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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Eine Pfingstwoche in den Abruzzen

1871

Nach angestrengter Winterarbeit wollten wir (Freund Lindemann und ich) uns in der Pfingstwoche etwas zugute tun, indem wie sie in den wilden, noch so wenig besuchten Abruzzen zubrachten. Wir wollten Rieti, Aquila und den Gran Sasso d'Italia sehen, über das Gebirge von Popoli zum Fuciner See hinabsteigen, die dortigen Wasserwerke Torlonias kennenlernen, die glorreiche Auferstehung des Deutschen Reichs auf dem Schlachtfelde des letzten Hohenstaufen feiern, und dann über Tagliacozzo auf der Via Valeria heimwärts nach Rom ziehen. All dieses herrliche Land, unbeschreibliche Paradiese, haben wir gesehen in der Blütenpracht des sonnigen Mai. Da will ich doch etwas davon aufzeichnen, wenigstens über unsere Fahrt von Popoli nach Tagliacozzo, da eine Betrachtung des merkwürdigen Aquila mehr Zeit beansprucht, als ich daran wenden könnte.

Um vorweg den Anblick der Szenerie des Abruzzenlandes zu gewinnen, welches wir durchziehen sollten, stiegen wir am Abend vor unserer Abreise von Aquila auf die Burg dieser Stadt hinauf. Sie ist eine Anlage Karls V. Ein mächtiger doppelköpfiger Reichsadler von Stein und eine lange lateinische Inschrift betreffend die Erbauung dieses Schlosses durch den Vizekönig Don Pedro de Toledo, Marchese von Villafranca, stehen noch über dem unversehrt erhaltenen Marmorportal von prächtiger und reicher Renaissancearchitektur. Dieses flach gelegene, von einem tiefen Graben umzogene Kastell erinnert an die ähnliche Burg in Mailand. Es hat heute keine strategische Bedeutung mehr, sondern dient zur Militärkaserne. Wir mußten uns beim wachthabenden Offizier melden, um Einlaß zu erhalten. Als wir diesem gelangweilt aussehenden Manne von herkulischer Körpergestalt auf seine Frage nach unserer Nationalität antworteten: «Wir sind, der eine Süddeutscher, der andere Norddeutscher aus Preußen, und Bundesgenossen Italiens», zog er seine Militärmütze ab und bat uns mit den freundlichsten Mienen, nach Gefallen einzutreten. So ändern sich die Zeiten; vor nur wenigen Jahren würde die Nennung unseres Vaterlandes die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht haben.

Von den Zinnen der Burg blickten wir in dieses wundervolle Panorama des Abruzzenlandes, worin die beschneiten Hochalpen Italiens sich machtvoll zusammendrängen oder in großen Gebirgszügen auseinanderfalten. Aquila steht schon auf den Absenkungen des Gran Sasso. Wir sehen diesen König der Apenninen unmittelbar vor uns zur Linken – in der abendlichen Klarheit der Luft erscheint er so nahe, daß man die Faltungen seiner Geklüfte und die scharf gemeißelten Kanten und Zinken seiner Pyramiden deutlich erkennt, und doch braucht man noch zweier Tagereisen, um zu ihm selbst zu gelangen. Wenige haben diesen Berg bestiegen, und fast mythisch unbekannt ist all das entzückende wilde Alpenland rings um ihn her. Er ist ein langer Gebirgszug von gigantischen, fast plumpen Formen, wenigstens von Aquila aus gesehen. Aus der Mitte der Gebirgsmassen erhebt sich ein nicht schön geformter Kegel, fast höckerartig, in Schnee gehüllt; das ist der «große Stein», der höchste Punkt Italiens überhaupt, von 9000 Fuß Höhe. Rechts über Aquila steigt ein anderes braunes Bergland ohne Schneekuppen auf; den Vordergrund aber schließen die duftigen, mit Schnee beschimmerten, vom Abendpurpur umwallten Gebirge oberhalb Sulmona, aus denen sich der blitzende Monte Majella majestätisch heraushebt. Rückwärts nach Rieti zu steht die in Schnee gehüllte Lionessa, jenes herrlich geformte Gebirge, welches von Rom aus gesehen wird; erst im Juni verliert es seine Schneehülle, wenn auf dem Pincio die Granaten blühen. Von Rieti aus waren wir ihm bis gegen Aquila hin entlanggefahren. So fuhren wir auch dem Gran Sasso entlang nach Popoli.

Dieses Abruzzenland hat noch keine Eisenbahnstraße. Man beginnt sie zu ziehen, und schon aus militärischen Gründen ist sie notwendig. Man baut sie von Pescara am Adriatischen Meer herauf, wo die Bahn von Ancona herabkommt und jetzt der Stapelplatz für die Produkte der Abruzzen sich befindet. Sie soll über Sulmona, Popoli und Aquila auf Rieti und Terni treffen und durch eine Abzweigung das Marsenland mit dem Fuciner See und mit Sora in das Verkehrssystem aufnehmen, also bei Rocca Secca sich mit der neapolitanisch-römischen Bahn in Verbindung setzen.

Man fährt in kleinen Postwagen sehr primitiver Natur, die sich in nichts von den in der Sabina und der römischen Campagna gebrauchten unterscheiden. Der Fahrweg ist vortrefflich; es geht hoch über Berg und Tal, durch entzückende Gebirgslandschaften, im beständigen Anblick des Gran Sasso, an kleinen malerischen Kastellen mit zertrümmerten Burgen hin, wie Poggio Picenza, Barisciano, Castel Nuovo, Ritegna, Navelli, immer am brausenden Aterno fort. Zwischen Colle Pietro und Popoli überstiegen wir noch einen hohen Gebirgspaß. Wenn man seine Höhe erreicht, blickt man in das reiche blühende Tal von Sulmona hinab. Es erscheint wie ein einziges meilenlanges Gartenland; schneebeglänzte Alpen umschließen es. Einst war es von einem See ausgefüllt, ganz so wie jenes des Velino bei Rieti. Zu Urzeiten füllten wohl alle diese Täler des Abruzzenlandes Seen aus; heute ist von ihnen, kleinere Becken nicht mitgerechnet, nur der Lago Fucino übriggeblieben, und auch dieser wird bald verschwunden sein. Tief unten zeigt sich Popoli an einem rötlichen Felsenberg gelegen; hoch darüber die gelben Türme und Trümmer der Burg der Cantelmi; hinterwärts taucht Sulmona auf, die Vaterstadt des Ovid, schon zu Füßen des Monte Majella, welcher dieses schöne weite Tal abzusperren scheint. Im Zickzack führt der Weg nach Popoli hinunter, in so steilen und mächtigen Windungen, daß sie an jene der St.-Gotthard-Straße oder andere Alpenpässe erinnern.

Nichts ist lachender als dieses kleine altertümliche Popoli in der Ebene, mit seinen Fruchtgärten und sonnigen Weinbergen; der Flug Aterno fließt an der Stadt hin und trägt hier schon den Namen Pescara. Wer kennt diesen berühmten Namen nicht aus der Geschichte Karls V.! Als wir in die Vorstadt einfuhren, fanden wir die sehr ländlich aussehende Bevölkerung in lebhafter Bewegung; ein wunderlicher Zug von Menschen kam uns entgegen mit schallender Musik, voran Jünglinge, welche auf hohen Stangen einen mächtigen kupfernen Kessel und anderes blinkende Küchengerät einhertrugen, all dies mit Fähnchen, Blumen und Kränzen geschmückt. Es war ein Hochzeitszug, oder vielmehr die Aussteuer der Braut wurde nach Landessitte in Prozession durch den Ort getragen. Popoli ist eine Stadt von Ackerwirten und Weinbauern. Die Abruzzenweine, welche man dort und in Sulmona zieht, sind im Lande berühmt und würden es weiterhin sein, wenn die Straßenverbindung besser wäre. Man verkauft hier den Litro vortrefflichen Landweins, wie man uns sagte, für den unglaublich geringen Preis von einem Soldo und zieht sonst die edelsten Gewächse, die dem Burgunder in keiner Weise nachstehen. Da Popoli einen Knotenpunkt der Verkehrsstraßen von Aquila, Pescara und Sora-Avezzano bildet, so ist es schon heute einer der lebhaftesten Orte des Abruzzenlandes. Es war ein Gewühl und Treiben dort, welches an südliche Städte Neapels erinnerte.

Wir stiegen zur alten Rocca hinauf, von wo aus der Blick in die Landschaft unvergleichlich schön ist. Die Cantelmi bauten sie, ein provenzalisches Geschlecht, welches mit Karl I. von Anjou nach Neapel gekommen war, diesem Eroberer große Dienste in der Bekämpfung Manfreds und Konradins leistete und, mit vielen Lehen im Königreich Neapel ausgestattet, eines der mächtigsten Feudalgeschlechter wurde. Die Cantelmi besaßen lange Zeit auch das schöne Sora am Liris. In keinem Land Italiens hat das Feudalwesen so üppig geblüht wie im Königreich Neapel. Die Normannen, die Hohenstaufen, die Anjous, die Aragonen, dann die Spanier seit Karl V. schufen zahllose Lehnsherrschaften, so daß es im Neapolitanischen kaum einen Ort gibt, an dem nicht der Lehnstitel eines Grafen, Marchese oder Herzogs haftet. Kein Land erfuhr auch einen so starken Wechsel des Lehnsbesitzes – dies auf Grund des ewigen Schwankens der Dynastien und der beständigen Revolutionen der Adelsparteien. Wenn ich nicht irre, folgte der jetzige Duca di Popoli dem Exkönig Franz in sein Exil nach dem fernen, kalten Norden an den Starnberger See. Der Starnberger See ist wohl eine der reizendsten Kulturidyllen, die Deutschland besitzt; an seinem stillen und gastlichen Ufer, welches Landhäuser und schattige Haine so schön umkränzen, mögen sich jene Verbannten beruhigter fühlen, die von der Sturmflut der Geschichte aus dem Sonnenlande Neapels dorthin verschlagen worden sind. Aber es gehört doch eine deutsche Empfindung dazu, um die blonde Schönheit jener Natur zu genießen und nicht zu frostig zu finden. Welche deutsche Idylle könnte einen neapolitanischen Verbannten, welches Paradies überhaupt einen Exilierten trösten?

Wir leben in Zeiten, wo die Göttin des Glücks schnell genug ihr Rad dreht, und wann gab es mehr Stoff für die seit alters beliebten Betrachtungen de exilio und de varietate fortunae? Die alten Römer haben seit Scipio, dem erleuchten Urbild aller resignierten Verbannten, in der Kunst, das Exil würdig zu ertragen, viel geleistet. Man sagt, daß die christliche Religion und die verallgemeinerte Bildung der Welt die Leiden desselben erträglicher gemacht habe als im Altertum, wo die Vaterlandsliebe das stärkste aller Gefühle war – man sagt es, und es wird eine schöne Phrase sein und bleiben. Diese Betrachtungen machte ich also auf der Burg der Cantelmi, bis nach Starnberg und Chiselhurst hinüber sie ausdehnend. Nun aber stand im Hintergrund unserer Reise, wie eine schwarze wetterleuchtende Wolke, stets das Schicksal von Paris, der grauenvolle Kampf mit der Kommune dort. Wir brannten vor Begier, uns im Zusammenhang mit diesen Ereignissen durch Zeitungen zu erhalten, nach denen wir in jedem Ort fragten. In Popoli sagte man uns, daß es hier ein «Kasino» gebe, oder vielmehr «la Casina»; denn so nennt man in den Abruzzen und im Marsenlande die höchst bescheidene Einrichtung von dem, was in süddeutschen Städten «Museum» genannt wird. Abends führte man uns in ein Café, und über Treppen und Stiegen in ein paar Zimmer, wo «la Casina di Popoli» ihren heimlichen Sitz aufgeschlagen hatte. Einige Herren spielten daselbst bei einem zweifelhaften Dämmerlicht von rauchenden Lampen Billard, und man führte uns Fremdlinge mit Freundlichkeit in das Lesekabinett. Dort fanden wir italienische Zeitungen, doch nicht letzten Datums, welche die Post von Aquila und Pescara gebracht hatte.

Wir mieteten für den folgenden Morgen einen Wagen, um über das wilde Gebirge von Rajano zum Fuciner See zu gelangen – eine weite Strecke und ganze Tagesfahrt. Ehemals war Postverbindung mit Avezzano; jetzt hat sie aufgehört, ich weiß nicht aus welchem Grunde, es sei denn wegen des Baues der neuen Straße, die gegenwärtig von Aquila über das Gebirge gezogen wird. Der alte Weg ist stellenweise vortrefflich und überall fahrbar. Wir überschritten den Pescara, ein lebhaftes, von Forellen wimmelndes Bergwasser, etwa so breit wie der Liris bei Ceprano. Über blühendes Gartenland gelangten wir erst nach Pentima, dann auf die Hochfläche des alten Corfinium der Peligner.

Es ist ein über jedes Wort erhabenes Gefilde, von welchem man in das Tal von Sulmona und Popoli, in die Gebirge des Gran Sasso und aller andern Alpen ringsumher niederblickt. Ich sah kein gleich großstilisiertes Landschaftsgemälde irgendwo wie dieses hier um den Horizont Corfiniums her, als Binnenlandschaft nämlich, wodurch der Vergleich mit Gegenden Siziliens keine Stelle hat. Es ist ein Zentrum gewaltiger Alpenwelt, aber einer italienischen, in dem smaragdenen feenhaften Lichte des Südens. Auch auf diesen vom Sonnenglanz umflossenen Bergen liegt wie auf den Schweizer Alpen ewiger Schnee; doch lastet er nicht darauf mit Lawinenwucht als Element, er ist nur über die leuchtenden Felsenzacken wie von Geisterflügeln hingehaucht, um die magische Schönheit dieser Berge zu erhöhen. Unter dem Azurblau des Himmels bringt dieser Schneeschimmer der Gipfel eine ganz zauberhafte Wirkung hervor. Für die große Rundszene der prachtvollsten Alpenwelt ringsumher ist die Ebene von Corfinium das natürliche Theater. Wohl könnte man sich hier stunden-, ja tagelang in diesen Anblick versenken und die verworrene Welt darüber ganz vergessen.

Eine große Stadt von starken, mannhaften Bürgern in dieser Heldennatur, in diesen kühlen frischen Lüften gestählt, mußte hier ihre Entstehung finden. Wir sahen manche Reste von antikem Gemäuer und die überraschende Gestalt einer nicht nur altertümlich, sondern fast antik aussehenden Kirche, welche die einsame Charakterfigur dieses Gefildes ist. Sie ist aus einem gelblich glänzenden, regelrecht behauenen Travertin erbaut. San Pelino ist ihr Name, und von ihr wird auch diese Hochfläche Corfiniums ebenso genannt. Im 13. Jahrhundert soll sie erbaut worden sein. Doch muß, nach Inschriften zu schließen, schon vorher dort eine Kirche gestanden haben, und diese wurde wohl aus den Trümmern eines alten Tempels errichtet. Ihre Bausteine sind von Corfinium hergenommen, wie Fragmente von antiken Inschriften zeigen, die man an einer Außenwand sehen kann. An einer Stelle fand ich in der unmittelbaren Nähe einer solchen Inschrift diese mittelalterliche: VCO. HOC. F. OPVS ARNVLFVS EP. PLEBI. DI., vollkommen in den Schriftcharakteren des römischen Mittelalters der Cosmatenzeit; durch Zufall auch in Worten und Namen mit Cosmaten-Inschriften übereinstimmend, so daß ich in nicht geringe Verwunderung geriet. Noch heute ist auf dem Tabernakel in S. Paul vor Rom zu lesen: «Hoc opus fecit Arnolfus cum socio suo Petro.»

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