter hindurch die Geschichte Italiens, wo bekanntlich eine große, vielleicht die größte Zahl der angesehensten historischen Familien germanischen Ursprungs ist. Es ist ein unnützes und auch kindisches Bemühen, das wegleugnen zu wollen, denn die Italiener sind ebensogut ein Mischvolk wie die Franzosen. Es würde den Ruhm Dantes und der italienischen Literatur schwerlich mindern, wenn man etwa, was ich nicht behaupten will, nachweisen könnte, daß er von einem langobardischen Geschlecht Aligern hergekommen ist; noch wird es die Napoleoniden kränken, wenn ihr Stammvater ein toskanischer Langobarde aus dem zahlreichen Geschlechte der Bonipert gewesen ist.

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