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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 65
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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So unvergleichlich groß hier die Natur, so groß ist hier auch der Blick in die Geschichte Roms. Corfinium war das jahrelange Zentrum der gewaltigsten Revolution Italiens, jener schrecklichen Empörung der Bundesgenossen gegen die Privilegien der Alleinherrschaft Roms. Hier machten die heldenhaften Marsen, die Samniter und andere Völkerschaften den italienischen Bund, rissen sich von Rom los, stellten Konsuln und Senat unter Quintus Silo auf und nannten Corfinium fortan Italica. In furchtbaren Kriegen erkämpfte sich die Kommune der italienischen Völker das römische Bürgerrecht; andere soziale Kämpfe folgten, auch der große Sklavenkrieg; die Gestalten des Marius und Sulla, Octavius, Cinna, Sulpicius Rufus, selbst Pompejus und Cäsar erscheinen vor dem Blicke des Wanderers, der diese galvanische Kette von erschütternden Kämpfen der Demokratie mit der Aristokratie, des Volksstaats mit dem Privilegium verfolgt, bis sie zur Erscheinung des Christentums und seiner demokratischen Ideale führt. Sie endet hier nicht; der Kampf ist ewig wie sein Prinzip.

Während wir hier auf dem sonnigen Plane Corfiniums jenen Revolutionen und Bürgerkriegen um die Gleichberechtigung der italienischen Kommunen nachdenken, rufen die Kommunisten in Paris die Städte Frankreichs auf, sich zu einem Bunde wider das alte Staatsprinzip der Zentralisation zu vereinigen; und sie stürzen die Cäsarsäule um, sie werfen die Petroleumfackel in die herrlichsten Monumente des Kaisertums und des Königtums; sie machen aus dem großen Paris einen flammenden Scheiterhaufen. Wenn je Vernunft und Recht einem Bürgerkrieg zugrunde lag, so war es in dem marsischen. Ein Körnchen Vernunft fand auch Bismarck in dem tollen Hexensabbat der Pariser Kommune. Dieselben fanatischen Züge der lateinischen Parteifurie, auch etwas von der wilden Großartigkeit römischen Wesens haben wir sicherlich in jenen Exzessen der jüngsten Pariser Vergangenheit gesehen. Vielleicht wird die Nachwelt besser als wir imstande sein, den wüsten Unsinn dort vom Sinn zu scheiden, und diesen Ausbruch sozialer Krankheitsstoffe milder, weil geschichtlicher beurteilen. Die neuere Geschichte Frankreichs bietet in Wahrheit eine starke Analogie mit der des alten Roms dar.

Schon achtzig Jahre lang durchkämpft dieses Land seine Revolutionen und schwankt zwischen Republik und Kaisertum. Der römische Cäsarismus hat seltsamerweise keinen Boden in Italien gefunden, wo er entstanden war, sondern er ist nach Frankreich hinübergewandert. In Italien aber ging die römische Zentralisation nicht auf den Staat, sondern auf die Kirche und das gewaltige Papsttum über. Gar sehr wären die Italiener zu beklagen, wenn sie mit der Zeit aus ihrer neuen Hauptstadt Rom einen Vampyr ihres Landes machten; dann dürfte später ein Corfinium nicht fehlen. Zu sehr sind schon die Unterschiede und Autonomien der Provinzen hier verwischt worden, und nur die starken Traditionen und auch Überreste der mittelaltrigen Kommune machen bei der Neuheit des Einheitsstaates dessen Übelstände heute noch nicht fühlbar.

Dort unten ragen aus der Tiefe von einem Hügel dunkle Häusermassen auf und die Türme einer Kathedrale! Es ist Sulmona, und die Gestalt des heitern Dichters der Metamorphosen und der Heroiden, dann des unglücklichen Verbannten steht vor uns. Ovid war der rechte Mann, die tiefsinnigsten Betrachtungen über den Wechsel des Glücks anzustellen. Zu den wilden, in Felle gehüllten Skythen des Schwarzen Meeres wurde er aus der glänzenden Kulturwelt Roms verschlagen. Wie oft mag er nicht dort an diese Berge und Täler seiner Vaterstadt hier und an die Spiele seiner Jugendzeit am Fuße des Majella sehnsuchtsvoll zurückgedacht haben!

Eine andere geschichtliche Gestalt, so verschieden von der Ovids wie Nacht vom Tage, wie ein büßender Heiliger von einem leichtsinnigen Heiden, erscheint gleich hinter Sulmona und belebt für den Kundigen jenes purpurblaue, leise von Schnee umschleierte Gebirge Majella mit phantastischen Szenen des Mittelalters. Dort ward aus seiner Einsiedlergrotte ein scheuer Waldbruder auf den Thron des Papstes gesetzt; Cölestin V., der Vorgänger Bonifazius' VIII. In S. Maria di Collemaggio vor Aquila, wohin er von jenem Berge durch den König Karl von Neapel zu seiner Papstkrönung geführt wurde, liegt er begraben, und dort sah ich eben sein Denkmal. Seine Geschichte ist die seltsamste Episode des Papsttums, ein Heiligenpoem, duftend von mittelalterlicher Romantik, unvergleichlich und einzig in den Annalen der Päpste.

Da steht noch ein anderer echtester Sohn des Mittelalters auf demselben wunderbaren Berg Majella; Cola di Rienzo, der letzte Tribun von Rom, jetzt im Exil, nicht mehr in den goldbrokatenen Mantel von weißer Seide gehüllt, sondern in die Kutte jener Cölestiner, welche der Einsiedlerpapst gestiftet hatte. Auch er ist Einsiedler auf dem Majella. Fünfzig Jahre nach Cölestin erschien er auf jenem Berge. Nach seinem Sturz vom Kapitol im Neapolitanischen umherirrend, flüchtete er sich in diese Wildnisse, lebte mit den Eremiten, versenkt in Träume von der neuen Weltreform, zu welcher er sich berufen glaubte. Von dort machte er sich auf den Weg nach Prag, dem Kaiser Karl die Weissagungen der Eremiten des Abruzzenlandes und seine genialen Ideen mitzuteilen. Es sind wohl weite Perspektiven in die Geschichte, die sich dem Blick des Wanderers hier in Corfinium auftun: Quintus Silo, Ovidius, Cölestin V., Cola di Rienzo. Wo man in Italien auch gehen mag, in diesen Paradiesen der Natur, die immer wechseln und vom Schönen zum Schöneren führen, überall rauschen die Quellen der Geschichte. Überall steigen von der Mythe bis auf unsere Gegenwart herab Geister und Gestalten der mächtigsten und reichsten Geschichte auf, die ihren Bezug auf die Welt nimmt. Es gibt kein Land der Erde, das so durchgeistigt ist, so an allen Gliedern vom Blut der Zivilisation pulst und lebt wie dieses. Wenn es heute monumental versteinert erscheint – es wird diese Maske sprengen. Dieses unerschöpfte Saatfeld der Kultur hat noch eine andere Mission als diese: der Kirchhof großer Vergangenheit zu sein. Der glänzende Lebensgeist dieser Nation voll Kraft und Schönheit wird, so hoffen wir, einmal wieder erscheinen wie zu Dantes und Raffaels Zeit!

Wir bestiegen unsern Wagen und gelangten bald nach Rajano, einem nur kleinen Ort am Ende der Hochebene, von wo aus man zu Costa, der mächtigen Flanke des Gebirges, aufsteigt, welches man sodann viele Stunden lang durchziehen muß, um zum Fucinus abzusteigen. Im Zickzack geht es mühsam aufwärts. Wir nahmen in Rajano einen Vorspann von Ochsen. So weiterfahrend gerieten wir mitten in eine große Herde von Schafen und Ziegen, welche Hirten, gigantische Männer, das Schafsfell auf der Schulter, die Lanze in der Hand, langsam in das Gebirge hineintrieben. Seither sahen wir weit und breit dessen Abhänge von Herden bedeckt, die dort übersommern. Zottige Hunde von der Größe der Bernhardiner bewachen sie; sie tragen um den Hals ein starkes mit Eisenstacheln besetztes Lederband zur Schutzwehr gegen den Biß des Abruzzenwolfes.

Wir kamen auf die erste Höhe oberhalb Rajano, von wo aus die Ansicht des Gran Sasso, des Golganogebirges, des Majella und dieser gewaltigen Alpennatur immer neue Szenerien bildete. Hinreißend ist der Blick in die ungeheure Wildnis rötlicher Felsenmassen, die kühn ineinandergeschoben und tausendfach in Schluchten auseinandergebrochen sind, dahinter der Grau Sasso in dunkler Majestät hervortritt. Das Fluggebiet des Pescara versinkt nun; man kommt durch ein Tal nach dem Kastell Curiana Siculi; dann öffnet sich ein ödes Gebirge zu einem Paß, welcher, wie viele ähnliche in der Schweiz, Furka genannt wird. Wir erreichten diese Höhe um zwölf Uhr mittags. Sie mochte mehr als 4000 Fuß über dem Meer betragen; aber die Luft wehte mild und sanft; Lerchenlieder ertönten über uns, und aus einem Gebüsch flöteten Nachtigallen.

Wir begegneten auf der Furka den letzten vereinzelten Reitern und Fußgängern; seither sahen wir in dieser Alpenwildnis nur kletternde Schafherden. Seitwärts führen Pfade für Saumtiere nach Alba und Avezzano, deren Anlage uralt ist; sie dienten im Mittelalter als Militärstraßen. Durch Felsengründe, über weite braune Hochflächen, ging es so stundenlang fort. Freunde in Rom hatten unsern Entschluß, dieses wilde Land zu durchreisen, bedenklich gefunden, denn nächst Kalabrien sind die Abruzzen das verrufenste Theater des Brigantenwesens. Bis zum Jahre 1860 waren sie von Räubern viel geplagt, und auch jetzt treiben solche ihr Wesen im Gebiete von Sulmona. Unser Fuhrmann wurde nicht müde, uns haarsträubende Geschichten aus diesen Bergen zu erzählen, wovon mir eine im Gedächtnis geblieben ist. Sieben Brüder, alle von Löwenstärke, Aquilaner, wurden eines Tages Banditen, zogen in dieses Gebirge hinauf, raubten und mordeten, schleppten Gefangene mit sich, erwürgten nachts Hunderte von Schafen reicher Besitzer. Fünf Brüder kamen um, zwei verschollen. Bürger von Aquila, welche ein paar Jahre später rohe Seide auf den Markt in Triest brachten, erkannten diese Räuber in zwei Kaufleuten, die dort ein blühendes Geschäft gegründet hatten. Die österreichische Regierung lieferte sie der italienischen aus, und diese Banditen sitzen heute in einem Turm zu Aquila, wo sie ihr Todesurteil erwarten.

Noch eine Höhe, und vor uns tut sich eine meilenweite Tiefe auf, prachtvoll umrahmt von himmelhohen Gebirgen, welche aufsteigende Gewitterluft dunkel stimmt. Zur Rechten ragt ein herrliches System von Bergen auf, deren höchstes Haupt, eine Doppelpyramide von großartigen Linien, noch Schnee bedeckt. Das ist der Monte Velino, welcher das Gebiet Aquilas von dem Albas scheidet; zu seinen Füßen liegt das Schlachtfeld Konradins, und tiefer unten der Fuciner See. Ich war doch sehr enttäuscht. Ich hatte mir vorgestellt, einen weiten blauen Wasserspiegel plötzlich aufblitzen zu sehen, nun trat der See, von den Bergen und der Luft verdunkelt, kaum aus der Tiefe hervor, grau und bleiern anzusehen. Wie ein Sterbender, der vom süßen Leben Abschied nimmt, erschien er mir, und dies erfüllte mich ganz mit Unwillen und Mißmut.

Erst als wir uns um eine Stunde ihm genähert hatten, begann er doch blau hervorzulächeln und sich als ein noch immer mächtiges Becken zu zeigen, so groß etwa wie der See von Bracciano. Doch wird er kaum noch dessen Umfang von 21 Millien haben. Er hatte in den Zeiten seiner Fülle deren 35. Bis auf 15 Millien schien er mir eingeschrumpft. Über braunes Gelände stiegen wir zu dem nächsten Ort am Seeufer abwärts, Cerchio genannt, einem Kastell, das jetzt vier Millien weit vom See zurückgetreten ist. Wir rasteten unterhalb desselben in einer einsamen Schenke und fuhren dann weiter nach Avezzano. Überall sahen wir Menschen tätig, Wege zu machen, Brücken zu bauen, behauene Steine fortzuschaffen – ein rühriges Leben zeigte sich, durch die Austrocknungsarbeiten in Bewegung gebracht. Lachende Uferhöhen, jetzt weit zurückgetreten, mit üppiger Garten- und Weinkultur, steigen über der trefflichen Fahrstraße auf. Ein großes Schloß mit hohen Mauern und Zinnen zeigt sich über einem ansehnlichen Ort: das ist Celano, einst neben Alba und Tagliacozzo eine der Hauptstädte des Marsenlandes im Mittelalter.

Das alte Marsenland, von der Konsularstraße auch die Provinz Valeria, dann Abruzzo genannt, reichte bis zum Fuciner See. Weder für das Altertum noch für das Mittelalter sind seine Grenzen genau bestimmbar. Über seinen mittelaltrigen Schicksalen aber liegt Dunkel oder unentwirrbare Verworrenheit. Am Anfange des siebenten Jahrhunderts wird Valeria als bischöfliche Hauptstadt der Marsica genannt, aus welcher der Papst Bonifacius IV. stammte (608-615). Ob diese Stadt unterging, ob sie das alte Marruvium war, ob es je eine Civitas Marsicana gegeben hat, ist ungewiß. Als die Langobarden die alten Römerstädte in Besitz nahmen, behielt die Marsenlandschaft am See doch ihren antiken Namen und wurde ein Castaldat. Der Castaldius Marsorum findet sich oft in Urkunden des achten Jahrhunderts genannt, wie die Städte Celano, Transaqua, Atrano, Alba und andere. In Celano mochte er seinen Sitz gehabt haben. Als sodann die Langobardenherzöge von Spoleto den Franken erlagen, wurde der Castaldat in eine Grafschaft verwandelt. Die Marsengrafen datieren, wie es scheint, vom Kaiser Ludwig II. her. Fränkische Geschlechter verdrängten die langobardischen. Im elften Jahrhundert wird das Haus der Grafen Trasmundus, Berardus und Oderisius namhaft, welches von den Karolingern abzustammen behauptete. Die Grafen von Celano waren noch mächtig zur Zeit des Kaisers Friedrich II., von dem sie abfielen und sich zum Papst wandten. Neue Verhältnisse entstehen hierauf mit den Anjous. Da dringen die römischen Orsini in das Gebiet des Fuciner Sees; am Ende des 13. Jahrhunderts verleiht ihnen Karl II. von Neapel die Grafschaften Tagliacozzo und Alba. Mit ihnen kämpfen später um den Besitz des Marsenlandes die Colonna, nachdem Martin V. seinen Brüdern Alba und Celano erworben hatte. Die Colonna nannten sich seit 1432 Herzöge der Marsen, und sie besagen damals 44 dort liegende Orte mit Alba, Avezzano, Celano, Transaqua. Sie verloren Celano im Jahre 1463 an Antonio Piccolomini, den Nepoten Pius' II. Tagliacozzo und Alba behielten sie. Avezzano wurde zwar Eigentum der Orsini, doch nur für einige Zeit; die Colonna verdrängten sie aus dem Marsenlande.

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