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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 78
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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San Felice steht auf einem natürlichen Flächenraum von mäßiger Breite; hinterwärts ragen darüber die waldigen Wände des Kaps auf, vorwärts breitet sich die sonnige Ferne aus und unten in der Tiefe das blaue Meer. Das Städtchen hat nur wenige und geradlinige Straßen, welche das Baronalschloß und die neben ihm stehende ansehnliche Kirche überragt. Vor dem Palast liegt der Platz oder die Hauptstraße. Die Häuser sind meist einstöckig und ohne jede monumentale Architektur. Ich war daher nicht wenig erstaunt, einen so alten, vom Weltverkehr so ganz abgeschiedenen Ort als offenen Borgo von gleichgültigem Charakter zu finden. Denn daß San Felice die Stelle des alten Circeji einnimmt, kann nicht bezweifelt werden, weil es sonst nirgends auf dem Kap eine gleiche große Fläche gibt, wo eine Stadt gebaut werden konnte.

Alle antiken Reste sind hier verschwunden. Zwar nimmt der Palast der Gaetani offenbar die Stelle einer mittelaltrigen Burg ein, die wohl schon vor der Herrschaft jener Barone von irgendeinem ihrer Vorgänger angelegt war, aber dieses Baronalschloß war nicht die alte «Arx Circeji». Denn diese lag über der heutigen Stadt auf einer hohen Felsenmasse, wo noch Reste von zyklopischen Mauern aus fünf Fuß dicken und ebenso langen Steinen erhalten sind. Ich kam darum, diese Reste zu sehen, wegen meiner falschen, vorgefaßten Meinung, daß der Palast Gaetani auf den Trümmern der alten Arx erbaut worden sei.

Dieser Palast bildet ein großes Viereck mit einem geräumigen Hofe, welcher ehemals Burghof war. In seiner Mitte steht eine prächtige Gruppe von hohen Oleandern und Myrtenbäumen. An einer Mauer liegen sechs marmorne Säulenbasen, die einzigen Altertümer, die ich in San Felice wahrnahm. Vergebens suchte ich nach Wappenschildern und Inschriften des Mittelalters über den Türen, von denen nur eine einzige gotische Form zeigte. Von dem älteren Schloßbau stammt noch der viereckige Turm her, an welchen sich das Hauptgebäude anlehnt, aber auch er ist erneuert. Der Umbau dieses Baronalschlosses gehört einer spätern Epoche der Gaetani, welche sich wohl im 17. Jahrhundert hier gemächlicher einrichteten, um ab und zu einige Wochen in diesem Schlosse zuzubringen. Die gründlichste Veränderung erfuhr dasselbe hierauf durch Poniatowski.

Er hat das Innere neu ausgebaut, Säle und Zimmer angelegt und mit Malereien schmücken lassen. Die jetzt öde Wohnung war sicherlich ein reizender Sitz, und kein schöneres Asyl konnte der Neffe des Königs von Polen wählen als dieses Circekap. Er kam oft hierher, von Rom, wo er die Villa vor der Porta del Popolo besaß, die noch seinen Namen trägt. Er scheint ein Wohltäter dieses kleinen Orts gewesen zu sein: er verbesserte ihn, legte eine Fontäne und einen Weg zum Strande an, er lohnte reichlich die ihm geleisteten Dienste und Arbeiten.

Neben dem Städtchen erbaute er sich auch ein Kasino, welches jetzt wie der dazugehörige Garten in gänzlichem Verfalle liegt. Es steht am Rande der Hochfläche über dem Meer und ist deshalb das herrlichste Belvedere, welches man sich denken kann.

Wie ich gesagt habe, verkaufte Poniatowski das Kap im Jahr 1822; bald darauf verkaufte er auch seine Villa und Antikensammlung in Rom und zog nach Florenz, wo er im Jahre 1831 starb.

Das Volk von San Felice zählt 1200 Seelen. Seine Beschäftigung ist Weinbau und Ackerbau auf den fruchtbaren Feldern zu Füßen des Kaps. Es gab früher einige Industrie, namentlich in Gefäßen von Ton, auch gaben die Alabastergruben Beschäftigung. Diese Nahrungszweige sind eingegangen. Doch schien mir die Bevölkerung nicht gerade Mangel zu leiden oder in bettelhaftem Elend zu leben. Es gibt hier nur eine Herberge sehr primitiver Natur, die Kaffeeschenke auf dem Platz, und dort hätte ich übernachten müssen, wenn ich den Gipfel des Kaps besteigen wollte, wie es wohl mein Wunsch war, weniger um die antiken Gemäuer zu sehen, welche dort oben als Reste des Circetempels gezeigt werden, als um die unvergleichliche Aussicht zu genießen. Denn in klarer Luft, so sagte man mir, sieht man von der Spitze des Kaps, welche etwa 1900 Fuß beträgt, das Kloster Camaldoli oberhalb Neapel und die Peterskuppel von Rom.

Von San Felice kann man am bequemsten zum Gipfel des Berges steigen, denn dorthin führen Felsenpfade durch das dichte Waldgebüsch. Man braucht jedoch viele Stunden, um sich emporzuarbeiten. Ich begnügte mich dem ganzen Kap entlang zu gehen, und dies kann man nur auf der Landseite tun, denn auf der Meeresseite fallen die Felsen so schroff ab, daß sie keinen Strandsaum übriglassen. Die Entfernung von San Felice bis zu dem Punkt, wo der breite Landrücken des Kaps wieder das Meer trifft, also beim Kanal von Paola, beträgt drei Millien, und dies ist auch die Länge des Kaps, während seine Breite auf eine Millie oder weniger berechnet wird.

Ich ging von San Felice erst eine kurze Strecke auf einem bequemen Wege fort und stieg dann über den Felsenabhang in die bewaldete Ebene nieder. So wanderte ich am Fuße des Kaps fort, dessen ganze Gestalt ich stets vor Augen hatte. Es ist eine mächtige Pyramide, deren höchste Spitze am äußersten Ende nach Westen zu sich emporstreckt. Bis zum Kamm hinauf ist der Berg landwärts mit Eichenwäldern und anderen Gebüsch bedeckt, aus dem hier und da schroffe rote Steinmassen hervortreten. Die Wände erheben sich oft perpendikulär und scheinen ein Dach zu tragen, auf dessen First man zum höchsten Punkte gelangen kann. Das ganze Kap scheint überhaupt wie ein einziges schräg absinkendes Dach sich bis zum Gipfel fort zu erstrecken, doch unterscheidet man zehn Berge oder Gliederungen des Vorgebirges, welche ihre besonderen Namen tragen. In den Ritzen des Felsgeklüftes wächst wild die Zwergpalme; von dort pflegen sie die Gärtner Roms zu holen. Viele Palmen dieser Gattung, welche den Pincio zieren, sind auf diesem Circekap gewachsen. Ich kam erst durch ein Gebüsch von Myrten, Lentiscus und Erika, die hier baumartig aufstreben; dann folgten hohe Korkeichen, immergrüne und deutsche Eichen. Die nordische Eiche, welche bei uns am spätesten zu grünen beginnt, ist in diesem Klima einer der frühesten Bäume. Ich fand sie längs des Kanals der Linea Pia schon im vollentwickelten Schmuck ihres Laubes, während der Ulmbaum noch nicht soweit vorgeschritten war. Der schöne Wald am Kap trägt den Namen Selva Plana. Zahlreiche Herden von Schafen und Rindern weideten in ihm, und sie gaben dieser stillen Landschaft den Charakter einer großen Idylle. Wenn man überhaupt auf diesem Kap eine Stelle für das Tal und den Palast der «hehren melodischen Göttin» Circe suchen will, so gibt es dafür entweder nur auf der Hochfläche von San Felice selbst oder an diesen Abhängen ein passendes Lokal. Denn hier sind, wenn auch nicht eigentliche Täler, so doch breite Flanken des Berges, wo das homerische Zauberschloß zugleich in schattiger Waldeinsamkeit und in «weitumschauender Gegend» gedacht werden kann. Eine unerschöpfliche Flora wuchert hier. Vielleicht blüht darunter auch das heilsame Kraut Moly, welches Hermeias dem duldenden Odysseus darreichte: «Schwarz war die Wurzel zu schauen und milchweiß blühte die Blume.»

Weil aber der Held selber sagt, daß es den sterblichen Menschen zu graben schwer sei, so werden die Botaniker darauf verzichten müssen, es ohne eines Gottes Beistand aufzufinden.

Die Phantasie des Volks hat übrigens auf dem Kap keinen eigentlichen Ort als Wohnung der Circe festgestellt. Die Sage selbst lebt hier mehr als Name der Maga Circe denn als Fabel fort. Ihr Dasein ist ein künstlich archäologisches. Man scheint sich die Maga als eine Loreley zu denken, welche Schiffe an sich zog und stranden machte. Man sagte mir, daß sie endlich durch ein fremdes Schiff überlistet wurde, welches ganz aus Kristall gebaut gewesen sei. Dorthinein habe man die Zauberin gelockt und dann entführt. Seither sei ihre Spur verschwunden. Ich glaube kaum, daß die Einbildungskraft dieses nüchternen und hart arbeitenden Volks auf dem Kap an dem schönen Circemärchen weiter dichtet. Und vielleicht machte sich mein Führer nur ein Vergnügen daraus, mir zu erzählen, daß in der Zeit seines Aufenthaltes in San Felice eines Morgens ein Wachtposten am Turm del Fico bewußtlos aufgehoben wurde, weil er des Nachts einen Hund mit feurigen Augen magische Kreise um ihn her hatte schlingen sehen.

Als ich aus dem prächtigen Walde trat, lag der See von Paola vor mir zur Rechten, links der Meeresstrand und über ihm am Ende des Kaps ein großer Turm, die Torre di Paola. Der See zeigte sich als ein grauer melancholischer Wasserspiegel, zwischen flachen Ufern, ein wahrer Maremmensee. Er zieht sich landwärts mehrere Millien weiter fort. Zwei kleine sehr alte Kirchen stehen an ihm, San Paola und Santa Maria della Surresca genannt. In alten Zeiten hing er mit dem Meere zusammen und bildete einen Hafen. Nachdem er sich geschlossen hatte, wurde seine Verbindung mit jenem durch einen Kanal hergestellt.

Lukull hatte dort eine Villa und seine berühmten Fischereien. Auch im Mittelalter betrieb man daselbst Fischfang und Entenjagd (die wilde Ente heißt hier Folaga), so daß die alte Kanalisierung des Sees wohl nur zeitweise in Verfall geriet. Innocenz XIII. ließ das stattliche Kasino und die Kirche aufführen, die noch am Kanal stehen, doch verwitternd und verlassen, und andere Häuser unmittelbar am Seeufer, Wohnungen für Fischer und Aufseher oder Magazine. Heute hat ein Spekulant aus Sperlonga die Fischerei des Sees gepachtet, für die geringe Summe von 7500 Lire jährlicher Abgabe.

Die warme Mittagssonne flammte auf diesem bleifarbenen See in der tiefsten Wildnis von Sümpfen und Wald. Kaum regten sich die hohen Binsen und die Tamarisken an seinem Ufer; kein Nachen war auf ihm sichtbar: diese düstere versumpfte Stille ringsumher hatte etwas Märchenhaftes.

Wir schritten auf die Häuserreihe am Ufer zu, einem ummauerten Garten entlang, der von Poniatowski angelegt wurde und jetzt ganz verwildert ist. Am Eingang des Hauses saß ein Fischerweib mit ihren Kindern, die keineswegs fieberkrank, sondern frisch und blühend aussahen, unter weit umhergestreuten Netzen, Stangen und anderm zum Fange dienenden Geräte. Nun kamen auch Männer hervor und mit ihnen der beglückte Fortsetzer der lukullischen Geschäfte, jener Spekulant aus Sperlonga. Dieser Mann befahl einem jungen Knecht, mir die Fischbehälter zu zeigen. Wir bestiegen demnach einen Sandalo.

Ich sah hier zum erstenmal das Fahrzeug, welches so genannt wird, und hörte hier zuerst diesen Begriff in der lebenden Sprache. Denn er ist alt; ich kannte ihn bereits aus Urkunden, welche das pontinische Sumpfland betreffen. So wird in einer solchen vom Jahre 1223 der Abtei Grotta Ferrata das Recht verliehen, zu halten «duos sandalos ad piscandum in Lacu Folianensi» (zwei Sandalen zum Fischen im See von Fogliano). Der Sandalo ist das Fahrzeug für Sumpfwasser, viereckig und platt; die Größe richtet sich nach dem Bedürfnis. Er ist Lastschiff und Reisekahn zugleich. Von den ältesten Zeiten herab hat sich demnach Name und Gebrauch diese Bootes erhalten, welches ohne Zweifel von seiner Form so genannt wird. Auf solchen Sandalen fuhren wohl schon in Römerzeiten die Reisenden, wenn sie beim Forum Apii auf dem Kanal Decemnovius eine Strecke im Kahn zurücklegten.

Die Fischbehälter befinden sich in der Nähe des Ufers; sie bilden einen Zusammenhang von Kammern, die mit Geflecht umzogen sind. Ich hatte gehofft, hier das seltenste Aquarium zu sehen, aber meine Täuschung war groß; denn weder in diesen Behältern, noch in den gemauerten antiken Bassins, welche noch heute benutzt werden, bekam ich auch nur einen einzigen Fisch zu sehen.

Ich ging vom See längs des Kanals zurück, um an das Meer zu gelangen. Dieser Kanal von römischer Anlage ist etwa 30 Fuß breit und zu beiden Seiten aus Backsteinen aufgemauert. Innocenz XIII. ließ ihn im Jahre 1721 wiederherstellen. Massive Schleusen sperren ihn gegen den Meeresandrang; man öffnet dieselben, um die Fische hereinzulassen, deren ich dort auch einige sah. Das eine der Schleusenwerke dient zugleich als Brücke. Ich fand auf dieser eingemauert das Wappen der Conti, den Campagnaadler mit Schachbrettwürfeln, und darunter folgende Inschrift, das Denkmal jenes Papstes vom Hause Conti: «Quod Inter Mare Tyrrhenum Lacumque Circejum Pristino Aquarum Restituto Commercio Carolo Collicola Aerario Ac Rei Marittimae Praefecto Piscatorio Urbis Foro Fisci Rationibus Ac Publicae Utilitati Providerit Anno Pont. Primo.»

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