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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 75
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Porto d'Anzio besitzt kaum eine Frauenschönheit und kein nationales Kostüm, weil es überhaupt erst eine werdende und zusammengewürfelte Bevölkerung hat. Aber beides, schöne Frauen und eigentümlicher Volkscharakter, zieren jene kleine Stadt Nettuno, welche malerisch auf dem östlichen Ufer steht, die schwarzen Mauern seines Kastells in die Wellen hineinsenkend. In drei Viertelstunden ist man drüben; es ist von Porto d'Anzio aus ein rechter, wohlgemessener Spaziergang und der schönste an dieser Küste. Das bebuschte Ufer trägt in der Mitte zwischen beiden Orten die schöne Villa des Fürsten Borghese, welcher alles Land ringsum zu eigen besitzt. Weiterhin steigen die Volskerberge auf, und das Kap der Circe schwebt vor den Augen in seiner leuchtenden Gestalt, so zauberisch in Licht und Schatten gemalt, daß es durch Form und Erscheinung an die schönsten Felsen Europas erinnert, an Capri und den Berg San Pellegrino bei Palermo. Man geht nach Nettuno auf der Fahrstraße der Villa vorbei, zwischen Kork- und Steineichen, und an manchem römischen Gemäuer vorüber. Ja selbst auf die Landstraße ziehen sich alte Mosaikböden hinunter, die wie natürliche Schichtungen des Bodens aus dem Erdreich hervorragen. Aber noch angenehmer ist es, unten auf dem weißen Strande den Wellen entlang zu gehen. Das Ufer besteht durchweg aus Sand von hochgelber oder glühendroter Farbe, oder aus vulkanischem Tuff. Die bläuliche Stranddistel vom Baltischen Meer wächst hier allenthalben, wie die Skabiose und die Kamille, aber statt der Weiden, der Erlen und Buchengebüsche muß man sich die Gewächse des Südens denken, weißblühende Myrten in herrlichster Fülle, den Mastixstrauch, den Erdbeerstrauch, den goldblütigen Ginster, der alle Küsten des Mittelmeers so reizend umbuscht, und den wilden Ölstrauch. Malerisch hängen die Malven mit ihren großen weißen Kelchen und die zartfarbigen Brombeerblüten in überreichen Kränzen von den Büschen und ringeln sich schaukelnd über den Rand der Tuffwände hinunter; prächtig blüht jetzt unter duftigen Kräutern der klassische Akanthus, breitet stolz seine schönen korinthischen Blätter aus und streckt die hohe Blumenpyramide hervor, welche weiß und rosa gefärbte Blumenlappen bilden. Hin und wieder stehen an den Ufern Kaktus und Aloe, doch erscheinen sie hier nur als fremde Gäste. Noch immer weilt die Nachtigall auf diesem lyrischen Ufer. Es ist nun lange Sankt Johann vorüber, wo die Vögel schweigen und der Grille Anakreons den Gesang überlassen, aber sie kann sich nicht von diesem Grün und diesen Wellen trennen; die ganze Seeküste entlang bis nach Astura und am Pontinischen Sumpf erschallt ihr melodisches Lied.

Eine tiefe Stille herrscht um und in Nettuno, der Stadt des Neptun. Alte Türme aus schwarzem Tuff und krenelierte Mauern, welche der Sarazene oft genug bestürmt hat, umringen den Ort von allen Seiten. Kein Fischer noch Matrose macht das spiegelglatte Wasser lebendig, denn Nettuno hat keinen Hafen; es nährt sich von Wein- und Gartenbau und der Viehzucht. Eine einzelne alte Säule steht auf dem Platz, als Wappen und Wahrzeichen der Colonna, denen einst Nettuno gehört hat. Die Straßen durchduften Nelken mit ihrem Arom, denn überall stehen sie vor den Fenstern, schlinge sich wie Winden herab und wiegen die unglaubliche Fülle ihrer roten Blüten in der Luft. So schöne Blumen verraten schönere Frauen; ja die Nelken sind hier die Nationalfahnen, welche die Frauen Nettunos aus den Fenstern hängen; ihre eigene Tracht ist so flammend rot wie die Nelkenblüte.

Es ist höchst merkwürdig, daß auch die kleinsten Orte in Italien sich nach uralter Weise als Republiken für sich behaupten in Sitte, Volksphysiognomie und Tracht. Da hat ein jeder Felsen- oder Strandort ein eigengeartetes Volk. Man muß diese Nettunesen bei ihren Kirchenfesten sehen, um ihre malerische Tracht vollständig vor sich zu haben als Nationalkostüm. An gewöhnlichen Tagen sind es nur Einzelheiten, die als bestimmte Merkmale auffallen, wie die schöne Weise, das Haar in der Mitte zu scheiteln und ohne Hinterzopf glatt um den Kopf zu winden, wie ferner die grünen Bandschleifen im Haar, welche dem Mädchen, die roten, welche der Frau, die schwarzen, die der Witwe unerläßlich sind, so daß man immer weiß, wer noch «zitella» ist, oder schon «maritata».

Ich habe dort zwei Feste erlebt, Sankt Johann und San Luigi. Am ersten Tage ging eine Prozession mit Musik durch die Straßen; das Kreuz war ganz und gar mit Nelken umwunden, und Blumen trugen alle Leute. Der Prozession folgten Mädchen und Frauen; es war erstaunlich, so viele herrliche Gestalten in strahlenden Gewändern durch den schwarzen Ort schreiten zu sehen. Die Tracht ist diese: ein gold- und silberstreifiges Tuch liegt auf dem Kopf, in Form eines steifen, nach innen gebogenen Deckels, welcher über das Profil des Kopfes weit vorragt. Ein langes dunkelrotes Kleid von Seide oder Samt, mit breiten Silber- oder Goldborten gestickt, fließt feierlich herab; darüber sitzt ein Jäckchen von demselben Rot, und Schöße und Ärmel mit Brokat gebrämt. Blitzender Schmuck von goldenen Ringen, Ohrgehängen, Korallen und Armbändern vollendet den schönsten Anzug. Die Farbe der Gewänder ist aber auch meergrün oder veilchenblau oder ganz schwarz oder dunkelblau. Es scheint, als zwinge diese fürstliche Tracht schon an sich auch zu einer stolzen und edeln Haltung, und wahrlich, ich sah diese armen Nettunesen durch ihr verwittertes Städtchen einherschreiten mit der Grandezza der Römerinnen und nicht minder schön als sie, viele mit dem edelsten griechischen Profil, rabenschwarzen Haaren und funkelnden Augen, ein wonniger Anblick, auch das härteste Herz zu bezwingen. Als man die unvermeidlichen Böller losbrannte und die Kanonenschläge knattern ließ, welche über eine alte Mauer wie eine Girlande gezogen waren, und nun jene edlen Frauengestalten in Gruppen hoch auf diesem schwarzen Gemäuer standen und aus den Pulverwolken die goldgestickten roten Gewänder hervorschimmerten, war es anzusehen wie ein ganzer Olymp von Götterbildern.

Und auch ohne diese Tracht sind die Nettunesen schön. Man sieht sie alle Tage an dem gemeinschaftlichen Brunnen in patriarchalischer Weise waschen, ihrer stets eine Schar beisammen. Dem Fremden stehen sie nicht Rede, sie sind scheu wie Rehe und antworten kaum auf den Gruß, es sei denn mit niedergeschlagenen Augen.

Der Tag des heiligen Luigi hatte einen andern Charakter. Er ist ein Volksfest, und lebhaft erinnerte er mich ans Vaterland. Auf dem Marktplatz der Vorstadt hatte man ein galgenförmiges Gerüst errichtet und mit Zweigen geschmückt; vom Querbalken hing eine bewegliche Wassermulde herab; darunter mußten junge Leute auf Eseln wegreiten und geschickt ein Loch im Zapfen der Mulde mit der Lanze treffen. Ob dies nun getroffen wurde oder nicht, immer drehte sich die Mulde um und übergoß den Reiter. Schallendes Gelächter erntete jeder ein. Wer getroffen hatte, erhielt zwei Paul als Siegerlohn, welche ihm ein kampfrichtender Priester einhändigte. Als dies Spiel und ein Topfschlagen vorüber war, ging es an die Tombola oder Lotterie, ohne welche kein Fest in italienischen Landen bestehen kann. Man verspielte ein Stück Kattunzeug, welches als Fahne auf einem Balkon wehte. Ein Knabe griff die Lose und las jede Nummer und jeden Sinnspruch desjenigen ab, der das Los gezeichnet hatte. Die Sinnsprüche erregten oftmals schallendes Gelächter. Alle diese Festlichkeiten vollzog man mit dem gebildeten Schicklichkeitsgefühl, welches dieses fein geartete und glücklich begabte Volk Italiens auszeichnet.

So lebt und vergnügt sich die kleine nettunische Nation von kaum 500 Seelen in ihrer großen Abgeschiedenheit, denn Meer und pontinischer Sumpfwald umschließen sie von beiden Seiten, und die Verkehrsstraßen, hier nach Anzio, dort durch die Wildnis nach Velletri, sind wenig belebt. Doch hat Nettuno Gärten und Ackerbau und versorgt selbst Anzio mit Wein; täglich sendet es seinen Wagen voll weißen Brotes nach dem Hafen, weil hier nur das gröbere Brot gebacken wird. Ich habe auch trefflichen Wein in Nettuno getrunken, und das will in diesen Zeiten etwas sagen, wo der Gott Bacchus von der Pest ergriffen ist. Eines Tages führte uns ein Bürger in seinen Tinello, seinen Weinkeller; höchst geheimnisvoll stieg er in ein Verlies hinunter und kam herauf mit dem prächtigsten roten Wein, wie ich ihn seit Syrakus nicht mehr gekostet hatte.

Nun aber hört mit Nettuno die menschliche Kultur an dieser Küste auf, denn gleich hinter der Stadt beginnt die pontinische Wildnis. Der Buschwald zieht sich bis gegen Terracina hin. Kein Ort steht mehr am Strande, nur einzelne Türme steigen aus der romantischen Einsamkeit empor, jeder etwa zwei Millien von dem andern entfernt. Die schwermutsvolle Verlassenheit dieser Ufer und der Reiz ihrer Urwildnis ist wunderbar. Man möchte glauben, nicht mehr auf dem klassischen Strande Italiens, sondern an den wilden Küsten der Indianer Amerikas zu wandern. Das stete Rauschen der Meereswellen, die flimmernde Sommerluft auf dem immer flachen und weißsandigen Ufer, der endlose tiefgrüne Wald, der bis auf einige hundert Schritte nahe das Meer begleitet, das Klagegeschrei der Habichte und Falken, die still und hoch schwebenden Adler, das Stampfen und Brüllen wilder Rinderherden, Luft, Farbe, Ton, Gestalt von Wesen und Elementen verbreiten hier eine Stimmung vollkommen mythologischer Natur.

Am 28. Juni machten wir uns auf, der Maler und ich, längs dieser Küste drei Wegstunden nach Astura zu gehen. Es war ein Morgen von kristallreiner Frische; die rosenfingerige Eos blühte eben über dem Meer auf und verklärte jenes homerische Kap der Circe vor uns, dessen Anblick über diese Ufer einen klassischen Hauch ergießt. In Nettuno kauften wir uns Brot und Wein, und so wanderten wir von dannen. Auf einem alten Baumstumpf neben einem großen Kohlenhaufen hielten wir unser Frühbrot; es schmeckte uns so gut, wie es nur den wandernden Odysseus erquicken konnte, als ihm Circe das wohlbereitete Mahl in ihrem Palast aufgetragen hatte. Wie ist es doch herrlich, in solcher seligen Frühe, im Anblick dieser homerischen Ufer, sich hinzulagern an dem endlos blauenden Meer, welches sich weiter und weiter in Licht und Rosenduft aufzulösen scheint.

Und bis soweit war alles Herrlichkeit in und um uns. Nun aber hob ein Sorgen an, denn wir waren in die Region gekommen, wo der Buschwald nahe ans Meer tritt. Wir fürchteten nicht die Räuber, wohl aber die Büffel- und Rinderherden, welche hier in wildem Zustande, nicht einmal von Hirten gehütet, umherschweifen.

Alles Küstenland bis Terracina ist mit zahllosen Herden bedeckt, mit hoch und prächtig gehörnten Ochsen, Kühen und Stieren von derselben klassischen Gestalt, wie man sie lebend auf der Campagna von Rom sieht und in den Opferszenen am Fries des Parthenon dargestellt findet. Ihre Hörner sind fast drei Fuß lang, weit auseinanderstehend, in den kühnsten Linien geschweift, dick, klar, und schön gefärbt. Man sieht solche Hörner fast in jedem Hause im Süden als Amulette gegen den Malocchio, den bösen Blick, und ihre Abbilder im kleinen trägt der Principe an der Uhrkette, das Fischerkind an der Halskette. Die Ochsen sind scheu und wild und höchst gefährlich, nur der Hirt auf seinem Pferde weiß sie mit der Lanze zu schrecken. Aber noch weit gefährlicher sind die Büffel. Sie leben hier in Gehegen oder laufen wild umher; gern wälzen sie sich in Morästen wie das Schwein. Sie schwimmen mit großer Leichtigkeit. Wenn man die Pontinischen Sümpfe oder die Niederung von Pästum durchreist, so kann man diese schwarzen Ungeheuer rudelweise im Moor liegen sehen, woraus sie oft nur die plumpen Köpfe schnaufend emporstrecken. Der Büffel hält den Kopf stets zur Erde und blickt tückisch von unten auf. Er gebraucht sein Horn nicht, weil dies wie beim Widder rückwärts gekrümmt ist. Aber mit der ehernen Stirn stößt er den Menschen um, welchen er verfolgt und erreicht, dann senkt er seine plumpen Knie auf seinen Leib und zerstampft ihm die Brust, so lange er noch einen Odemzug darin verspürt. Das fürchterliche Tier bändigt der Hirt mit dem Speer. Er zieht ihm den Ring durch die Nase, und so wird es vor den Karren gespannt, die schwersten Lasten, Steinblöcke und Stämme fortzuschleppen. Die Büffelkuh gibt aus ihrer Milch die Provatura, den Büffelkäse, welcher schwer verdaulich ist. Das Büffelfleisch ist hart, und weil es verachtet wird, kaufen es die armen Juden im Ghetto zu Rom, deren allgemeine Fleischspeise es ist. Büffelherden bevölkern die Pontinischen Sümpfe, jene trostlosen und fieberfeuchten Reviere von Cisterna, Conca und Campo morto, wo selbst der Mörder nicht gefahndet wird, wenn er sich dort hinüberrettet; die Menschen aber, welche jene Büffelherden beaufsichtigen, fieberhaft und elend, leben selbst im Zustande der Verwilderung, fast den Indianern der Prärien zu vergleichen.

Vor solchen Begegnissen hatten wir nicht geringe Angst, und kaum waren wir in jene Region des Buschwaldes gekommen, als wir das ganze Ufer von Herden wimmeln sahen. Sich allein überlassen, haben sie hier ihre althergebrachten Pfade, wie die Regel ihrer Stunden. Mit dem Morgen kommen sie aus dem Buschwald ans Meer, um das Salzwasser zu saufen, dann strecken sie sich am Strand hin oder weiden an der Küste. Sie bleiben dort die heiße Tageszeit über, und wenn die Nachmittagskühle zu wehen beginnt, erheben sie sich vom Sande und wandeln langsam grasend die Küste hinauf und ziehen sich weiter ins Gebüsch bis sie im tiefen Wald zur Nachtzeit sich niederlegen, um dann morgens wieder zur Küste hinabzusteigen.

So standen wir zweifelnd bei diesem Anblick der wimmelnden Küste still. Wie sollten wir hindurchkommen, da zahllose Rinder sie bedeckten, uns den Weg abschnitten, und da viele schon in den Wellen standen, um die Flut zu schlürfen. Wenn wir nun auf dem Strande fortgingen, so durchschnitten wir offenbar ihre Richtung, weil sie doch den Zug meerwärts nahmen, und irgendein wütender Stier schleuderte uns vielleicht nach dem Kap der Circe hinüber. Wir überlegten daher, ob es nicht besser sei, uns dem Buschwalde nahe zu halten, und «dieser Rat schien den Zweifelnden endlich der beste».

Immer stiegen neue Scharen herab, und andere ließen sich im Walde vernehmen, wo sie aus dem Myrtendickicht hervorbrachen. Ein paar herrliche Stiere sahen uns, hoben die schimmernden Stirnen auf, stutzten; wir wandten uns stillschweigend seitwärts nach dem Busch, und im Augenblick waren wir darin.

Schwerlich kann sich die Phantasie einen Buschwald denken, der sich zum Räuberwesen besser eignete als dieser Wald von Astura. Hier sind es noch nicht hochstämmige Eichen, die ihn bilden, sondern dichtestes Gestrüpp von Korkholz, Oleaster, Mastix, Arbutus, Schwarzdornen und Myrten. Die Gebüsche sind von Schlingpflanzen dicht verfilzt oder vom Efeu so ganz übersponnen, daß sie hohe Kuppeln nebeneinander bilden, gleich grünen Waldmoscheen, undurchdringlich für die Sonne oder den Regen. Wir fanden Myrtengebüsche in Baumeshöhe, und rings flog und wehte ein Geruch der Wildnis, welcher alle Sinne durchdrang. Der Boden ist wellenförmig gehügelt, von Quellen durchrieselt oder von Sümpfen durchzogen. Das Stachelschwein, die Schildkröte und die Schlange wohnen hier. Oft sahen wir die zerrauften Flügel und Federn eines wilden Huhns am Boden hingestreut, Reste eines Adlermahls, deren Anblick die düstere Poesie dieses Ufers noch erhöhte.

Wir vermieden glücklich die Herden, und so oft ein Nachzügler herabkam, hielten wir uns still im Busch, bis er vorüber war. Nachdem wir kreuz und quer über Quellen und Gräben und Hecken gestiegen waren, gelangten wir endlich wieder ans Ufer, sahen den Strand frei und ruhten behaglich an einem Gemäuer am Meer, von dem eine Verzäunung quer über den Strand gezogen war, die Abteilung einer Herde zu bezeichnen. Auch dies Gemäuer gehörte zu einem alten römischen Palast, wie uns ein Stück Mosaik überzeugte.

Wir hatten nun Astura eine Stunde weit vor uns, und indem wir auf dem öden Strande den melancholisch rauschenden Wellen entlang gingen, überschlich mich selbst eine Traurigkeit, wie solche die Seele an Gräbern großer Vergangenheit zu rühren pflegt. Es ist nicht die Erinnerung an das Ende des jungen Konradin und des Hohenstaufengeschlechts allein, was diesen Ufern ihre wehmütige Stimmung gibt und das deutsche Gemüt mehr als ein anderes ergreifen muß, es ist auch der Charakter der Natur selbst. Ich wünschte ihn so ganz ausdrücken zu können, wie es mein Gefährte in seiner Zeichnung vermochte, auch will ich hoffen, daß er die Blätter, die er hier entworfen hat, bald veröffentlichen wird. Überhaupt sollte irgendein artistisches Institut Deutschlands ein Hohenstaufenalbum herausgeben.

Landwärts schließt hier die Gegend der Sumpfwald, über welchem die Volskergebirge aufsteigen und in ernsten Formen sich zum Meere niedersenken; seewärts erhebt sich inselartig das Kap der Circe; im Mittelgrunde zieht der schneeweiße Strand hin und endet in einer aufs Meer laufenden Düne. Auf ihr steht einsam eine kleine gemauerte Kapelle, und wenige Schritte weiter erhebt sich mitten in der Flut das Schloß Astura, ein kleines Viereck von krenelierten Mauern, aus dessen Mitte ein Turm ragt. Kapelle und Schloß sind die einzigen Gebäude, die man in dieser grenzenlosen Einsamkeit erblickt. Weit und breit sahen wir keine andere lebende Seele als ein paar dunkle Gestalten auf den Zinnen der Burg, und zwei graue Fischer saßen am Gemäuer schweigend und wie verzaubert in der flimmernden Sonnenwärme und flochten still vor sich hin ein Trugnetz von Binsen, den Fisch zu umgarnen, während ihre Barke auf den smaragdenen Wellen schaukelte.

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