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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 89
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Die Insel Capri

1853

Votum fecit, gratiam recepit

Einen ganzen Sommermonat lebte ich auf dem Eiland Capri und genoß die Fülle zaubervoller Einsamkeit des Meers. Nun möchte ich auch diese märchenhaften Erscheinungen festhalten; aber ihre Schönheit, ihre Stille und Heimlichkeit ist mit Worten kaum zu sagen.

Jean Paul hat Capri mit einer Sphinx verglichen; mir kam die schöne Insel, wenn ich sie vom Festland betrachtete, wie ein antiker Sarkophag vor, dessen Seiten schlangenhaarige Eumeniden schmücken – darinnen aber liegt Tiberius. Und so reizte mich dies klassisch geformte Eiland immerdar durch seine Gestalt, durch seine Einsamkeit und die düsteren Erinnerungen an jenen Kaiser Roms.

Capri

Capri

An einem Sonntag, es war die heiterste Frühe, stiegen wir in Sorrento in die Barke und ließen uns nach Capri hinüberrudern. Das Meer war so still wie der Himmel, und alles in weiter Ferne in träumerischem Duft verloren; aber Capri stand vor uns groß und ernst, klippenstarr und felszackengepanzert, in der melancholischen Wildheit seiner Berge und in der Schroffheit der steilen Kalkwände von roter Farbe, fürchterlich und lieblich zu gleicher Zeit. Auf den Höhen braune Kastelle, nun zerfallen; verlassene Strandschanzen mit verrosteten Kanonen, die schon der Ginsterstrauch mit gelben Blumenästen überdeckt; Klippen wild und schartig, in den Äther hinaufgreifend und von Seefalken überflattert, «vogelheimisch und sonngewohnt», wie Äschylus sagt; Höhlen tief unten, dämmervoll und märchenhaft; aber oben auf dem gebogenen Rücken des Eilandes ein heiteres Städtchen mit weißen gewölbten Häusern, mit hohen Mauern und einer Kirchenkuppel; unten an der schmalen Marina der Hafen der Schiffer und viele aufgereihte Barken.

Die Glocken läuteten eben und verhallten, da wir an den Strand fuhren, auf dem Ufer aber stand ein Fischermädchen, die Holzbank haltend, welche sie gleich in die Wellen hineinschob, als das Boot landete, damit wir trockenen Fußes ans Land kämen. Wie ich ans Ufer sprang, auf dies seltsame Capri, das ich mir im Norden so oft vorgestellt hatte, fühlte ich mich gleich wie zu Hause. Alles war still und verschwiegen, kaum ein Fischer war zu sehen, nur ein paar badende Kinder an einer Klippe, ein paar Fischermädchen am Ufer, die Felsen ringsumher ernst und still. In eine wilde und zauberische Einsiedelei war ich eingetreten. Und nun ging es von der Marina gleich aufwärts auf einem steilen und mühsamen Pfade zwischen Gartenmauern nach der Stadt Capri.

Tritt man in dieselbe, über eine hölzerne Brücke und durch das alte Tor, so hat man gleich das originellste Bild von Frieden, Bedürfnislosigkeit und Kindlichkeit vor sich. Denn dort sitzen auf den steinernen Stufen der Kirche auf einem ganz kleinen Platze Bürger in ihren Festkleidern und plaudern, hier spielen Kinder mit lärmender Fröhlichkeit, und der Platz selbst sieht aus, als hätten sie ihn im Spiel aufgebaut. Die Häuser sind klein, mit platten und in der Mitte gewölbten Dächern; fast über jedes schlängelt sich ein Rebenstock. Durch enge Straßen, die niemals ein Wagen befuhr, geht man zur Locanda des Don Michele Pagano, vor welcher ein Palmbaum seine majestätische Krone erhebt. Auch hier glaubt man in die stillste Einsiedelei einzukehren, in eine Herberge für Pilger mit Stab und Muschelhut.

Kaum waren wir in unser Zimmer eingezogen, als uns ein murmelnder Gesang wieder auf die Gasse trieb. Es war Sonntag, und eine Prozession durfte nicht fehlen. Aber wie bizarr und fremd war der Anblick! Sie gingen, Männer und Frauen, jene in weißen Kapuzen, diese in weißen Schleiern, hinter dem Kreuz einher. Um die Kapuzen hatten sie einen grünen Kranz aus den Zweigen des Brombeerstrauchs gewunden, und auch der Strick auf der Schulter zeigte, daß es um Buße zu tun war, denn die Prozession galt der Traubenkrankheit. So zogen sie mit Gesang durch die Straßen, und so heidnisch sahen diese dornbekränzten Gestalten aus, daß es schien, es sei dies ein Zug von Bacchuspriestern, die zu einem Tempel des Dionysos zogen. Fast alle Männer trugen diese Kränze und auch solche, welche nicht in der Kapuze der Brüderschaft gingen. Vor allen fiel mir der Kopf eines alten Invaliden mit silberweißem Haar und Bart auf, der unter dem Brombeerstrauch ganz und gar wie ein Satyr aussah. Hinter den Männern, Frauen und Mädchen in langen Schleiern. Weil nun die Gassen so eng sind, daß nur zwei Menschen nebeneinander Raum haben, so waren sie, wenn die Prozession sie durchschritt, von einer Wand bis zur andern erfüllt.

Das war mein Willkomm in Capri. Seitdem lebte ich dort die glücklichsten Tage, und weil ich nun kaum eine andere Stelle der Welt so eifrig durchwandert und durchklettert habe, in allen Höhen wie in allen zugänglichen Grotten der Tiefe, und weil mir Capri und sein Volk so überaus lieb geworden ist, so will ich es mit diesem Inselbilde machen wie dankbare Schiffer, die eine Votivtafel stiften und darunter schreiben: «Votum fecit, gratiam recepit.»

Die Insel hieß bei den Griechen und Römern Caprea oder Capreae. Man will den Namen aus dem Lateinischen erklären, wo er Ziegeninsel bedeutet. Andere leiten ihn aus dem Phönizischen ab, wonach Capraim Zweistadt heißen soll. Den Griechen galt die Insel als ein Sireneneiland, und noch heutzutage hat eine Stelle am Ufer den Namen La Sirena beibehalten. Doch liegen die Sireneninseln des Homer, wie man es einmal angenommen hat, Capri gegenüber an der amalfitanischen Seite des Kaps der Minerva, und dieses selbst, heute Capo di Campanella genannt, wird auch für die Insel der Circe gehalten. Ringsum also ist fabelhaftes, odysseisches Land, die Heimat der Sirenen, deren Gesang den Schiffer hier berückte, wenn er aus dem Golf von Posidonia an diesen schroffen Inselklippen vorüberfuhr.

Man weiß nicht, wann Capri seine ersten Bewohner erhalten hat. Vielleicht waren es Osker vom Festland, die sich hier zuerst niederließen. Daß sich auch Phönizier dort ansiedelten, nimmt man für gewiß an, und ihnen schreibt man die Gründung der beiden Städte zu, denn die von Natur in eine niedere und höhere Hälfte geteilte Insel hatte wohl schon vorzeiten zwei Orte; Strabo sagt: «Capri hatte ehemals zwei kleine Städte, nachher nur eine.»

Später kamen Griechen in das schöne Wasserbecken Neapels, den Krater, wie ihn die alten Geographen nennen, und ließen sich an den Küsten und auf den Inseln nieder. Nach Capri aber zogen die Teleboer, Männer akarnanischen Stammes, wie Tacitus und Virgil sagen. Der erste griechische Herrscher der Insel wird Telone genannt.

In jener Zeit, etwa im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt, siedelten sich Griechen an beiden Golfen von Posidonia und Neapel an, sie erbauten Cumae und Neapolis und bemächtigten sich der Insel dieses herrlichen Meers. Dem höchstgelegenen Ort in Capri gaben sie den noch dauernden Namen Ana-Capri oder die Oberstadt. Horcht man auf die Sprache der heutigen Capresen, so möchte man manchen griechischen Laut zu hören meinen, und blickt man in die kleinstirnigen, edelgeschnittenen Gesichter der Weiber, so möchte man hellenische Züge darin erkennen wollen, ein Wahn, der durch die kunstlos ideale Tracht des tiefgeknoteten Haars noch verstärkt wird. Aber die Griechen, obwohl auch noch in nachrömischer Zeit Herren des Eilandes, sind doch sehr ferne Ahnen dieses Inselvolks, in dessen Adern sich das Blut mischte wie in denen der Neapolitaner selbst.

 

In jener Zeit bauten die Hellenen Tempel auf der Insel, von denen keine Spur blieb. Noch Augustus erfreute sich an den gymnastischen Spielen der Jünglinge Capris, denn zu seiner Zeit hatte diese Insel noch hellenisches Wesen. Er liebte Capri. Er trat den Neapolitanern, welchen sie damals gehörte, das Eiland Ischias ab und tauschte dafür diesen klassisch geformten Felsen ein. Als er nämlich hier am Strande aus dem Schiffe stieg, brachte man ihm als gute Vorbedeutung die Nachricht, daß eine altersdürre Steineiche plötzlich frisch zu grünen begonnen habe. Dies erfreute den Kaiser so, daß er jenen Tausch beschloß.

Die balsamische Luft der kühlen Insel, die seltene Schönheit der Felsform wie der griechische Charakter des Volks behagten Augustus; er baute sich in Capri eine Villa und Gärten. Dieses Landhaus stand nach dem Glauben der Altertumsforscher auf der Stelle, wo heute die mächtigen Trümmer der Villa Giove liegen, welche das Volk vorzugsweise Villa des Tiberius nennt.

Ohne Zweifel waren es seine letzten Lebensjahre, in denen Augustus das Eiland besuchte. Kurz vor seinem Tode brachte er hier in Gesellschaft des Tiberius und des Sterndeuters Thrasyll vier heitere Tage zu, wie Sueton erzählt. «Als er zufällig dem Golf von Puteoli vorbeifuhr, war eben ein alexandrinisches Schiff gelandet; Reisende und Mannschaft legten weiße Gewänder an und bekränzten sich; sie opferten Weihrauch, erhoben sein Lob und wünschten ihm Heil, denn von ihm hätten sie Leben, Schiffahrt, Freiheit und Glücksgüter. Das erfreute ihn so sehr, daß er unter seine Begleiter 400 Goldstücke verteilte; sie mußten ihm zuschwören, dies Geld nicht zu andern Dingen verwenden zu wollen, als von den Alexandrinern Waren zu kaufen. Aber auch an allen übrigen Tagen verteilte er Geschenke, Togen und Pallien, und befahl, daß die Römer griechisch und die Griechen römisch sich kleiden und sprechen sollten. Beständig sah er den Übungen der Epheben (in Capri) zu, von denen noch aus dem alten Institut eine Anzahl übriggeblieben war. Er gab ihnen einen Schmaus und erlaubte ihnen Äpfel und Nachtisch und zugeworfene Geschenke scherzend sich aus den Händen zu reißen, einer dem andern. Und keine Art von heiterm Vergnügen schloß er aus. Ein Capri nahe gelegenes Eiland nannte er Apragopolis wegen des Nichtstuns derer, die aus seinem Gefolge dahin sich entfernten. Einen von seinen Lieblingen, Masgaba, pflegte er, gleich als wäre er der Gründer des Eilands, Ktistes zu nennen; als er nun von der Tafel aus das Grab dieses Masgaba, welcher ein Jahr zuvor gestorben war, von einem großen Schwarm mit vielen Lichtern besucht sah, sprach er mit lauter Stimme den improvisierten (griechischen) Vers:

Des Gründers Grab, im Brande seh' ich es.

Er wandte sich dabei an Thrasyll, den Begleiter des Tiberius, der ihm gegenüberlag, und fragte ihn, von welchem Dichter er wohl glaube, daß der Vers sei.

Als dieser stockte, fügte er einen zweiten hinzu:

Schaust du den Masgaba mit Fackelschein geehrt?

Auch um diesen Vers fragte er. Jener antwortete nur, die Verse, von wem sie auch seien, wären vortrefflich. Augustus aber brach in ein Gelächter aus und strömte von Scherzen über.»

Bald darauf fuhr er nach Neapel, um dann in Nola zu sterben. Dies hat Sueton von dem letzten Aufenthalt des Kaisers in Capra erzählt. So wenig es ist, so viel ist es doch wert, dies heitere Bild des greisen Augustus, welcher mit den Bewohnern des Eilandes fröhlichen Scherz treibt. Und doppelt anziehend wird seine menschliche Erscheinung durch den Gegensatz zu Tiberius. Denn nun folgt: der greise Tiberius auf Capri.

Die kleine Insel war elf Jahre lang Mittelpunkt der Welt. Die Zeit war grau und greisen geworden wie der Eremit dieser Felsenklippe, die Weltgeschichte nur ein düsterer Monolog dieses schrecklichen Mannes. Die Erinnerung an ihn lebt noch im Volk. Nicht Jahrtausende verwischen sie, denn das Böse dauert im Gedächtnis der Menschen länger als das Gute. Sie nennen ihn hier Timberio und nennen Capri Crap; und wo man auf dem Eilande gehen mag, überall sieht man die Tigerspuren des Tiberius. Selbst den ausgezeichneten Wein auf Capri nennt man hier «Tränen des Tiberius», wie jener vom Vesuv «Tränen Christi» heißt. Sehr hoch muß im Preise der Natur die Träne stehen, die ein Mann wie Tiberius geweint hat.

Ich begegnete hier einem seltsamen Volksglauben, der mich nicht wenig überrascht hat. Das Volk behauptet nämlich, daß tief in dem Berge, worauf die Trümmer der Tiberius-Villa liegen, dieser Kaiser auf einem bronzenen Rosse sitze, er selbst von Erz, mit brillantenen Augen, und auch sein Roß habe Augen von Demant. Ein Jüngling, der in einen Bergspalt gekrochen, habe ihn so sitzen sehen, aber die Spur des Orts bald wieder verloren. Ich hörte diese Sage aus dem Munde des alten Franziskaners, der nun als Eremit auf der Villa einsiedelt, und fand sie auch im Buche Mangones über Capri. Sie erinnert an den Kaiser Rotbart im Kyffhäuser; aber schwerlich wird das Volk die Wiederkehr des Tiberius ins Leben wünschen.

Er kam auf die Insel im Jahre 26 nach Christi Geburt und lebte hier elf Jahre lang, bis er, bei kurzer Abwesenheit, am Berg Misen erstickt wurde. Er hatte das Eiland zu einem prachtvollen Lustgarten umgestaltet. Seine zwölf den Obergöttern geweihten Villen nebst andern herrlichen Gebäuden müssen Capri in Verbindung mit den großartigen Felsen ein schönes Aussehen gegeben haben. Heute ist die Insel mit Trümmern von Bauten überstreut, und viel birgt noch die Erde unter den Weingärten.

Als Tiberius tot war, blieb das schöne Theater seiner Lüste verödet; die Pracht Capris verfiel. Das Volk erzählt, daß Römer auf die Insel kamen und ihre Gebäude niederrissen. Zwar weiß die Geschichte nichts davon, aber sie sagt auch nicht, daß Tiberius' Nachfolger Capri besuchten. Caligula war noch mit ihm auf der Insel gewesen, hatte hier zum erstenmal den Bart abgelegt und die Toga genommen und sich in der Schule des Oheims gebildet. Auch der Schwelger Vitellius lebte als Jüngling in Capri. Später duldeten zur Zeit des Commodus sein Weib Crispina und seine Schwester Lucilla die Verbannung auf diesem Eiland, wie Dio Cassius erzählt und ein im vorigen Jahrhundert auf Capri gefundenes Relief bestätigt, welches beide Fürstinnen in der Gestalt schutzflehender Trauer darstellt.

Nachher teilte die Insel das Los der naheliegenden Küstenländer. Sie geriet nach dem Falle Roms in Besitz erst der Barbaren, dann der Griechen, wie Neapel selbst. Sie wurde Eigentum des griechischen Herzogs von Neapel und fiel im neunten Jahrhundert an die Republik Amalfi, welche sie als Geschenk vom Kaiser Ludwig erhielt.

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