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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 66
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Wir hatten keine Zeit für das einladende Celano übrig, sondern beschränkten uns auf Avezzano. Diese kleine Stadt liegt ganz flach, in üppiger Gartenlandschaft, dreiviertel Stunden vom See entfernt. Sie hat noch alte Bauten gotisch-romanischen Stils und die stattliche Burg der Orsini. Der berühmte Gentilis Virginius baute sie im Jahre 1490; sie erinnert an das Schloß in Bracciano, welches Napoleon, des Virginius Vater, erbaut hatte. Marcantonio Colonna, der Sieger von Lepanto, erweiterte das Schloß, stellte dort Trophäen aus dem Türkenkrieg auf und schmückte die Säle mit Malereien, von denen heute nichts mehr übrig ist. Auf dem Portal der Burg sieht man noch die Inschrift, worin er sich nennt: «Marsorum Talliacotiique Dux, Marchio Atisse Albe et Manupelli Comes.» Die Zeiten der Orsini und Colonna, dieser römischen Campagnakönige, deren Namen und Taten Jahrhunderte erfüllen, sind ins Reich der Sagen versunken wie das Herzogtum der Marsen, Die Burg von Avezzano, heute Besitztum der Barberini-Colonna, ist zur elenden Kaserne heruntergekommen, und nur die Wappenschilder der Orsini und Colonna erinnern an ihre frühere Bestimmung. Der König der Marsen ist jetzt Torlonia. Er hat Geld und das Genie der Industrie. Nur ein paar Schritte weit von dem alten Schlosse sieht man einen neu entstehenden großen Platz, an dessen Ecken zu lesen ist: «Piazza Torlonia.» Dort baut der Krösus Roms sich ein wohnliches Palais. Wo man immer steht und geht, hört man seinen Namen nennen. In den Marsenstädten verwünschten einst die armen Kolonen und Lehnsvasallen die großen Namen Orsini und Colonna, denn dies waren Zwingherren, durch deren Ländergier das lachende Paradies am Fuciner See jahrein, jahraus mit Blut- und Feuerströmen bedeckt ward. Aber den unhistorischen Namen des Emporkömmlings Torlonia spricht hier arm und reich, niedrig und hoch nur mit Achtung und Dankbarkeit aus. Er hat Geld und macht das Marsenland aufleben. Tausende von Menschen bewaffnet er mit dem Spaten und der Hacke. Tausende gewinnen ihr Brot von ihm; Äcker verpachtet und leiht er aus an Gemeinden und Familien. Meilenweite Landstrecken zaubert er aus dem See hervor; neue Städte wird er gründen; hundert Jahre lang weniger eines wird er der Marsenkönig sein und das neue Land besitzen, und dann dort ein Monument erhalten, welches den Ruhm dieses großen Seccatore oder Austrockners der Nachwelt überliefern wird.

Im Gasthause zu Avezzano forderten wir Fische aus dem See, boshafterweise. Sie hatten sie nicht – zu Tausenden starben die armen Fische auf dem Ufer, als die Wasserwerke in Bewegung gesetzt wurden. Silbern soll der ganze Uferrand von ihnen geglänzt haben. «Was kümmern uns die Fische», so sagte die Wirtin, eine fanatische Anhängerin des Austrocknungsprinzips, «wenn wir nur den Acker gewinnen? Was kümmert uns der See, wenn nur das Gartenland daraus hervorsteigt? Ein herrliches Land wird neu gewonnen, worauf einst blühende Gemeinden sich ansiedeln werden.» Dies ist wahr; aber ein herrliches Werk der Natur wird zerstört und Italien um ein Wunder der Landschaft, um eines seiner schönsten Juwele für ewige Zeiten gebracht werden. Ich kann mich nicht damit zufriedengeben, daß dieser entzückende See, in dessen blauen Wellen sich jahrtausendelang jene majestätischen Berge und jene uralten Städte gespiegelt haben, nun für immer verschwinden soll. Ich fürchte, es wird über kurz oder lang auch dem Trasimenus nicht besser ergehen. Auch ihn wird man ins Meer spedieren, um Acker und Weideland zu gewinnen, und wer weiß, welche neue mörderische Kapitalisten und Austrocknungsmenschen schon an seinen reizenden Ufern umherschleichen und die Kosten berechnen, mit denen diese zaubervolle Dichtung der Natur in rentable Industrieprosa umzuwandeln sei. Ja, Geld und Dampfmaschinen trocknen die Poesie der Welt aus: nur wer ein Kaufmann ist, wird dessen froh. Drei Millien weit ist das Seeufer zurückgewichen. Wo noch vor kurzem die Wellen wogten und der Fischer seine Netze auswarf, keimen jetzt grüne Saaten und sind weite Äcker mit Furchen durchzogen und mit Grenzmarken bezeichnet, welche das Wappen und die Initialen Torlonia tragen. Die Lerche nistet schon in dem neugewonnenen Lande, und über ihm scheint sie, die wirtliche Tochter des Feldes, Jubellieder zu singen. Die Gemeinde von Avezzano erhob Prozeß gegen Torlonia, indem sie ihre Rechte auf das neue Land geltend machte; die Streitenden verglichen sich in einer Geldsumme.

Wir gelangten zu den Wasserwerken, und hier bot sich uns eine überraschende Szene dar, ein kleines Bild von dem Treiben am Suezkanal. Ein tiefer und breiter Kanal ist vom Seeufer her ausgegraben: in ihn soll nach seiner Vollendung durch Durchstich des Dammes das Wasser eingelassen werden. Massive Schleusenwerke aus weißen Quadersteinen von der solidesten und saubersten Bauart sind dort aufgeführt. Im Kanal und um ihn her waren Hunderte von Menschen geschäftig, die Schlammerde in Körbe zu schaffen und diese auf den Köpfen hinwegzutragen, wo sie seitwärts zu einem Hügel aufgeschichtet wird. Es waren meist Weiber, welche diese Arbeit verrichteten. Ihre roten Kopftücher und bunten Trachten nach der Landesart von Sora brachten am Seeufer eine außerordentlich lebendige Wirkung hervor. Der neue Kanal kommt jetzt wegen des vertieften Wasserstandes auch viel tiefer zu liegen als der frühere, durch welchen ein Teil des Sees schon abgelaufen ist. Er nimmt seine Richtung gerade auf den Monte Salviano, wo die antiken Emissare des Claudius liegen.

Wir sahen auch diese, drei kolossale Stollen übereinander, teils gemauert, teils in Felsen gehauen. Jetzt liegen sie hoch über der Fläche des Seeufers. Jenseits des Berges fließt bei Capistrello der Liris durch die Valle di Nerfa, worin er bei Cappadocia entspringt, und in ihn wird der Fucinus hinübergeleitet. Der Emissar des Claudius ist schon vom Kaiser Friedrich II. wieder gereinigt worden, dann hatte man nach Jahrhunderten, und noch im Jahre 1826, den Versuch der Ableitung des Sees mehrmals wiederholt. Er glückte erst in unserer Zeit; eine Gesellschaft von Kapitalisten, worunter viele Franzosen, übernahm vor etwa zwölf Jahren dieses große Werk. Der Emissar des Claudius wurde dazu vollkommen wieder instand gesetzt und breiter und tiefer ausgearbeitet. Torlonia nahm endlich das ganze Unternehmen auf seine alleinige Rechnung. Nach wenigen Jahren wird der Abzug des Sees vollendet sein.

Von oberhalb des Emissars des Claudius überblickt man gut dieses ganze Seegefilde mit den Bergen ringsumher. Südwärts treten auch die Gebirge von Sora hervor; ich erinnerte mich bei ihrem Anblick meiner Wanderungen dort am Liris. Vor fünf Jahren wollte ich von Sora, wo ich Choleraquarantäne halten mußte, nach Avezzano fahren, aber die Briganten versperrten mir damals diesen Weg. Auch die Gebirge des Majella schimmern weiß vom Osten herüber. Doch mit magischer Gewalt zieht immer wieder der Monte Velino die Blicke an sich. Wenn man sie anderswo hinwendet, muß man bald wieder diesen Berg betrachten. Mit seinen Schneeflächen auf beiden Gipfeln funkelt er so wunderbar, als bestünde er aus massivem durchsichtigem Diamant. Er scheint nicht das Licht des Himmels zu empfangen, sondern aller Glanz dieser Lüfte scheint von ihm selbst auszustrahlen, als ob er allein Berge, Ebenen und den See beleuchtete.

Welch ein prachtvoller Spiegel muß der See in seiner ganzen Fülle gewesen sein! Auch jetzt noch erscheint er so zaubervoll im Abendglanze, daß man wähnen mag, Nymphen und Galateen auf Muschelwagen aus seinen Fluten heraufsteigen zu sehen. Die Nymphen werden bald sterben wie die armen Fische, ihre kristallenen Paläste bald Heuschobern Platz machen. Die Gestirne des Himmels, die sich noch in der märchenhaften Flut mit Entzücken spiegeln, werden bald von ihrem Götterfreunde Fucinus Abschied nehmen müssen. Da fahren noch dunkle Nachen bei Transaqua! Dort weiter wirbeln weiße Dampfwolken auf. Es sind wohl Maschinen, die dem armen See die Seele aus dem Leibe pumpen. Torlonia, der große Seccatore der Natur, ist taub für das Flehen der Nymphen; er fürchtet auch nicht die aufgesperrten Rachen der Fische, die ihm im Traum erscheinen. Er glaubt nicht mehr an die Mythologie Ovids. Er hat Geld und kann daher den Göttern trotzen, die täglich bankrotter werden. Wenn er wenigstens die im See versunkenen Städte, Marruvium und Pinna, wieder hervorbrächte! Eine alte Fabel sagt, daß sie dort begraben seien.

Wir nahmen in der Frühe einen Wagen, um nach dem Schlachtfelde Konradins und weiter nach Tagliacozzo zu fahren. Es war ein entzückender pfingstsonniger Morgen. Der Monte Velino mit seinen Schneefeldern, alle die prachtvollen Berge umher, der blaue, sonnige Seespiegel, die betürmten Kastelle auf den grünen Hügeln glänzten in unbeschreiblicher Klarheit: es ist all zauberisches, trunken machendes Licht hier und durchgeistigte Form wundervoller Linien und Gestalten, entzückender Täler und hereinschimmernder Fernen, in Großheit ruhender Felsenberge. Mit Worten kann man dies nicht sagen. Nicht in den sonnigsten Träumen würde die Phantasie eines Dichters, und wäre es Homer oder Dante, eine Szenerie von solcher ätherischen Schönheit anzuschauen vermögen, als diese hier am Fuciner See, als dieses magisch strahlende Theater für das dunkle Trauerspiel «Konradin». Nur noch ein Schlachtfeld kenne ich, von gleich großer, obwohl anderer Magie: es ist jenes, wo der letzte Gotenheld Teja am Golf des Vesuv fiel.

An den Velino lehnt sich diese ganze große Szene an; wie einen Teppich hat sie ihm die Natur huldigend zu Füßen ausgebreitet, See und lachende Ufer, Hügel und Täler, die Palentinische Ebene und den Fluß Salto, der diese durchzieht. Vorhöhen gehen vom Berg aus, worauf alte Burgen der Marsen stehen, verfallen und vom Efeu umwildert, Kastelle des Mittelalters mit Kirchen, Klöstern und Schlössern. Zur Rechten erhebt sich wie ein grünes Eiland (und einst ragte es wohl aus den Fluten des Fuciner Sees hervor) ein Felsenhügel; auf ihm steht das märchenhafte Alba Marsorum oder Fucentia, mit Resten von zyklopischen Mauern und antiken Tempeln. Dort trauerte einst, in der Gefangenschaft der Römer, Perseus, König von Mazedonien, ein Schicksalsgenosse Konradins. Wie ein Verzauberter mußte er sich hier in diesem fernen Alba vorkommen, und wohl gab es kaum einen reizenderen Kerker für einen König. Unterwärts ragt Androsano auf. Weiterhin steht auf einer sanften Höhe im Grün Magliano, und hoch darüber auf dunklen gigantischen Felsenmassen zeigen sich Massa und Corona, und Rosciolo. Der Imele, der auch Salto heißt, in den Velinofluß, durch ihn in die Nera und so in den Tiber fällt, schlängelt sich in Windungen an diesen Bergen durch ein Tal, an dessen anderer Seite sich das mächtige Gebirge Fonte Celeste erhebt. Auf dessen Abhängen steht Tagliacozzo; aber noch sehen wir diesen Ort nicht.

Mit verzweifeltem Entschluß gaben wir Alba auf und fuhren geradeswegs zur Palentinischen Ebene. Erst kamen wir durch den kleinen von Gärten umkränzten Flecken Capella. Hier ist schon das Palentinische Feld, welches sich unterhalb Scurgola und dann weiter bis gegen Tagliacozzo ausbreitet. Es ist geschlossen rechts durch den Berg S. Nicola, auf welchem Scurgola steht; auf derselben Seite umkränzen es die Bergzüge von Magliano und die von Alba. Alba gegenüber liegt der Hügel S. Felice, wo der Tradition nach der alte Erard von Valery hinter Gebüsch jene Nachhut aufgestellt hatte, welche die Schlacht entschied. Noch heute nennt man dort einen Ort Le difense. Im Hintergrund schauen hervor der schneebedeckte Monte S. Antonio, die hohen Berge von Capistrello und Corcomello und viele andere gigantische Häupter. Die Talebene zwischen Scurgola und S. Felice ist die Palenda, das eigentliche Zentrum des Palentinischen Feldes, welches vom Salto durchflossen wird. Karl von Anjou war von Aquila durch den Paß des Monte Velino hergekommen. Seine Stellung hatte er auf der rechten Seite des Salto unterhalb Alba genommen. Auf der Valeria von Tagliacozzo war Konradin gekommen und hatte links des Salto sich aufgestellt, an der Villa Pontium unterhalb Scurgola. Eine Nacht lang standen so die feindlichen Lager getrennt, bis der Senator Roms, Don Arrigo von Castilien, den Salto überschritt und den Kampf begann.

Die Schlacht ist von den Chronisten jener Zeit mit verschiedenen Namen, nach Tagliacozzo, nach Alba, nach dem Campus Palentinus und Scurgola benannt worden. Auch Dante sagt:

                                e là da Tagliacozzo,
Dove senz' arme vinse il vecchio Alardo.

                    Und dort bei Tagliacozz,
wo waffenlos der Greis Alardo siegte.

Dies beweist nur, daß Tagliacozzo zur Zeit Dantes der größte Ort jener Gegend war, während Scurgola nur ein kleines, wohl von Alba angelegtes Kastell sein mochte, dessen Namen man kaum kannte. Unzweifelhaft muß die Schlacht von Scurgola benannt werden, denn der von Karl in einigen Urkunden als Schlachtfeld bezeichnete Campus Palentinus liegt Scurgola zu Füßen. Der bluttrunkene Sieger baute zum Andenken an die Schlacht auf dem Kampfplatze selbst das Kloster S. Maria della Vittoria, unmittelbar an der Brücke des Salto und nahe an der Villa oder dem Castrum Pontium, wo Konradin sein letztes Hauptquartier gehabt hatte.

Da ist der Fluß mit seiner Brücke! Pappeln umsäumen die Ufer. Weiber und Kinder waschen darin geschäftig. Nur ein paar Schritte weiter, und wir stehen vor schwarzen Trümmermassen von Mauern und Pfeilern: das sind die Reste der Abtei S. Maria Vittoria. Karl von Anjou besuchte bisweilen dieses Kloster, um in seiner Schlachterinnerung zu schwelgen. Ein paar seiner Urkunden sind von dort datiert. Man weiß nicht, wann die Abtei unterging.

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