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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 82
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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In Rom haben auch die kleinsten Prozessionen immer einen Anstrich von künstlerischer Schönheit, und man merkt wohl, daß die Kunst wohltätige Wirkungen ausübt selbst noch bis auf die geringsten kirchlichen Darstellungen, Sinnbilder und Figuren der Heiligen. Nichts ist dort ganz des Sinnes für das Schöne bar; die Götter Griechenlands im Vatikan und auf dem Kapitol wehren selbst noch von den christlichen Heiligen das allzu Christliche, das allzu Barocke oder Häßliche schützend ab. Solche Wirkung auf den Schönheitssinn im Volk übt in Neapel das bourbonische Museum gar nicht aus. Die Plastik, welche das römische Wesen durchaus zu bestimmen scheint, hat auf Neapel keinen Einfluß; eher, und fast allein nur die Malerei, und ganz unbezweifelt das heitere Freskowerk von Pompeji, welches überall nachgebildet in die Augen fällt. Je phantastischer, desto beliebter.

Welche Bildwerke in kirchlichen Prozessionen Neapels zur Schau getragen werden, ist mir zu schildern nicht möglich. Ich sah die geschmacklosesten Ausgeburten bizarrer Phantasie in einer an das Indische grenzenden Übertreibung. Was hier das Volk anzuschauen verträgt, lernt man schon aus den barocken Skulpturen der Heiligen kennen, welche an den Straßen stehen, auch aus jenen hölzernen Christusbildern, nicht etwa plastischen Figuren, sondern flach aus dem Brett geschnittenen Bildern, die auf den Plätzen zu finden sind.

Endlich muß man einen Blick in irgendeine Werkstätte des Heiligen Neapel tun, um sich darüber zu belehren, wie in diesem Süden Religion und Kunst dem Volk vor die Sinne gebracht und von ihm empfangen werden. Ich war eines Tags in eine jener engen unheimlichen Straßen gekommen, welche sich vom Hafen gegen die Berghöhen emporziehen; der Anblick emsig beschäftigter Künstler, die in einem offenen Zimmer saßen, fesselte mich. Ich blickte in ein langes, nach innen sich verdunkelndes Gemach; dort standen an den Wänden übereinander Reihen von schon fertigen Heiligenbildern, in der Mitte eine Agnes mit dem Lamm, im fliegenden weißen Röckchen, mit kirschrot gefärbten Wangen. Am Eingange arbeiteten Künstler, von denen einer eben beschäftigt war, eine hölzerne Puppe mit Flittern auszuputzen. Es gab da wohl Hunderte von Heiligen in jeder beliebigen Größe von Puppengestalt bis zu menschlicher Höhe, mit Gold und Silber überflittert, in den ungeheuerlichsten Stellungen, geruderte, gespielte, mit dem Beil zerhackte, geschundene, an den Gliedern verstümmelte Figuren. Wie soll ich sie nennen? Wie ferner die Grellheit dieser Farben, endlich die bunte Menge von Amuletten und Symbolen des Aberglaubens bezeichnen, welche dort umherlagen? Ich schaute diesen geheimnisvollen Künstlern zu. Wahrhaftig, man möchte sagen, sie machen Götter für das Volk, wie einst Homer und Hesiod die Götter gemacht haben. Mit diesem Blick in eine Fabrik neapolitanischer Heiligen glaubte ich einen Blick in die Religion des Volks selbst getan zu haben, und ich gestehe, ganz verwirrt ging ich hinweg und schöpfte wieder auf dem Molo Atem, als mein Auge auf die ewig klare, heilig große Natur fiel. Nein, der Mensch ist nicht wie sie, ist nicht wie die Natur, die ihn umgibt; würde er sonst im Angesicht dieses Meeres, dieses Himmels und dieser Berge so abscheuliche, kleine, beflitterte Puppen anbeten können?

 

Man merkt es bald an seinem eigenen innere Drange, daß alles Leben von Neapel nicht in die Stadt, sondern aus ihr hinaus in die Umgebung strebt. Neapel selbst hat geradezu etwas Abstoßendes; dies Chaos himmelhoch getürmter Häuser mit barocken Architekturen, die Schwüle und der Staub der Straßen, das sinnbetäubende Gefühl fesseln nicht für lange; wer in Neapel verweilt, bleibt nur, weil die Natur ringsumher das zaubervollste Paradies aufgebaut hat, und weil man von der Stadt wie aus dem Mittelpunkt desselben überallhin in kurzer Zeit gelangen kann, nach Pompeji, Ischia, Sorrento, nach Bajae, auf den Vesuv und nach Capri.

Es gibt daher eine immerwährende Bewegung der Massen von der Stadt weg ins Freie, in drei Hauptrichtungen, welche zugleich die topographische Beschaffenheit Neapels bestimmen. Die eine geht zu den schönen Hügeln Capodimontes hinauf durch die Pulsader Neapels, den Toledo, bis auf die mit Villen bedeckten Anhöhen und die Eremitagen der Camildoli; die zweite und dritte führen rechts und links vom Ende des Toledo längs des Meeres, hier über den Hafen und die Marinella nach Portici, Pompeji und dem Vesuv, dort über die Chiaia den Posilip hinauf oder durch die große Grotte nach Puzzuoli und Bajä.

Dies sind die drei großen Lebensströme Neapels; es gewährt ein einziges Schauspiel, sie, namentlich nachmittags und abends, in unablässiger Bewegung zu sehen. Hier rollen sowohl die Karossen als die Curriculi, die vom bebänderten Maultier gezogenen zweirädrigen Wagen, in unabsehbarer Linie auf und nieder; in diesen Richtungen drängen sich alle Industrie, aller Luxus, alle Lebensbedürfnisse zusammen: das Glänzende in den Magazinen des Toledo, dessen Untergeschosse Warenlager jeder Art sind; das Notwendige zu den beiden andern Seiten am Meer. Doch auch hier mit einer besonderen Eigentümlichkeit. Denn das elegante Neapel, dessen Gebiet eigentlich der Toledo ist, setzt sich noch bis zur Chiaia fort. Die Chiaia ist einer der herrlichsten Kais der Welt; ihre modernen Paläste sind Wohnungen der Reichen, der Gesandten und die ersten Hotels der Stadt. Vor ihnen liegt die Villa Reale, deren Garten nur den sogenannten anständigen Klassen geöffnet ist. Das Volksleben ist also hier ausgeschlossen; die vornehme Welt hat dies Gebiet für sich in Beschlag genommen. Selbst am Strande sieht man kaum einige Fischer, und die Bäder, die dort angelegt werden, kosten teures Geld. Erst wo die Chiaia sich nach der Grotte des Posilip und der Mergellina teilt, beginnt wieder das Revier der Volksbedürfnisse, des Volkslebens, der Fisch- und Gemüsemärkte und der Schenken.

Es hat daher diese Richtung ein stilles und vornehmes Ansehen. Dies ändert sich wie mit einem Zauberschlage, wenn man über das Kastell hinaus den Kai Santa Lucia betritt. Von hier ab ergießt sich das Volksleben, noch einmal auf kurzer Strecke durch das königliche Schloß unterbrochen und durch das Castel Nuovo gleichsam gezügelt, in steigender Progression über den Hafen hinaus bis zum Mercato, dem großen Markt hin, und setzt sich, schwächer werdend, in den Vorstädten Neapels, man kann sagen bis nach Portici fort. Den Übergang vom aristokratischen Neapel zum demokratischen macht also Santa Lucia, welches einen gemischten Charakter hat, und wo Gasthäuser zweiten Ranges stehen. Vom Hafen an, um den sich aller Verkehr zusammenhäuft, der die unteren Klassen in Bewegung setzt und wie ein Zentralpunkt nach allen Seiten eine unglaubliche Tätigkeit, Arbeit und Industrie ausstrahlt, wächst die Bewegung des Gewerbes, des Volksbedürfnisses, des Volksgenusses. Diese ganze Seite sieht verwohnt, verlebt, verarbeitet aus; der Kai ist schmutzig von Kohlenstaub und von unzähligem Material bedeckt, dichtgedrängt voll Lazzaroni, voll Barkenführer, Fischer, Hausierer. Hier kauft der gemeine Mann seine Kleider und Schuhe, und diese Waren häufen sich in vielen engen Straßen. Jeglicher Artikel häuslichen Bedarfs ist hier vorrätig. Hier sind die Volksbutiken, die Kaffee- und Likörschenken; hier stehen die Fruchttische bedeckt mit schon in Scheiben zerlegten Orangen und Wassermelonen, die man für einen Tornese kauft und stehend verzehrt. Hier ist die Speise des gemeinen Mannes, die indische Feige, bereits geschält. Und hier sammeln sich auch die Straßensalons der Volksunterhaltung. Jeden Nachmittag sieht man in einer Winkelgasse am Hafen einen Vorleser aus einem abgerissenen Buch Romanzen, Rittergeschichten, Räubertragödien nachdrücklich vor einem Zuhörerkreise vortragen. Auch der Schreiber sitzt hier, welcher Liebesbriefe schreibt. Hier stehen die Pulcinellatheater, das Pulcinellhäuschen am Eingange, woraus die schnalzenden Töne des kleinen Männchens lockend hervorschallen. Auch das höhere Volkstheater San Carlino befindet sich nahe am Hafen. Selbst für Bäder ist hier gesorgt; denn der ganze Kai wimmelt von Badehäusern, worin der Unbemittelte ein Bad erschwingen kann.

Aber all dies ans Meer und um das Schiffsgewühl des Hafens gedrängte Leben scheint noch Ebbe zu sein, vergleicht man es mit jener ungeheuren Flut, die sich über die beiden großen Speisemärkte ergießt, den Porto Nuovo und den Mercato. Es ist nicht in Worte zu fassen, welche Volksmenge namentlich im Porto Nuovo durcheinander wogt. Ganz Kampanien scheint seine Früchte und der ganze Golf alle seine Fische auf diesen Platz geworfen zu haben. Das Volk ist nur da, um zu kaufen, zu essen. Hier ist das Theater für den Hunger Neapels. Man flüchte sich in eine jener wunderlichen Garküchen, wo hinter Bretterverschlägen die «pizzi», große, flache Kuchen, gegessen werden, welche mit Käse oder mit Schinkenstücken belegt sind, je nach dem Geschmack des Bestellers. Man fordert sie, und in fünf Minuten sind sie gebacken. Es gehört der Magen eines Lazzarone dazu, sie zu verdauen.

Auf dem Mercato werden die Wochenmärkte gehalten. Der ungeheure Platz, dem Deutschen eine Stätte der Trauer, weil hier der letzte Hohenstaufe enthauptet ward, ist zugleich dadurch charakteristisch, daß auf ihm die Geschichte Masaniellos gespielt hat. Die Lazzaroni haben hier ihren König gekrönt und erschlagen. Er ist darum das historische Lokal des neapolitanischen Volks, sein Bastilleplatz, blutig durch schreckliche Szenen der Volksjustiz, welche hier die Köpfe des Adels abschlug und zur Schau stellte, und schrecklich durch die Erinnerungen an die Pest.

Diese Menschenwelt zu entwirren und in Gruppen ihrer besondern Art zu ordnen, möchte eine ebenso interessante wie schwierige Aufgabe sein. Man hat so viele Darstellungen neapolitanischen Lebens, so viele fleißige und geistreiche Bücher, aber ihrer tausend könnte man zuvor gelesen haben und stünde doch vor diesem Wechsel der Erscheinungen ganz unberaten da. Am ehesten ließe sich noch das Leben in Santa Lucia in einen Rahmen zusammenfassen. Ich habe schon gesagt, daß dieser Kai, einer der merkwürdigsten Punkte Neapels, die neutrale Mitte ist, wo sich die obern und untern Schichten der Bevölkerung begegnen und die mittlere Bürgerklasse den Sieg davongetragen hat. Der schöne Kai von geringer Länge wird links von den Gebäuden des Schlosses, rechts von dem malerischen Castell dell' Ovo abgeschlossen. Fast in der Mitte des großen Bogens gelegen, welcher den Golf umfaßt, steht er offen gegen das Meer, und hier kann der Blick frei über die Wasserfläche streifen, weil kein Schiffsgewühl, wie im Hafen, ihn behindert. Dies zieht daher sowohl die Fremden in Gasthäuser, welche sich in Santa Lucia aufgetan haben, als den Mittelstand auf den Kai, um abends sich des unvergleichlichen Schauspiels und sonstiger Genüsse zu erfreuen.

Ich habe sechs Wochen auf Santa Lucia zugebracht. Wenn ich auf den Balkon meines Fensters trat, lagen vor mir der Golf, der Vesuv, die weißen Städte an seinem Fuß, die Küsten von Castellamare und Sorrent bis zum Kap der Minerva, und die Felseninsel Capri. Jeden Morgen weckte mich der Golf selber, sobald er die Rosenhelle seines stillen Spiegels in mein Zimmer strahlte, und jeden Morgen betrachtete ich das Wunder des Sonnenaufgangs und die Farbenpracht der Berge und des Meeres, welche auch die ungeheure Stadt zu entzünden und zu erwecken scheint. Diese Lage hat Santa Lucia; aber noch ein feenhafteres Schauspiel gewährt sie, wenn der Mond sein magisches Licht über Berge, Meer und Stadt ergießt, während den ganzen Golf bis zum Kai ein breiter Lichtstrom durchflutet. Der schwarze Mastenwald im Hafen schwebt dann geisterhaft in einem weißen Silberdunst, der schlanke Leuchtturm funkelt matter, Barken gleiten traumhaft wie dunkle Schatten über die Lichtfläche, tauchen auf und verschwinden. Am Horizont steigt der schöne Fels von Capri aus der Nacht märchenhaft empor, und ganz überwältigend, wie phantasmagorische Lichtbilder, glänzen drüben die Somma, der Vesuv und die Berge von Castellamare und Sorrent. Wer kann in solcher Nacht schlafen? Man steigt in eine Barke und rudert hinaus durch die phosphoreszierenden Wellen, oder man setzt sich zum Volk auf dem Kai und ißt «frutti di mare».

Denn hier lärmt unmittelbar am Wasser das fröhlichste Leben. In zwei Reihen stehen die kleinen Buden der Austernhändler. Santa Lucia ist der Sammelpunkt aller Meerfrüchte. Muscheln und Austern jeder Art liegen hier zierlich geordnet auf schrägen Laden. Jede Bude ist numeriert und mit dem Namen des Besitzers versehen. Unaufhörlich wird zum Genuß eingeladen; die Lichter flimmern; in ihrem Schein blitzen die schönen, bizarren Muscheln, und Seeigel, Seesterne, Meerkorallen, Krebse locken mit ihren seltsamen Formen und bunten Schalen weniger zum Genuß als zur Betrachtung. Das geheimnisvolle Reich der Tiefe ist hier aufgeschlossen; so märchenhaft sieht dieser kleine Muschelmarkt aus wie ein Meeresweihnachten, und alle Abende hat man die Freude des Anblicks.

Geht man die steinernen Treppen an das Wasser hinunter, so befindet man sich plötzlich in einem großen, nächtlich erleuchteten Saal unter freiem Himmel. Hier verzehrt das Volk an Tischen Austern, und hier kann man auch die Makkaronivertilger anstaunen. Man macht sich wohl das Vergnügen, einem Lazzarone oder Fischerjungen ein paar Gran zu schenken, damit er sich Makkaroni kaufe und sich im Verschlingen derselben produziere. Wo dieses Gewühl endigt, beginnt eine andere bunte Szene. In einem Gewölbe sprudelt am Kai die Schwefelquelle von Santa Lucia. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht schöpfen dies Heilwasser Weiber und Mädchen in Gläsern und bieten den Trunk aus. Man sitzt auf Stühlen umher, man trinkt ein Glas des mineralischen Wassers und ißt dazu kleine Kringel. Von allen Seiten strömen Besucher, von der Stadt her wie aus den Barken, welche kommen und gehen. Und hier wirft auch die nächtliche Nymphe ihre Netze nach dem Fremden aus. Die losen Mädchen kommen mit der Mutter oder gewöhnlich mit einer grauhaarigen Kupplerin, welche die Ehrenwächterin spielt, nach Santa Lucia und knüpfen sehr ominös bei einem Glase Schwefelwasser ihr Liebesabenteuer an.

So ist der Abend auf Santa Lucia. Auch der Tag ist nicht minder geräuschvoll. Man badet hier öffentlich vor den Augen der Welt. Vom Kai am Castel dell'Ovo sieht man zu jeder Stunde Buben und Jünglinge in das Wasser springen und köpflings ihre Schwimmkünste zeigen. Die Neapolitaner schwimmen gleich Delphinen. Das Element erhält den Menschen am ursprünglichen Naturzustande; der warme Himmel bringt die Nacktheit wieder zu Ehren, und die herrlichsten Studien der Antike lassen sich hier auf der Straße machen. Dieser Gegensatz ist sehr grell; am Kai rollen die Wagen mit Aristokraten der höchsten Gesellschaft; vor den Augen der feinsten Damen aus den Salons von Paris oder London springen Scharen nackter Menschen in paradiesischer Unschuld in die Wellen. Fischerbuben laufen nackt selbst auf die Straße und begrüßen mit vielen graziösen Verbeugungen und lebhafter Gestikulation den Fremden, der ihnen dann und wann einen Gran zu schenken pflegt. Ich machte mir oft das Vergnügen, vom vierten Stock meiner Wohnung herab diese Buben mit einem Gran auf die Straße zu locken. Auf einen Wink sprangen sie ins Wasser und kehrten triefend zurück, um den Lohn zu empfangen. Den Anblick des Nackten wird man im ganzen Golf nicht los. Selbst auf die eisernen Gitter des Hafens klettern Knaben, um sich dann kopfüber ins Meer zu stürzen.

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