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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 91
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Ich habe mich oft in Gebirgen Italiens an der Naivität des Volkes erfreut, aber mich dünkt, nirgends ein naiveres gefunden zu haben als hier. Die Abgeschiedenheit von der Welt hat die Milde seiner Sitte bewahrt und den Zauber der Natur erhalten. Man weiß hier nichts von den Verbrechen der Zivilisation, es gibt nur Frieden, Armut und Tätigkeit. Der Fremde wird wie ein Bekannter empfangen und fühlt sich gleich heimisch, und wahrlich, einen grellern Gegensatz als den zwischen der Welt in Capri und jener Neapels kann es nimmer geben.

Die Mädchen in Capri sind weniger schön als graziös. Ihre Züge haben oft etwas Fremdartiges. Die Linien der auffallend kurzstirnigen Gesichter sind regelmäßig und manchmal sehr edel geschnitten; das Auge ist von einem glühenden Schwarz oder von einem schwülen Grau. Die braune Farbe, das schwarze Haar, das umschlungene Kopftuch, die Korallen und die goldenen Ohrgehänge geben dem Antlitz etwas Orientalisches. Ich sah oft, besonders aber in dem ganz verlassenen Ana-Capri, Gesichter von einer wilden, seltsamen Schönheit, und blickte ein solches, die Haare verwirrt, die Augenbrauen schwarz und scharf gezogen und die wetterleuchtenden Augen groß aufgeschlagen, vom Webstuhl in der dunklen Kammer empor, so war es, wie ich mir das Antlitz einer Danaide denke. In Capri dagegen sieht man auch Gesichter, welche denen der Gestalten Peruginos und Pinturicchios ähneln und oft von einem auffallend schwärmerischen Ausdrucke sind. Sie tragen die Haare kunstlos schön, am schönsten in Ana-Capri, tief herabgeknotet, einen silbernen Pfeil hindurchgesteckt. Manchmal binden sie den Mucadore wie einen Fes auf und gleichen dann wahrlich den Frauen einer fernen Zone. Ein ganz allgemeiner Schmuck der Weiber Capris und köstlicher als Gold sind ihre Zähne. Ich glaube, die Menschen in Capri haben so herrliche Zähne, weil sie nichts zu beißen haben.

Man muß diese zierlichen Gestalten in Gruppen vereinigt sehen oder sie betrachten, wenn sie bergauf kommen, die antik geformten Wasserkrüge oder Körbe voll Erde oder Steine auf den Köpfen tragend. Weil sie arm sind, erwerben sie sich durch Lastträgerdienste kümmerlichen Lohn. Das Mädchen in Capri ist das eigentliche Lasttier der Insel. Man sieht die lieblichsten Kinder von 14 bis 20 Jahren, Gabriele, Constanziella, Mari Antonia, Concetta, Teresa und so viele andere, deren Köpfe draußen in England, in Frankreich und Deutschland auf manchem Gemälde bewundert werden, vom Meeresstrand aufwärts Lasten, kaum für Männerstärke zwingbar scheinend, auf eben diesen Köpfchen tragen.

Es kam vor vierzehn Tagen ein neapolitanisches Schiff und lud auf der Marina eine Fracht von Tuffsteinen aus, welche zum Ausbau des alten Klosters dienen sollten. Diese Steine wurden sämtlich innerhalb fünf Tagen auf Mädchenköpfen nach dem Kloster befördert. Der Weg ist so steil, daß ich ihn täglich verwünschte, wenn ich vom Bade frisch und unversehrt zurückkehrte, weil man oben ganz erschöpft anlangt. Aber fünf Tage hindurch schleppten Mädchen, etwa dreißig an der Zahl, die Steine diesen Weg aufwärts. Sie trugen zwei übereinander, die schwächeren nur einen. Mich von dem Gewicht zu überzeugen, hob ich einen dieser Steine, und mit aller Kraft beider Arme gelang es mir, ihn so hoch zu erheben, daß ich einen dieser reizenden Köpfe belasten konnte, und das dünkte mich ein sehr unritterlicher Dienst zu sein.

Es bitten diese naiven Kinder, wenn sie am Wege ausruhen, den Vorübergehenden oft, ihnen mit den Steinen aufzuhelfen. Sie gingen an diese Sisyphusarbeit vor der Sonne und endeten, wenn sie in ihrer vollen Purpurglut hinter der fernen Ponzainsel versank. Täglich stiegen sie in der Hitze des August sechzehnmal also belastet den Berg empor. Nahmen sie die Steine an der Marina auf, so stand ein Schreiber dabei und notierte, und oben an der Certosa stand wieder einer, der schrieb es ernsthaft in ein Buch: Gabriele hat zweimal zehn Steine im Brett des Schicksals, aber die schöne Costanziella ach! nur zehn. – Ihr Lohn war zehn Groschen für den Tag. In ihrer Einfalt hatten die Kinder mit dem Unternehmer nicht einmal Kontrakt gemacht, sondern wenn man sie fragte, was sie für so große Mühsal erhalten würden, so sagten sie: «Wir glauben, einen Carlin täglich, oder Brot von Castellamare für ebensoviel. Sonntag wird die Zahlung sein.»

In jenen Tagen gewährte also das Eiland einen seltsam schönen Anblick, und die Maler versäumten nicht, diese Gestalten zu zeichnen. Da nun der Tuff von Herkulanum von schöner grauer Farbe ist, so machte er mit den jugendlichen Köpfen und auf dem roten Mucadore, von einem oder beiden Armen festgehalten, das reizendste Bild. Diese Reihen der armen wandelnden Steinträgerinnen schienen mir die antiken Figuren der Kanephoren auf neue originelle Weise zu vermehren; sie glichen Töchtern Ägyptens, welche Steine zum Pyramidenbau tragen. Und wahrlich, ich konnte sie nie ohne Bewunderung und ohne Rührung betrachten. Sie scherzten noch unter ihrer Last und waren heiter und graziös wie immer. Mich dünkte, nie ein schöneres Bild menschlicher Armut gesehen zu haben. Um die Mittagszeit sah ich dieselben Mädchen in einem Kreise auf der Erde sitzen, im Schatten eines Johannisbrotbaums ihre Mahlzeit haltend; sie bestand aus halbreifen Pflaumen und trocknem Brot, und wenn sie diese kärgliche Kost verzehrt hatten, standen sie plaudernd und lachend auf und schritten wieder flink wie Gazellen die Treppen hinunter an ihre Tageslast.

Wenn ich die Armut in dem friedlichsten und heitersten Bilde malen sollte, so würde ich sie darstellen in der Gestalt der schönen Costanziella. Wenn sie den heißen Tag hindurch eine Pyramide von Steinen auf ihrem Köpfchen nach dem alten malerischen Kloster befördert hat, dann lehnt sie des Abends in der kleinen Tür ihres Hauses und ergötzt sich mit der schönsten Musik. Denn sie ist eine vollendete Virtuosin auf der Maultrommel oder dem Brummeisen. Sie hat mir manches reizende Stück darauf vorgespielt, mit einer unnachahmlichen Kunst und Grazie, allerlei Meerphantasien, Sirenenkantaten aus der Blauen Grotte, Lieder ohne Worte, wunderbare Arien, die kein Sterblicher gehört hat noch zu benennen weiß. Das alles spielte sie meisterhaft, wobei ihre schwarzen Augen wie Sirenen lachten und die schwarzen krausen Haare um die Stirn sich ringelten, als tanzten sie vor Seligkeit. Wenn Costanziella ihr Konzert ausgespielt hatte, so lud sie mich mit den feinsten Manieren zum Abendessen ein, oben auf dem Dach bei ihrer Mutter; da gab es reife indianische Feigen von dem einzigen Kaktusbaum, der vor dem Hause stand, welche sie sehr geschickt mit dem Messer abzureißen wußte, ohne sich die kleinen Finger mit den Stacheln zu verletzen. Ihre Mutter war eine Frau zum Malen, wie man sagt, und unterhielt sich am liebsten von Nahrungsmitteln. Costanziella aß niemals Fleisch, sie trug nur Steine und spielte des Abends die Maultrommel, dazwischen aber aß sie trocknes Brot und Pataten mit Salz und Öl. Sie lachte einmal laut auf, als ich sie fragte, ob sie schon einmal im Leben Braten gegessen habe. Frischer aber und blühender und ringellockiger war weder Hebe im Olymp, noch Circe, noch die delische Diana, und keine war heiterer und mit dem Brummeisen verständiger.

Allgemein ist in Capri das Bitten um einen «Gran» oder Bajocco oder la Butiglia, wie sie sagen. Es sind besonders Kinder und Mädchen, welche so bitten, ich will nicht sagen betteln, denn es geschieht in keiner bettelhaften Weise. Weil sie arm sind, so ist es natürlich, daß ihnen andere geben, welche haben, und gibt man ihnen nichts, so machen sie doch ein fröhliches Gesicht und sagen: «Addi Signoria.» Auf jedem Schritt und Tritt wird man angesprochen. Als ich eines Tags in die Schule zu Ana-Capri trat, rief die ganze Schuljugend von den Bänken: «Signore, la butiglia», und es fehlte wenig, so hätte es auch der Schulmeister selbst gerufen. Geht man in ein Haus, so ist man sicher, daß ein Mädchen eine Blume Basilikum oder eine Nelke entgegenbringt. Dafür muß man etwas geben. Es ist ein Betteln durch die Blume, doch nicht immer, denn auch ohne dies bitten sie sich frank und frei den Gran aus. Man kann sie glücklich machen, wenn man ihnen bei Gelegenheit von einem Hausierer Kleinigkeiten kauft, sie freuen sich über bunte Dinge wie Kinder; und hier wünscht man sich die Schätze nur eines Freigelassenen des Tiberius, um sie unter dieses freundliche und dankbare Volk zu verteilen.

Gegenwärtig macht die Heirat viel von sich reden. Ein reicher Engländer verliebte sich in ein armes Mädchen von Capri so sterblich, daß er um ihretwillen katholisch geworden ist. Das schöne Kind befindet sich in einem Kloster Neapels; im Herbst aber kehrt sie als große Dame zurück in ihr neuaufgebautes Haus am Berge Tuoro. Das Glück der schönen Annarella erregt keinen Neid, noch erscheint es hier als etwas Außerordentliches. Es hat sich auf Capri bereits ein anderer Engländer niedergelassen, welcher seine Heimat aufgab, um in diesen Bergen zu einsiedeln.

Capri ist fürwahr ein rechter Ruheort für lebensmüde Menschen, und ich wüßte keine andere Stelle in der Welt, wo jemand, der im Leben Schiffbruch gelitten, seine Tage so wohl beschließen könnte. Das lehren auch die Invaliden, welche hier leben.

Dreihundert verstümmelte oder altersschwache Soldaten wohnen nämlich in ihrem Quartier am Ende der Stadt. Sie geben der Insel vollends den Charakter eines Asyls, weil man sie überall sitzen oder herumwandern sieht und ihre Lieder hört. Einige sind noch Veteranen Napoleonischer Zeit, andere datieren ihr Schicksal von den Revolutionskämpfen des Jahres 1848. Es sind Menschen aus allen Provinzen des Königreichs. Die meisten sind blind. Weil es nun auf der Insel nicht Lasttiere noch Wagen gibt, so laufen die Blinden keine Gefahr. Ohne Führer gehen sie in den Straßen umher, den Weg mit einem Stabe sich erfühlend; ja kaum merkt man, daß sie erblindet sind. Beim Fest der heiligen Anna sah ich ihrer eine Schar die Prozession eröffnen; aneinandergereiht wankten sie in die Kirche; und mir fiel bei ihrem Anblick der Bibelvers ein: «Selig sind, die da nicht sehen und doch glauben.» Am Abend aber genossen sie das Feuerwerk auf dem kleinen Platz, indem sie die Raketen und Schwärmer wenigstens prasseln hörten. Welch ein Los, auf Capri blind zu sein, wo das entzückendste Gemälde der Welt in wunderbarem Farbenspiegel rings verbreitet liegt! Hier ohne Sehkraft umherzugehen, ist eine bittere Ironie. Und doch spazieren die armen Blinden viel und gern; sie haben auch einen Lieblingsspaziergang, den einzigen, welcher etwas eben ist, nämlich den schönen Feldweg am Rand des Tals Tragara unter den Olivenbäumen. Gern sitzen diese Alten auf den steinernen Bänken innerhalb des Tors, den Schritt der Hereinkommenden behorchend, oder draußen vor dem Tor selbst, wo der Blick auf den Golf, auf das ferne Neapel und auf den Vesuv bezaubernd schön ist.

Auch die Musik machen die Blinden gern; alle Abende geben sie ihr Konzert. Es sitzen dann zwei Invaliden auf der Terrasse des Soldatenquartiers; der eine spielt die Gitarre, der andere bläst dazu auf dem Kamm. Wahrlich, es ist die sonderbarste Musik, die man hören mag, sie schallt hell und fremdartig in die Nacht hinaus, oft von den melancholischen Klagetönen einer Arie begleitet. Mit derselben Musik ziehen die Invaliden auch des Morgens auf den Platz, Blinde und Sehende, Krumme und Gerade, alle vergnüglich hinter ihrer Regimentsmusik her, nämlich hinter dem Gitarrenspieler und dem Kammbläser. Und so erscheint auf dem harmlosen Eiland sogar das physische Unglück wie die Armut heiter ergeben und schicksalversöhnt.

Alles trägt hier einen Zug von Kindlichkeit, und selbst in den schönen Greisengesichtern mancher Männer und Frauen kann man diesen Zug kindlicher Einfalt wiederfinden. Unter den Kindern gibt es viel bildschöne Mädchen und Buben, und obwohl sie wild und kaum unterrichtet aufwachsen, setzt ihre Fassungskraft doch in Erstaunen. Alle tragen ein Amulett am Halse, die ganz kleinen geweihte Hörnchen gegen den bösen Blick, die größern eine Marienmünze oder ein kleines auf Zeug gesticktes Bild der Madonna del Carmine.

Ich sah einmal die Leiche eines Kindes in der Kirche ausgestellt. Sie lag unter einem weißen Schleier, mit Blumen und gezuckerten Mandeln überstreut; schwerlich hatte das Kind im Leben solches Naschwerk gekostet; man gibt es den armen Fischerkindern zum Spielen erst, wenn sie tot sind. Man trug das Kind ohne Zeremonie in die Gewölbe der Kirche, wo hier noch alle Toten nach alter Sitte begraben werden. Nur wer kein Christiano, das heißt kein Katholik gewesen, bekommt ein einsames Grab an irgendeiner schönen Stelle über dem Meer.

So also ist das Volk in Capri, und weil der enge Raum alles zusammenhält, dringt der Fremde schon nach wenig Tagen in die Verhältnisse der Bewohner ein und wird mit ihnen bekannt und vertraut. Es schwindet so sehr alles Gefühl der Fremde, daß man sich gewöhnt, sich als Mitglied dieser kleinen Volksgemeinde zu betrachten. Auf dem Platz am Tor drängt sich alles Öffentliche zusammen, der Verkauf von Handelsartikeln, die ganz der Bedürfnislosigkeit dieser Menschen entsprechen, wie das Festleben an Kirchentagen und das tägliche Vergnügen der Muße und des Geplauders nach der Arbeit. Dann und wann unterbricht die beschauliche Einsamkeit die Ankunft von Reisenden, welche im Gasthause Don Micheles einkehren, die Merkwürdigkeiten der Insel zu besehen und gleich wieder zu verschwinden. Aber es bildet sich ein Stamm von Gästen, die zusammen an einer Tafel speisen; meistens sind es Maler von verschiedenen Nationen, und diese Künstler werden bald zu einer charakteristischen Staffage der Insel, denn überall sieht man sie sitzen und malen, bald eines jener Häuschen mit der Weinlaube, bald einen Felsen, bald eine Baumgruppe oder eine Uferansicht.

Es gibt nichts Herrlicheres, als auf dieser schönen Scholle umherzuschleudern; an den Klippen entlang zu klettern oder am Meer zu spazieren, wo die Wellen wohlig rauschen und das ausatmende Seegras diesen scharfen, fast betäubenden Meeresgeruch verbreitet. Die stillste Einsamkeit und die Weite des Golfs mit seinen fernen Inseln und Küsten ist ganz wunderbar ergreifend, und wohl kann man stundenlang auf dem Felsen sitzen und dem Farbenspiel auf den Küsten und dem Meere zuschauen.

Ich nun führe euch allerwegen auf der Insel umher, denn gar wohl bin ich hier zu Hause. Zuerst gehen wir nach der Stelle, wo einst das alte Capri lag, welches jetzt verschwunden ist, seit es die Sarazenen zerstörten. Aber dort, wo die schroffen Felsen Ana-Capris plötzlich emporsteigen, liegt in den Gärten noch der letzte Überrest der alten Stadt, die Kirche San Costanzo. Sie war die Parochie der Insel und Sitz des Bischofs; denn Capri war seit dem zehnten Jahrhundert ein Bistum unter der Hoheit des Erzbischofs von Amalfi und blieb es bis auf das Jahr 1799; seitdem wurde der bischöfliche Stuhl nicht mehr besetzt, sondern die Kirche Capris unter Sorrent gestellt.

San Costanzo ist klein, plump und ganz dörflich. Um sie her sieht man altes Gemäuer im Boden stecken. Man fand dort viele Graburnen, Reliefs und Münzen, und noch heute zeigt man in einem Weingarten einen großen Marmorsarkophag, welcher vor Jahren dort ausgegraben worden ist. Seit man die Altertümer der Inseln überhaupt durchsuchte, wurden Statuen, Reliefs, Mosaiken, Urnen und Säulenüberreste teils von den Bauern um ein Spottgeld verschleudert, teils von Agenten an Privatpersonen fortgegeben, teils heimlich beiseite gebracht.

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