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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 87
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Wir eilten auf den Platz des Doms, denn dort sollten jene Obelisken aufgestellt werden. Es kamen ihrer neun von verschiedenen Seiten herangezogen. Sie mochten alle von der nämlichen Größe sein, bis auf einen, der sich 25 Meter hoch erhob, und dieser gehörte der Körperschaft der Landbauern an. Jedes bedeutende Gewerk («arte») stellt nämlich einen solchen Obelisken für das Fest her. Man arbeitet daran vier bis sechs Monate. Die Kosten werden von den Gewerken aufgebracht und belaufen sich für jeden Turm auf etwa sechsundneunzig neapolitanische Dukaten. Als ich diese sonderbaren Dinge in der Nähe betrachtete, fiel mir erst auf, daß sie die architektonischen Abbilder jener barocken Obelisken waren, welche auf Plätzen Neapels stehen und durch ihre phantastische Skulptur und Architektur von der Richtung neapolitanischer Phantasie ein so auffallendes Zeugnis geben. Ein jeder der Obelisken hat seinen Standort in einer Straße neben dem Haus eines angesehenen Gewerkmeisters. Man zimmert dort das wunderliche Wesen unter einem mit Leinwand überzogenen hohen Verschlage auf, welcher die Arbeiter und das Werk vor der Witterung schützt. Aus Mastbäumen und Querstangen macht man das erste Gerippe; man setzt Stockwerk auf Stockwerk, dann überkleidet man das Ganze mit Papiertapeten, doch nur an der Front und den Seiten, denn die vierte, hintere ist mit Myrtenästen, grünen Zweigen und einem Wald von Fähnchen bedeckt. Die Nebenseiten zeigen auf der bunten Papierverkleidung schwebende Genien, welche Girlanden halten. Auf das kunstreichste wird die Fronte dargestellt; Maler wie Architekten sind dabei reichlich beschäftigt. Jedes Stockwerk hat korinthische Säulen, zwischen ihnen Nischen, darüber einen Fries. Man füllt die Nischen mit Gestalten aus; in die des untersten Stockwerks stellt man lebende Figuren: Mädchen oder Knaben, welche kurze Röcke und goldpapierene Helme tragen. In der mittleren Nische steht das Hauptbild: auf dem Obelisken der Landbauern oder Schnitter war es eine kolossale Judith in prachtvollem Gewande, das Haupt des Holofernes in der Hand erhebend; in andern Obelisken Heilige oder Schutzpatrone. Nun folgen über dem Mittelbilde und an den verschiedenartigsten Emblemen: Engel, welche Fahnen, andere, welche Harfen tragen, Genien mit Blumenkränzen und Füllhörnern. In der Mittelnische des obern Stockwerks steht ein Engel, der ein Weihrauchfaß schwingt; dann folgt die goldene Kuppel, die das Ganze krönt, oder eine lilienartige Ausschweifung, über der sich das oberste Heiligenbild abschließend erhebt. Auf dem Obelisken der Schnitter war dies der heilige Georg mit dem Malteserkreuz und einer weißen Fahne in der Hand.

Welchem Gewerk jeder Obelisk angehört, sagt ein Attribut, das vom Fries der Mittelnische herabhängt; am Obelisken der Schnitter sah man eine Sichel; an dem der Bäcker zwei gewaltige Kringel; bei den Fleischern ein Stück Fleisch; die Gärtner hatten einen Kürbis; die Schneider eine weiße Weste; die Schuster einen Schuh; die Pizzicagnoli einen Käse; die Weinhändler eine Flasche herausgehängt. Nun ging jedem Obelisk noch ein Emblemträger vorauf: bei den Gärtnern ein Jüngling, welcher ein Füllhorn trug; bei den Schenkwirten sah ich zwei Doppelfiguren vorauftragen, angelehnt an einem versilberten Pfeiler, worauf ein Weintönnchen lag. Mir schienen diese dem Sankt Peter und Paul ähnlich zu sein.

Die Obelisken zogen, ein jeder mit dem Musikchor im untersten Stockwerk, nach der Kathedrale. Die rauschenden Klänge, die bunte wogende Menschenmasse mit den zahllosen Fähnchen von Gold- und Silberpapier, die von Blumen und Mädchen lachenden Balkone der Häuser, die hereintaumelnden bizarren Türme, die flimmernde Sonnenglut des campanischen Himmels – dies war ein so sonderbares, grelles, schreiendes Schauspiel, daß es mich betäubte und mitten in das Heidentum zurückversetzte. Den Zug des Hauptobelisken eröffneten zwei sehr kleine, in deren Unterstock bekränzte Kinder saßen; dann folgte ein Schiff, worauf ein als Türke gekleideter Knabe saß, eine Granatblume in der Hand. Hinter diesem Schiff trug man ein großes Kriegsfahrzeug mit einem Stück Meer, das ihm als Fundament diente; die Galeere war auf das vollendetste ausgerüstet. Auf dem Bugspriet stand ein junger Mensch in maurischer Tracht, vergnüglich eine Zigarre rauchend, auf dem Steuerbord aber kniete vor einem Altar die Figur des heiligen Paulinus selber.

Sobald nun ein Obelisk vor dem Dom anlangte, begann das seltsamste Schauspiel; denn der ungeheure Turm begann zu schallender Musik zu tanzen. Vor den Trägern her schritt einer mit dem Stab, und indem er den Takt angab, bewegten sich jene im Rhythmus hin und her. Der Koloß schwankte, er schien fallen zu wollen; die Figuren bewegten sich, die Fahnen rauschten. Und so stellte sich jeder Obelisk tanzend vor dem Dome dar; dann und wann tanzte einer gegen den andern. Der Einzeltanz und Gegentanz währte etwa fünf Minuten. Hierauf blieb der Obelisk vor der Kathedrale stehen, und sobald er dort Posto gefaßt hatte, begann vor ihm ein Ringeltanz von Jünglingen und Männern. Deren zwanzig etwa schlossen sich im Kreise so zusammen, daß ein jeder seine Arme auf die Schultern seiner Nebentänzer legte; während sie in dieser Stellung im Kreise sich bewegten, führten in der Mitte des Ringes zwei Solotänzer die graziösesten Touren auf. Sie hoben einen dritten auf ihre Arme, und indem sie mit ihm tanzten, tanzte dieser selbst in liegender Stellung mit den Gliedern. Zuletzt wurde er matter und matter, bis er vom Taumel hingenommen das Haupt niedersinken ließ – er war tot. Indes umtanzte der ganze Kreis im lebhaftesten Takte diese Gruppe; nach kurzer Zeit richtete sich der Tote wieder auf, und lachend sein Haupt erhebend, schlug er mit den Fingern Kastagnetten in der Luft. Mir fiel der Kultus des Adonis ein; aber niemand hat mir über diesen mystischen Tanz eine Aufklärung zu geben vermocht. Vor jedem Obelisken tanzte man ihn, doch auch in wechselnder Weise, denn ich sah in der Mitte des Kreises athletische Künste ausführen, da jener dritte Tänzer sogar auf dem Kopfe eines Trägers balancierte und in den gewagtesten Bewegungen sich sehen ließ. Auch das große Kriegsschiff ließ sich den Tanz nicht nehmen. Oft schallte die Musik von vier Obelisken zugleich, und vereint mit dem Geschrei der Tausende gab sie ein Konzert, das nicht auszusprechen ist. –

All dies heidnische Wesen vollzog sich vor dem Dom, während drinnen der Bischof von Nola in unerschütterter Seelenruhe die christliche Messe las, und die Gläubigen ungestört auf den Knien lagen.

Nachdem der Tanz der Obelisken und die Messe beendigt waren, schloß die religiöse Zeremonie mit einer Prozession der Geistlichkeit. Ich machte die Bemerkung, daß ich nirgend in italienischen Ländern so stattliche und in Gesundheit blühende Mönche gesehen habe als hier. Dies bewirkt der Himmel Campaniens, die Fülle und Heiterkeit der Natur, endlich die Freiheit des Genusses, welche sich neapolitanische Mönche herausnehmen. Die Prozession hielt ihren Umzug durch die ganze Stadt, und hinter ihr her folgten auch die Obelisken; ein unaufhörliches Schießen und Knallen von Handbomben verbreitete sich im Augenblick über alle Straßen.

Es war Mittagstunde; die religiösen Funktionen waren beendigt, das Volk ging seinem Vergnügen nach. Ganz betäubt von dem infernalen Spektakel und von dem Gedränge ermattet, fand ich mich in einer Trattoria, die von Landleuten bereits erfüllt war. Überall liebt man hier das Grelle und Bunte; selbst die Wände dieser Schenke waren bunt bemalt und die Ziegel farbig ausgestrichen. Ich sah unglaublich große Schüsseln voll Makkaroni und Massen von gebratenem Lammfleisch auftragen und verschwinden. Der rotdunkle Wein wurde aus zweihenkligen Vasen von Terrakotta getrunken. Nicht wie in Ober- und Mittelitalien trinkt man hier den Wein aus gläsernen Gefäßen, sondern wie in uralten Zeiten aus Krügen. Lebhaft mußte ich hier der Terrakotten Campaniens gedenken und mich daran erinnern, daß der Boden Nolas dieser Gefäße voll ist. Selbst unter den pompejanischen Gebrauchsvasen, die im Museum Neapels aufbewahrt werden, hatte ich eben diese Krüge mit zwei Henkeln und der in Kleeblattform gebildeten Mündung betrachtet. Die jetzt in Campanien allgemein gebrauchten Trinkkrüge sind weiß überlasiert; ihre Topfmalerei hat freilich nichts von dem griechischen Stil an sich.

Nachmittags trieb die fast unerträgliche Hitze in die Cafés. «Nobile Caffé» heißt in campanischen Städten jedes einigermaßen anständige Kaffeehaus. Ich suchte das alleredelste auf; es war zum Ersticken angefüllt; Bauern, welche «ritornelli» sangen, Improvisatori, Herren, Damen in Festkleidern, alles saß, stand, ging durcheinander. Eis wurde in großen Scheiben gegessen, von vortrefflicher Zubereitung. Niemals hatte ich so sehr empfunden, welch ein köstliches Labsal Sorbetto sei, als hier, denn die schwüle Luft war erstickend; und so währte es nicht lange Zeit, daß ich in diesem Menschengewühl in einen halben Schlaf versank, von den wunderlichsten Vorstellungen heimgesucht, von Marcellus und Hannibal, dem sterbenden Augustus, der Livia und Tiberius, von den Bacchantinnen pompejanischer Fresken, von nolanischen Vasen, und durch meinen Kopf tanzten die seltsamen Obelisken und der heilige Paulin. Draußen wogte das endlose Geschrei der Menge. Wenn es so recht wie ein Element anschwillt, läßt sich dabei schlafen wie beim Wellenrauschen des Meeres.

Die Stadt, welche ich durchwanderte, hat nichts Merkwürdiges, aber sie ist freundlich und sauber, und zu allen Seiten lacht das Grün der Gärten herein. Im Altertum war sie nicht unbeträchtlicher als Pompeji, welches damals mit Nola im lebhaftesten Verkehre stand, weil alle drei Städte Campaniens, Nola, Nocera und Acera, in Pompeji, am Ausfluß des Sarno, ihren gemeinschaftlichen Hafenplatz hatten. Das Meer, welches sich jetzt weit hinter Pompeji zurückgezogen hat, bedeckte einst einen großen Teil dieser Ebene.

Ich war aus der Stadt gegangen, um zu dem Kloster Sant Angelo hinaufzusteigen, einem schön gelegenen Franziskanerkonvent mit luftigen Hallen in einem Hain von Fruchtbäumen. Auf der Landstraße erreichte ich eine schon vom Fest heimkehrende Familie. Es war eine Matrone mit ihren Enkeln, wohl achtzigjährig und von einer klassischen Schönheit, groß von Körper, ja von tragischen Maßen der Gestalt, gekleidet in ein langes weitfaltiges Gewand von karmoisinfarbener Seide mit einem breiten Saum von Goldbrokat, die Taille hoch nach griechischer Weise; über dem Gewand trug sie eine gleich rote gestickte Jacke, um das greise Haar ein Stirnband nach der antiken Weise Pompejis. Wie diese stattliche Gestalt dahinschritt, schien sie einem antiken Fürstenweibe, einer Königsmutter zu gleichen; und wahrlich sie hätte in den «Persern» des Äschylus als die Atossa, des Dareios erhabene Gemahlin, und die Mutter des Xerxes wohl figurieren können. Ich hatte mich an diese Gesellschaft angeschlossen, und obwohl eine der Enkelinnen der Alten von hoher Schönheit war, vergaß ich dennoch über dieser Matrone alle Freude an der blühenden Jugend. Denn kaum konnte ich den Blick von ihrer imponierenden Gestalt wegwenden. Die Enkelinnen waren nicht so reich gekleidet, sie trugen bunte bauschärmelige Röcke und das Kopftuch dieser Gegenden. Man nennt es hier Mucadore; es wird nicht ganz um den Kopf gewunden, sondern nur leicht um den Hinterkopf geschlungen, so daß die Haarflechten um die Schläfe sichtbar bleiben. In eben dieser Weise sieht man auf Fresken Pompejis Frauen das Kopftuch tragen. Leider verstand ich fast gar nichts von dem Dialekt, welchen diese Landleute redeten. Sie luden mich in ihr Haus zu Gaste; es liege, so sagten sie, nur wenige Millien von Nola entfernt. Gern hätte ich in das Hauswesen der Familie hineingeblickt, aber ich schlug ihre Einladung aus, weil der Tag sich neigte und mich Sant Angelo und die Aussicht in die Ebene von Nola reizte.

Es ist ein schöner Blick in diesen unermeßlichen Fruchtgarten, den man von jenem Kloster aus genießt. Links sieht man den Monte Somma, der seinen Zwillingsbruder, den Vesuv, verdeckt, rechts die Berge von Maddalone, über dem Kloster hinauf die verfallene Burg Cicala, welche malerisch einen Hügel krönt. Zwischen diesen Bergen liegt die Campagna Nolas, ein Wald von Pappeln, Ulmen, Fruchtbäumen, um welche die Rebe ihre Girlanden windet. Zwischen den Bäumen wächst Mais und Weizen in Fülle, und allerorten prangt die Zitrone und die Granate. In diesem Park liegt die Stadt begraben, in Laub, Weinranken, Blumen und Sonnenlicht versunken. Wohl ist dies ein Land, wo solche Feste entstehen müssen; die Natur ist hier ein ununterbrochener Schöpfungsjubel.

Ich verließ Nola am Abend. Es sollte noch ein Pferderennen gegeben werden, und nachts Illumination mit Lichtern und bunten Ampeln das Auge ergötzen. Als ich nun am Spätabend auf dem Kai Santa Lucia in Neapel am Fenster lag, sah ich zahlloses Fuhrwerk mit Rückkehrenden über die Chiaia eilen; die Maultiere mit Bändern und Blumen geschmückt, die Menschen ihre Fähnchen schwenkend, Wagen, Tiere, Volk vom Staube weiß gepudert; und so jagten sie jubelnd und jauchzend auf der Chiaia hin, um auch noch den Corso in der Stadt mitzunehmen.

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