Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 79
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
Schließen

Navigation:

Mitten in der circeischen Wildnis, am äußersten Ende des alten päpstlichen Landgebietes, mutete mich diese Inschrift auf dem bleichen Marmorstein mit so historischer Kraft an, als gehörte sie einer viel längeren Vergangenheit, ja als stände sie in gleicher Zeitlinie mit der berühmten Inschrifttafel im Gemeindehause von Terracina, die das Andenken der Austrocknung der Pontinischen Sümpfe durch den großen Gotenkönig Theoderich verewigt. Der Zeitraum von zwölf Jahrhunderten, welcher zwischen beiden Tafeln liegt, umfaßt beinahe die ganze Entwicklung des Abendlandes seit dem Falle des Römerreiches, er erscheint deshalb sehr groß – aber was sind im Weltleben zwölf Jahrhunderte? In Wahrheit nur ein Gestern und nichts mehr. Auf andern Lokalen wird man sich der vielen und langen Umwandlungen des menschlichen Geistes deutlicher bewußt, aber in diesem Pontinischen Sumpfe scheint die Zeit als eine unterschiedlose gleichgültige Fläche sich auszudehnen.

Ich empfand niemals so sehr, wie schnell die menschlichen Dinge legendär werden, als vor dieser Inschrift. Das weltliche Reich der Päpste, welches erst vor kaum drei Jahren für immer zu Fall kam, dünkte mich hier schon eine Mythe, auf deren Geschichtlichkeit man sich besinnen muß, wie auf die Herrschaft der Goten. Viele unauslöschliche Spuren haben die Päpste dem Lande eingedrückt, welches sie von Etrurien herab bis zum Circekap beherrschten. Wenn die gesamte historische Gestalt des Christentums wird vergangen sein, wenn die Dogmen und der Kultus der Kirche für die kommenden Geschlechter nur noch eine kulturgeschichtliche Bedeutung haben werden, wie sie heute für uns der Tempeldienst des Ptah und des Osiris hat, so wird man die Wappenschilder, die Inschriften und Denkmäler der mächtigsten aller Priesterkönige, die man Päpste nannte, mit noch größerer Wißbegierde aufsuchen als heute die Monumentalinschriften des Altertums; und die Ruinen des Sankt Peter und des Lateran werden für den Betrachter und Forscher Gegenstände tieferer Teilnahme sein als die Riesenmassen des Kolosseums und die Trümmer der Tempel und Thermen Roms.

Die Päpste haben vieles mit großem Römersinn zu schaffen vermocht. Selbst die Sümpfe hier bezeugen es. Denn seit jenem Gotenkönig Theoderich waren es zuerst wieder Sixtus V. und Pius VI., welche die Via Appia und das pontinische Kanalsystem herstellten. Jetzt hat die Regierung Italiens mit ihrem Erbe auch die Aufgabe übernommen, Begonnenes fortzuführen und noch Größeres zu leisten. Die Zeit, welche seit dem Untergange des «Dominium Temporale» verfloß, ist noch zu kurz, als daß man jener einen Vorwurf daraus machen könnte, daß sie noch nicht an die Vollendung des Hafens von Terracina gedacht hat. Dringender aber als diese wäre der Ausbau dessen von Brindisi, da er dem ganzen Süditalien ein neues Leben und den Handel mit dem Orient zurückgeben würde.

Ein Blick auf die Bucht Paola am Circekap, wie sie sich hier unter dem Schutze des Vorgebirges als Ankerplatz darbietet, lehrt, daß auch sie noch eine Zukunft haben wird. Hier ist die einzige Stelle am Kap, wo man landen kann. Dort stieg also Odysseus aus:

Dort mit dem Schiffe gelangt an den Felsstrand, lenkten wir heimlich zur
Herbergenden Bucht, und ein Gott war unser Geleiter!

Dort landete Tiberius, als er von Astura herkam; dort die Sarazenen, welche mehrmals das Circekap plünderten. Noch dauert der von Gaetani erbaute viereckige Küstenturm, Torre di Paola, ein schartiger und verwitterter Held, welcher manchen grimmigen Kampf mit den Meerpiraten bestanden hat.

Er steht auf einem Felsenvorsprung unmittelbar am Kap, welches hier seinen schönsten Gipfel emporstreckt. Das Meer und der Kanal sind nur wenige Schritte entfernt.

Diese Stelle am Turm war das schönste Ziel meiner Wanderung. Es ist eine köstliche, von der homerischen Sage durchdrungene Meereseinsamkeit. Die Saracinesca ist zerfallen; Fenster und Türen sind zugesperrt, so daß ich vergebens einzudringen versuchte. Das bleiche Salbkraut wächst auf dem grauen Gemäuer, und vom bittern Seewind verdorrte Halme wilden Korns schwanken ringsumher, während die Felsen droben von purpurroten Moosen glühen. Alles ist hier wie in Schlummer versenkt. Die Meereswelle rauscht an dem stillen Ufer in gleichförmigen Takten, welche alles Gegenwärtige in Schweigen begraben und ferne Bilder und Erinnerungen in der Seele wachrufen. Manchmal fliegt aus dem Myrtendickicht am Ufer ein Falk auf, einen hellen Jagdruf ausstoßend, dann zieht er seine geisterhaften Kreise weiter über Sumpf und See.

Die blendendweiße Düne umfaßt das blaue Meer in meilenweiter sanft gebogener Linie, bis wo sie sich nach Astura hin in Duft verliert. Hinter ihr liegen Wälder und Sümpfe als schwarze Massen. Sie verdecken andere Maremmenseen, den Lago di Caprolace, dei Monaci und Fogliano, welche eine ähnliche Beschaffenheit haben wie der See von Paola, aber hafenlos sind.

Soweit mein Blick diesem schönen Strande folgte, sah ich ihn vollkommen leer; nicht Hirt noch Herden entdeckte ich auf ihm. Keine Barke war irgend am Ufer sichtbar; nur drei oder vier weiße Segel schwebten auf dem Meer in der Richtung von Astura. Aus der Ferne flimmerte ein Turm, entweder die Torre di Fogliano oder das größere Schloß Astura. Man kann bis dorthin, ja bis Ostia am Strand entlang wandern oder reiten. Im Altertum aber ging hier hinter den Dünen entlang die Via Severiana bis zum Kap und um dasselbe herum nach Terracina. Ihre Stationen waren von dieser Stadt aus: Ad Turres, Circejos, Turres Albas, Clostra Romana, Astura und Antium.

Von der Höhe über dem Turm Paola blickt man in das weite strahlende Meer, aus welchem Ischia und die Ponzainseln deutlich auftauchen. Unter sich hat man die schroffsten Felsenabstürze von grauen oder rötlich glühenden Massen, so daß man hier durchaus an den Monte Solaro in Capri erinnert wird. Ich stieg wieder zum See hinab und kehrte dann auf derselben Straße nach San Felice zurück.

Nach zehnstündigem Fasten, nach der Meerfahrt, dem Wandern und Klettern in der schon wirksamen Sonnenwärme labten wir uns, mein Führer und ich, mit Wohlbehagen an den herrlichen, durststillenden Orangen dieses Landes. Das Zimmer der Kaffeeschenke war von Bewohnern des Kaps angefüllt, zum Teil großen und schönen Männern, doch ohne besonderes Kostüm. Man zeigte mir einige von ihnen mit der Bemerkung, daß sie beim Papst gedient haben, was unter den jetzigen Verhältnissen als etwas Besonderes, und zwar Ehrenvolles betrachtet zu werden schien. Man sagte mir auch, daß bis zur letzten Umwälzung die Besatzung aller Strandtürme von Terracina bis nach Porto d'Anzio aus San Felicianern bestanden habe.

Ein Fischer war heraufgekommen, meine Rückkehr zu erwarten oder zu beschleunigen; denn wie ich schon vom Turm Paolo aus beobachtet hatte, war mittlerweile der Wind stärker geworden und das Meer mit Wellenschaum bedeckt. Beim Gedanken an eine mehrstündige Fahrt gegen Wind und Wogen war mir dies ein nicht gerade erfreulicher Anblick.

Wir stiegen an einer andern Stelle des Abhangs herab zum Strande, wo sich einige antike Trümmer zeigten. Es würde wohl belohnend sein, hier einige Tage zu verbringen, auf den Felsen herumzuklettern, die schönen Höhlen zu sehen und die Türme del Fico, Cervia und Moresca zu besuchen, welche dort auf vorspringenden Rändern des Kaps stehen. Auf dem Strande fortschreitend gelangten wir wieder zum Turme Vittoria und bestiegen die Barke.

Alle sie stiegen hinein, auf Ruderbänke sich setzend,
Saßen gereiht, und schlugen die grauliche Woge mit Rudern.

Wir blieben eine Millie weit vom Strand entfernt. In Wahrheit nur wie eine Nußschale erschien mir die Barke auf dieser wogenden Flut, bald über die Linie des Horizonts und die Berggipfel im Hintergrunde hoch aufsteigend, bald tief unter dieselbe hinabtauchend. Dies machte mir großes Vergnügen, weil ich das bewegte Meer nicht fürchte und niemals auf ihm seekrank werde. Die Ruderer arbeiten mühsam, und mit fehlloser Kunst vermieden sie hier und benutzten sie dort jeden stärkeren Wellenzug. Ich sah dort in der Tat, was «ein gleichschwebendes» Meerschiff sei, denn unsere Barke hing fest und sicher in ihren vier Rudern, welche ihre Arme und Anker zugleich zu sein schienen. Es war indes eine harte Arbeit, vorwärts zu kommen, und schon hatten sich die Ruderer mehr als zwei Stunden lang angestrengt, als wir uns erst dem Turme Badino gegenüber befanden.

Dieser Turm und ein Kasino neben ihm bezeichnen die Stelle, wo sich der Portatore, ein Arm des pontinischen Kanals, ins Meer ergießt. Molen sind daselbst aufgeworfen. Die Fischer beschlossen hier unter Wind zu kommen und, statt die ermüdende Seefahrt fortzusetzen, auf dem Kanal nach Terracina zu fahren.

Die Brandung wälzte sich in hohen grauen Wogen in die Mündung des Portatore; die Barke taumelte darüber hinweg, und wir fuhren alsbald unter einer Zugbrücke in den mehr als stillen, völlig toten, sumpfschwarzen Wasserarm ein. Aus ihm gelangten wir sodann in die Linea Pia, welche in gerader Richtung nach Terracina führt. Sie ist auf beiden Seiten mit hohen Ulmbäumen eingefaßt, und um ihre Ufer blüht der reichste Flor von gelben Wasserlilien. Stellenweise war der Kanal versumpft oder mit wucherndem Pflanzenwuchs buchstäblich angefüllt. Es stiegen daher drei Ruderer aus der Barke und zogen diese, auf dem Lande fortgehend, an einem Seil weiter.

Zu jeder Zeit im Jahre wird die Linea Pia streckenweise gereinigt, und ebenso schnell füllt sie sich wieder mit dem dichten Gefaser der Sumpfgewächse. Die Reinigungsmethode ist sehr einfach: man treibt nämlich von Stelle zu Stelle ein Rudel von Büffeln in den Kanal und läßt von ihnen das Sumpfkraut niederstampfen. Diese Tiere streben natürlich sich zu befreien und das feste Land zu gewinnen, nicht weil sie das Wasser scheuen (sie sind im Gegenteil Sumpftiere), sondern weil die Arbeit des Stampfens und Zerreißens so dichter Pflanzengewebe auch ihre gewaltigen Kräfte bald ermüdet. Aber die sie begleitenden Treiber stoßen sie mit langen Lanzen in das Wasser zurück, und hinter dem Rudel fahren noch andere Peiniger auf dem sandalo, den Speer in der Hand. So sah ich folgenden Tages an der Appischen Straße bei der Station Mesa diese wilde Sumpfszene; nichts Sonderbareres kann man sich vorstellen als jene im Kanal zusammengedrängten schwarzen Untiere, die Nilpferden ähnlich scheinen, ihre mächtigen Häupter mit zurückgewendeten Hörnern schnaubend aus dem Wasser heben und so schwimmend und stampfend dahergezogen kommen.

Je mehr wir uns Terracina näherten, desto belebter wurde der Kanal. Viele belastete Sandalen fuhren auf ihm daher; auf manchen saßen Männer in guter bürgerlicher Kleidung, welche Reisende zu sein schienen und wohl pontinische Landbesitzer sein mochten.

Wir stiegen aus dem Boot an der Brücke beim großen Militärhospital. Ich ging sofort zum Ufer, neben dem Gasthaus, um zu erfahren, was aus der Riesenschildkröte geworden sei. Sie lag jetzt auf einem zweirädrigen Karren mit Stricken umbunden und sorgsam in eine Hülle von Bast gewickelt, wie als wollte man sie vor Erkältung schützen. Viel Volk stand umher, sie zu betrachten. Ihre starke Schale war vom schönsten Braun mit schwarzen Flecken; ihr Kopf wie eines Adlers Kopf, selbst das Maul hatte Schnabelform. So lag sie noch lebend und blickte aus geöffneten Augen mit stoischem Gleichmut die Gaffer an. Vielleicht wollte sie sagen: ein wieviel greulicheres Geschöpf als ich, bist du, o Mensch, tausendmal grausamer und gefräßiger als der Hai, da du selbst die Ungetüme des Meeres ihrer Tiefe entreißest, um sie dann in deinem Magen zu begraben, dem großen Schlund und Abgrund der lebenden Welt! Nachts sollte die Schildkröte ihrem letzten Schicksal entgegengeführt werden, nach Piperno nämlich im Volskergebirge, wo man sie als Fastenspeise verkaufen wollte.

Circe

        Die Winde schlafen all', am abendhellen
Gestade schlummert ein das Meer und ruht;
Fern steigt verklärt von letzter Sonnenglut
Der Circe Kap, ein Märchen, aus den Wellen.

Ein Schiff! ein Schiff! es läßt die Segel schwellen
Lichtstreifen ziehend durch die stille Flut;
Und seh' ich's an, so wird es mir zu Mut,
Als ob ihm Sehnsuchtsklänge süß entquellen.

Es schwebt so sanft, geheimnisvoll und leise,
Bald naht es sich, bald treibt es wieder fort,
Und schlingt um mich die stillen Geisterkreise.

Ein rosig Traumbild sitzt an seinem Bord,
Es singt auf sagenvollen Wellen dort
Frau Circe noch die alte Zauberweise.

 << Kapitel 78  Kapitel 80 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.